Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2298 (15.7.1925)
- Date
- 1925-07-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Serk S Wien, Mittwoch Wiener MoraeNzettnn«. 15. Juki 1925 Nr. 2866 Beteiligt Euch, an der Aktion der Wiener jüdischen Kaufmannschaft zugunsten des Keren Kajemethi ■ Spendet aus Eurem Warenlager für den Kongreßbasar/ Spendenanmeldungen werden entgegengenommen; BureaU des Bieren Kajemeth, Kämtnersttaße 28, Telephon 77-4-85, 77-4-86 durch ihre territoriale Geringfügigkeit gegen Uebersälle geschützt ist, herrscht der Geist der Granaten. In dieser Erkenntnis hat denn auch die Witwe des ermordeten Ratenhändlers Rifcheles vor den Geschtvorenen schluchzend erzählt, als sie die Türe öffnete, sei der Herr Mörder eingetreten. Die arme Frau hat unbewußt das Wesen dieser Welt, in der zu leben man verurteilt ist, in der knappsten Formel dargestellt. Der Herr Mörder ist ein gar-gewaltiger .Herr und die Geschworenen sprechen ihn frei. Sie ahnen nicht, wie gut sie diesen Ungeist verstehen, .der sie, die Völker, die Staaten und die ganze Welt in seinem Banne hält. Es ist eine direkte Verbindung zwischen den Innsbrucker Hakenkreuzlern, den Wiener Geschworenen, die sich an dem toten Juden rächen, den Hetzern in Frankreich, Deutschland, in Rußland, Amerika und in — es ist hier nicht so viel Raum, um all die Namen aufzrr- ,zählen. Diese Verbindung ist die gemeinsame Abstimmung aus die Fragen des öffentlichen und privaten Rechtes, die in der gleichen Weise nur-mit der Faust gelöst werden. Das hervorsteck)endste Symptom bleibt aber das „Pfui Juden!" in Innsbruck und der .Herr Mörder in Wien. _ Die Ergebnisse der Warschauer Kongreffes der Böllerbvndligen. Aus einem Gespräch mit Dr. Oskar Karbach» Mitglied der jüdischen Völle rbnndliga für Oesterreich. Ter Kongreß der Union der VÄkerbrmdligell, der irr der ersten Iuliwoche in Warschau tagte, hat hoffnungsvoll geendet. Er hat entgegen früheren Beratungen, die sich mirin theoretischen Bahnen bewegten, positive Arbeit geleistet «nfowichtige Resolutionen angenommen, die einen E rfolg der jüdischen Sache bedeuten. Die von Professor Aulard als Vorsitzenden des -nährend des ganzen. Jahres in Lyon beratenden Subkonvitees vorgeschlagene Re-, solution über 'den Numerus cianfus gestaltete sich zu einer, einmütigen De-monstration der Delegierte>n ge g e n Ungarn. Es tvuvde mit Bedauern konstatiert, daß dev Numerus clauisns in Ungarn in gesetzlicher Form bestecht.. Während, die rn>män ischen Vertreter aussührten,. daß in ihrem Laude der Nrrt-Ndsrus clausus nicht gesetzlich fcstgelegt sei, sondern nur der in der ganzen Welt herrschenden antisemitischen Bewegung, die sie selbst lebhaft bedauern, entspreche, versuchten die ungarischen Vertreter, eine Zusatzerklärnng znr Resolution durchzudrücken,. daß der Numerus olcmisus in Ungarn sozialpolitische Ursachen habe. Auch die bekannte ,/Versiümm c!t u n g" Ungarns wurde von ihnen als Vovcmssetzung des Numerus clausus ins Treffen geführt. Dcrnngarische Zusatzantrag wurde mit allen Stimmen gegen ihre, eigenen abgelchnt, nur die Gruppe der russisch e n Emigranten leistete den Magyaren Sekundantendicnste. Nicht nn'uder wichtig ist die zweite Resolution, Ivelche von den Rumänen eingebracht wurde. Sie verlangt, daß die Vertreter aller Staaten jedes Jahr eine Uebevsicht über die antisemitische Bewegung in ihrem Lande vorzulcgen haben. Nach dem Wunsche der Engländer sollen jährlich alte Beschwerden publiziert werden, mit dem Namen der Beschwerdeführer und. der Staaten, gegen die sich die Klagen richten. -Ferirer. soll das Schicksal der