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Wiener Morgenzeitung · 1925-07-08 · Heft 2291 (8.7.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2291 (8.7.1925)
Date
1925-07-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Men, Mittwoch Wiener Mor-e«zettimz. o. i^-KN ttffb Rechenexempel, daß in einen: Staat von dreißig Mil' lionen zweieinhalb Milliotren einer für seine Verbindungen nach außen wirtschaftlich besonders wichtigen Bevölkerung bei voller -Ausnützung ihrer Energien weit mehr leisten als bei gehemmter und zum Teil gebrochener Kraft. Nach solcher sozusagen arithmetischphysikalischer Durchrechnung kommt dann hüben und drüben jene Atmosphäre, tvelchc Bereinigung der wirtschaftlichen Energien aller Bevölkerungsteile gehörig zu schätzen weiß. Was in Verfassungen steht, ist Recht und Gesetz; Kraft wiÄ> es durch das Leben eines Staates. Da der neue,, mit natürlichen Kräften gesegnete polnische Staat leben will, tritt für seine Bevölkerung das Berfassungsgesetz nunmehr wirklich ins Leben und wird zu einem Recht, das auf Grund allseitigen Vertrauens geübt und geachtet wird. Die Lebenskraft aller Staaten ist wie an einem Barometer an der lebendigen Kraft ihrer Grundgesetze abzulesen. Die Deklaration von Warschau schafft sie Grundlagen dafür, daß die Gesetze der Freiheit, die sich die junge polnische Republik selbst gegeben hat, rechtswirksam werden. Damit wird dann die Grundlage geschaffen werden, daß die Lebenskraft dieses Staates zu voller Wirksamkeit gelangt. Die Erklärungen, die im Amtshause des Ministerpräsidenten Grabski gewechselt wurden, sind von der Notwendigkeit der Erhaltung diktiert; fiir diese Erhaltung ist die Gewahr gegeben, wenn aus den klarstellenden Deklarationen in emverständlichem, offenem Bemühen der Inhalt geschaffen sein wird. Ser Kongreß der Mkerdnndligen in Warschau. (Eiqettdrenst der „Wiener Mürgenze illing".) Warschau, 7. Juli. Ms Delegierter der jüdischen Dälkerbundliga für die Tschechoslowakei ist Doktor Lmil Margulies hier eingetvoffen. Er hat zusammen mit dem Delegierten der jüdischen Döl-ker'bun-liga fiir Oesterreich, Dr. Karbach, eine Reihe von Besuchen bei ven maßgebenden Persönlichkeitendes Kongresses abgestattet; überdies wurden beide Herren von dem in Warschau weilenden Präsidenten der Zionistischen Exekutive NaHum Zokolow empfangen. Der Generalrat der Union der BMerbundligen ist zur Beratung einer Reihe von internen Angelegenheiten der Union unter dem Vorsitz des KongretzpvLsi-enten Sir D i ck i n s o n zulsammengetreten. Als Vertreter der jüdischen Bölkerbundliga für Oesterreich nahm an dieser Sitzung des Generalrates Pros. Dr. Baron teil. An der Spitze der starken frauzöfischen Delegation steht Prof. A u l a r d (Paris), -welcher dem Subdmitee zum Studium des Numerus clausus präsidiert. Prof. Aulard wird in Warschau einen öffentlichen Vortrag halten. Die feierliche Eröffnungssitzung des Kongresses (Über welche bereits berichtet wurde — Die Rad.) fand im Sitzungssaal des Warschauer Stadtrates statt; weiterhin tagt -der Kongreß im Hauptgebäude der Warschauer Universität. Heute beriet zunächst der Ausschuß für nationale Minderheiten de's Kongresses über die von Eng l a n-d vorgeschlagene Resolution. Der .'rste Teil derselben sichert den van den nationalen Minoriiäteu beim Völkerbund eingebrachten Petitionen und deren Ergebnissen die O e f f e n i l i ch k e i t zu. Der zweite Teil der Resolution befaßt sich mit der Kompetenz des Internationalen Gerichtshofes im ßaag bezüglich der Minoritätenfrage. Der erste Teil der Resolution wurde einstimmig , ,.. *» angenommen, der zweite Teil mit 24 gegen 2 2 Stimme n an die ständige Kommission für nationale Minderheiten verwiesen. Die Juden frage im Bericht der polnischen Pölkerburrdliga. Die polnische Delegation ließ gestern unter den Kongreßteilnehmern eine vom ehemaligen Justizmi-nister öukowiecki verfaßte Druckschrift über die nationalen Minderheiten in Polen