Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2291 (8.7.1925)
- Date
- 1925-07-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981376--23281-3010782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2291 Wien, Mittwoch Wiener Mornen^eiluna. Seite 3 Jm I I HAUSBESITZER! Xfflnfiim zerbrechen Sie sich den Kopf, wo Sie urum (j|e Mittel zur Instandsetzung Ihrer Grundstücke lietnehmen? UTpt/ Sie n'c*lt wissen, dass wir Ihnen diese Hr dl Sorge abnehmen \V7fr setzen Ihr Eigentum in kurzer Zeit reell und wir ir gewissenhaft instand, wir bewahren Ihr Eigentum volle 6 Jahre weiter vor sonstigen Schäden und Sie zahlen an uns in monatU Raten den vereinbarten Betrag zurück Gesellschaft für Hausetinstandsetzungen Berlin W.35, KurfUrstenstr. 50, an derGenthinerstrasse Tel.: Kurffirst 5311, Noilendorf 5170 imo ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■lIMIHailMMMn ■ I ■ ■ ■ s ■ m m Sitte Snrmnt-S nfation. Polizeipräsident Richter revidiert seine Aussagen. — Ein Nervenzusammenbruch. — Hermanns Meineid? Berlin, 7. Juli. (Tet.-Komp.) Im Barmat-Äusschnß bos preußischen Landtages gab es Heute eine Sensation. Der frühere Polizeipräsident Richter erschien wie viele andere — so meldet das „Acht-Uhr-Abendblatt" — heute nochmals vor dem Ausschuß zur Voreidlgnng seinerfrüheren Aussage. Richter erklärte nun unter großer Bewegung, daß er genötigt sei. auf den ganzen Fragenkomplex vor seiner Vereidigung uochntals zurückzurkammen. Er legte ausführlich die Intimität seiner Freundschaft dar, die ihn mit Barwat verbunden ,lhat. Zur großen Ueberraschung des Ausschusses liefen ihm dabei die Tränen über die Mangelt und schließlich 'brach;et in kon vulsivisches Schluchzen aus, in dem seine Worte vollkommen unverständlich blieben. Der Polizeipräsident erlebte einen so starken Nerve nzusamw e n b r u ch, >daß die Sitzung auf ungefähr eine Viertelstunde ausgesetzt werden mußte. Nachdent er sich einigermaßen erholt hatte, erklärte er, es habe ihn belastet, daß er einmal davoll gesprochen halbe, daß Barmat seine Krankheit simuliere, während er sich davon^ überzeugt habe, daß Julius Barmat ein sehr Lvanker Mann sei, Ziemlich ullumwunden bekannte nun der Polizeipräsident, daß er sehr erhebliche Geldssummen bei den verfchiedcnstelt Gelegenheiten von Barmat erhalten habe. Er entschnldigte sich damit, daß sein Gehalt als Berliner Polizeipräsident nicht ansge- ,reicht habe, seinen Pflichten für den Unterhalt seiner ,Familie und für sich nachzukoinmen. Barmat habe ihnt deshalb unter anderem auch einmal für seine Familie einen Bad e a u fe n t ha l t all der See verschafft. Bei einer audereir Gelegenheit habe Barmat seiner Tochter mehrere Geburtstagsgeschenke gemacht. Seilte früheren Anssagett müsse er dahilt ergänzen, daß Barmat für ihn nicht nur De ma-Aktien, sondern auch Aktie,t des Norddeutschen Lloyd und der amb n rge r El e k t r i z i t ä t s w e rke beschafft habe.!J>m Aufträge Barmats habe er ailch Geschenke besorgt, die dieser seinen Freunden ltach der Rückkehr von 8. Juli 19*23 den Reisen übergab. Darunter habe sich auch einmal ein Geschenk für Heimann befunden, der im Altsschltß unter E i d erklärte hatte, daß er niemals Geschenke entgegengenormnen habe. Obwohl diese Aussagen Richters in nichtöffentlicher S i h u ,l g gemacht wurden, beschloß der Ausschuß, sie in Anbetracht ihrer Wichtigkeit nicht als vertraulich zu betrachten. Ae MarM-Komödle. Budapest, 7. Juli. (Tel.