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Wiener Morgenzeitung · 1925-07-19 · Heft 2302 (19.7.1925) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2302 (19.7.1925)
Date
1925-07-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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»er. 2«Jfc Wien, Sonntag fBfcite* Msr-enzEtt««-. 19. QfuK 1925 Seite 6 Die Polizei warnt. klar Kundmachung gegen die Hakenkreuzler. In einem gestern publizierten amtlichen Communique heißt es mit direkter Beziehung aus die Exzesse der Hakenkreuz ler im Stadt park: ,/Die Vorfälle, die von einer kleinen Gruppe jugQn d licher, der nationalsozialistischen deutschen Avbeiiderpartei Oesterreichs angchörenden Personen hervorgernfen wurden, sind geeignet, den guten Ruf Wiens empfindlich zu schädigen. Die Polizeidirektion wird jeder Wiederholung gleichartiger Vorgänge mit allen gesetzlichen Mitteln und mit Anwendung der größten Sr enge entgegentreten. Es ergeht daiher an di« in Betracht kommenden Vereine und Organisationen ebenso wie an die Eltern und Vormünder die eindringliche Mahnung, die ihrer Obhut anvertrauten Jugendlichen von der Teilnahme an solchen Vorgängen zurückzuhalten. Die entsprechenden polizeilichen Vorkehrungen zur Verhinderung derartiger, nicht genug zu tadelnder V o r k o m m n i s s e sind getroffen worden. Die Sicherheits wache wurde angewiesen, allen derartigen Versuchen, die öffentliche Ruhe zu stören, mit den schärfste« Mitteln, eventuell auch mit Waffengeh r a u ch, entgegenzutreten. Alle an solchen Exzessen beteiligten Personen werden verhaftet, die Schuldtragenden polizeilich mit dein gesetzlich zulässigen Höchstansmaß von 14 Tagen Arrest bestraft und überdies in allen durch das Strafgesetz und die Strafgesetzovdnung gerechtfertigten Fällen dem Strafgericht eingeliefert." Wir wollen einstweilen abwarten, ob die in dieser Kundmachung in Aussicht gestellten Maßnahmen auch tatsächlich gegen die Schuldtragendeil zur Anwendung kommen werden. Die Erfahrungen, die in den letzten Tagen gemacht werden konnten, lasseii eine sehr große Dosis Zweifel angemessen erscheinen. Da die Hakenkreuzler ankiindigen, daß sie in den Mener Strandbädern nach dem Rechten sehen wollen, wird ja das Nötige bald zu erkennen sein. Auffallend ist, daß das Wochenorgan der Hakenkreuzler, das gestern konfisziert, aber trotzdem an allen Ecken lustig kolportiert wurde, das tadellose Verhalten der Polizeiorgane in der Inneren Stadt beim Cafe Siller öffentlich lobt. Di>e hier erwähnte Kundmachung der Behörde ist auch . deshalb bemerkenswert, weil sie einwandfrei und mit vollster , Deutlichkeit die Teilnehmer der Exzesse zeichnet. Sie erklärt, daß die Vorfälle von einer kleinen Gruppe jugendlicher, der nationalsozialistischen Arb eiterp arte i Sesterreichs angehörenden Personen hervorgerufen wurden. Das ist freilich nur insoweit richtig, als die Raufbolde damit bezeichnet werden. Ihre Führer, die Redner in den Mord- und Brandversammlungen, die Verfertiger der Pogromflugschriften und die diversen Schriftleiter find damit nicht getroffen und ihnen müßte das Handwerk gelegt werden, das heute schon eine ausgewachsene Schande für ,Wien ist. Die Fl ugblätt er, die überall in Wien und in ganz Oesterreich ausgeteilt werden, haben mit dem