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Wiener Morgenzeitung · 1925-07-12 · Heft 2295 (12.7.1925) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2295 (12.7.1925)
Date
1925-07-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2096 Sonntag Sache nach und konnten einwandfrei feststellen, daß QuecksilSerdampfe, elektrischen Entladungen anSgesetzt, sich zu einem sehr geringen Teil in Gold umwandcln. Auch der Japaner Nagaoka wies die Umwandlung nach. Die erste Erklärung, der die Eindecker noch immer ,zuneigen, war, daß aus dem schweren Quccksilberatoni, ähnlich wie bei der radioaktiven Zersetzung, ein Heliuttkatom abgespalten wird unter Bildung von Gold. Doch ist diese Erklärung zu bezweifeln, denn nach der herrschenden Rtomtheorie müßte in einem solchen Falle aus dem Quecksilber ein Element mit den Eigenschaften des Platins entstehen. Bevor eine andere Erklärung gegeben wird, sollen zunächst die Grundsätze der modernen A t o m t h e o r i c dargelcgt werden. Zwar sind die Untersuchungen über den Bau der Atome noch lange nicht abgeschlossen, doch läßt sich schon heute, auf Grund der Arbeiten von Rutherford, Bohr, D c b y e u. a. mit der größten Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die Atome sämtlicher Elemente aus zwei Teilen bestehen, aus dem positiv elektrisch geladenen Kern und den Elektronen, d. h. negativen Atomen der Elektrizität, welche in elliptischen Bahnen um den Kern kreisen, wie die Planeten um die Sonne. Die Atomkerne bestehen nun aus einfacheren Teilchen. Ihre Zusammensetzung sowie die Zahl der um den Atomkern kreisenden Elektronen ist von der Stellung des ElMnentes im sogenannten periodischen System abhängig, welches wir erhalten, wenn wir die Elemente nach wachsendem Atomgewicht, bezw. nach manchen anderen Eigenschaften (Röntgenspektren) aneinanderreihen, wobei nach einer gewissen Anzahl von Grundstoffen solche mit analogen Eigenschaften wicdcrkehren. Gold mit dem Atomgewicht 197,2 nimmt die 79., Quecksilber mit dem Atomgewicht 200,6 die 80. Stelle jim periodischen System ein. Es wird nuu angenommen, daß um den Kern des Goldatoms 79, um den des Queckisilbers 80 Elektronen kreisen, daß ferner der Atomkern, der aus einem Gemenge von Elektronen und positiv elek- Irisch geladenen Teilchen besteht, beim Gold einen Ueberschuß von 79, beim Quecksilber einen solchen von 80 positiven elektrischen Ladungen enthält, die ja zum Festhalten Ider äußeren um den Kern kreisenden Elektronen, die je eine negative Ladung darstellen, benötigt werden. Diese Zahlen heißen Kernladungszahlen und bewirken die Eigenart des Elementes. Wir können also beispielsweise Quecksilber als jenes Element definieren, dessen Kernladungszahl 80 beträgt. Dabei kommt das Atomgewicht nicht so sehr in Betracht. Tatsächlich gibt es mehrere Arten von Quecksilber, deren Atomgewicht verschieden (das angeführte Atomgewicht 200,6 ist ein Mittelwert), deren Kernladungszahl aber gleich ist. Diese können voneinander nicht getrennt werden, da das chemische Verhalten von den äußeren Elektronen bedingt wird, deren Zahl ja gleich bleibt, solange die Differenz der positiven und negativen Ladungen des Kernes dieselbe bleibt. Solche Eleniente werden Isotopen genannt (vom griechischen isos gleich, topos Ort, d. h. Elemente, die die gleiche Stelle im periodischen System einnehmen). Eines der Quecksilberisotopen hat nun dasselbe Atomgewicht wie Gold und cs ist naheliegend, daß gerade diese Quecksilbetart cs ist, die sich in Gold verwandelt. Es genügt ja, wenn der Atomkern ein Elektron (besten Gewicht so gering ist, daß es keinen Einfluß hat) aufnimmt, und dadurch eine Positive Kernladung verliert. Es entstchi ein Element mii der Kernladung 79, d. i. Gold. Eine ganz sichere Erklärung kann aber vorläufig nicht gegeben werden. Feststehend ist vorderhand nur die Tatsache der Umwandlung von Quecksilber in Gold. Diese vom theoretischen Standpunkt bedeutungsvolle