-Komp.l Bor der königlich Tafel begann heute die Berufungsverhandlung gegen den zum Tode verurteilten Bombenwerfer M a r f f y, der den Anschlag im Elisabeth st ädter Kasino verübt hat, dem 9 Persotterr zürn Opfer fielen. Der Gerichtshof hat bekanntlich die Ergänzung des Beweisverfahrens in 28 Punkten angeordnet. Nach Einvernahme einiger von der Verteidigung geführten Zeugen, die sämtlich bestätigten, daß Marffl) in der kritischen Zeit vom 1. bis 3. April 1923 überhaupt nicht in Budapest war, wurde die Verhandlung auf Donnerstag vertagt. _ ginc unerwartete Folge der Einwanderung«' guote. Zu einem sehr beachtenswerten Schluß gelangt die soeben von: „National Industrial Conference Board" in N e w - N o r k herausgegcbenen Statistik über die Arbeite vehtWanderung und -Abwanderung im abgelaufenen Berichtsjahr. Der New-Aorker Jndnstriellenverband stellt an der Hand der Ziffern einwandfrei fest, daß jetzt mehr Arbeiter aus Amerika ab wandern als dahin einwandern. Im Lause der zehn Monate Juli 1924 bis April 1925 kamen 27.908 Arbeite re in Wanderer in die Bereinigten Staaten, während im selben Zeitabschnitt 44,760 Arbeiter das Land verlassen haben. Das ergibt einen Verlust von 16,842 Arbeiter für Amerika. Es handelt sich hier um Arbeiter ohne bestimmtes Fach. Int vorangegangenen Jahre sind int gleichen Jahresabschnitt insgesamt 97,886 fremde Arbeiter in Amerika gelandet. Diese Erscheinung tritt erst seit E i n s ü h r u n g der 3 w eipro; en t i g e n E i n w a n d e r u n g s q n o t e zutage. Letzte Kurse. New-Borker Devisen. New-Bork, 7. Juli. (Tel.-Komp.) Berlin 23.80, London Kobel 4.867g, London Chec 4.817«, Amsterdam 40.10, Paris 4.747«, Brüssel 4.61, Nom 3.657,, Madrid 14.53, Zürich 19.41, Stockholm 26.81, Oslo 18.04, Kopenhagen 20.57, Wien 14.—, Budapest 14.-, Prag 2.967«, Belgrad 1.75, Athen 1.70, Buenos Aires 0.407,, Rio de Janeiro 11.—, Bukarest 0.46. Amerikanische Getreidemärkte. New-Aorl», 7. Juli. lTel.-Komv.) Weizen rot Winter 1757«, Weizen hart Winter 1647„ Mais 1137«. Hafer 547«, Roggen 1147«. Chikaftv. 7. Juli. (Tel.-Komp.) Weizen per Juli 147-/«. September 1447,,. Dezember 146*/«; Mais per Juli 997« September 1047,, Dezember 88; Hafer per Juli 467«, September 46Vg. Dezember 497« \ Roggen per Juli 987«. September 100-/«. Dezember 1037g. OTTO OTTO Zur Ausübung meiner» Tätigkeit habe ich mioh in Berlin niedergelassen und Behandle in dem ärztlich geleiteten WMMliurlW WiMiilii« Tel. Bism. 3030 G. m. b. H. Tel. Blsm. 3635 Berlin, Kurf ttrttendamm 62 Behandelt werden mit ärztlich nachgewiesenen Erfolgen selbst angeblich hoffnur>aalose Erkrankungen psychogener Art, wie; GcmtHt'Leiden Sprach-Lelden Sexualst&rnngen JPlat/angst^ irchins / Neuralgie Neurosen Nervöse Kopfschmerzen Voruntersuchung durch ärtzl. Autorität täglich von 10—i Uhr Meine Broschüre „Die Heilung der Seele" 1091 ist zum Preise von M. 2.— b-»l obiger Adresse beziehbar „Herr Werre" gestorben. Paris. 7. Juli. (Tel.-Komp.) Der Generalsekretär der französischen Kammer, Engen Pierre, ist beute nach kurzer Krankheit im Atter von 77 Jahren gestorben. Zn Beginn der Nachmittagssitzung der Kammer hielten ihm Herriot namens der Kammer und P a i n l e v c im 9!amen der Regierung den Nachruf. Pierre gehörte seit 1866 der K a m m e r a n, deren Generalsekretär er im Jalire 1885 wurde. Er galt als Autorität für innerpolitische und parlamentarische Fragen und hat auf diesem Gebiete eine Reihe von Werken veröffentlicht. (Theodor H e r z l, dessen „Palais Bourbon" bis heute ein lebensprühendes Bild der französischen Kammer geblieben ist, hat in diesem Buche auch „Herrn Pierre" geschildert; die Schilderung ist unvergleichlich plastisch und zählt zu dem Besten, was Herzl geschrieben hat. — Die Red.) Renten- und Hypothekenauswertung. Der Kleinrentner-Untevausschuß des