Preßgefetz' nicht das geringste zn tun. Eine ganze Menge solcher literarischer Produkte ist ims.und sicherlich auch den Behörden zugegangen. Da ist hauptsächlich das von der Kanzlei der nationalsogralistifchen deutschen Arbeiterpartei, 1. Bez., Elisabethstraße Nr. 9, crusgegebene Blatt „Die Inden Pest, Streiflichter zur Rassenverschlechterung und Mädchenschändung", zu nennen. Mas hat die Behörde gegen den Autor, einen zcMnftigen Tierarzt Adolf Bauer, unternommen? Es ist keine freie Meinungsäußerung, wenn dieser Schreiber von jüdischen Bestien, von den Senkgruben jüdischer Geilheit, asiatischer Dirnenmoral, Semitenbrut und so weiter rodet. (Wir wissen, daß er in feiner nächsten Auf-!lage sich ans uns beziehen wird, aber dafür können wir wirklich nichts.) Hat die Staatsanwaltschaft den von diesem Bauer erzählten Fall Weinstein in Salzburg, der mit dem ^Freispruch Weinsteins geendet hat (foserne diese ganze Geschichte überhaupt sich ereignet hat) — hat sie diese Erzählung ,überprüft? Hat sie sich mit den Lügen des „Eisernen Besen", die in Wien ausgcteilt werden, befaßt? Hat die Wiener Staatsanwaltschaft den Gattern: ayer für seine in der Versammlung beim Weigl öffentlich getanen Aussprüche über den Jndeiigott zur Rechenschaft gezogen? Was ist mit den Proskriptionslisten geschehen? Wie weit hält die angekündigte Untersuchung? Wir stellen diese Fragen, obgleich wir ihrer selbst schon überdrüssig sind. Wir wissen, daß nichts geschieht. Kundmachungen der Polizei erscheinen jedesmal, wenn die Kuh aus dem Stalle ist. Viele tausende Zuschriften aus deutschen christlichen Kreisen gehen uns täglich zu, in denen sich die mit vollem Namen Unterzeichneten Briefschrerber empört und entrüstet gegen jede Verwechslung mit dem Gelichter vorwahren und uns sagen, daß die übergroße Mchvheit der Wiener Bevölkerung dieses Treiben als brennende Schande smpfindet. Wir wissen, daß dies währ ist, aber wir meinen, daß diese lobenswerte Ansicht sich doch auch irgendwie in öffentlicher Weise ausdrücken ließe. Es scheint, daß sich alles vor den fünf Dutzend „jugendlichen nationalsozialistischen Arbeitern" fürchtet, daß Behörden und Bevölkerung einer Angstpsychose unterliegen. Genährt wird diese Stimmung durch die eich spost", das christlichsoziale Regierungsorgan, das nun einmal für Preßfreiheit kämpft. Uober die Vorfälle im Stadtpark schreibt dieses Blatt gestern früh: . . gab es im Kursalon im Stadtpavk Krawall, wohin die? von einem etwas vorzeitigen' ulnd allzu aufschlußreichen Größenwahn befallenen jüdischen Provokateure nun den Schauplatz ihrer Frechheiten verlegt zu haben scheinen. Es wurden dort in den späteren Abendstunden Herren mit nationalen Abzeichen, die sich vollkommen ruhig verhielten, in frechster Form angepöbalt und verunglimpft. Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Angreifer Juden waren: die Polizei hat, wie die „Reichspost" von privater Seite erfährt, auch ganz unzweideutige Namen festgestellt." ' Man vergleiche mit diesem Bericht die Mitteilungen der anderen Wiener Blätter und die Kundmachung des Po l i z e ipräsidenten. Wir verlangen, daß die Sicherheitsbehörde die von der „Reichspost" angesagten Namen bekannt gibt. Wir verlangen weiters als Bürger und Steuerzahler dieses, Staates, daß die Polizei