Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2295 (12.7.1925)
- Date
- 1925-07-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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SeNe 8 Men. Sonnka- '_ 151*'**? Mv?*r*z*sitt«U. WM *\ * *• 'V&%& v* v w Cs MWWMWtzWM im Theodor Herzl (X) in Konftantiriopel (1903) <mf der Terrasse des Hotels auf der Priuzeninsel. Rechts stehend: Dr. Welltsch. Kleine Erinnerungen an Theodor Herzl. Don Nina Wellisch. Das Losen der Tagebücher des verewigten Führers war für mich ein Wiedererlöben seiner drei letzten Besuche in Konstantinopel. Ich sah wieder die fürstliche Gestalt des Mannes mit den müden Zügen auf dem blassen, von dem langen, schwarten Bart umrahmten Gesicht vor mir, an jenem denkwürdigen Freitagabend nach seiner Audienz beim Sultan, als er nach Ende des Gottesdienstes beim Ausgang des Tempels mit seinen Begleitern, Wolfsohn, Oskar Marmorek und meinem Manne, auf mich wartete. Hier sprach ich ihn zum ersten Male. Der bergauf führende Weg dürfte ihm schon Damals beschwerlich gewesen sein, doch bestand er daraus, mich bis zu unserem Hause zu begleiten, was ich vergebens ablehnte. Die kurze Wegzeit genügte, aus der hervorragenden Persönlichkeit des Mannes den edlen Menschen herauszufühlen. Es schien, als wenn er sich einen Augenblick aus dem Bannkreis des großen Erlebnisses des Tages flüchten wollte, um der Ermüdung, die er nicht ganz verbergen konnte, Herr zu werden. Ich stand, ohne mir vorerst darüber Rechenschaft geben gu können, unter dem Eindruck, daß man der Person dieses hohen, scheinbar kräftigen Mannes mchr als gesellschaftliche Rücksichten schuldet. Hierzu kam noch die Bedachrnahme seiner beiden Freunde auf alles, was seiner Bequemlichkeit Eintrag tun kormte, die Art und Weise, wie sie immer wieder bemüht waren, ihn vor jeder Uebermüdung zu schützen, was auch uns, meinen Mann und mich, bestimmte, unser Verhalten dementsprechend einzurichten. Aber wer kormte es ahnen, daß diesem Manne nur mehr drei kurze Lebensjahre bevorstauden. Vielleicht er selbst, denn er sprach des öfteren, insbesondere nach dem Tode seines DaterS, über die Vergänglichkeit alles Irdischen, als wenn er sein nahes Ende vorausgesehen hätte. Er dachte viel und immer an seine Familie und seine Estern, rühmte die wertvollen Ratschläge feines Vaters und die fürsorgliche Liebe seiner Mutter, die noch immer das Kind in ihm sich. Er ließ es sich niemals nehmen, die Depesche, in welcher er seine Ankunft seiner Mutter anzeigte, selbst zum Amt zu bringen. Im Laufe eines Gespräches bemerkte er einmal, daß seine Frau, wenn er nicht zu Hause, sehr unzufrieden sei. „Das kann ich ihr nicht verdenken", sagte ich, „den Mann, den alle Welt in Anspruch nimmt, sähe sie lieber zu Hause." „SDas ist wahr", erwiderte er, „aber es geht nicht. Sie ist eine sorgende Mutier," fuhr er dann fort. „Unsere Paula, die ein schwaches Kind war, hat meine Frau allein durch ihre aufopfernde Pflege gerettet." Dann zeigte er mir das Bild seiner Jüngsten. Es war wahrhaftig entzückend. „Das ist ja ein Püppchen, ein Engelchen," sagte ich. Mit einem seligen Gesichtsausdruck und seiner langsamen, gedehnten Stimme erwiderte er: ,Ja, das muß ich selber sagen, das ist ein Engelchen." „Und wem gerät der Junge nach?" srug ich. „Der Hans, der Hans", erwiderte er nachdenklich, ,/gerät seiner Mutt e r nach." Das Gespräch Jam dann auf