Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2287 (4.7.1925)
- Date
- 1925-07-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2287 Wien, Samstag Wiener Mirienzertung. "t. Juli 1925 -Leit« 3 Ser Aufruhr in Shina. Nene Demonstrationen gegen die Ausliinder. (Eigendienst der ,M'iener Movgenzeitung".) London, 3. IM. Aus Schanghai tvird berichtet: Die Lage in den einzelen von der Betvegnng gegen die Ausländer erfaßten Gebieten hat sich verschlechtert, da die Kundgebungen gegen die Fremden in ihren verschiedenen Formen sich wieder verschärften. In Ring Po mußte wogen des 'bedrohlichen Charakters dieser Kundgebungen der B c l a g e r u n g sz n st a it d proklanriert werden. In T s e k i a n g mußten die Japaner, gegen die sich die Demonstrationen richteten, ins Konzessionsgobiet flüchten. In S w a t a u griff die demonstrierende Menge die ausländischen Hotels an und mußte durch Matrosen eines britischen Kriegsschiffes zerstreut lverden. In Hongkong macht sich eine starke Gegenbewegung gegen die Wiederaufnahme der Arbeit fühlbar. Gin neuer Zwischenfall hjat sich in Schanghai selbst ergeben; dort wurde auf offener Straße ein Chinese ermordet, was große Erregung unter der chinesischen Bevölkerung hervorrief. Die Polizei hat eine Untersuchung eingeleitet. Eine nationale Regierung in Kanton. London, 3. Juli. Das Reutersche Bureau meldet aus Kanton: Heute wurde eine Sechzehnerkonrnnssiou mit denr Sohne Sunjatsens als Minister für Verkehrswesen gebildet, um die nationale Regierung übernehmen. Die ausländischen Konsuln, mit Ausnahme des «britischen und des französischen, waren zur feierlichen Einführung dieser Regierungskommission eingeladen, haben jedoch daran nicht teilgenommen. Mohammedaner und Hindus. London, 3. Juli. (Tel.-Komp.) Nach einer Meldung aus Kalkutta ist es anläßlich eines religiösen Festes zu einem Zusammenstoß zwischen IM oha mime dauern und Hindus gekommen, bei welchen! 36 Mohammedaner verwundet und einer getötet wurde. Coolidge für die europAschen Patte. Cambridge (Massachusetts) 3. Juli. (Reuter.) Präsident Coolidge hat heute in einer Rede, die er anläßlich einer vaterländischen Feier hielt, den Sichevheitspakten, die der Erhaltung des Friedens in Europa dienen sollen, die moralische. Unterstützung der Vereinigten Staaten zu,gesichert. Mit dieser Zusage verband er die W a r n u n g, daß , Amerika nur unter der Voraussetzung solcher Sicherheitspakte auch fernerhin an dem finanziellen Wiederaufbau der alten Welt teilnchmen könnte. Die DonankommWo« der Böllerbundes. Donnerstag abends sind hier die Mitglieder der V'ölkevbundnrisslon, Walter H i n e s, S 0 m m e r w e l l, Römern, Samson und R 0 m e s, sowie vom Völkerbundsekretariat Adrian Pelt eingetroffen und im Hotel Imperial abgestiegeu. Die Herren sind Mitglieder einer Donaukommission, die sich mit einer noch von der Kon- OTTO OTTO Zur Ausübung meiner Tätigkeit habe ich mich in Berlin niedergelassen und behandle In dem ärztlich geleiteten Tel. Blsm. 3636 G. m. b. H. Tel. Bism. 3635 Berlin, Kurf ttrttendamm 62 Behandelt werden mit ärztlich nachgewiesenen Erfolgen selbst angeblich hoffnungslose Erkrankungen psychogener Art, wie; Gemüts-Leiden Sprach-Lelden Sexualstörungen ITdiias / Neuralgie Neurosen Nervöse Kopffchmcrzen Lähmungen usw. Voruntersuchung durch ärtzl. Autorität täglich von 10—1 Uhr Meine Broschüre »Die Heilung der Seele" 109 t ist zum Preise von M. 2.