endlich die wohlwollende Rücksicht auf alle Exzedenten beiseite läßt und Ordnung schafft. Wien ist keine Bierkneipe und kein. Mpendovf, sondern eine Weltstadt mit internationalen Verpflichtungen. Die Liste der Verletzten. Die Rettungsgesellschaft hat anläßlich der Vorfälle im Städtparkt folgenden Personen Hilfe geleistet: Denr 32 jährige,r Schauspieler Wilhelm Martine!, Viktorgasse 8 (Riß.uetfchwnnde au der rechten Schläfe, Rudolfsspital), dem 41jcchrigen Privaten Albert Steling, Mettvrnichgasse 7 (Nervenschock, und, Rißwunden, Rudolfsspital), dem 42jährigen Rechtsanwalt Dr. Norbert Lieb.ermann, Rabensteig 1 (Verletzung des rechten Auges, Augenklinik); ferner dem 38jähvigen Bankbeamten Hans Natter, Maria vom Siege 8, dom 22jährigen Mechaniker Hans Hinte r be r ger, Grinzinger Allee, Baracke 18, dem Währigen Kellner Rudolf Händler, Äandesgerichtsstvaße 6, dem 39jährigen Kellner Karl Stoffe I, Steingasse 36, und dem 26jährigen Hmcldolsangestellten Georg Tauber, Zärsusgasse. 38, die durchwegs leichtere Verletzungen svlitten und sich selbst entfernen konnten. - . > Die Verhaftungen. - Die in den Stadt park eingedrnngenen Hakenkreuzler wurden von einom Mann geführt, der Schwarzmüller heißen soll. Er wird uns als ein kleiner Mann mit braunem Knebelbart, braunem Anzug und Äsdergamaschen lgefchWert. Angeblich soll er sich unter beit Verhafteten befinden, deren Anzahl 12 .beträgt. Alle gehören der Hakenkreuz- Partei an und stehen im Alter von 17 bis 21 Jahren. Unter ihnen befinden sich ein Gemerndeangestellter, zwei Privatbeamte, ein Praktikant, die übrigen sind Lehrlinge, und zwar ein Bäcker, ein Spengler, ein Schmied und ein Mechaniker. Alle waren mit Totschlag e r n und Schlagringen onsgestattet. Die Polizei verhängte über sie zu!nächst 14 T ag e A r r e st. Nenn der Verhafteten worden, wie amtlich versichert wird, dem Lande sgvricht überstellt werden. In dom Restaurant wurde durch die Exzcdenten durch Zerschlagen der Fensterscheiben, Tische und Stühle, Zerbrechen des Geschirres und Vertreibung der Gäste ein Schaden von 100 Millionen Kronen angerichtet. Für die nicht bezahlten Zechen müssen die armen Kellner auftommen. Die Beunruhigung der Gtudl Wien. In der Nacht auf gestern fanden sich im Stadtpavk Bürgermeister S e i tz uns Stadtrat B r e i t n e r eiü, um «den Schauplatz der Skandale zu besichtigen. Sie führten auch längere Besprechungen mit dem Pächter des Kursalons Herrn Hübner. Anschließend fand eine Versammlung der Gehilfenschaft im Kursalon statt, in der der Gowerffchafts-Olmrann-Stellvertreter T i p p m a n n ein Referat erstattete. Die Gehilfenischaft forderte in einer Entschließung einen erhöhten Schutz der Ges ch äs t e und sprach das Bedauern darüber aus, daß die Polizei so wenig für die bedrohten Betriebe in der Innern Stadt vorsehe, obwohl ihr bekannt sein muß, daß sich ähnliche Vorfälle in den letzten Tagen imm er mehr hänfen. Die Gchilisenscha-ft begab sich gestern zum Bürgermeister Seitz. Gestern um 11 Uhr vormittags fand eine Besprechung zwischen dem Bezirksvcrtrauensmann der Kafeesiedergenossenfchaft des 1. Bezirkes Herrn Kulka und dem Obmann der Gewerkschaft der Gehilfen Obmann-Stellvertreter Tipp mann und einem Betriebsrat vom Knrsalon statt, wobei ein paralleles V o r g e h e n v o n