Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2302 (19.7.1925)
- Date
- 1925-07-19
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. LSVS Wien, Sonntag Wtettee MorO«n-ettu«s. 13. Juli E5 Seite 7 „3n Schönheit sterben V Bon Egon Dietrichstein. Wien ist in Gefahr, eine langweilige Stadt zu werden. Und dos wäre, beiläufig, das ärgste, was Wien überhaupt begegnen könnte, denn eine Stadt der Arbeit, dev Erwerbshast, der rauchenden Fabriksschlote wird cs nie werden können, abgesehen davon, daß dies auch kaum wünschenswert wäre. Wien hat kein Hinterland, aus dem cS Kräfte, geistige oder ökonomische Anregungen ziehen könnte, es ist auf sich selbst, auf sein Eigenleben angewiesen, aber gerade die heimischen Produkte: die sentimentale Romantik, die Tradition, die Erinnerungen, die Operettenbühnen sind unter dem Drucke einer schweren wirtschaftlichen Krise auf die schiefe Ebene geraten . . . Und cs erscheint mehr als fraglich, ob Wien von diesen Ressourcen, deren Quellen int Grunde noch immer aus der Kaiserzeit fließen, in Zukunft und insbesondere auf die Dauer wird leben können. Die Wiener Kinos verwerten nichts anderes als die „Tragödie des Kaiserhauses", die Familicn-Klatschgeschichten der Habsburger, noch immer spukt Kronprinz Rudolf, die Vetsera, der Fiaker Bratfisch, der hundertmal tot erklärte und ebenso oft wieder unter die Lebenden beschworene Johann Orth im Ningclreigentanz mit Alt- Wiencr-Biedermeierfiguren und den als k. u. k. Offiziere verkleideten Akteuren durch die Vorstädte. Die Kaiserstadt wird aufgeführt. Aber kann man ewig von den Toten oder von sagenhaft Lebendigen existieren? Kann eine Stadt, die schließlich eine moderne Weltstadt sein will, von der Tradtion erhalten werden? Oder von der Koketterie, die „Stadt der Träume", „au der schönen blauen Donau" zu sein? Thomas Mann hat in einer durchaus wienbegeisterten Tischrede „Tod und Sterben" zitiert und im Auslande wird eine Stadt, die so ziemlich ausschließlich die nun nicht mehr vorhandenen Reichtümer der Vergangenheit einzeln hervorklaubt, begreiflicherweise sozusagen amortisiert. WaS im weiteren Auslande von Wien bekannt ist, beschränkt sich auf ein Vokabular sogenannter lokalhistorischer Schlagworte: „Backhendl . . . Kaffeehaus . . . Fiaker . . Außerdem weiß man beiläufig, daß Wien an der Donau liegt, daß die Wiener Beamten nicht allzu arbeitsam sind. ES fehlt nun nicht ent gutem Willen, Wien im Auslande cinzubürgern. Aber in allen zu diesem hochlöblichen Zwecke verfaßten Aufsätzett und reich illustrierten Pracht- Werken wird immer wieder das Wien der Vergangenheit verfaßt und reich illustriert vorgestellt, wieder sieht man den Prater und wieder den Stephansturtn und wieder Schönbrunn, wobei nicht das „geschichtliche Material", verabsäumt wird. Archivare, Bibliothekare, Historiker sind fleißig an der Arbeit, irgendeinen neuen Beitrag, irgendein weiteres Andenken an die Urgroßmutter Beethovens ausfindig zu machen und wenn man diese emsigen Arbeiten liest, könnte man glauben, daß Wien überhaupt, nur eine Vergangenheit 'und keine Gegenwart Hatz daß eL entweder tot ist oder andauernd „tu Schönheit stirbt". Es hat allerdings dem weiteren Ausland' auch nach den: Umstürze einige Lebenszeichen, freilich Lebenszeichen sehr fragwürdiger Art, gegeben, . ., damals, als jeder in einem Lande billig leben, billig einkanfen, ohne Risiko sich an Spekulationen bereichern konnte — iit Oesterreich. Seit es hier nicht mehr Arbitragegeschäste durchzuführen gibt, sind die D-Züge ziemlich für den heimischen Hausgebrauch in Betrieb und die biedere, fromrne, nationale alpenländische Bevölkerung kann besonders heuer das Glück, von Fremden ungestört das Vieh auszuweiden, bis zur Neige genießen; unsere lieben Gebirgler haben es durchgesetzt: Die Fremden stören nicht ihren Frieden, kein Stückchen Rindfleisch fällt dem AuSlande ztlm Opfer, mögen die Verschönerungs- und Frcntdenverkehrsvereine ihre noch so verlockenden Gletscher und Seen aussenden. Don dieser Bevölkerung, die ihre Hände