Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2290 (7.7.1925)
- Date
- 1925-07-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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*Nr. 5890 ' ' Wien, Dienstag Set Kongreß der MUerbundNge« in Warschau. Die Delegation -er jüdischen Völkevbnndliga für Oesterreich. Aus Warschau, 2. d., wird uns berichtet: Die Delegierten der jüdischen Völkerbundliga für Oesterreich zur , 9. Plenarversammlung der Union der Völkerbundligen Dr. Baron und Dr. K a r b a ch, die am 1. d. hier cintrafen, benützten den heutigen Tag vor dem Beginne der Kommissionssitzungen, um mit den maßgebenden Vertretern der jüdischen Interessen Fühlung zu nehmen. Sie statteten am Morgen dem hier weilenden Präsidenten der Zionistischen Exekutive, Herrn Na hum So- I o I o h), in seinem Absteigquartier einen längeren Besuch ab, wobei sie ihn zu der Deklaration des polnischen Außenministers Skrzynski beglückwünschten. Sodann be-; gaben sie sich in den Z i o n i st i s ch e n O b e r r a t und in den jüdischen Klub im Sejm, wo sie Gelegenheit hatten, mit dem Obmann des Klubs Abg. Dr. Leon Reich und einer Reihe jüdischer Senatoren und Abgeordneter zu konferieren. Auch der Oberrabbiner von Warschau, Prof. Dr. M. S ch o r r, hat die Delegierten empfangen. Die Eröffnungssitzung. Warschau, 6. Juli. (P. T. A.) Gestern vormittags wurde im Festsaale des Warschauer Gemeinderates die I neunte Vollversammlung des Verbandes der BLlkerbnudvere in igungen durch eine Ansprache des Präsidenten des Verbandes Dickenson eröffnet, in der er der polnischen Regierung für ihre gastfreundliche Aufnahme dankte. Es sprachen sodann noch der polnische Arbeitsminister Sokal als offizieller Vertreter der polnischen Regierung bei der Völkerbundvereinigung, der Präsident der polnischen Delegation Dembin'ski und der Präsident des Warschauer Gemeinderates B a l i n s k i. Dickenson wurde neuerlich zum Präsidenten gewählt. Hierauf wurde fünf Kommissionen eingesetzt, und zwar: 1. Für auswärtige Angelegenheiten (Vorsitzender Araber). 2. Für kulturelle Propaganda (Vorsitzender Polar). 3. Für Minderheiten (Vorsitzender Dr. Marburg). 4. Für juristische Angelegenheiten (Vorsitzender Dr. Fiederowicz). 5. Für Politik (Vorsitzender Dellfus). Eine Kundgebung der jüdischen Studentenschaft. Das Präsidium des Weltverbandes jüdischer Studenten sandte die folgende Kundgebung an den Kongreß: Im Namen von 30.000 jüdischen Studenten in 19 Ländern richtet der Weltverband der jüdischen Studentenschaft die Aufmerksamkeit des Kongresses darauf, daß a n ^lvigen europäischen Universitäten eine Einschränkung der Aufnahme jüdischer Studierender geübt wird. Die Frage des Numerus clausus ist eine brennende. Mehr als 4000 jüdische Studenten, die aus den Universitäten ihrer Länder ausgeschlossen worden sind, mußten in die Fremde wandern, um ihre Studien fortsetzen zu können. Sie leben unter sehr schweren Bedingungen und müssen ihr Wissen durch das Medium einer fremden Sprache erwerben. In einigen Ländern ist der Numerus clausus Gesetz geworden, in anderen wird er ohne Gesetz durch innere Regelung oder st i l lschweigende Uebung durchgeführt. Gegenüber jedem Versuch, den Numerus clausus zu rechtfertigen, darf man die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß unter dem Numerus claustts junge Männer und Frauen von der Möglichkeit höheren Studiums n u r d e s w e g e n ferngehalten werden, weil sie einer gewissen Nationalität, Rasse oder Religion angehören. In dem Schreiben wird die Hoffnung ausgedrückt, daß die vom vorangegangenen Kongreß der Internationalen Union der Völkerbundligen zwecks Prüfung der Frage des Numerus clausus eingesetzte Kommission in der Lage sein wird, ihren Bericht zu erstatten, und