die Erziehung der Kinder. MS ich ihm von unserer Absicht sprach, unser Kind in den englischen Kindergarten zu schicken, sagte er, daß es ihm ein Seettnswmrsch sei, seinen Kindern eine englische Erzichung geben zu können. „Es ist aber schwer", bemerkte er, „denn das Leben erfordert viel, sehr diel." Der Zufall wollte es, daß er schon dreimal bei uns war, ohne unser Kind angetrossen zu haben. Da begegnete ich chm einmal aus der Straße, als er gerade nach unserer Hausnummer sah. Er wollte unser Kind sehen. Ich ließ meine Besorgungen für später und ging mit ihm in den nähen Garten, wo sich unser Kind mit der Bonne aufhielt. Ms das Kind mich erblickte, kam es uns entgegengelaufen. „Das ist ja auch ein Engelchen," sagte er. Nie könnte ich vergessen, mit welch groß geöffneten Augen das Kind den hohen, stattlichen Mann anblickte und aufhorchte, ÄS er zu Hm sprach. Obgwar er me lange vom Hotel fernbleiben wollte, für das Kind, das er an der Hand führte, hatte er Zeit. Pietätvoll bewahrt unsere Tochver eine Schachtel Puppenmöbel, die er ihr, als sie einmal wegen einer Erkältung zu Hause bleiben mußte, mit seiner Visitenkarte sandte. . Eines Tages, als wieder einmal vom orientalischen Leben die Rede war, bat er mich, ihm einiges aus rmserem Leben in der Türkei zu erzählen. Es war während seines ztveiten Aufenthaltes, bei welchem er von Josef Cowen, den er mir ÄS seinen besten Freund vorstellte, begleitet war. Fürchtend, daß ihn eine lange Rede ermüden könnte, beschränkte ich mich auf eine ganz kurze Darstellung aus der Zeit, wahrend welcher mein Mann der internationalen Sanitätsverwaltung für die Türkei angehörte. Wie ich kurz entschlossen mein wohlgeordnetes Haus verließ und nach Kleinasien ging, um mit meinem Manne in einer Lazarettbaracke zu verbleiben, bis er uns eine Dienstbaracke erbauen ließ. Wie der Sturm über das hoMosgelöste Blechdach sauste, der tagelang strömende Regen darauf niederprasselte, wie wir über den Betten Schirme cmbrrngen mußten, die nasse Kälte uns schüttelte und wir glücklich waren, unsere Hände am Mangal (Holzkohlenfeuerbecken) wärmen FU können. Wie das Erdbeben meterbveite Oefsnuwgen in das morastige Gelände riß und mein Mann von der Cholera befallen wurde. Zu Cowen gewendet, sagte er: „Was Joe, daS war interessant? So ein bißchen müßten Sie meiner Frau erzählen", meine er, „sie würde dann vielleicht nicht glauben, eine Reise im Schlafwagen von Men nach Paris als eine Leistung ansehen zu müssen." Und ich verübelte es Herzjl, daß er einmal an meinen Mann schrieb: ,/Ärüßen Sie Ihren Kameraden", und ungarisch hmzufügte, „aber sagen Sie chr nicht alles, mich ich sage meiner Frau nicht alles!" Während seines letzten Aufenthaltes wohnte ex Ln Sommer-Palace am Bosporus, Wolfsohn und mein Mann mit Hm. Eine Mietjacht erleichterte ihm das aufreibende Hin und Her von und zum Palais des Sultans. Er wollte, doch konnte er nicht die Schönheiten des Aufenthaltes am Bosporus genießen, da er jeden Zeitverlust und jeden Mißton vermeiden und dem Sultan zu jeder Stunde zur Verfügung sein wollte. Rur wenige heitere Augenblicke unterbrachen die Sorgen der Verhandlungen. Nach, einiger Zeit kamen seine Briefe spärlicher. Noch aus Franzensbad schrieb ex an meinen Mann: „Ihre Umsicht und Kenntnis der Dinge werden genügen, wenn nötig, allein Bescheid gu wissen." Bald nachher kam die Todesnachricht, die uns tief erschütterte. zwei