abtvehrend gegen die Fremden erhebt und gleichzeitig die Tafel: „Sommerwohnung zu vermieten" aushängt, ist Wien weiter entfernt als die Äilometerzahl anzeigt. Wien hat sich bekanntlich nicht wunschgemäß gegen die Fremderr abgeschlossen, vor allem, weil hier auch Kreise, die nicht der Genossenschaft der Hoteliers angehören, an einer ausgiebigen Fremdenzufuhr interessiert sind; umso bedauerlicher daher,.daß dieser durchaus nicht dem Bedarf einer modernen Weltstadt entspricht. Man hat nun den Fremdenverkehr vor allem als Probletn durchgegrübelt und in Enqueten, Sitzungen und Aussprachen analytisch und synthetisch behandelt. Man hat dabei festgestellt, daß Wien durchaus nicht die teuerste Stadt der Welt ist, daß die Himmerpreise durch die Steuern verteuert werden, daß dieser und jener ZugSanschluß an das Ausland fehlt, wozu der Herr Referent des BundeStninisteriums natürlich bemerkte, daß das Ausland schuld sei; und schließlich erscheinetl nette illustrierte Werke mit Prachtbildern: Kirchen, Paläste, die sich in der Donau spiegeln und ewig beschneites Hochgebirge. Seht, ihr Fremden, so schön ist Wien, so schön ist seine Umgehung! Und Wien ist wirklich schön, wie ein Landschastsbild, tvie ein Museum. Aber kann man behaupten, wenn inan nicht geradezu lügt, es sei interessant? Es sei weltstädtisch belebt, es drängten sich wie in anderen Millionenstädten die Leute bis spät nach'tS in den Straßen? Kann man von einer lebendigen, fiebernden oder von einer lebenslustigen Stadt sprechen? Wien etttspricht dem Fremdenführer. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Die Monumente, die Paläste, die Straßen, die den Fremden als Propaganda in den Waggott gelegt werden, sind nicht übertrieben, nicht geschmeichelt, nicht gestellt. Diese Pracht tvtrd durch die Natur bestätigt. Aber die Paläste, die Montlmcnte sind tot, die Straßen, die Leute nur teilweise lebendig . . . Und das alles wird durch die Tradition nicht lebendiger. Nun sind gerade in letzter Zeit sehr dankenswerte Ereignisse cingctreten» um ,ju verhindern, daß Wien in dieser unleugbaren Schönheit stirbt: Kein Zweifel, daß der Fußballsport zu den nachdrücklichsten Lebenszeichen Wiens gehört und daß man ihn daher tticht als profanes Requisit verachten sollte. Erfreulich, daß die Paläste nicht mehr bloß als sehenswürdige Schatzkammern behandelt werden und in die Laxenbttrger Ritterburg, in deren dunklem Verließ noch immer ein Gefangener mit bett Ketten rasselt, die moderne Zeit, ja die Zukunft mit der rhythmischgymnastischen Jugend-Körperkultur cingczogen ist. Und in den Angusttagen ein Ereignis internationaler Bedeutung, das Wien wieder zum allgemeinen Interesse der Welt erheben und endlich Fremde zuführen wird: Der Zionistenkongreß. Dies beiläufig könnte zu einer Renaissance Wiens führen, Wien aus einem von den Lokalhistorikern besungenen Schlaf lösen. Das „Wiener Leben", wie es in diesen Gesängen verherrlicht wird, ist tot und Wien würde, wenn man es mit diesen Legenden erhalten will, „in Schönheit sterben". Auch die Theaterspielerei wird uns nicht mehr retten. Wien darf nicht als Antiquität weiter bestehen wollen; es muß am modernen Leben teilnehmen, um wieder eine interessante Stadt zu werden. Die Verherrlichung der „Kaiserstadt" ist nicht der richtige Weg zu diesem Ziel . . . _ Sie Affenkomödie von Santo». Keine Sachverständigen. — Das Urteil Montag. Aus Neiw-Aork wird berichtet: Bei der Verkündigung des Beschlusses, im Prozeß gegen den Hochschullehrer SkopeS keine S a ch v e r st ä n d i g e n zur Verhandlung zuizulassen, führte der Richter aus, daß es nicht in die Zuständigkeit des Gerichtes gehöre, zu entscheiden, ob die biblische These von der Erschaffung des Menschen oder die Schöpfungsgeschichte der Menschheit, wie sie durch die Evolutionstheorie gelehrt werde, wahr sei. Es sei aber ungesetzlich, in den öffentlichen Schulen zu lehren, daß der Mensch von einer niederen Tiergatdung abstainme. Die Beweisführung der Sachverständigen würde in die Verhandlungen kein neues Licht