Beschwerderr bekanntgegeben werden. Bis-- her ist alles in den Papierkorb geivandert. Die jüdische' Liga fiir Oesterreich 'hatte, wie die ■,Miener Morgen- Leitung" bereits ausführlich berichtete, den Antrag eilige bracht, daß bei Differenzen Mischen der Majorität und der Minorität eines Landes die Mitarbeit der Ligen des. betreffenden Landes zur Schlichtung herangezogen werden möge. Ter Antrag wurde vertagt, die Abstimmung fiel aus technischen Gründen mit einer, knappen Mehrheit. zrr-' gurrsten der Vertagung aus. Fast sämtliche Minoritäten haben für den Antrag gestimmt. Tas äußere Bild des Kongresses war sehr glanzvoll. Tie Delegierten wurden vom Präsidenten der Republik sowie vorn Ministerpräsidenten G r a b s k i empfangen. In Warschau und in Krakau gab es große Ehrungen. Der gerade aktuell gewordene Pakt der jüdisch-polnischen Verständigung gab auch dem Kongreß das Gepräge. Zum Kongreß -waren unter anderen erschienen: Bon Frankreich Professor Aulard und Boisson; aus England: der Präsident der Union und Vorsitzender des Kongresses Sir D i cf i it f o tt, dann Sir Rapier, Biscount of Gladstone, auch eine Nichte Lord Balfours war anwesend. Aus Deutschland war Graf Bernstor ff erschienen. Aus Amerika Mr. Marburg der Vorsitzende der Minorilätenkommissiorr, Japan vertrat S u b i'm u r a h, früher Mitglied der Mandatskommission des Völkerbundes, für die Tschechoslowakei erschien eine Delegation mit Senator Brabec, die Deutschen in der Tschechoslowakei vertrat der Abgeordnete M e d i ng e r. Aus Ungarn ivaron die ehemaligen Minister L u ka c S und P e ka r erschienen. Polen selbst war sehr stark vertreten. Man sah die Herren D e m >b i n s k i, Professor H a l b a n, Professor Theod o r o w i c z und der: Generalsekretär N a g o r s k y. Senator Dr. R i n g e.l war von der polnischen Völlerbundliga als Delegierter ausgestellt worden, was violfach in der Oeffcnllichkeit mrßverstarrden wurde. Da eine jüdische Liga in Polen noch nicht existiert — sie ist bereits in Bildung begriffen —, konnte .Herr Ringel nur im Rahmen der polnischen Liga die jüdischen Interessen vertreten.,Das hat er auch mit großem Eifer und Nachdruck sehr zum N u tz e n der jüdischen Sach e getan. Bei der feierlichen Eröfstmngssitzung ereignete sich ein störender Zwischenfall. Es wurde eine Festrinrnnr-er einer polnischen politischen Revue in französischer Sprache (herausgegeben von Bukanowski) verteilt.. In der Schrift werden die Minoritäten in Polen besprochen. Bei der Behandlung der jüdischen Frage zeigt sich die Publikation fahr aggressiv. Man müsse die Inden Polens — heißt es darin — aus eine höhere Kulduvsiusc bringen. Jiddisch wird als verderbtes Deutsch bezeichnet, die hebräische Sprache sei tot und nicht lebensfähig. Die Verteilung dieser Schrfft hatte zunächst bett Anschein erweckt, als sei sie eine offizielle Kundgebung. Der Fall wurde in der jüdischen Presse lebhaft kommentiert. Die Sache selbst wurde dann -beigelegt, das Generalsekretariat hat jode Verantwortung für alle Broschüren abgelehnt. Die polnische Delegation hat Erklärungen und Berichtigungen der Presse zugesandt und lebhaft betont, daß cs sich um p r i v a t e Aeußerungen des Verfassers handle. .'An dorn Kongreß hat in geradezu hervorragender. Werse das Mitglied der jüdischer Liga, Professor Dr. Salo B a r o n, rmtgelmrkt. Er hat die Frage des Numerus olansus in glänzender Rede bolerrchtet und inr Kongreß eine hervorragende Stellung eingenommen. Die österreichische Liga «hat durch die -Herren Botschafter a. D. D u m b a und Dr. Kn n zkdiSijMsche Liga sehr tvarm rucke vstütz^ Der Kongreß hat in