Entdeckung hat heute noch keinen praktischen Wert und auch bei verfeinerter Arbeitsmethode dürfte sich die künst- Wiener Moraeüzettung. lichc Darstellung von Gold nicht gut lohnen, solange das Quecksilber boch im Preise steht. Sollte ater, was theoretisch möglich ist, die Darstellung von Quecksilber ans dem billigen Blei (Kernladungszahl 82") gelingen, dann sind die Folgen nicht zu übersehen Der Wert des Goldes würde natürlich bedeutend sinken und sein alles bezwingender Zauber würde verschwinden. Verkannte „Achter" im Gerichtssaal. Aktuelle Tragikomödien. Bon Egon Dietrichstein. Bis zum Gerichtssaal ist dieser über 70jährige Dichter, der leider nur int Nebenberufe als Kaufmann zeichnet, so daß ihn sein Anwall infolgedessen unter Aimicnrccht vertreten mußte, eine rührende Gestallt. Bis zum Gericht Ga alle. Hier mußte er einem Zivilrichter die angeblichen Vorzüge seines Dramas erklären rrnd von der miferMen literarischen Gesellschaft, die ihn nicht anerkennen wollte, zumindest den mcutct^ eilen Schadenersatz von mchreren hundert Millionen fordern. Nild unser Mitleid mit dem emtäuschtcn Greise wird höhnisch: Er würde, besäße er cs, sein ganzes Vermögen Hingaben, nm fein Dvoma nicht int Verha ndlnngssaalc, sondern aus irgendeiner anderen Bühne aufgeführt zu seihen und vielleicht hätte sich ein Theater gefunden, das sich mit der Anerkennng seines Talentes sanierte. Aber dieser Greis ist avm. Und so wird er nicht einmal in dem ihm gebühreiidcn Ghreugräbe bestattet ivevden, bevor die Thoaterdrvoktian sein Stück aufführt oder auch nur den geforderten Schadenersatz zahlt. Dieser steinalte Dichter Nagte also — lvoil die Direktion -ein Manuskript nicht mit der Sorgfalt eines ovdontlichen Kaufmannes verwahrte und zurücksandte, sondern höchstwahrscheinlich durch den Diener auslehren ließ. Irr Wirklichkeit aber erschien'er nicht als Kläger, sondern als Ankläger, klagte an wegen der erlittenen Enttäuschungen und Kränkungen, wegen Unverständnis nnd Mangel an Idealismus, klagte an, weil den Dheaterdiroktoren ein Stück, das nach einigen halblvegs beisuchten Menden stirbt, lieber ist als ein unsterbliches Werk, das die Premiere nicht überlebt, klagte schließlich das Gericht an, das über sein Drama wie Wer eine Dntzenld- Bagatelle-Caufa verhandelte, über den „Verlust eines Manuskriptes", wo es sich ii.nt den Verlust eines BühnenHerries handelte. Das verbitterte, übergangene und überse-hene Leben dieses unglücklichen Dichters hat einen Glanz- und Höhepunkt. Die Sonne ging über sein ramponiertes Dasein aus, als die Direktion des Burgtheaters sich außerordentlich lobend über das Werk ausfpvach und versicherte, das prächtige Drama würde hier zu lauge dem PMiikmn entzogen werden und die Direktion beehre sich daher, es lediglich aus diesem Grunde dem hochgeehrten Dramatiker mit Bedauern zu retournieren. Der Dichter ahnte nicht, daß die Ursache dieser Gunst nur im wohlausgestatteten Personal der Burg zu suchen sei, die sich erlauben könne, Sekretäre zu halten, die Zeit finden, einige Phrasen in die Schreibmaschine zu diktieren; er hicllt die konventionellen Zellen für ein« Kritik, für einen Freibrief, an einer anderen Bühne aiufgcführt zu werden. Diese andere Bühne, die sich jedoch von der Burg vor allem dadurch unterschied, daß sie über eine minder sorgfältige Registratur verfügte, behandelte das Drama als Makulatur und spendierte nicht einmal das Rückporto. So setzte sich denn der Dichter hin und klagte die Direktion, nicht olhne die Vorzüge seines Werkes pathetisch hervorzuhclben. Insbesondere die Szene, wo der Buvgherr in die Burg reitet und die verlassene Gattin weinend wicdeufinbvt, soll nach seinen Ausführungen ein dramatisches Ereignis von klassischer Größe sein. Aber schon der Verteidiger lehnt die Verantwortung hierfür in einer Zuschrift alb, in der er be- 12. Juli 1925 Seite 7 famtt gibt, Oio.jc Ansicbt rühre vom Dichter selbst und nicht von i-hm, dein „Armenvertreter" her, er habe sie sozusagen im Vollinachtsnanden seines Klienten wiedergegcbcn. Immerhin dies würde nicht gegen die klassische Größe des Angenbltcke» sprechen: wohl aber begreift matt schon aus diesem Zitat, daß das Stück die Theaterdirektoren abfchrcckt: das Stück scheint' sehr präpotent als „Ausstattungsstück" aufziitreten: der verehrte Verfasser ist offenbar der Ansicht, daß auch die höchsten Investitionsspescii für ein so begnadetes Werk tticht zu teuer wären und vergißt nur, daß der Tbcaterdirektor, der solche hohen Regien opfert, ein Publikum voraussetzen winde, das sich solche klassische Kunstwerke auch Ivnnschgemäß viel kosten läßt. Dieser Dichter scheint allerdings nur int Aebenbernse, Kaufmann ,zn fein, aber auch in diesem Rcbenbernse wird er seine Speisen und Regien genau kalkulieren, wenn nicht etwa seine Armut daraus hindeutete, daß er auch im Nebenberufe mehr Dichter a>ls Kaufmann ist. Dieser klagende tnid anklagende Dichter ist ein Typus, den mau im Vorzimmer der Thcaterkanzletcu, int Warterannt bekannter Kritiker und Schriftsteller, in den Volkstaffoehänsern gewiß häufiger findet als rnt Zivi tgc richte. Und zwar hx allen Jahrgängen, in allen Haupt- und Nebenberufen. Diese Dichter präsentieren „idcaile Forderungen": die Verleger, Dheaterdirektoreu — so zürnen sie — bringen den „Schmarrn" vor die Oeffentlichkeit, den die Oeffentlichkeit bezahlt. 9titu haben sie damit vor allein deshalb unrecht, weil die Bilanzen der Thoater auSivciseu, daß die Stücke vielfach dirrchans nicht oder wenigstens nicht genügend attraktiv wirkten. Aber sie habeil teilweise recht: der Theaterdiroktor,, der Ver lag sucht die Zugkraft. Und es ist ein weit verbreiteter Dichterirrtum, daß ein Stück hoch zn Roß, in Hexametern dahertrabeit inuß. nm esu gutes Stück zu sein, daß es znm Weisen des guten Stückes"gehört, daß es dem. Direktor, der ein Geschäft machen loill, nicht behagen kanu. 'Andererseits wird und kamt ihre ideale Forderung, daß ein Werk tun öer Kunst willen ausgefi'chrt wird, tticht ctuaelöjt werden. Getränkt ntit Idealismus, wenden sie sich au dcrt Thcatevdiroktor statt an den Mäzen, ivas vor allem darin begründet ist, daß der Theaterdiroktor tollwcise noch iiimrcr existiert, während der Mäzeil zugrunde gegaulgen ist. Nun sind es durchaus nicht die bekannten Autoren, welche die höchsten Fordermugett an den Dhcaterdirektor stellen, sondern die unbekannten, die verkannten Genies. Mit diesen Forderungen sind nicht die Tantiemen geme-mt, die deit Theaterdirektor wenig belästigen, sondern ''Ansprüche anderer Art. Das verkairnte Genie fordert, daß sein Stück in der besten Wintersaison, in der kostjspiöligsten Ausstattung ge-geben wird, es verhält sich gegen den Rar des Direktors und Regisseurs ablehnend, wahrt sich gegen den Ansfall eures unsterblichen Textsatzes, hält es für degradierend, ein Stück anMhren zu. lassen, das nicht mindestens fünf Stunden lang zu genießen ist, uird klagt, wenn das Manuskript vevlorcn gcht, auf hundert Millionen Schadenersatz, so daß es für den Theaterdivektor einigermaßen gefährlich ist, ein Manuskript per Post znge-i sandt zu erhälten. Der besprochene Dichter gehört in diesen KaUehausfäloir der Bevkarmken. Und das Bnrgtheater, das ihm eine akademische Anerkennung zollen wollte; Hai da ein Unheil mit Rechtsfolgen angerichtet, Es wird ails Zeitige darüber vernommen ioerden, ob das Zeugnis, das dem Mltor über das Stück ansgestellt wurde, ehrlich, nach gründlicher und reiflicher Prüfung ausgestellt wurde, ob das Buvgtheater sich ein klassisches; Meisterwerk wirklich nur wegen Ueberflnß an Talenten eillgehen ließ, oder ob eine gaM MvöhnLiche Ablehnung sich ht ein gefälliges Extevtettlr korrventioneller Phrasen einhüllte. Es bedarf jedenfalls der, sagen wir —: Gewissenhaftigkeit. eines österreichischen Gerichtes, urn hierüber int Zweifel zu sein.

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