Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2297 (14.7.1925)
- Date
- 1925-07-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«M 4 Men, D^nttag Wiener MoraenzeUunft 14. Juki ISA Nr. SM Sie erste Stavve. -leformanträge der Polnischen Unterrichts- Verwaltung. Warschau, 13. Juli. In ihrer letzten Sitzung hat die Sektion für die nationalen Minderheiten und die Randgebiete beim polnischen Ministerrat beschlossen, dem Ministerrat folgende Anträge zur Bestätigung vorzulegen. 1. Der Ministerrat empfiehlt dem Kultus- und Uuterrichtsminister einen Gesetzentwurf über die Schaffung einer einheitlichen Organisation der jüdischen Gemeinden in ganz Polen sowie ihrer religiösen Räte vorzulcgcu. 2. Der Ministerrat bevollmächtigt den Kultus- und Unterrichtsminister den Entwurf einer Ministerratsverordnung einzubringen, durch den das Dekret vom 7. Februar 1919 über die Aenderungen in der Organisation der jüdischen Gemeinden auf dem Gebiete des ehemaligen Kongreßpolen auch auf die östlichen Woiwodschaften des ehemaligen russischen Herrschaftsgebietes ausgedehnt wird. 3. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Kultus- und Unterrichtsministers zur Kenntnis, daß er eine Demokratisierung der j ü d i s ch e u Gemei nden auf dem ehemals österreichischen Gebiet der Republik in der Weise durchführe, daß das in Geltung befindliche Kultusgemeindestatut vom 21. März 1890 entsprechend geändert wird. 4. Der Ministerrat empfiehlt dem Kultus- und Unterrichtsminister einen Gesetzentwurf über die Benützung der h e b r ä i f ch e n und jüdischen Sprache bei den jüdisch-religiösen Gemeinden vorznbereiten analog den Vorschriften über die Benützung der r u t h e n i s ch e n und Meißrussischen Sprache in den Debatten ihrer Selbstverwaltungsorganc. - 5. Der Ministerrat drückt prinzipiell seine Zustimmung dazu aus, daß auf entsprechendem Wege die Zulassung der hebräischen und jüdischen Sprache inöffentliehen Ve.r sammln n gen ungeordnet werde. 6. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Kultus- und Unterrichtsministers zur Kenntnis, daß dieser in einer. . gewissen Zahl von öffentlichen Staatsschulen an den Orten mit einem großen Prozentsatz jüdischer Bevölkerung die Sabbatruhe sowie den Unterricht von jüdischen Lehrgegenständen im Ausmaße von zehn Wochenstunden einführt. 7. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Kultus- und Unterrichtsministers zur Kenntnis, daß dieser eine Verordnung herausgeben wird, wonach der Besuch von C h e d a r i m, welche den staatlichen Schulvorschriften entsprechen, als Erfüllung der Schulpflicht anerkannt wird. 8. Ter Ministerrat nimmt die Erklärung des Kultus- und Unterrichtsministers zur Kenntnis, daß dieser den gewerblichen Schulen, welche hiefür besonders in Betracht kommen, Subventionen zuerkennen wird. 9. Der Ministerrat nimmt die Erklärung des Kultus- und Unterrichtsministers zur Kenntnis, wonach dieser einer gewissen Zahl von Volks- und Mittelschulen sowie Lehrerseminarien mit jüdischer oder hebräischer Unterrichtssprache, die laut ihrem Lehrplan darauf Anspruch haben, das Oeffentlichkeitsr e ch t im Einklang mit den allgemeinen Vorschriften zuerkennen wird. 10. Der Ministerrat nimmt zur Kenntnis, daß der Kultus- und Unterrichtsminister gestattet, daß an den öffentlichen Staatsschulen die Schüler mosaischer Konfession am Sabbat von der Pflicht zu schreiben befreit sind. 11. Ter Ministerrat nimmt zur Kenntnis, daß der Kultus- und Unterrichtsminister den jüdischen Schülern am Sabbath den Besuch des Gottesdienstes erleichtern .und daß der Kriegsminister den Soldaten mosaischer Konfession den Besuch des Gottesdienstes in den Nichtdienststunden ermöglichen wird. 12. Der Ministerrat nimmt zur Kenntnis, daß der Kriegsminister