Polen großer: .Widerhall, gefunden. Gei -der Presse fand er volles Verständnis rimd wert-' volle Förderrrng. Wir konnten mit allen maßgebenden Faktoben in FiMnug treten; insbesondere mit den jüdischen Vertretern im Sejm. Der pötnrsch-jüdische Pakt sowie die Anwesenheit Nahnm Sokolows hoben die BedyutuNg -der Tagung. Wir ivaven' auch «mit dom Oberrabbiner Dr. Scho rr in ständiger Verbindung. ' Die Propaganda für die Idee der Böl'kevbrmdligon. ist unschätzbar. Weite jüdische Kreise nahmen sie begeistert auf. Der Verband der zionistischen .Hochschüler Jordaniä in Warschau hielt eine Propagandaversarnmlnng ab, in der die Vertreter der jüdischen Liga, Dr. Baron,. Dr. Karbach und Dr. M a r g u l i e s, sprachen. Die Bildung einer jüdischen Liga in Polen steht, wie schon erwähnt, unmittelbar bevor. Auch im Sojm zeigt sich dafür lebhaftes Interesse. . Die persönliche Fühlungnahme mit den Dolegierten der Ligen erwies sich als sehr fruchtbringend. Zum Unterschied vom Vorjahre ergab sich ein sehr betontes Zusammenwirken aller Minoritäten. In mchveren Fällen fand man sich auch snit den Ungarn auf gemeinsamer Plattform. Es ist das e rste Mal, daß die jüdischen Fragen und bas Problem des Numerus clausus so -wertvolles und hilfreiches Interesse fanden. Das technische Bcrfa-hrerr des Rechts w b'g e s bei Klagen de r Al i n o x i t n t c n konnte diesmal noch nicht zürn Abschlüsse gebrächt werden. Sonderbaren,v-eise stießen wir bei dem Hinweis ans E re z I sra e l bei sonst, sehr gut insorrnierten Persönlichkeiterr auf Mangel an Sachkenntnis. Die Däne n zum Beispiel, die eine emsige Tätigkeit i-n projüdischenl Sinne entfalteten, wußten nicht einmal, wer S o k ö l o w ist. - Es muß eine der Hauptaufgaben der jüdischen Liga sein, eine wirksame Propaganda für Palästina zu entfalten. Im Anschluß an den zionistischen Kongreß wird in Wien eine Tagung sämtlicher jüdischer Ligen stattfinden, die schon vom Oberrabbiner Dr. EHajes in der Aktionskomiteesitzung' in London vorbereitet wird. In dieser Tagung wird der ganze ein'schlägige Frage nkonrplex zur Sprache kommen. Die in Wien befindlichen Mitglieder der Union der Ligen werden zu diesen Beratungen" eingeladen werden. Der-Warschauer Kongreß hat gelehrt, daß solche Tagungen in dein betreffenden Lande . große Propagandadienste leisten, weshalb der Sitz des jährlichen Kongresses oft gewechselt werden wird. Der Vorschlag des chinesischen Delegierten, den ständigen Sitz des Kongresses nach Genf zu verlegen, konnte daher nicht vollkommen akzeptiert werden. Der Ort der nächstjährigen Tagung ist noch nicht festgesetzt. Es dürfte Dresden in Betracht kommen. ' Die Beschlüsse des Kongresses werden im September, wie alljährlich, dem Völkerbund übermittelt und wahrscheinlich akzeptiert werden. Bei der Warschauer TgWng war auch eine Anzahl von „Beobachtern" vorn Völkerbund anwesend. So der Generalsekretär Rn iss clean, der französische Gowerkschaftsführcr Ionhaux und der Vorsitzende der internationalen St-ude»ttenfövderati-0ll (I. F. U.), Herr Lange. Sokolow, der Präsident des Komitees der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz in Paris, -hat sich für den Kongreß unablässig interessiert und ihn als günstiges Symptom bezeichnet. Die Steiger-Affäre. Die merkwürdige Rolle des Polizeikonirdenten Mikitrn. (Eigendienst.der „Wiener Morgenzeitung".) Lemberg, 14. Juli. Das Verhör mit dem Angektagl.'U Rk i -f i t in im Pvozeß gegen .Kornhaber und Genossen ist nunmehr beendet. Es hat sehr intercssante Zusammenhänge und Vorgänge im Steiger-Prozeß, der noch seiner endgültigen Erledigung harrt, anfgedeckt. Aus