Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2301 (18.7.1925)
- Date
- 1925-07-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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v Seite 4 Dien, TümSlag ". Sie KommerriaNfierung der vuuderforste. ltnt die staatlichen Forstbetriebe aktiv zu machen, war -edeits im Wiederaufbanprogramm eine BersekbstKnbiyung der Bu-ndeSforstvevwaltnng und deren Umwandlung in «inen lauf» mänrnsch geleiteten Wirtschaf tskör per vorgesehen. Die Regierung hat auch einen dahinzielenden Gesetzent- : wurf im Parlament eingebracht, der jedoch weder die Zustimmung der Holzinteressenten noch der politischen Parteien fand. Auf Grund der in den letzten Lagen geführten Besprechungen mit den Parteien wird der Entwurf in völlig geänderter Fassung im Lauf« der kommenden Woche vor den Rationalrat gelangen. Die wichtigsten, der netten Bestimmungen sind folgende: Aus den bundeseigenen Forsten wird ein besonderer Wirtschaftskörper gebildet, die Botriebsführung wird dzirch eine höchstens viergliedrige Gcneraldircktion besorgt, di« dem Ackerbau-minister unmittelbar unterstellt und verantwortlich ist. Die Bewirtschaftung erfolgt unter strengster Wahrung der WohlfahrtSansgabe des WaldeS nach kaufmännischen Grundsätzen. In Konsequenz der Grundsätze kaufmännischer Betriebsführung soll das Dienstverhältnis der neua-ufznnehmenden Angestellten auf Grundlage der für private Unternehmungen gleicher Art geltenden gesetzlichen Vorschriften geregelt werden, währettd die im Zeitpunkt des Wirksamkeitsbeginnes deS Gesetzes im Dienste befindlichen, unter das Gchcrltsgesetz fallenden Bundesangestellten in den neuen Wrrtschaftskörper unter Aufrechterhaltung ihrer dienst- und besold ungs rech t li chen Verhältnisse übernommen werden sollen und cs ihnen freigcstcllt bleibt, sich in das neue vertragliche Dienstverhältnis überführen zu lassen. Wiener Gemeinderitt. Im Wiener Gemeinderat wurde gestern eine Abänderung der Verfassung der Stadt Wien beschlossen, die infolge der im Nationalrat in Angriff genommenen Beratung der Verwaltungsreifovm notwendig gotvovden war. In Hinkunft wird demnach dem Bü r g e r m e i st er die Stellung als z w e i t e I n st a n z gegenüber dem als politische Behörde erster Instanz fungierenden Magistrat zukommen. Zu einer längeren Auseinandersetzung gab die Novellierung der N a h r u n g s- und Genußmittela b g a b e Anlaß, die von Stadtrat B r e i i n e r vertreten wurde. Er bedauerte es, daß die Zeit für eine Ueberprüfung der Pvodu-ktionsfteuern noch nicht gekommen sei. Darum müsse er darauf bestehen, daß auch die Summen aus der Nahrungs- und Genußmittelabgabe weiter zur Verfügung stehen. Gemeinderat Ku irisch ak verlangte, daß diese aus der Inflationszeit stammende Abgabe, soweit sie. nicht den wirklichen Luxus treffe, beseitigt werde. Stadtrat Brei tu er erwiderte, daß die Abgabe keine Jnfiationssteuer sei. Sie werde sich im Rahmen der Wiener Finanzpolitik immer behaupten. Die Vorlage wurde schließlich in erster und zweiter Lesung angenommen. Der 14. zioniftenkonsreß. Schluß des Schekeltekmines. Das Zionistische Landeskomitee teilt uns mit: Die zionistischen Bezirksfektionen, Ortsgruppen und Son-derver'bände werden hiemit aufgefordert, die letzten eingegangenen Schekelgelder bis spätestens Sonntag den 19. d., mittag's, mit unserem Bureau zu verrechnen. Nur bis zu diesem Termine bezahlte Schekalim werden Ar die Kongreßwahl«: ungerechnet. Zeirei Zion. Die zionistische Föderation Zeirei Zion richtet an ihre Schekelzahler die Aufforderung, die ihnen in den nächsten Tagen zugehenden weißen Stimmzettel geschlossen bei der Wahlkommlsston (S. Rabinowitsch, 2. Bez., ZirkuSgasse 10/ly) am 22. d. zwischen 12 und 5 Uhr abzugeben. Ausnahmsweise ist die Zusendung per Post gestattet. Auf dem Stimmzettel ist nur der Name des gewünschten Delegierten und dessen Ersatzmannes mit deutlicher Schrift anzugeben. Die Schekel sind mitzubringen, respektive beizulegen. Die in der ..Wiener Morgenzeitung" veröffentlichte allgemeine Wahlordnung ist auch in diesem Falle anzuwenden. 