— bei obiger Adresse beziehbar serenz zu Genua her schwebenden Frage ZU befassen haben wird. Mr. H i n e s hatte gestern mit Funktionären des Handelsininisteriums und der Douaudampfschiffahrtsgesellschaft Besprechungen. Die Herren reisen heute mit Schiff aus der Donau bis nach Suliua. Finanz- und Bemattungrreform. Mit den durch die Genfer Septemberabmachnngen bod.ngten Regievungsvorlagen über die Finanz- und Verwalt nugs re form sind mehrere Subkomitees befaßt, die ihre Beratungen schon so weit geführt haben, daß es die Regierung für an gezeigt hielt, die Meinung der Ländervertreter über das erzielte Vetzhandlungsergebnis einzuholen. Zu diesen! Zweck fanden gestern Beratungen der Ländervertreter der Mchrheitsparteien statt, die, wie die amtliche Mitteilung besagt, zu einheitlichen Ergebnissen geführt haben. Die sozialdemokratischen Mitglieder der Landesregierungen rmd Vertreter der größeren Gemeinden ließen sich über dasselbe Thema vom Abgeordneten Dr. Danneb c r g einen Bericht erstatten. Es wurde beschlossen, das Präsidium des Abgeordnetenverbandes zur Weiterführung der Verhandlungen zu ermächtigen. Letzte Kurse. New-Yorker Devisen. New-Bork, 3. Juli. (Tel.-Komv.) Berlin 23.18. London Kabel 4.86V*, London Chee 4.81-/-,, Amsterdam 40.07, Patis 4.70, Brüssel 4.68V*, Nom 3.69V*, Madrid 14.54, Zürich 19.42, Stockholm 26.81, Oslo 17.96, Kopenhagen 20.42, Wien 14.—. Budapest 14.-, Prag 2.96-/*, Belgrad 1.76, Athen 1.69, Buenos Aires 40'/*, Rio de Janeiro 10.95, Bukarest 0.46. Amerikanische GetreidemLrkte. Nelv-Bork, 3. Juli. (Tel.-Komp.) Weizen rot Winter 180, Weizen hart Winter 160, Mais 111'/,, Hafer 51'/«, Roggen 105'/ Chikago, 3. Juli. (Tel.-Komp.) Weizen per Juli 142, September 140, Dezember 141'/«'; Mais per Juli 97'/*, September 101%, Dezember 87'/.; Hafer per Juli 43Vs, September 44%, Dezember 47'/,; Roggen per Jult 93%, September 95%, Dezember 98%. .. wegen der Fudenfrage." Vom Geist der österreichischen Bureankratie. Den Experten des Völkerbundes, die gegenwärtig in Wien die Wirtschaftslage Oesterreichs Prüfen, seien die letzten gesetzgeberischen Arbeiten der Bureankratie znm Studium empfohlen. Sie werden ans den! Geist, der ans diesen Projekten spricht, und ans der Behandlung lebenswichtiger Angelegenheiten, wie sie hier sich zeigt, wichtige und wertvolle Aufklärungen erhalten. Aus dein Mietengesetz, das in seiner Ansländcrbestimnnlng offen Repressalien provoziert, ans dem H e i nt a t s r e ch t svorschlag, das die im Friedensvertrag erfolgten Bestimmungen für die Optanten und Fremden direkt in Strafen verwandelt, und aus dem in einen! Schubfach verschimmelten M i n o r i t ä t e n v e r t r a g ist zu erkennen, daß die Völkerbundidee hier nur als Fassade besteht, gut genug, für Kreditgesuche die Folie zu liefern. Cm Staat wie Oesterreich, der nur vom Wohlwollen und von dem besseren politischen Verständnis der Umwelt lobt, ist in die .Hände einer Kaste geraten, die in ihrer Rebellion gegen die Zeit klarste Abs p e r r u n g s poli t i k betreibt und alle Grundlagen der Republik nnterhöhlt. Oesterreich ist Mitglied des Völkerbundes, einer Institution, die znm Zweck der Uebcrwindung der Gewaltsysteme geschaffen wurde. Die neue Völkergemeinschaft soll auf dem Bekenntnis zum Recht anfgebaut werden und wenn sie auch von diesen: Ziele noch sehr weit entfernt ist, so ist doch zumindest an Oesterreich demonstriert worden, daß es eine Kuliurgemeinschaft gibt. Oesterreich seinerseits läßt wieder durch seine Bureankratie demonstrieren, daß es innerhalb seiner Grenzen übe rhau.p t keine Gemeinschaft anerkennt, wenn ihre Grundlage nicht von der Psychologie des Schnorrerstolzes bestimmt wird. Hier in Oesterreich entscheidet nirgends das Recht, sondern immer n u r d e r I u d e n p u n k t. Damit straft sich freilich diese Gesellschaft immer nur selbst. Sie hat den zwischen der Entente und den Sukzessionsstaaten vor fünf Jahren abgeschlossenen Optionsvertrag, der doch auch in den Wiener Regierungskreisen bekannt sein mußte — wozu unterhält man eigentlich Auslandsvertretungen? — nicht beachtet. An 300.000 Menschen sind dadurch in Nackteil gesetzt worden und der jüdischnationale Gemeinderat Dr. P l a s ch k e s teilt den Grund hiefür