Mische SMtchen in Rußland abgebrannt. Aus Moskau meldet I. T. A.: In der Semen Stadt L u b a n, Distrikt S n z k, brach ein Brand aus, dem 40 von jüdischen Familien bewohnte Heimstätten, bestehend aus mehr als 100 Gebäuden, voWandig zum Opfer gefallen sind. Fünfzig jüdische Familien sind obdachlos und ihrer ganzen Habe beraubt. — Am gleichen Tage brannte das Stäbchen P u ch o w i t s ch i desselben Kreises vollständig ab. Der Massenmord in Halger. Montag Urteil gegen Angerstein. Linrburg, 11, Juli. (Wolfs.) In der Verhandlung gegen Angerstein wurde nach Beendigung de's Zeugtznverhörs in die Vernehmung der Sachverständigen eingegangen. Sie vertraten sämtlich den Standpunkt, daß sich Angerstein bei Begehung der Tat nicht in einem Zustand der Bewußtlosigkeit oder krankhaften Störung seiner Geistestätigkeit befunden habe, somit also die Strafausschließungsgründe des Strafgesetzes auf ihn nicht anwendbar feien. Das Gericht wird Montag die Plaidoyers anhören und voraussichtlich noch am gleichen Tage das Urteil fällen. Antworten der Redaktion. Dr. Singer. Wenden Sie sich an dar Palästi»aami, 1. Bef, Paiierritarkt 24. _12, Mi 1926 Nr. 2896 Sie künstliche Darstellung Des ©olöes. Von Dr. Binem Aszkenazh. Die Sucht nach dem Golde ist so alt, wie die menschliche Zivilisation. Gewöhnliche Sterbliche, die es nicht wie die Könige und Fürsten durch Kriege erwerben konnten, suchten es mit Hilfe magischer Kräfte künstlich darzustellen. Es entwickelte sich mit der Zeit die von den Arabern nach Europa verpflanzte Afterwissenschaft, die Alchimie, die im Mittelalter und noch lange nachher alle führenden Geister des Abendlandes beherrschte, deren Ziel es war. unedle Stoffe in Gold zu verwandeln. Daß dies möglich sei, bezweifelten die Alchimisten nicht. Denn seit undenklichen Zeiten war ja die Verhüttung der Erze, die Gewinnung von Kupfer und Eisen usw. aus ganz anders auSsehcnden Naturprodukten bekannt und wenn es gelang, aus dem metallisch blaßgelb glänzenden Eisenkies (er enthält mitunter fein verteiltes Gold) tatsächlich Gold zu gewinnen, so müßte man auch, dachten die Alchimisten, aus anderen billigeren Metallen Gold darstellen können. Man müßte nur das geeignete Mittel finden, um dies zu bewerkstelligen. Sie suchten nach dem Stein der Weisen, nach dem schwärzest Präpatat, welches dies ermöglichen sollte, nach der „Quinta.cssentia", die die Umwandlung bewirken würde u. dgl. Es würde zu weit gehen, die Methoden anzusühren, die verwendet wurden. Es sei hier als Äeispiel bloß ein Gedankengang wiedergegeben: In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam der Kaufntann und Alchimist Brandt auf folgenden Einfall: Der Mensch, als edelstes Geschöpf auf Gottes Erden, meinte er, müßte mit dem edelsten Stoffe, Gold, irgend welche Verwandtschaft aufweisen. Er dampfte nun menschlichen Harn ein, destillierte ihn aus einer irdenen Retorte und glaute so einen Liquor, eine Flüssigkeit erhalten zu müssen, die jeden Stoff in Gold verwandeln könne. Den Liquor erhielt er nicht, dafür aber einen im Dunkeln leuchtenden Stoff, welchen er „phosphorös" (Lichtträger) nannte. Im Harn befindet sich nämlich ein wenig Phosphorsalz, das bei der hohen Temperatur und Luftabschluß, durch verkohlte organische Ueberreste zu Phosphor reduzrert wurde. Der eigenartige Stoff wurde viel bewundert und brachte Brandt, der ihn auf Fürstenhöfen feilbot, reichlichen