verteilen, dessen die Judenfrage behandelnder Abschnitt sehr charakteristisch ist. Es wird «darin erklärt, die Juden.Polens besäßen, überhaupt keine nationale Sprache. Das Jiddische, dessen sich die große Masse der Juden Polens als Umgangssprache bedient, sei ein beut sch e r Jargon, der mit einer großen Zahl von polnischen Worten durchsetzt sei. Die Sprache der jüdischen Intelligenz Pollens sei das Polnische. Ein kleiner Teil der Inden wolle das Hebräische ins Leben einführen, Hebräisch sei jedoch eine tote Sprache, die nur in einem Ritual verwendet werde. Da also die Inden keine nationale Sprache besitzen —folgert der Bericht aus seinen kühnen Prämissen —, können die Rechte der jiddischen Sprache weder im öffentlichen Leben noch in der Staatsverwaltung anerkannt werden, obwohl eine jüdische Presse in jiddischer, hebräischer und polnischer Sprache sowie eine Reihe von Schulen mit jiddischer oder hebräischer Unterrichtssprache existiere. Die Zahl der Juden in Polen sei sehr groß und daher könne von einer ge!wvltsamen Assimilation keine Rede sein. Eine derartige Tendenz existier« auch nicht. Die Juden könnten auch nicht gewa«ltsam gezwungen werden, die p o l n i s ch e Zivilisation anzunehmerr. Zusammenfassend müsse betont werden, daß die .Judenfrage iu Polen keine nationale, sondern eine sozial-ökononlisch.' und eine Trage der Z i v i l il&t l Fünf Jahre britischer Administration.*) Britannien und der Vatikan. Bon Dir Hall Saint. Erst einmal Ser natürliche Anspruch des Juden auf Palästina als seine nationale Heimstätte. Die Behauptung, daß die historische Verknüpfung des jüdischen Volkes mit dem heiligen Lande, wo es mehr als 2000 Jahre gelebt hat, eine bedeutende Monarchie errichtet, eine große Literatur geschaffen, eine lange Reihe großer Männer gezeugt hatte, die Behauptung, daß diese Verknüpfung des jüdischen Volkes mit Palästina weniger stark ist als die einer Raffe, die seit 1400 Jahren für Land nichtSgetan hat, als es feiner Wälder zu entkleiden und es verkamni c u zu lassen, so daß es aus Nachlässigkeit und Unfähigkeit zur Ausnützung aus einem Garten eine Wüste, aus einem Lebensnerv der alten Welt, um den sich Europa, Aegypten und Afrika scharten, zu einem leeren K ü st e n s a u m der Mi t t e l m e e r e S geworden ist, das ist eine Arroganz, von der noch ettvas zu sagen Wortverschlvendung wäre. Dann, ivas den Anspruch der Juden auf eine geistige, ans jüdische Prophezeiung sich begründende Herrschaft anbelangt. Es ist tvahr, daß im Bewußtsein des Juden immer die Messias-Hoffnung gelebt hat. Jeden Sabbat, gleichgültig, wie tief er gedemütigt oder wie weit er nmhergetvandert ist, wird er in seinen Gebeten daran erinnert. Es ist natürlich, daß er bei großen Momenten des jüdischen Lebens noch immer seinen Ruf vernimmt. Bor einigen Wochen erzählte mir Sir Herbert Samuel auf dem Oelbergs eine der rührendsten Geschichten. Er war das erstemal nach seiner Ankunft als High Commissioner in Jerusalem in der Synagoge erschienen; er wurde zur Thora gerufen und las mit lauter Stimme den für den Tag gervählten Abschnitt. Dieser Abschnitt enthielt durch überraschenden Zufall folgende Worte: „Oh, Hab' Erbarmen mit Zion, denn es ist die Wohnung unseres LichtcS; und schnell an unserem Tage rette die geistig Betrübten! Gesegnet bist du, o Herr, der du Zion in seinen Kindern Freude geben wirst. Sei ruhig, sei ruhig, mein Volk, denn die Stunde deiner Erlösung ist nahe!" .