bringen. Die Verteidigung teilte mit, daß sie daraus bestehe, die vorgeschlagenen Zeugenaussagen in das Gerichtsprotokoll aufzunehmen, damit sie einer höheren Instanz unterbreitet werden können. Die Verhandlung wurde sodann ans M o nbag vertagt, um der Verteidigung Zeit zu geben, die vorgeschlagenen Erklärungen vorzubereiten. Der Urteilsspruch wird für Montag erwartet. Nach Tennessee — Jirdkana. Wie ouS NÄo-DoÄ gemeldet wird, werden im Staate Indiana Alnftrengungeu gemacht, um ebenso wie in Tennessee den Unterricht fei der EVolutionslchre zu verhindar n. Mitteilungen ans dem Publikum. Wieder xu haben! Bureau: Orig.Iriaz.ZH»r8llnpipl9> JwP wm,iin.iiin>mss8 is/r Möbelfabrik J. Spira Feine M 111(0, 111. MMlWM 1—2 Wohnungseinrichtungen (Ecke Karl Schweighofergasse Dar waltbarMtmto Oberkantor David Katzmann, Lemberg betet heute um 7 Uhr abends Im Klucky- Tempel vor. Hiedurch wird den Wiener Juden Gelegenheit geboten, eine Kotyphäe auf diesem Gebiete I zu hören. ss«o | Restaurant „National“ (Spritzer) WIEN, II., TABORSTRASSE 18 // Vorzügliche Wiener und orientalische Küche ss TKlnre und Bürette für Kultus und Justiz erhalten SU vorrätig oder nach Maas in den tnanigfaltlgeteu Formen bei der bekannten Speiialflrma RUDOLF GOLDSTEIN .. Telephon 46-0-I». Gegründet 1868. 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Durch das Gesetz über den Schutz des inländischen Avbeitsmavktes soll es ln Oesterreich nicht gestattet sein, ausländische industrielle und laMvirtschaftliche Arbeiter sowie Angestellte und Hausgehilfen ohne Zustimmung de's Wandernugsamtes oder der ihm unterstehendem Organ«' anzustellen. Ob nnd inwieweit dieses Gesetz rückwirkende Kraft haben wird, ist noch nicht bestimmt. Der Entwurf betreffs Abänderung des M i e t enge s e tz e s entMt die Bestimmung, daß A u s l ä u d c r keinen Mieterschutz genießen sollen, die aus einem Staate stammen, der keinen Mieterschutz oder nur einen für eigene Staatsbürger kennt. Es wird zweckmäßig sein, daß für jeden Fall die betreffenden Gesandtschaften rechtzeitig die Reziprozität -in sachdienlicher Richtung verlautbaren sollen. Die Berwal tnngsbehörde.n versuchen sogar — offenbar zur Erleichterung der Sanierung — auf Grund der im Februar d. I. evflossenen Entscheidung des BerwalituugHgerlchtshofes, vielen nach Nenösterreich seit Jahrzehnten zuständigen, aber in den Sukgessiontzstaaten (Polen, Rumänien, Jugoslawien) gebürtigen Bundesbürgern die Bezüge oder Rnhegehalte zu entziehen, weil sic angeblich durch die für Polen am 10. Jänner 1920, für Jugoslawien am 16. Juli 1020 und für R n män i e n am 4. September 1920 in Kraft getretenen M i nderheitsfchutzverträge ans Grund der Geburt Staatsbürger dieser Staaten geworden sind. (Gemäß den Bestimmttzrgen dieser Minderheitsschntzverträge hätten alle in diesen SukzessionÄstaaten gebürtigen Oesterreicher die österreichische Staatsbürgerschaft verloren, wenn sie vor Inkrafttreten dieser Verträge dieselbe evwovben hatten. Es verlautet Wohl, daß die Regierung für diese Bundesbürger Abhilfe schaffen will, allein es ist ein Gebot >der Vorsicht, zu der bekannten Entscheidung des B c r w a lt u ng's g e r ich tsh of e s rechtlich Stellung zu nehmen, >da viele Verwaltungsbehörden sich audiese Entscheidung gebunden erachten. Die besagte Entscheidung ist aus folgenden gesetzlichen Gründe unhaltbar: 1. Laut dem am 6. Älpril 1922 — sohin nach den Atinderheitsschutzverträgen — i n Rom abgeschlossenen, und im Bundesgesetzblatt am 12. Juni 1924 . veröffentlichten Uobereinkommen zwischen Oesterreich, U ngarn, R u m äu i e n. I u gosla w i e n und Tschcch oslowakei heißt es im Artikel 4, Absatz 3, ausdrücklich: „die Bestimmungen und Regeln der Verträge v o nSa i n-t - Ge r ma in werden i n ife i n e r Weise durch das besagte Uebereinko m ui e n betreffs Nachweises der Staatsbürgerschaft durch ein Zeugnis unter den vertragsschließenden Teilen berührt". Lyoner Seidenbaus ounttSMi la Shantunfl, in allen Modefarben . 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