3um Freispruch des Portiers Kieibel. Das Risiko des WarenkredithLndlers. Bon Dr. Felix Reik. Am 13. Juli 1925 stand der Portier und ehemalige Gendarm. Cöeorg Kleide l, der am 2. Mai d. I. den Kaufmann Hermann R i s ch e l e s durch zwei Revolverschüffe wie einen Hund nieder,geknallt hatte, vor seinen Richtern, zwölf Wiener Gefchwornen, und wurde — freigesprochen. Die Tat Kleibols, deren Vorgeschichte bekannt ist, hat seinerzeit in der Oeffentlichksit 6c i weitern nicht jenen Widerhall gefunden, den sonst ein Mord in der Großstadt findet. Die Tat bot weder dom Kriminalisten noch dom Psychologen einen besonderen Stoff und Anreiz zum Nachdenken; sie tvar in ihren Motiven vollständig klar. Kleibel hatte einen Kaufmann, der allgemein geachtet war, einen braven Galten und einen Bater von st-eberr unversorgten Kindern durch zwei Schüsse vorbedacht nieder gestreck t, weil der Kaufmann daraus bestanden hatte, daß ihmKleibvl für die auf Raten gekaufte Ware die schon längst fällige Schuld w e n i g st e n s z u m Teil bezahle, zumal der Schuldner bereits alle Anstalten getroffen hatte, sich seiner Zahlungsverpflichtung gegenüber Rischeles und anderen GlgulbWpr^ durch z Wiener MoraenzettuNn. Mitteilungen ans dem Publikum. Wlndarzu haben’ IffcBI B U t 6 & U: OrfB. frani.ZlgaraitaBpapier JvD N«,,,/r Oejr. 1SS4 Ältestes ««S' «SS« Wiener Restaurant KRZIWANEK Kiciivetter - Hfilsdier 1088 BERLIN NW 7 Frledrfdiitraiie — fecka Mlttalstraft* S7/S8( I. Nur eine Trepp« Vorzügliche echt österreichische Küche, Pilsner Urquell, österreichische und deutsche Weine. Bürgerliche Preise MAILAND Restaurant u«, G. Llchtensteln, Via S. 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In den Berichten der Tagespresse war, entgegen der Gepflogenheit bei der Berichterstattung über Mordverharrdbungen, von einem Gutachten der Gerichtspstchiater, von den Plaidoyers des Verteidigers und des Staatsanwaltes nicht ein Wort enthalten, insbesondere lv>ar aus den Berichten nicht zu erfahren, wicho überhaupt den Geschwovnen die den Angeklagten rettende Zusatzsvage aus vorübergehende S i nne s v e r w i r r u ng z n r Zeit der Tat vorgeilegt werden konnte, zumal bei zahlreichen Mordprozessen unter ähnlichen Bechäldnissen die Stellmdg einer derartigen Znsatzfrage vom Gerichtshöfe wiederholt abgelehnt worden ist, zumindestens über der Staatsanwalt sich gegen die Zulassung einer derartigen Frage ausgesprochen -lvnd sich dadurch das Rechtsmittel einer Nichtigkeitsbeschiverde geivahrt hatte. Kleibel selbst hat in der Verhandlung sein Geständnis in der Untersuchlung abzulschtvächen gesucht, die Tat aber gstligygeben und gemeint:Es ist vonselbst so gelkommen! Erst .das Verdikt der Geschwovnen, welches den Freispruch des Kleibäl zur Folge hatte, hat die Oeffentlichlkeit aufgerütteil-t und den Fall nachträglich zu einer „Senisation" gemacht. Was nieanand, der der Verhandlung beigewohnt, erwartet hä-tte, tvas sel'bft der Angeklagte in feinen kühnsten Träumen nicht erhofft hätte, trat ein und der Angeklagte wurde sreigesp-ro ch e-n! Nun wurde das Urteil in der Presse leibhaft