Finanzausschusses beendete gestern die Generaldebatte über die von den Abgeordneten Dr. S ch u m a ch e r und Dr. Angcre r vorgeschlagenen Gesetzesanträge (Kleinrentnergesetz und Hypothekenanfwevlniigsgesetz). Die Regieruugsvcrtreter erhoben keine prinzipiellen Einwendungen, während die SozmDemokraten Dr. Eisler uns H öl z { die Entwürfe als ungeeignet für eine Lösung des Aufwertuugsproblems .bezeichueten. In der Dpezia-Ibsbatte über das Hypotheken a u f w e r t u n g sgesetz wurde eine Reihe von Anregungen gegckben, die Doktor A n g e r e r in fünf Fvagepunkte zuisannnensaßte. Sie betroffen den Umfang der Aufwertung, den Rnckwirllungstermin und die Borgangsweiise in Elnzelfällen. Zn diesen Fragen werden die Parteien heute Stellung nähmen, woraus der Unterausschuß morgen feine Beratungen fortfetzen wird. * ° Der Verband der Sparer und Kleinrentner hat allen Parteielt des Nationalvates drei Gesetzesvorschlägc überreicht. Der erste Entwurf behandelt die Rückzahlung der Anleihen des Bundes, der Länder und Gemeinden sowie der Spareinlagen durch die Sparkassen an die Kleinrentner. Zu diesem Zwecke soll diese Anleihe in eine vierprozentige auif GoDschillinge lautende Ahl ös ung s a n- Bon S. Meifels. Ob matt am Stile den Menschen erkennt, ist zweifelchast; 'daß sich aber in den Volksliedern die Seele eines ganzen Volkes offenbart, ist gewiß. In den jüdischen Volksliedern spricht sich die Seele eines Volkes mit allen ihren Sehnsüchten und Wünschen, ihren Träumen und Hoffnungen ans. Ter Familiensinn nutz die Streitsucht, der Heldenmut und die Untmonsigkeit,' das Gottvertrauen . atittlb die Verzweiflung, die Lebensbejahnttg und der Weltschmerz — alle^Lngeiiden und Riängel des Ghettojndentnms treten in diesen Volksdichtungen deutlich zutage. Ursprünglich sind die jüdischen Volkslieder geschaffen Worden, imu von Frauen gesungen zu werden. Das beweisen in erster Linie die Wiegenlieder, mit denen jüdische Mütter ihre Lieblinge .in den Schlaf sangen. Diese Lieder entständeu im Ghetto, i.nic Bäume ans der Erde wachsen. Wie Natnrlante klangen sie hervor ans den Herzen der Mütter. Jede Mutter hatte irgend ein Wort ihrem schlafenden Engel, ihrem Sonnenscheiiichen zugerufen, und wie von selbst reihte sich ein Wort an das andere. So entstand das jüdische Wiegenlied. Später lullte damit jede Mutter ihr Kind ein. In ihren Gedanken konservativ, fand sie darin alle Wünsche nnd Hoffnungen ausgedrückt, die sie für die Zukunft ihres Kindes erfüllten. An den Wünschen im Ghetto hatten die Jahre wenig geändert,' sie blieben stereotyp. Und was wünschte sich eine jüdische Mutter? Daß 'ihr Sohn ein frommer, thorakundiger Jude, ihre Tochter eme züchtige Hausfrau we.rde. Das wünschten sich alle Müller im Ghetto: die Frau des Rabbiners wie die des Hol;- haiuers. Alle sangen sie dieselben Wiegenliedchen. Es klang wie ein Gebet, wie der Feenspruch au der Wiege Schneewittchens. Wie in der Gebetorduuug andere Gcbetstücke ifür den Mcnm nnd andere für die Frau Vorgelschrieben sind, so tzvar auch ein anderes Wiearnlied für das Knäblein, ein anderes für das Mägdelein. Unter der Wiege 'des Söhn« ichens waren Rosinen und Ntandelu Damit wird mein snnale (Söhnchen) handeln Und Thora ivird er lernen Und ssorim (Bücher) wird er schreiben. Auch unter der Wiege des Töchterchens waren //Rosinen und Akandeln". Aber eine Tochter braucht keine „Thora lernen". Ihr Berns ist ein anderer; sie soll häuslich und wirtschaftlich erzogen, dabei auch schreibens- und lesenstundig fein. Wirst araus öiut der wieg Hat man Arbeit schon genig Vorbvrei't für dick) atzind (jetzuuid), Du wirst sticken