ohne Tangierung der staatlichen Grundgesetze für den Militärdienst eine Verordnung erläßt, welche bestimmt, daß den Soldaten mosaischer Konfession, welche sich mit ritueller K o st außerhalb der Kaserne verpflegen wollen, ein Kostrelutum statt der Naturalverpflegung verabfolgt wird. Diese Anträge der Minderheitssektion, welche die erste Etappe zur Ausführung der zwischen den Vertretern der polnischen Negierung und dem jüdischen Klub getroffenen Vereinbarungen darsiellen, werden der Mittwoch stattfindenden Ministerralssitzung zur Bestätigung vorgclcgt werden. Der Aufbau der zerstörten Synagogen und jüdischen Schulen in Polen. Die Budgetkommission des polnischen Sejm hat eine dom Abg. Federbusch eingebrachte Resolution, worin die Regierung aufgefordert wird, bei der Wiederaufbauaktivn auch die t m Kriege v e r n i ch t e t e n. Synagogen und jüdischen Schulen zu berücksichtigen, e i nst i m m i g a n g e n o m m e n, da die polnischen Abgeordneten im Hinblick auf die jüdisch-polnische Verständigung ebenfalls für die Resolution gestimmt haben. Ar Mörder der Totengröbersamilie in Zgierrz verhaftet. Aus Warschau berichtet I. T. A.: Der Polizei ist es gelungen, die Mörder, die den jüdischen Fcic-dhofswart in Zgiersz, dessen Frau und Tochter sowie seine zwei Adoptivsöhne in bestialischer Weise ermordet hatten, zu verhaften. I Sokolow» Abreise ans Warschau. Rach Berlin. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 13. Juli. Der Präsident der Zionistischen Exekutive, N a h u m S o k o l o w, ist aus Warschau abgereist, um sich über Berlin nach London zu begeben. Vor seiner Abreise ans Warschau hatte eine längere Konferenz mit dem polnischen Delegierten beim Völkerbund Minister Kajetan M o r a w S k i. Minister MorawSki interessierte sich lebhaft für die aktuellen Probleme der zionistischen Bewegung und versprach, daß Polen im Völkerbunde die zionistische Arbeit nach Möglichkeit tatkräftig unterstützen werde. _ Sin verband der jüdischen Gemeinden Lftgaliziens. Lemberg, 13. Juli. (I. T. A.) Atlf Initiative der Gesellschaft Esra und des Verbandes für Förderung des Handlverks unter den Juden Kleinpolens fand dieser Tage in Lemberg eine Konferenz von Vertretern der jüdischen Gemeinden Galiziens statt, die zunächst über die Frage der Berufs Umschichtung, beziehungsweise der Zuführung der jüdischen Jugend zu produktiven Berufen beriet itttb dann beschloß, die nötigen Schritte zwecks Gründung eines Verbandes der jüdischen Gemeinden in Ostgalizien zu unternehmen. Es wurde ferner beschlossen, alle Kräfte zu vereinigen, um eine genügende Anzahl landwirtschaftlicher Schulen für die jüdische Jugend Kleinpolens zu schaffen und die Mädcherrfarm in Ttanislawow in eine Schule für Dorslwirtschaft umzuwandeln. An der Konferenz nahmen 90 Delegierte teil, die 41 jüdische Genteindcn, darunter die Großgcmcinden Lemberg, Tarnopol, Stanislau, Kolomca, Tarn wo, Drohobycz usw. vertraten. Ten Vorsitz führte der Präsident der Lcmbergcr Gemeinde Dr. Haus m a n n. Griechische Bischöfe von Türken mißhandelt. Unwürdige Vorfälle bei einer Patriarchenwahl in Konst'antinopcl. Athen, 13. Juli. Die Agence d'Atheues meldet: Nach authentischen Berichten aus K o n st a n t i n o P e s, wo für heute die Wahl des Patriarchen angesetzt war, ist der Bischof vonSardes, der wegen seines Widerstandes gegen die offizielle Kandidatur bekannt ist, von drei Personen, d'e sich als Beamte der Sicherheitspolizei ausgaben, aufgefordert worden, sich zur Präfektur zu begeben. In Kazim Pascha angekommen, wurde der Bischof von diesen Personen mißhandelt; sie schnitten i h m d e n B a r t e b und verletzten, ihr: ziemlich' ernst.im Gesicht. Die Patriarchenwahlen verschoben? Athen, 13. Juli. (Havas.) Wie die Blätter ans Konftantiuopel