dem Schlnßtc-it des Verhörs mit Mikitrn ist hcrvorz-nhebeu, daß dieser gegenüber dem Polizeirrrspektor D w o r n i tz k i deshalb zurückhaltend war/weil er, wie er angibt, berechtigten Grund hatte, die - Rache der Kommunisten, dererr Organisatron er früher arrgehört hatte, zu sürchteri. Mikrtin erklärt rveiters, bei der Verhandlung gegen Steiger vor denr Standgericht sei davon die Rede gewesen, daß ztvei Personen das Attentat gegerr den Staatspräsidenten versucht hätten, von denen die eine als brünett rr.n-d blatternarbig, die andere als groß uni> blorr-d beschrieben tourdc. Diese Bcschrciburrgen hätten seirrer Meirmng nach auf Fhdik und Parrozhszyrr gepaßt. Er, Mikitin, habe auch bei einer der folgenden.Unterredungen, mit Twornitzki diesem aus .die Frage, wer die Bombe geworfen.habe, erklärt, nach dcrr ihm zugekommenen Nächrichten fei es Pa ucz Y s z y r gewesen. Seine Aussagen habe er den Polizeiinspektoren Piatkieivicz Knd Sawitzki in der Kanzlei des Kor nh ab er iu Anwesenheit des Deputierten Rosmarin tviederholt und damals arict.' erklärt, -daß sich Panczyszyn zurzeit beim Militär -in Kali sch befinde. Seine Aussagen habe er in einer Einzolunterredrttrg mit Inspektor Piatkiowicz, der sich ihn! als Delegierter -der Warschauer Polizei vorgestellt habe, zu Protokoll gegeben. P i a t k r -c rv r c z hal'-e nach der' Urtterserti-grin^ -des Protokolls dem M-ikitin 300 Zloty übergeben, die er den: Ickspekt-or auch quittiert habe. -Einige Tage später habe Mikrtin von Piatkretvicz ein Leg i t-i ma t i o n sdoku m e n t aus derr Namen Jan I a n o w s k'i - erhalten. Zar späteren Zusaimrrerl-kü.ilf-teir. die verei-ubart wrr-rderr, habe Pratkrewicz irnmer srernd-? Personen geschickt, vor derrerr Mikitin aus Furcht, es könnten Komnrunisten fern,^ die Flucht ergriffen habe. Es habe sich dann herausgestellt, -daß dies P o l i z e -i a g e n t e rr seien, »velche Mikrtin bewachten. Mit einem von ihnen sei er in die Wohnung von Panczyszyns Eltern gegangen, mit von ihnen den Arrfenthalt ihres Sohnes zrr erfahren. Aus -denr Poststempel eines auf dem Tische liegenden Kuverts, welches Panczyszyns Schriftz-üge .trug, habe er geschlossen, daß Panczyszyrr rnrmer noch in Kalisch sei, und daher habe er mit dem erwähnten Ge-Heimagenteu (der sich. Zrelitts'kr nannte, irr Wirklichkeit jedoch Eechnowski hieß) verabredet, nach 'Kalisch zrr fahrerr. Piatkiewicz, der in Lenrbcrg geblieben sei, habe M-ikitrn eine Stelle bei der Warschauer Polizei versprochen, wenndie Angelegenheit gut erledigt werde. Die Reise nach Kalisch sein in Begleitung von 15 Geheimagenten erfolgt. Inzwischen sei Panezyszyn verhaftet worderr. Nach der Rückkehr nach Lemberg sei Mikitin -mit Panezyszyn konfrontiert -worden und lhabe ihm arrj den Kopf zugesagt, daß er gesehen hätte, wie P-a-rrczhszyu die Bombe geworfen habe. Panezyszyn sei rot geworden rrnd habe erklärt, dies fei errre freche Lüge. Einerr Mantel rrnd einen Hut, die man ihm vorgewiesen haibe, habe er als die Kleidungsstücke erkannt, loelche Parrozhszyrr bei der Ausführung des Attentats trrrg. Panezyszyn habe nicht geleugnet. Hierauf sei ein Protokoll geschrieben worden, dessen Inhalt jedoch er (Mikrtin) nicht kenne. Damit tvar -die Bernehrnung Mik-itrns beendet, aus der sich ergeben hat, daß Mikitin, der bis zum Tage -des Attentats Polizeikonfident war und daun seine'Tätigkeit plötzlich einstellte, eine merkwürdige Rolle gespielt haben muß. Erst die Mir schauer Polizei Vermochte die Lemberger Polizei -dazu zu bringen, sich mit Mikitin zrr' beschäftigen. Die Rolle, welche Mikitin spieltet ist bis Heute nicht aMeklärt.