daß der Kongreß in einer nicht mißzuverstehenden Deklaration die Ungerechtigkeit des Prinzips und der Praxis des Numerus clausus proklamieren und jede Uebung des Numerus clausus in welcher Form immer verdammen wird. Warschau überschwemmt. Wie ans Warschau gemeldet wird, ist gestern abends ein Großteil der Stadt von der Weichsel ü b e r s ch w e nr m t worden. Das Wasser drang mit großer Schnelligkeit in verschiedene Stadtteile ein und setzte nicht nur die Keller, sondern auch die nnteretl Stockwerke der Häuser unter Wasser. Ein Teil der Be- Völkern n g i st g e f l ii ch t e t. Die Wechsel führt eine Unmenge Möbelstücke und toter Haustiere mit sich. Die im Kreise Gavorin gelegene Stadt Star steht vollkommen unter Wasser. Eine große Anzahl Personen ist e r t r u n k e n. In Warschau selbst wurde das militärische Sanitätspersonal mobilisiert. Die bedrohten Häuser werdest gerännst. Taufende von Arbeitern sind damit beschäftigt, jut Ableitung der Wassermassen einen Damm zu errichten. Andre Spire in Rumönien. Bukarest, t. Juli. (I. T. A.) Ter bekcnmte französischjüdische Dichter Andre Lpir e ist im Auftrag der französischen Regierung in Rumänien eingetroffen, um die Auswanderung landwirtschaftlich geeigneter und als Handwerker qualifizierter Inden ans Beßarabien und der Bukowina nach Frankreich in die Wege zu leiten. Dpi re wurde Wiener Morqenzeitnnq. zionistische Sektion Landftrabe Morgen Mittwoch den 6. Juli um halb 8 Uhr abends, Cafe Lovrana, Hl., Löwengasse 36 „Was erwarten wir vom XIV. zionistenlongreß?" Referent: Bruno Rablnowltz "ms Anschließend Debatte vom Außenminister Da ca und dom Minister Tartarescu empfangen. Die Minister gaben die Zusicherung, den Plan Spires, qualifiziert»: jüdische Arbeiter nach Frankreich zu bringen, unterstützen zu wollen. Sine eurovöische Sicherheitskonferenz London, 6. Juli. (Tel.-Komp.) Wie in politischen Kreisen verlautet, soll für den Dezember dieses Jahres die Abhaltung einer großen e u r o p ä i seh e n Konferenz zur Löfflng der Sicherhcitsfrage geplant sein, zu der die Initiative von englischer Seite ausgehen würde. Ae Lffenfive gegen Stresemann. Eine Pathetische Entschließung des Alldeutschen Verbandes. Berlin, 6. Juli. Wie der „Vorwärts" meldet, faßte der Ausschuß des Alldeutsche.n Verbandes folgende Entschließung: Durch die Erklärung der deutschen Reichsregievung vom 27. Juni dieses Jahres ist ancMch Aarglsstellt, daß der Reichsaußenminister Dr. Stresemann das sogenannte Memorandum vom 9. Februar dieses Jahres mit seiner Preisgabe deutscher Ehre, deutschen Landes und deutscher Zukunft, einem Feindes ft aat ohne Zustimmung des Reichskäbinettes hat überreichen lassen. Die französische Antwortnote vom 16. Juni dieses Jahres, so ungeheuerlich ihre weit über das Versailler Diktat hinansgehenden Zumutungen auch sind, stellt nur den folgerichtigen Ausbau des Stresemaunschen Angebotes dar. Angesichts dieser das deutsche Volk und Reich tödlich bedrohenden Wirkung des Memorandums fordert der geschässführende Ausschuß des Alldeutschen Verbandes den sofortigen Rücktritt des Ministers Stresemann und verlangt von der Reichsvegicrung, daß sie jede Verhandlung über die Note vom 16. Juni ebenso verweigert wie über die beiden ergänzenden Noten über die deutsche Lustschisfährt vom 26. Juni dieses Jahves. Bon der deutschen Wissenschaft. Erlangens Philosophen. Erlangen, 6. Juli. (Wolfs.) Den Generalen der Infanterie .Hermann v. Francois (Berlin) und Paul Ritter v. Neuß l (München) hat die Universität Erlangen in Würdigung ihrer hervorragenden Führung bei den ruhmvollen Kämpfen in Galizien die Würde eines Dr. Phil, honoris causa verliehen. Auch der ehemalige Kronprinz Rupprecht von Bayern, der bei den Jubiläumsseierlichkeiten des ehemaligen 