erörtert! Man suchte krampfhaft nach einer EMäru-ug der überraschenden Verdiktes. Außerhalb der Poesie konnte man Stimmen hören, daß das Urteil anders ausgefallen wäre, wenn der AnigÄlagte Rischeles und der Evmordete Kloilbel gcheißen hätte. Man hörte auch vielfach Avußernngen des Beifalles, daß das Verdikt auch unter der Leitung des Hofrates Ra m sauer anders ausgefallen wäre. Es gibt jedoch nur eine wirklich plausible Erklärung für das Verdikt der Gefchwornen, mid das ist die wiederholt in unzähligen Fällen gemachte Wahrnehmung, daß die I u st i z i m a \ l g e meinen u n d d i e G e s ch w o r n « njustiz im besonderen ein Lotteriespiel ist! Wer Glück hat, wird, mag er noch so schuldbeladen sein, wie Georg Kleibel sicherlich war, das große Los des Freispruches ziehen! Vom Standpunkte des Warenkredtthandels muß das Verdikt der Goschworuen, die ungesühnte Tat des Kleibel mit besonderem Bedauem registriert werden. In den Verhandlungen, die in letzter Zeit gegen Warentredittaufleute auf Grund haltloser, ja mutwilliger Anzeigen wegen Preistroiberei stabtfaichen» war stets von einem Risiko des NatenhaudelS die Rede, und zwar von deni materiellen Risiko, das dem Kau«fman.n dadurch erwächst, daß die Rateukunden, teils weil sie unvermutet zahlungsunfähig, teils ioeil sie )ahlungSn.nwillig wurden, die Zahlungen übechaupt einstellten. Der Fall Rischeles, das Verdikt der Gefchwornen lhat jedoch gezeigt, daß es für die StutenhäMer noch ein weit größeres Risiko gibt als das erivähnte materielle Risiko, nämlich ein Risiko seines Lebens! Es gibt, und das soll gelviß kein Vorwurf sein, zahlreiche Ratenhgnhleri die Mn wie her unAlüchliche RffchÄetz gegerMr der ' iS. Juli 1925 _ Nr. SM Kunde, die sich der Zahlungspflicht um Mn Preis entziehen wiß — Klelbel war, nebenbei bemerkt, auf der schwarzen Lifte da Warenkredibkauflcute —, auf die Hinterfüße stellen und nicht ohn, weiteres auf ihre gcr«l)ttn Forderungen verzichten wollen. El gibt unter den Rateukunden zahlreiche Personen, die den Kaufmann aus jede ulögliche Weise -um seine berechbigten Forderungen bringen wollen. Der alte Standpunkt, daß die gut zahlen.de für die nichtzahlende Kunde aufzu-kom-men hätte, ist Mch den heutigen ProisbcstimmMtigen absobut ausgeschlossen. Der Fall Kleibel ist infolge des Verdiktes der Geschwomen geeignet, Schule zu machen. Es muß Vorsorge getroffen werden, daß das RechtSgesühl nicht noch weiter geschädigt wird. Dar «»beitrproaramm der „Ravag". Güstern vormittags gab die Leitung der Ravag »in einer Pressekonferenz ehren Bericht über die abgolaufene Sendesaifon und entwickelte in kurzen Zügen das Arbeiitsprogram-m für den kommenden -Herbst und Winter. Prof. Schwaiger 'berichtete, daß cs bereits im Oktober oder November «täglich sein tvcvd«, den non angeschafften 20*5 Kilowatt^enidcr auf bent Roscnhügel in Betrieb zu setzen. Bdivnen -kurzem werden auch Sender, in Innsbruck und Salzburg errichtet werden. Dr. N ü ch ter n entwickelte das literarische Programm der Ravag, das eine bcdautende Eiweitevunig erfahren wird. Ferner werden englische, französische und Espemudo-Sprachikurse gesilant und Vorträge aus allen Wissensgeibietcn gchal-ten werden. Wetter-, LoLal- und Krimiinalnach rlch ten werden auch weiterhin durch Ru-udspvuch verbreitet werden. Musikdirektor Ast referierte über das -musikallische Programm. Der Anschl-uß an das Konzerthaus wird es im nächsten Jahre ermögl-ichen, a-uch größere Muisikwevke den Radio- Hörern zugänglich zu machen. Die Gechandlungen über den Anschluß der Staa-tsoper schreiten günstig fort. Unter onde«n nanchaften Künstlern