tücholach, Du wirst wieneil (lesen) Büchelach Derweil schllof sich ans, mein Kind. In ähnlicher Weise sind auch die Liebelieder für das weibliche Geschlecht bestimmt: sie sind sozusagen Gesänge nur für Frauenstimmen. Im Gegensatz zu den Volksliedern anderer Völker, findet man in den jüdischen Vo-lkAliedern selten ein Lied, das die Liebe des Mannes zur Frau schildert. Jmnter ist es das Weib, das nach dem Geliebten schmachtet, die Gattin, die die Trenlosigkeit ihres Nkannes beklagt. Da gibt es die Klage 'eines Mädchens, das dem Geliebten Untreue vorwirft, ein rührend einfaches Liedchen, das mit folgender charakteristischer Strophe beginnt: Kli'Nlmst zu gch'n zu mir Sogst du, ich bin teier, Gehst du weg -zu ein ander meidele, Brennt dein Herz wie a soier. In den Liebesliedern der jüdischen Ve»ksdichtnng wird das Leben nnd Lieben im Ghetto in allen Schattiernngen gezeigt. In diesen Liedern wird selten ein einzelner Fall, immer gleich eine ganze Gattung von Fällen behandelt. Wenn in diesen Volksliedern beispielswelse die handelsmäßig abgeschlossenen Ehen gegeißelt werden, so ivird gleich die Uninoral solcher Ehepakten an unzähligen Beispielen demonstriert, ttitb wir haben dann ein la>nges, langes Lied, lworin jede Strophe ein anderes Ehepaar vorführt. Aehnlich sind auch die Chassldlmli-e>der, die Sabbatlioder. die Spottlieder ans die „moderne" Welt: sie zeigen von jedem Ding die Kopfnnd Wappenseite. Typisch für diese ÖkritiMtg von Liedern iit das folgende Liedchen //Das Weih": , Wer macht einvm das Leben sieß? Äl weib. Wer macht einem das Leben »ließ? Ll weib. Wer is für den mann das größte glick? Wer bringt ihn derpi, er soll machen chtk? A weib, a weib. Sie hat keine furcht vor dem stärksten Held, Sie is die stärkste chase (Bestie) ans der Welt. Die jüdischen Volkslieder sind meistenteils ,/gereimte Predigten"; ihr Ton i'st bald ätzend-satirisch, bald ernst und eindringlich. Bald geißeln sie den Parteizwist der Männer, die Putzsucht der Franen, bald verherrlichen sie das jüdische Familiienleben nnd preisen die jüdischen Feiertage. Sie predigen Moral nnd Sittlichkeit, Gottvertrauen und Liebe zum Volke, sie bekämpfen den finsteren Aberglanben, verspotten den Fanatismus der Chassidim und decken unerschrocken alle inneren Schäden ans. Vor allem aber rühmen sie die gute alte Zeit. Die gute alte Zeit ist das Lieblingsthema der jüdischen Volksdichtung. Das Stossglebiet, daß das jüdische Volkslied behandelt, ist also sehr mannigfaltig; es tunfaßt nahezu das ganze Leben, es begleitet den M-enschen mit Sängen und Klängen von der Wiege bis zum Gmb. Man kann die jüdischen Volkslieder nach Stoffen in Grtlppen einteilen und nach ihrem Stimtmmgsgchall in Gattungen ordnen. Es gibt heitere trnd ernste, 'lustige und traurige Gesänge. Gar oft aber ist dieses Volkslied beides zugleich: ernst und heiter, lustig und traurig; es mischt Klagelieder in Inbelhymnen, ins Frühlings jauchzen ein Winternachtslrauern. Die Kabbalisten schreiben vor, daß der Jude in den Becher Wein, den er zur Heillgnng des Sabbats trinkt, eitrige Tropfen Wasser hineingieße; das jüdische Volkslied gießt immer in die Stimmung der Freude einige Wernmtstropsen hinein. (Dies geschieht offenbar in der Erkenntnis, daß des Lebens ungentischte Freude noch keinem Irdischen zuteil ward.) Eine glühende Liebe zum Volk spricht aus diesen Volksliedern. Mil Worten, die den trostspendenden Reden der Propheten entnommen sind, suchen sie das Volk in den schweren Tagen auszurichten, zu trösten und ihm Akut einznflößen. „Willst du verzagen? Sich, dein alter Gott schläft nicht!" Das ist ihr häufiger Kehrreim. 7 ly i