- Man kann sich leicht «die Bewegung der Gemeinde, als sie diese Worte aus dem Munde des obersten Beamten einer neuen Verwaltung in Palästina hörte, und ihre Wirkung auf den Vorleser verstellen. Aber ich zweifle, ob außerhalb der Synagoge die MessiaS-Hoffnüng, .wie sie'in den Propheten zum Ausdruck kommt, heute, tu der jüdischen Seele mehr als latent ist. Ich möchte sagen, daß sie a l S politische Aspiration heute tot ist. Und ich denke, die Inden wissen es,- daß sie tot ist. Das große Rätsel des jüdischen Charakters siegt darin, j daß er zugleich der große Weltträumer und der prak-! tischeste Mensch ist. Wieviel er auch gelitten haben und beraubt worden sein Mag, er weiß, daß er niemals versuchen kann, die Marksteine der Vergangenheit zu vertilgen. Es wäre das Letzte, das ich glauben würde, daß in einem gesunden, gebildeten jüdischen Gehirn, das sich mit der Zukunft der jüdischen Rasse in Palästina befaßt, auch nur ein Gedanke an eine Zeit lebt, wo er die sogenannte Omar-Moschee uiederreißen und einen zweiten SalomonS-Tempel an ihrer Stelle errichten oder die Kirche -es H e i l ig e n Grabe s zerstöret! will. Und selbst ivenn der Jude so fanatisch wäre, so weiß et, daß ein solch plumper Versuch, die Prophezeiung zu verwirklichen, d i e ga nze W elt in Flammen setzen, alle fortschrittlichen wie rückschrittlichen Völker gegen ihn aufbringen würde und ihn zu einer ztveiten, schlimmeren Zerstreuung brächte, -re vielleicht einerBerttichtung seiner Rasse gleichkäme. Deshalb dürfen die Befürchtungen der Moslems sowohl wie der Christen, Mekkas wie des Vatikans, beschwichtigt sein. Der Jude ist schändlich seiner „heiligen Stätten" im heiligen Lande beraubt worden, wo ihm heute nichts geblieben als die Klage mau er, an der er die verlorenen Rechte auf die seinem Glauben heiligen Stätten beklagt. Aber wenngleich der Jude ei« starkes Gedächtnis hat und wohl nie vergessen wird, daß Jahrhunderte hindurch er einmal im Jahre durch das Ghetto in Rom in die katholische Kirche gepeitscht worden ist, so weiß er, daß, wenn er selbst so unklug iväre. eine Vergeltung zu wünschen, was nicht der Fall ist, sie unter dem britischen Regime für immer unmöglich wäre. Und jetzt zu den materiellen Fragen, die zur Entstehung und zum Ziele des Zionismus gehören. ES ist wahrscheinlich, daß schon seit dem Jahre 132 es immer Juden in Palästina gegeben hat. Viele Jahrhunderte hindurch aber lvaren sie gering an Zahl. Im Jahre 1770 waren es nur 6000. Das schnelle Wachstum der jüdischen Bevölkerung in Palästina fing ungefähr 100 Jahre später an, nachdem Baron Ed m o n d de Rothschild die ersten seiner Kolonien in der Nähe von Jaffa begründet hatte. Seither hat er viele iveitere Kolonien angelegt. Zu Anfang der Verfolgungen in Rußland tarnen die ersten Immigranten, ein paar unglückliche Juden, die auf eigene Initiative ans den blutigen Gegenden geflohen waren, wo sie wie die Hunde behandelt worden waren. Im Lande ihrer Väter trafen sie ans rauhen, si ein bedeckten Boden. Ohne landwirtschaftliche Geräte und bar jeder landwirtschaftlichen Kenntnis, gruben sic den Boden Mit den.Avßttk Händen, hungerten, fieberten und starben. Aber darauf begann die Arbeit des Barvns Maurite de H i r s ch, genannt der „Neue Moses". Tief bewegt von den Leiden seiner Glaubensbrüder, die ihm in gar keinem Verhältnis zu ihren Fehlern erschienen, gründete er im Jahre 1.802 die Jewish Colonisation Association mit dem Zwecke, die Juden von dem Pfahl in Rußland, wo sic wie in einem „Schlvarzen Loch Kalkuttas" eingespcrrt lebten, zu befreien uiti) nach Südamerika zu senden und dort Landwirte ans ihnen zu machen. Sein Experiment ivar, glaube ich, etwas Fehlerhaftes — wenn auch etivas Großartiges —, denn er hatte zwar zum Körper seines Volkes gesprochen, aber ohne zu seiner Seele zu sprechen. UnerschÜltert von feiner Enttäuschung, verkündete Baron Hirsch im Jahre 180o seine Absicht, „6000 weitere Juden alljährlich aus der russischen Gefangenschaft zu holen". Aber nach zwei Jahren tvar er leider tot. Es muß zur Mischen Vorstellungskraft sprechen, daß wenige Monate vor dem Tode des ,Menen Moses" c i n Josua sich erhoben hatte, um seinen Platz einzunehmen und sein Volk zum zweitenmal in sein verheißenes Land zu führen. Es war dies ein armer Journalist. der in Wien lebte — Theodor Herzl. Er war der Begründer und Vater des Zionismus, und fast schien es, als sollte mit seinem Auftreten die Jahrhunderte alle Tragödie des ,Mandernden Juden" ein