mit: „w egen der I n d e n f r a g e". Und so ergibt sich der erheiternde Fall, daß infolge dieses „Sich-vergesien-machens" der Bundeskanzler dieses Staates noch immer polnischer Staatsbürger ist. Mit ihm sind, wie erwähnt, 300.000 andere Bewohner des Landes getroffen, zu einem sehr geringen Teile Juden, die meisten arme Teufel, die wieder ihre Existenz in Unsicherheit sehen. Sind sie nicht Staatsbürger, so sind sie Ausländer, können demnach ans Grund der anderen, eben vorbereiteten Hakenkreuzgesetze die Wohnung verlieren oder zu Erpressungsobjekten wucherischer Hausherren werden oder sie können als „Heimatlose" durch das dritte eben vorbereitete Heimaisgesetz abgewürgt werden. Bosheit' und Dummheit haben immer so wie die Lüge kurze Beine, und die Gilde der lebensfremden, in die Betrachtung der arischen Tugenden versenkten Bonzen stolpert über die eigenen Beim. Sie treffen daheim deutsche Arbeiter, deutsche Gewerbsleute und deutsche Staats- Kann ein Jude Gottfried Keller verstehen? Bon S. Meisels. Ja, das tut das viele Lesen! Mitten im Genuß der Lektüre knüpft der Gedächtnisfaden an ein anderes Gelesenes an, springt eine Frage auf, die man ebenfalls nur gelesen hat und auf die nran gern eine Antwort geben möchte, obgleich sie gar keine Antwort heischt. Jüngst erging es mir so mit Gottfried Keller. Die wunderschönen, vom B olksverband der Bücherfreunde (Wegweiser-Verlag, Berlin) herausgegebenen Bücher „Die Deute von Seldwhla" und „Züricher Novellen" boten mir die Gelegenheit, mir wieder einmal die Kellerschen Köstlichkeiten zu Gemüte zu führen. Ich las sie «und schwelgte im Genüsse einer höheren, reinen, mit allen Schönheiten gesättigten Erzählkunst. Wenn ein jüdischer deutscher Dichter, der selbst ein bedeutender Heimatkünstler war, die Werke Kellers helle Sommerbücher nennt, die man in grüner Laube an heiteren Tagen lesen soll, so ist dies mehr ein poetisches als sachliches Urteil. In Wirklichkeit bedarf es zum Lesen der Kellerschen Bücher gar keiner besonderen Stimmung; man liest sich schon in sie hinein. Ich muß freilich gestehen, daß diesmal der fanbere Druck, die schöne Ausstattung rmd die aufschlußreichen Einleitungen von Prof. Witkop meinen Genuß beim Lesen wesentlich förderten. Aber sie förderten nur das Genießen, nicht auch das Verstehen. Wer Gottfried Keller in einer minder schönen Ausgabe nicht verstehend genießen kann, der wird ihn auch in einer Prachtausgabe nicht genießend verstehen können. Hier eben, an diesen Punkt, knüpfte sich mir eine Frage, die jfür judenfeindliche Seelenzergliederer sehr pikant ist, die Frage nämlich, ob ein Jude Gottfried Keller verstehen könne. Diese Frage wird von den: Hamburger Professor > Dr. Wilhelul S t a p el in feiner Schrift „Antisemitismus" aufgeworfen und glattweg verneint. Sowohl die Frage als auch die anschließende Verneinung sich durchaus nicht neu; schon vor Jahren hat, üvenn ich nicht irre, der Literarhistoriker Bartels ähnlich gefragt und ähnlich verneint, nur hat Bartels den Dichter Eduard Mörike gegen die Juden ansgefpielt. Also Adolf Bartels meint, die Juden verstünden den Mörike nicht, Herr- Dr. Stapel meint, sie verstünden den Gottfried Keller nicht, und die gewöhnlichen Antisemiten meinen, sie verstünden überhaupt nichts. Gesetzt nun, die Stapelsche Frage wäre als künstlerischpsychologisches Problem in gewisser Beziehung zulässig, so ist es dennoch ganz und gar unzulässig, eine Frage künstlerisch-psychologischer Art aufzuwerfen, um (wie Professor Stapel es tut) weitgehende politische Folgeruugen daran zu knüpfen. Mit dem ,/Verstehen" großer Dichterwerke ist es übrigens eine eigene Sache. Goethes Rat, in des Dichters Lande zu gehen, um den Dichter zn verstehen, scheint mir auf Erfahrung gegründet. Einen urwüchsigen, in ^seinem Heimatboden wurzelnden Dichter wird man