melden, soll die. Wahl des ökumenischen Patriarchen, wie verlautet, infolge dieses und anderer Zwischenfälle — es sollen dreiBischöfegesch lagen worden sein — verschoben worden sein. Eine Bestätigung dieser Nachricht war bisher nicht zu erhalten. Mussolini vom König zur Erholung - befohlen. Rom, 13. Juli. Ter Untevstaatssekretär im Ministevprästdium, S u a r d o, überreichte heute den: Ministerpräsidenten Mussolini eine Einladung des Königs, er möge sich einige Zeit Erholung gönnen und als Gast der königlichen Familie nach San Rossoro kommen. Gnadenfrist für da» Kabinett Painleve. Die Kammer bis 16. Oktober vertagt. Paris, 13. Juli. (Tel.-Komp.) Das heute morgens von den beiden Kammern endgültig angenommene Budget für 1925 schließt mit einem Einnahmenüberschuß von 13,644.060 Franken. Der Budgetentwurf für 1926 ist von Caillaux heute morgens noch in der Kammer eingebracht worden und die Budgetkommission wird während der Parlamentsferien diesen Entwurf prüfen und sofort nach dem Wiederzusammentritt der Kammer darüber Bericht erstatten. Die französische Kammer dürfte nicht vor dem 16. Oktober wieder zusammentreten. In politischen Kreisen wird erklärt, daß die Regierung nunmehr eine Gnadenfrist gewonnen halbe und daß Ähr zukünftiges Schicksal von dem Erfolge der Anleihe und von der Stabilität des Franken abhängt. Fittanznlinister Caillaux ist heute nach Angers äbgereist, um seine verunglückte Gattin zu besuchen. Der Zustand der Madame Caillaux hat sich gebessert und ist zufriedenstellend. Der lettische Geschöitströger in Wien abbernfrn. Wie die Politische Korrespondenz erfährt, ist der bisherige Geschäftsträger von Lettland in Wie», Baron Eduard N o f e n b e r g, am 7. d. von feinem Posten abberufen worden. Sr. gimmermaiis 30. Bericht. Die Monatsberichte des Generalkominissärs Doktor Z i nl in e r nt a u werden immer wortkarger. Zur Zeit ihrer Veröffentlichung ist ihr Inhalt nie ist überholt. Der letzte Bericht, der die Zeit vom 15. Mai bis 15. Juni um-' saßt, wurde erst gestern ausgegeben. Er skizziert unter anderem die von. der Bundesregierung iu Ausführung der Genfer Eaptenlbevvereinbarungen dem Nationalrat vorge-! legten Gesetzentwürfe mck verzeichnet mit Genugtuung di« Einführung der G o l d b i l a n z e n. Während des Bericht- Monats war die Finanzverwaltung gezwungen, wesentlich höhere Borschiisse vom Generalkommissär zu verlangen als im Llpril. Zu dieser Situation trug unter anderem die Geldknappheit der Bundesbahnen bei lfowie Komplikationen, die sich bei den Verrechnungen zwischen dem Bund und dem Lande Wien ergäben. Das Saldo deS Kontos Anleihen wies am 31. Mai ein Guthaben von 47.770 Dollar auf. Schließlich stellt der Bericht eine beachtenswerte Besserung der Handelsbilanz und ein mäßiges Sinken der Zahl der unterstützten Arbeitslosen fest. _ Hakenkreuzler erzedieren bei einer Stauen« Versammlung. Wie Innsbruck für den Schutz der Minderheiten ein tritt. Innsbruck, 16. Juli. Die International« FrauenligafürFrieden und Freiheit, di« ihre diesjährige Tagung mJn n s b r u ck abhält, hielt heute abends eine allgemein zugängliche Berfammliung ab, in der eine Reche von in- und ausländischen Rednerinuen >das Wort zum Thema „Der Weg zu Frieden und Freiheit" ergriff. Die Versammlung nahm stellenweise einen sehr stürmischen Verlauf. Die Galerien und ein Teil des Saales waren, wie es heißt, «von deutfchnationa« len Studeuten und jungen Leuten mit Hakenkreuzabzeichen besetzt, die bereits die einleitenden Worte der Vorsitzenden, Frau Jella Hertzka, durch Zwischenrufe unterbrachen. Die Ausführungen des nächsten Redners, des Innsbrucker Stadtrates Dr. Pembau r, wurden von feinen Anhängern mit ununterbrochenem demonstrativen Beifall begleitet und ein anderer Teil des