Ende haben. Herr Abrahams mag vielleicht Anrecht haben, wenn er in seiner „Encyclopaedia Britannica" sagt, daß Herzl keinen tiefen Einblick in das Problem des Judentums gehabt hätte, aber sicherlich hat er Recht.. wenn er sagt, Herzl lväre, alles in altem genommen, die einflußreichste jüdische Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts gewesen. Erregt von Mitleid ffir die verfolgten russischen ltnd polnischen Juden, die nicht bloß materiell litten, sondern die vor der Menschheit Tag für Tag degradiert wurden, machte Herzl den Vorschlag der E rr i ch t u n g eines jüdischen Staates in Palästina. Jerusalem war den Juden ein Zauberwort, und wenn der türkische Sultan nur dazu überredet' werden konnte, Palästina den Juden zu lassen, so würden sie, inspiriert von ihren Erinnerungen, es zu einem blühenden Zentralstaat aufbauen, und das Mische Volk als Ganzes würde in die Gemeinschaft der Nationen ausgenommen wevden. Das war, kurz und vielleicht unzulänglich gesagt, glaube ich, der Inhalt des berühmten Buches von Herzl,'. „Der Judeustaat", veröffentlicht in Wien im Jahre 1896. Es machte, einen ungeheuren Eindruck auf die Masten, ivenn, auch nicht auf die Klassen des jüdischen Volkes, und.gewann die Anhängerschaft einiger weniger Großer unter den Inden, vor allem Max Nor da n s. und Israel Z a n g w r l l s, deren Namen ich nicht nennen kann, ohne der. S e l 6 stlosigkeit, mit der sic der Sache ihres verfolgten Volkes gedient haben, meinen Tribut zu zollen.; Herzls Traum jedoch ivar.in seiner Form der eines begeisterten und reizenden Kindes. In Palästina lebte eine arabische Bevölkerung von einer halben Million, die das Land gewiß niemanden überlasten wollte, was auch 'der Sltltan ttrn würde; und selbst wenn es von der arabischen Bevölkerung hätte fveigeMacht werden können-, so war es doch so klein und so steinigdaß eS Raum für nicht mehr als einen Teil der bedrückten Juden hatte bieten können, die dort eine nationale - Heimstätte zn finden wünschten. Herzl muß das plötzlich erkannt «haben, als er wenig später Palästina besuchte; denn später kam ein viel bescheideneres und praktischeres und weniger politisches Schema eines Charter für ein Stück Land zustande, das ihr Eigen genannt,' den Juden von der Türkei übergeben und von den Mächten garantiert werden sollte. Acht Jahre lang arbeitete Herzl wie ein Sklave für diese Sache, eine öffentlich anerkannte und rechtlich gesicherte Heimstätte für die Juden in Palästina zn errichten. Er berief Kongresse ein; er be»« suchte den Sultan und den d e u t s ch e n K a i s e r; und dann, im Jahre 1904, starb er zur Bestürzung seiner hin* gebungsvollen Anhänger und zum aufrichtigen Kummer seiner Kritiker, ohne daß er nur einen kleinen Teil feines Traumes verwirklicht gesehen hätte. Mas in den darauffolgenden zehn Jahren geschah, weiß ich nicht genau. Ich erinnere mich nur, daß, als im Jahre 1914 der Krieg ansbrach, es schien, als sollte das Aufbauwerk des Zionismus zum Stillstände gebracht werden. Dem war aber nicht so. Der Krieg hat dent Zionismus einen starken Impuls verliehen. Er hat ihm Flügel gegeben und ihn auf die Erde gebrächt, ivo sein Traum der Verwirklichung fähig war. *) Siehe ,Miene r Marge Mi>l urig" vom 7t d. In einem zweiten, in den „Sunday Times" vom 26. Juni erschienenen Artikel behandelt Sir Hall Ca ine die Balfour«Deklaration und die Zukunft Palästinas. Die Araber wollet! die Verwirklichung der Balfour-Detlaration verhindern, und e ine Nachgiebigkeit Englands ihnen gegenüber würde Englands Wort zuschanden machen. Palästina, daS setzt nur 8OO.O9O Einwohner zählt, könnte drei Millionen Seelen fasten. Palästina werde sich zu einem Friedenszentrum der Welt entwickeln. Dort werde zuerst der Frieden -wischen >den drei großen Religionelt, Judentum, Christen tum und Islam, geschlossen tvevden. Diese Einigung werde auf die ganze Welt Mße Wirkung aMÄen, 1

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