außerhalb feines Kreises und seiner Umwelt vielleicht nie ganz restlos verstehen. Ich tvage den ketzerischen Gedanken auszusprechen, daß ein Deutscher im Reiche die ,/Leute von Seldwyla" und die „Züricher Novellen" Wohl sehr gut verstehen und begreifen und die Meisterschaft Kellerscher Erzählkttnst, die unvergleichlichen Schönheiten Kellerscher Prosa in vollem Umfange zn würdigen wissen wird, daß aber bei alldem irgend ein Etwas, irgend ein Restchen verbleiben wird, von denr der Schweizer mit Recht wird sagen können: Dieses da gehört mir allein zu eigen, in diesem da bin nur ich allein ganz zu Hause. Es liegt im Wesen der Heimatknnst, daß sie irgend ein Restchen ausschließlich für die engeren Heimatsgenossen zurückbehält. Dennoch wird niemand die geradezu lächerliche Behauptung anfstellen wollen, es gäbe z. B. keinen Hamburger, der die „Züricher Novellen" „ans dem Innersten heraus" verstehen könnte. Eine solche Behauptung wäre denn doch zu absurd. Erwägen wir eimnal folgendes: Der österreichische Naturschilderer Adalbert Stifter hat eine Erzählung, ,/Bengkristall", und der Schwarzwalddichter Berthold Auerbach eine Schtva rzwäldlergeschichte, „Joseph im Schnee", geschrieben. Ohne irgendwie eine künstlerische Gleichwertigikeit dieser beiden Werke zu behaupten, kann man es als unbestritten gelten lassen, daß sie beide echte Gemälde in Worten sind, daß jedes in seiner Art ein köstliches Miniaturstück darstellt. Beide Merkchen behandeln dasselbe Sujet und sind auch sonst in Anlage und Ausführung einander ähnlich. Die unterschiedlichen Merkmale ergeben sich aus der Schaffensart der beiden Dichter, aus dem Milieu, aus dem sie kommen, und aus der Landschaft, die sie zum Hintergrund ihrer Erzählungen wählten. Nun gebe man einem mit Vorurteilen geimpften Deutschvölkischen den ,Mrgjkristall" zn lesen, und er wird euch ohne Umschweife erklären, der Jude könne den ,^8ergkristall" nicht verstehen, die sinnige Naturmalerei eines Adalbert «Stifter nie nachempfinden. Da muß man aber ohne Aufregung, jedoch mit allem Nachdruck fragen: Warum , in aller Welt sollte der Jude eine Erzählung wie „Bergkristall" nicht verstehen können, so er doch einen „Joseph im Schnee" schreiben kann? Gerade in Beziehung auf Gottfried Keller läßt sich das Verständnis der Juden für den Großmeister der deutschen Novellistik unzweifelhaft nachweifen. Denn mit unter den ersten, die Gottfried Keller verstanden, feine Meisterschaft erkannten und anerkannten, waren Berthold Auerbach und Julius Rodender g. Berthold Auerbach ivar einer der ersten, die in Gottfried Keller den komnrenden Meister erkannten. Und als ein Mann, der bei allem Ehrgeiz und zuweilen sogar Eigendünkel nie dem Genie seine Huldigungen versagte, begann er tapfer die Werbetrommel für Keller zu rühren. Auerbach hat dem jüngeren und stärkeren Parnaßkollegen überall, wo sich ihn! die Gelegenheit dazu bot, neidlos sein Lob gesungen. Als das köstliche Buch „Die Leute von Seldwyla" erschienen war, schrieb er die (für das damalige Verhältnis des deutschen Lesepubliknms zum Schweizer Dichter 'bezeichnenden) Worte: „Es ist ein Elend und eine Schande, daß ein solcher voller Poet, der mehr ist als wir Mitlebenden alle, nicht mit Begeisterung ausgenommen und hochgehalten ist." Berthold Anerbach ist Gottfried Keller wirklich ein Wegbereiter in dentschen Landen gewesen und hat zur Vergrößerung der Keller-Gemeinde nach Kräften beigetragen. Und wenn Keller einmal, freilich spöttelndscherzend, sich selbst als „Auerbachs Keller" bezeichnet, so liegt darin ein Körnchen Wahrheit.. Auf die Frage, ob ein Jude den Gottfried Keller verstehen könne, kann man nur antworten: Wir alle freuen uns des Guten und genießen das Schöne und fühlen uns durch die Kunst erhoben, und ein jeglicher versteht sie nach Maßgabe feiner geistigen Fähigkeiten.