19. Infanterie-Regiments in Erlangen weilte, erhielt die Würde eines Doktor der Philosophie Honoris causa. Ae Kümpfe in Marokko. Fes, 6. Juli. (Havas.) Ein heftiger Angriff der Gegner gegen sämtliche Stellungen der fliegenden Gruppe Hautleben ist unter erheblichen Verlusten nach einem erbitterten Kampfe gescheitert. Die Rifleute ließen zahlreiche Gefallene zurück. Im Westen von Kiffano ging eine fliegende Gruppe auf die feindliche Stellung bei Bab-Kessill vor, rieb die Rifleute vollständig auf und erbeutete Waffen und Munition. Wegen der in den letzten Tagen erfolgten Einfälle der Rifleute sind aus T a z a zur Vorsicht die ^Frauen und Kinder weggeschafft worden. Die gesäurte männliche Bevölkerung blieb zurück. Eine Schlacht bei Taza. Berlin, 6. Juli. (Tel.-Komp.) Die Abendausgabe der „Information" bringt das letzte Telegramm aus Marokko, das folgendernraßen lautet: „Eine ernsthafte Schlacht ist im Sektor von Taza im Gange. Neue Ausfälle werden gemeldet. Die Rifleute drirrgen weiter zu den Stämnren vor. Besondere Maßnahmen sind zum Schutze der Eisenbahnlinien, die Marokko und Algier verbinden, getroffen worden." Letzte Kurse. New-Borker Devisen. New-Bork, 6. Juli. (Tel.-Komp.) Berltrr 33.80. London Kobel 4.80, London Chee 4.81?/g, Amsterdam 40.10, Parts 4.71*/.,, Brüssel 4.68, Nom 3.76, Madrid 14.55. Zürich 19.41, Stockholm 20.83, Oslo 18.20, Kopenhagen 20.73, Wien 14.—, Budapest 14.—, Prag 2.96'/.. Belgrad 1.76, Athen 1.65, Buenos Aires 0.40V,<5, Rio de Janeiro 11.—, Bukarest 0.46. Amerikanische Getreidemärkte. New-Avrll. 6. Juli. (Tel.-Komp.) Weizen rot Winter 1B1'7,,, Weizen hart Winter 171"/«. Mals 110'/«, Hafer 53'/«, Roggen 111. Chikago, 6. Juki. (Tel.-Komp.) Wetzen per Juli 148"/,, September 141'/«, Dezember 143; Mats per Jult 96'/., * September 101'/,, Dezember 87'/.; Hafer per Juli 44'/., Septenrber 45V.. Dezember 48'/,; Roggen per Juli 98'/., September 95, Dezember 9®. _ 7. Juli 1025_Seite 9 KünfgahrebrttischerAdministkation Britannien und der: Vatikan. Von Sir Hall Caine. In den „Sunday Times" vom 21. Juni wüv digt Sir .Hall Caine. der große englische Romanschriftsteller. den als Weißbuch soeben erschienenen Rechenschastsbcricht Sir Herbert Samuels und die Ergebnisse seiner fünfjährigen Verwaltmvgstätigkeit in Palästina in einem ausführlichen, ungemein instruktiven Artikel, den wir in deutscher Ucbersehung hier wiedergeben. 1. Vor dreiunddreißig Jahren habe ich Palästina zum ersten Male besucht. Jetzt sind es wenige Tage her, daß ich zurückkehrte. Während der langen dazwischenliegenden Periode habe ich eine Art freundschaftlicher Beziehungen mit dem Lande und seiner Bevölkerung unterhalten. Wenn diese Faktoren mich 51t einer Meinungsäußerung über den reichhaltigen und erschöpfenden Bericht von Sir Herbert Samuel über seine fünfjährige Verwaltungstätigkeit als High Commissioner von Palästina berechtigen, so freue ich mich, daß mir die Gastlichkeit dieser Zeitung gestattet, zn sagen, was ich davon halte. Ich habe eine sehr ho h e M e i tt u n § darüber. Nach meinem Erachten, das durchaus nicht als autoritativ zu werten ist (ich wünschte, es wäre so), ist Sir Herbert Samuels Bericht weitaus das hervorragendste öffentliche Dokument dieser Art seit dem Bericht Lord Cr 0m e r s, bevor er Aegypten verlassen hat. Wüßte ich ein besseres Lob, ich würde nicht damit zurückhalten. Literarisch ist der neue Bericht, wie ich glaube, tadellos in der Konstruktion, in der Wahl des Ausdrucks, im Aufbau des Effekts. Er ist als eine Rekordleistung, sowohl maßvoll wie überzeugend geschrieben. Er scheint mir alle Fragen, die heute wegen der britischen Verwaltung in Palästina gestellt werden, durch das leiden schaftslose Medium von Tatsachen und Zahlen zu beantworten. Ist