Gewinn, solange seine Herstellungsweise unbekannt blieb. Wie in diesem Falle, so war es auch in vielen anderen und obzwar die Goldsucher die Ergebnisse ihrer Arbeiten in der Regel geheim hielten, förderten sie die Kenntnis der Stoffe und ihrer Eigenschaften in außerordentlichem Maße, und ermöglichten die Entstehung und Entwicklung der chemischen Wissenschaft, der Lehre von den Stoffen. Diese von L a v o i s i e r vor Ende des 18. Jahrhunderts begründete moderne Chemie, deren oberste Grundsätze die von der Erhaltung der Masse und von der Unzerstörbarkeit und Unveränderlichkeit der Elemente waren, negierte vollständig die Möglichkeit, Gold künstlich darzustellen. Sie vertrat mit vollem Nachdruck den Standpunkt, daß es wohl möglich sei, Elemente, deren man jetzt im Gegensatz zu Aristoteles über 80 zählte, miteinander zu verbinden (z. B. Quecksilber und Sauerstoff zu rotem Präzipitat, Eisen und Schwefel zu Schwefeleisen usw.), keineswegs aber ineinander umzuwandeln. Es wäre also nach dieser Theorie auch unmöglich, Gold, das wie alle Metalle ein Element ist, aus einem anderen Grundstoff herzustellen. Die Hypothese von P r o u t (1815), wonach alle Elemente aus einem Urstoff/ als welchen er Wasserstoff betrachtete, bestehen, wurdefallen gelassen. Die weitere Entwicklung hat uns eines anderen belehrt. Bor nicht ganz 30 Jahren wurden die sogenannten radioaktiven Elemente entdeckt. Es sind Elementes die in fortwährendem Zerfall begriffen sind, wobei aus gegebenen Grundstoffen unter Ausschleuderung von doppelt positiv elektrisch geladenen Heliumatomen oder negativen Vektrizitätsteilchen, Elektronen, neue Elemente mit anderen Eigenschaften entstehen. So ist der Beweis erbracht worden, daß aus dem kostbaren Radium mit der Zeit das fast wertlose Blei entsteht u. a. m. Müßte nun von der Annahme der Unzerstörbarkeit, der Elemente Abstand genommen werden, so stand man doch der Erscheinung der Radioaktivität machtlos gegenüber, denn man konnte und kann auch heute den radioaktiven Zerfall weder beschleunigen noch verzögern, noch gelang es, zunächst künstlich irgendein Element in einfachere Teile zu spalten. Als aber der glückliche Wurf endlich gelungen, als im Jahre 1918 der bekannte Radiumforscher Rutherford Stickstoff, der auch heute als Element im landläufigen Sinne gilt, in zwei leichtere, bekannte Elenrente, Helium und Wasserstoff, zerlegte, da stand es fest, daß die Zerlegung der Elemente nur eine Frage der Zeit ist, daß die Elemente keine einfachen Stoffe find, daß vielmehr ihre kleinsten Teilchen, die Atome (stammt vom griechischen atomoS — unteilbar) komplizierte Gebilde sind, um so komplizierter, je größer ihr Gewicht. Die Verwirklichung des alten Alchimistentraunres gewann nun viel an Wahrscheinlichkeit und vor > einem Jahre ungefähr wurden wir von der Nachricht mehr oder weniger überrascht, daß der deutsche Photoj chemiker MLethe und sein Assistent Stammreich! eine Methode zur Umwandlung von Quecksilber in Gold! gefunden haben. Wie das Schicksal es schon will, fanden! sie durch Zufall, woran Generationen vergebens gearbeitet halten. Und interessanterweise ist das AuSgangsmaterial! gerade Quecksilber, auf welches die Alchimie wegen seines1 ausgezeichneten flüssigen Zustandes die größten Hofsnun-' gen fetzte. Miethe und Stammreich fanden zufällig in einer j ausgebrannten Quecksilberlampe Goldspuren, gingen der i