Publikums, wie es -heißt, zmneist Sozialdemokraten, anttworteten mit Gegenrufen. Die Erregung int Saale steigerte sich immer mehr und hie und da kam es zu Tätli chke i Len. Erst als Polizei im Saale erschien, trat Beruhigung ein und es konnten Frau Lewis (Amerika) sowie Frau Jlova (Vertreterin der tschechischen Liga) ihre Referate erstatten. Die Ausführungen der Frau Jlov-a, die sich der deutschen Sprache bediente, wurden von den deutschnationalien Studenten immer wieder unterbrochen, so daß es neuerdings zu einem argen Tumult kam, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte. Erst nach einiger Zeit konnten di« Referate fortgesetzt werden. Es sprachen Frau P h o (England), Frau Dr. Buchlei tner (Graz) und F«m Cederfeld (Dänemary. Am Schlüsse der Sitzung brächet die Vorsitzende eine vom Stadtvat Dr. Pembaur eingeibrachte Resolution zur Verlesung, die sich u. a. gegen die Unterdrückung der deutschen Minderheiten in verschiedenen Ländern richtet. Morgen wird eine zweite Versammlung der Liga abgehalten mit der Tagesordnung „Wissenschaft und Frieden". Steingrnber nach in Haft. In einer Interpellation, die ein Nationalrat eingebracht hatte, hatte sich Abg. Jerzabek über die Behandlung beschwert, die dem bei dem Haken kreuzlerkra wall in Mödling durch einen Bauchschuß schwer verwundeten Roland Steingruber zuteil wird. Dr. W a b e r, der da's Justizressort verwest, beantwortete die Anfrage wie folgt: „Die Ginlieserung des Steingvuber in das Juquisitenspital des Ladesgerichtes Wien 1 wurde am 24. Juni l. I. veranlaßt, nachdem dem Vorstande des Jnq ui fiten spitales, Hofrat Dr. Kundrat, vom behandelnden Arzte der Klinik Hochenegg mündlich die Auskunft gegeben worden war, ,-daß nunmehr die Haftfähigkeit bestehe". Es ist richtig, daß Steingrub er zweimal vom Jnquisitenfpital zur Röntgenisievnng in die Klinik geführt werden mußte. Zur Verwendung eines Transportmittels war jedoch kein Anlaß vorhanden, da die Entfernung vom Landesgerichl bis zum Allgemeinen Krankenhaus be, kanntlich nur einige Schritte beträgt und Steing ruber vor seiner Aeberstellung in das Jnquisiteuspital bereits durch mehr als eine Woche tätlich längere Spaziergänge im Hose des Krankenhauses unternommen hatte. Zu einer Rücküberstellung des Steingvuber in die Klinik lag anfänglich kein Anlaß vor, da dieser vollständig fieberfrei war und sich eines guten Allgemeinbefindens erfreute. Als aber in der Folge der Vorstand des Jnquisitenfpitals am 3. d. selbst gegen die Fortdauer des Aufenthaltes des Steingruber im Jnquisitens-prtal Bedenken geltend machte, beschloß die Ratskammer des Laudesgerichtes noch am gleichen Tage die Ueberstellung des Steingvuber aus dem Jnquisiteuspital an die Klinik des Professors Dr. Hochenegg im Allgemeinen Krankenhause. Der Beschluß wurde sofort in Vollzug gesetzt. Das von Steingruber gestellte Begehren um Auf, Hebung der -Haft wurde vom Landesgericht a b g e w i ese n. Der gegen diesen Beschluß von Steingvuber ergriffenen Beschwerde wurde vom Oberlalldesgericht keine Folge gegeben. Das Oberlandesgericht hat in seiner Entscheidung als Haftgründe die Flucht- und Kollusionsgefahr noch als gegeben erachtet. Nach Wegfall der Haftgvünde wird das Gericht die Enthaftung des Roland Steingruber verfügen." * Die Wahlen zum Zionistellkongreß. Wir werden llm Aufilahlne der folgenden Zuschrift gebeten: „Das Wahllokal des zionistisch akademischen Vereines Bar-Kochba, Listen «ihrer Dr. Israel Waldmanu, Mitglied der Zionistlsch demokratischen Fraktion, befindet sich im Heirne des Z. A. V. Bar-Kochba, 2. Bez., Große Mohrengasse 16-22. Allltsstllllden vorläufig täglich von 7 bis 9 Nhr abends. Sämtliche Anhänger unserer Richtullg werden ersucht, sich in den Alntsftnnden zur Mitarbeit zu melden.