sie ein Erfolg? Hat das Mandat sich gerechtfertigt? Ist die Verwirklichung der Balfour-Deklaration möglich? Haben die Araber irgend einen vernünftigen Grund zum Unwillen? Der Bericht liest sich wie ein Roman. Die Erzählung von dem Fortschritt eines zurückgebliebenen Landes im Lauf von nur fünf Jahren mutet beinahe wie ein neues Märchen aus „Tausendundeine Nacht" an. Er ist voll von Wundern. Nicht immer kann die Strenge des Stiles den Gedanken an ein Mirakel, der beim Losen auftaucht, bannen. Daß so viel geleistet wurde in dem trägen, stagnierenden Orient, innerhalb einer spannbreiten Periode, bei einem Volke, das vi-erzehnhnndert Jahre lang keine Lehre aus der Vergangenheit zu ziehen schien, das grenzt fast ans Wunderbare. Ich glaube, das Werk, das in den letzten fünf Jahren in Palästina geschaffen wurde, ist der höchsten Traditionen britischen Kolonialregnnes mehr als Erdig. Es weist Sir Herbert Samuel einfür allemal in die ersten Reihen britischer Administratoren. Wiederholt hat man mich nach meiner Rückkehr aus Palästina nach dein Sinn de r a rabisch e n Opposition gegen die britische Verwaltung gefragt und wie es geschehen konnte, daß ein sehr großer Teil der im heiligen Lande lebenden Christen sich auf die Seite der Araber gegen die Juden stellt. <ij Wenn die wirtschaftlichen Resultate der britischen Vev->. Wallung so sind, wie der Bericht des High Commissioner sie darstellt (und über seine Wahrhaftigkeit kann kein Zweifel bestehen); wenn die Bevölkerung Palästinas, seitdem Britannien hinging, sich um 20 Prozent erhöht -hat; wenn ein Land, das seit Jahrhunderten insolvent gewesen war, nach fünf Jahren des neuen Regimes einen Ueberschuß von 262.000 Pfund Sterling aufweist; wenn ein Land, das seit den Tagen des großen Hevodes von Räubern verheert wurde und in welchem es zu den Lobensalltäglichkeiten gehörte, daß jemand, der von Jerusalem nach Jericho reiste, unter Räuber geriet, zu einer Stätte vollkommener öffentlicher Sicherheit geworden ist; wenn ein Land von legalisierter Erpressung gesäubert worden ist; wenn ein Land, in dem Militärfreiheit seit den Tagen des Herodes Antipas gekauft und verkauft worden war, heule reingewaschen ist von diesen Betrügereien; wenn Gerechtigkeit jetzt wieder herrscht, die Polizei unbestechlich und die öffentliche Gesundheit wieder geschützter ist vor der herrschenden Krankheit, der Malaria, durch Anlage von fast 200 Kilometer Drainagekanälen; wenn die Wasserversorgung von Jerusalem einigermaßen ausreichend jvurde; -wenn der Handel sich stark entwickelt hat; wenn die Landwirtschaft ungeheuer gefördert, wenn eine fast neue Industrie aufgebaut, wenn die Erziehung der Kinder aller Rassen in die Wege geleitet worden ist; wenn man historische Stätten, ob moslemisch, jüdisch oder christlich, wie niemals vorher unter der Türkenherrschaft heute schützt und erhält; wenn die vernachlässigten Altertümer eines alten Landes, das seit drei Jahrtausenden den Durchgangsweg für Armeen, das Schlachtfeld von Völkern, die Geburtsstätte von Religionen ist (zuerst durch die Tätigkeit der französischen archäologischen Schule des unter Leitung des Pere Dhorme stehenden Dominikanerordens, darauf durch die Palestine Exploration Society und jetzt durch die British School unter Leitung von Prof. Garstang), der Menschheit, der sie so heilig sind, wieder zugänglich gemacht Erden; mit einem Wort, wenn man es so weit gebracht hat, daß (in geistigem wie materiellem Sinne) zwei Grashalme wachsen in Palästina, wo vordem nur einer oder gar keiner wuchs, wo ist dann der Grund für den arabischen oder christlichen Groll gegen die britische Verwaltung? Was haben Sir Herbert Samuel und feine Mitarbeiter getan, daß mitten in ihrer .erfolgreichen Arbeit die arabi-