wurden für die kommende Saison auch Batt istini und MaScagni für Radio Wien gewmunen. Als Neuerung wird ferner ein regelmäßiger Nachrichtendienst über alle Sportzweige emgoflchrt lverden. Die Sport - rcsultate werden an Samstagen nmd Sonntagen vor Beginn deS Mbcndprogranrmes veMndet itverden. ki«e blutige FamlllettttagMe l» WSllersdorsi In Wollersdorf spiMc sich vorgestern früh eine furchtbare F a nr i l i e n t r a g ö d i e ab. In der dortigen Wasserkaserne wohnt der 24jährige Mrl Postl, der schon mchreve Jahre arbeitslos und kränklich ist, mit seiner Ehegattin und seinen fünf unmündigen Kindern. Die Familie lebte in den ärmlichsten Verhältnissen und litt bitterste Not. Vorgestern cchielt nmi nach jahrelanger Arbeitslosigkeit Postl von der Gemeinde WAlersdovf Erdaushebungsarbeiten Angewiesen. Er war infolge seiner Schwächlichkeit der harten Arbeit jedoch nicht gewachsen, und da er fürchtete, durch die Verweigerung der Arbeit auch noch die ArbeitÄosenuinterstützung zu verlieren, beschloß er in seine«! VerAweislungsausbvuch, seine ganze Familie und sich zu töten. Vorgestern früh brachte er seiner Ehegattin mi t einem Rasievmesser schwere V e r l -c tz u n - gen am Hal.se bei. Hierauf gab er aus einem Revolver vier Schüsie auf seine Kinder ab, ohne sie glücklicherweise zu treffen. Den fünflen Schuß gab er in seinen Mund ab mid stürzte aus der Stelle tot znfarnmeir, Sattoitt vor Gericht. Ein Rededuell zwischen Brhan und Darrotv. New-Aork, 17. Juli. In dem Affenpvozeß in Dayton geht die Verhandlung einstweilen ohne die Geschworenen, weiter. Man streitet darüber, ob die Wissenschaiftler als Zeugen zugelassen werden sollen. Die Staatsanwaltschaft ist schroff gegen sie und diese Haltung führt wiederholt zu rednerischen Explosionen. Hertte sw.gte der Staatsanwalt Mr. K e n z i e den Verteidiger Hays, ob er an Gott glaube. Er anttvovtete, das gehe den Staatsanwalt nichts an. > Am dtachnrittag begann Brhan feine große Rede gegen die Gvottttionstheorie. Er trägt wieder Kragen und Krawatte, will aber von der Hemdärmeltaktik nicht lasien. Er begann mit der Erklärung, daß Tennessee keine wissenschaftlichen Experten brauche. .Brhan griff Darvolv persönlich an, indem er die Berieidigunig von Leopold und Loeb in Ehitiago heranzog, tvo Darrow Nietzsche für das Verbrechen vevantwortlich gemacht haben soll. Brhan rief ans: Hier ist ein großer Rechtsanwalt, der Nietzsche als Ursache für die Schülevmorde angilbt. Solche Taten sollen wir Tennesseer Vevmeiden, indem wir verbieten, die Evolution zu lehren. Darroüv fpranig bet diesen Worten auif und protestierte heftig. Brhans Medergabe seines Metzsche-ZitateS sei gefälscht. Als Brhan trotzdem betmtte, die Gvolnti-o-n mache Schüler zn Mörder, erklärte Darrow, er sei berett, zehn Fälle, wo Priester ihre Frauen gemordet Hütten, beizubringen für jeden Mord, den Knaben an anderen Knaben verübt hätten, und das trotz priesterljcher Bibelkunde und kirchlichen Glaubens. Schließlich bezeichn-vte Brhan die Tatsache, daß New- Vovk und Chilkago die be-sttn Anwälte nach Tennessee entsandt hatten, als Eingriff in die Rechte Tennessees. Gr sagte, was wohl die New-Vorler Zeitungen geschrieben hätten, wenn Anwälte aus Tennessee entsandt würben, um die New- Yorker Gesetze zu beLämpsen. Wenn boifpielsweise die New- Uorker ein Gasetz gegen die Prohibition ai^nchmen würden und Tennessee wollte zu einem eventuellen Prozeß Expevten schicken, welche den MvGortkern die Wohltaten der Prohibition erklären sollten, würbe daS gewiß vo-n den Zeitungen als impertinenter Uobergrisf beäeiAret WMn, ' ' 1995^9