Gehilfenschaft u n d Unternehmerschaft besprochen wurde. Die Genossenschaft der Kaffeesieder entsendet einen Vertreter ZllM Polizeipräsidenten Schober^ zum Bürgermeister Seitz und zum Bundeskanzler Dr. R amek, um Schutz geg en d i e Ueber grisse der Hakenkreuzler zu fordern. „Nur ruhig verleunt-en." Das Tagesorgan der Hakenkreuzler veröffentlichte gestern einen Bericht über ein Telephongespräch eines ,L e n t r a lsekretärs der z i o n i st i s ch e n L a n d e s l e i t u n g für O e st e r r e i ch, Dr. Steine r". Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich teilt uns hierzu mit, daß dom Beamtenstand der Zionistischen Organisation ein Beamter dieses Namens nicht a n g e h ö r t. Auch dilcser Bericht gchört, wie alle sonstigen Meldungen dieser Zeitung über Judentum und Zionismus in Oesterreich, in den Bereich der Verleumdung und Lüge. Gestern keine Ruhestörungen. Die Warnungen der Polizei scheinen gewirkt zu haben. Der gestrige Tag verlies ruhig. Vor dem Cafe Siller boten wohl die Hakenkreuzkolportenre ihre Presseerzeugnisse in der gcivohnten aufdringlichen Weise feil, ohne jedoch provokant zn werden. Ein paar Buben ihrer Begleitmannschaft, die am Nachmittag gemäß den Weisungen vom vorigen Tage, zu stänkern versuchten, wurden sofort wegen polizeiwidrigen Verhaltens verhaftet. Im Stadtpark herrschte vollkommene Ruhe. Der Besuch war infolge des gegen Abend einsetzenden Gewitterregens nicht sehr zahlreich. Es war ein genügendes Wacheaufgebot bereitgestellt, um etwaige Ausschreitungen im Keime zu ersticken. Außerhalb des Stadtparkes . wurden fünf bis sechs Burschen verhaftet, die sich den Anordnungen der Wache nicht fügen wollten. Ler Geheimprozeß in Mecklenburg. Berlin, 16. Juli. Uober die Verhandlungen im Femepvozeß in Mecklenburg, der bekanntlich seinerzeit wegen Gefährdung der Staatssicherheit unter Ausschluß der Oe.ffent>li chkeit stattigeftmiden hat, erfährt man folgende Details: Gerade diejenigen, die wünschten, daß die Öffentlichkeit au sges chloffen werden solle, haben umfangreiches M a t e r i a l über die Vorbereitungen in' Mecklenburg im Herbst 1923 an die Entente verkauft. Es hat sich damals um die Entfesselung des Bürgerkrieges, Ausplünderung der Kaufmannsläden und des Bürgertums, Niederme Helling der Juden ujsw. gehandelt. Die Generalprobe versuchte man seinerzeit in Berlin bei den Pogromen im S cheuneuv ie rtel. Das war im Oktober 1926. Zu dieser Zeit war Mecklenburg und insbesondere Schwerin e-rrvgekreift von Hakenkreuz l e rformationen und Roßbach e r n, die ans alle Güter Mecklenburgs verteilt waren. Das Gut Neuhof war zum Drrrchgarcgslager gemacht. Von dort sandte man die Batillotce nach Mecklenburg und insbesondere in . die Umgebung von Schwerirc. Die Arbeit verteilte ein L e u tn a n t, d e r noch G Ym n a f i a st w a r. Nach Beendigung der Arbeit hatten sich die jnuigen Leute albends militärisch ansbilden lassen. Das „Berliner Tageblatt" weiß noch nritzuteilen, daß als Finanzier der ganzen Mordigesellschaft ein Rittureister v. Lue vom Gute Hör n s h o f genannt wird, der der intiutste Freund des Herrn v. Graese ist. Er soll auch an der Vorbereitung der Morde an Erzbergcr und Rathen au beteiligt fein. \\A / / Wz, t /1

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