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Wiener Morgenzeitung · 1925-07-04 · Heft 2287 (4.7.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2287 (4.7.1925)
Date
1925-07-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sekte 2 Wien, Samstag Wiener Moraenzettunz, 4. Juli 1025 Nr. 2287 Die jüdische Kolonisation. Sine Rede Welzmanns über den Anfba«. London, 0. Juli. Bei einein in Brighton stattgesnndenen Empfang .zu Ehren des Lortdoner Großnldustriellcn Bernard Baron, der zn Händen des Präsidenten der Zionistische»» Weltorganisation Prof. Doktor Chaim Weizmann dem Keren Hajessvd für die hebräische Universität in Jerusalem 10.000 Pfund Sterling übermittelt hat, hielt Dr. W e i z m a n n eine Ansprache. in welcher er nach kurzen Dankesworten an Mr. Baron auf die gegenwärtige Situation in Erez Israel und die zionistische Arbeit zn sprechen kam. Präsident Weizmann führte unter anderem aus: ,Hn der jüdischen und nichtjüdischen Presse »vird heute viel und unter verschiedenen Gesichtsipunkten über unsere Arbeit gesprochen. Aber ich glaube' mich nicht zn tauschen, »venu ich sage: »vas immer geschrieben wird, inag es aus jüdischer oder nicht-jüdischer Quelle, von Gegnern oder Freunden des Zionismus kommen, in einem Punkt herrscht volle N ebe r e in st i mmnng: was in den letzten sechs Jahren in Palästina geschehen ist, verdient B e w u n d e r u n g unb bedeutet einen sehr großen Fortschritt, einen Beitrag zur Zivilisation in jenem Teile der Welt. Zwei Faktoren sind dafür verantwortlich: die Gesetzmäßigkeit und Ordnung, die die britische Verwaltung in Palästina eingesührt hat, «st der eine. Wir alle sind der M a n d a t 's r e g i c n.»-n g itej1 dankbar, welche die Ausgabe auf sich genommen hat, Gesetzmäßigkeit und Ordnung zu entwickeln, und wir sind dem High C o m m i s s>i o n e r dankbar, der die Regierung durch unvubevolle Zeiten geführt und geleitet hat. Tie öffentliche Meinung sagt: der zweite Faktor ist das jüdische Volk. Das ist, glaube ich, eine unbeistveitbare Tatsache, Und es genügt, die finanziellen Bedingungen der Vergangenheit rmd Gegenwart zu betrachten, das Ausmaß des entwickelten Bodens, die Häuser, die gebaut, die Sümpfe, die ausgetrocknet lvurden, den Gesundheitszustand, und es tvird jedem Beobachter klar, daß tatsächlich ein Fortschritt erzielt ist. Darüber 'wollen -wir die.Schwierigkeiten nicht vergessen, die zu Überwinden waren. Ich erinnere »mr an die Zeit nach dem Kriege, die ohne Uebertreibnng die schwerste Zeit der menschlichen Geschichte genannt werden kann. Palästina hatte nicht nur unter dem Krieg gelitten, sondern auch durch die jahrhundertelange Mißwirtschaft, es war arm, voll von religiösen und sozialen Problemen, ein Teil der Ländergvuppe mit Syrien, Mesopotamien und Transjordanien, die im Zustand der Unordnung war. Wir hatten es mit dem zerstreuten jüdischen Volk zu tun, das vielleicht mehr unter dem Krieg gelitten hat als andere Völker. Wir hatten Tausende von Menschen aus der ganzen Welt in da's Land Zu bringen, eine Aufgabe, die einer großen, organisierten und stabilen Regierung zu tun gibt. Man frage nur die britische Negierung, »vas cs bedeutet, die Auswanderung nach Kanada und Australien zu organisieren, wenn englisch sprechende Menschen in ein englisches Land gehen, hinter denen die große Macht Englands steht und vor ihnen die großen Möglichkeiten von Kanada und Australien. Es erforderte die ganze Macht Englands, diese Ausgaben zu lösen. Wir haben aber keine solche Macht. Wir müssen Menschen erziehen und umbilden, die seit Generationen Städter waren, und müssen sie angesichks erheblicher Widerstände ansiedeln. Und doch war, als wir zu arbeiten begannen, die Zahl der Einwanderer jedes Monats nur ein paar Hundert, heute sind es dreitausend monatlich. Es ist merkwürdig", fuhr Dr. Weizmann fort, „daß angesichts solcher Tatsachen ein gewisser defaitistischcr Ton in einem Teil der Presse, in einem Teil der jüdischen und sogar der zionistischen Presse zu 'beobachten ist. Mau hat gesagt: die britische Regierung hätte mehr für uns tun können, die britische Regierung hat nicht fair an uns gehandelt. Es ist nicht Zeit, heute über Streitfragen zu disputieren; in zwei Monaten wird der Z ionist e n k o n g re ß stattfinden und ich und meine Kollegen tvevden für unsere Haltung Rechenschaft oblegen. Ich will nur eine Be»r»erk»»ng machen: Manu in der Weltgeschichte sind die Menschen ausgestanden und haben gesagt: die Regierung hat alles für »ms getan, was wir erwarteten?. Vielleicht hätte es besser sein können — vielleicht hätte es auch viel schlechter sein können. Vor drei Jahren hätte niemand geglaubt, daß 3000 Juden monatlich ins Land koinmen und absorbiert werden können. Bor stoben oder acht Jahren glaubten Staatsmänner und Politiker, daß sich die Dinge iu der Welt ganz anders entwickeln würden, als es dann tatsächlich der Fall war; mag es sich um Aegypten oder um die Türkei handeln, tun die Reparationen oder um die Sicherung des Friedens: vor acht Jahren sahen die Dinge anders ans als heute. Wir leben in keine»»» Vakuitm und unsere Arbeit ist abhängig von de»» wirtschaftlichen Verhältnissen, die in der ganzen übrigen Welt herrschen. Es besteht kein Grund, das z»» unterschätzen, was geleistet wurde. Offizielle Schätzungen besagen, daß die Juden »vährend der letzten sechs Jahre sechs Millionen Pfund »»ach Palästina gebracht 'haben. Private Schätzungen kommen zu einer noch höheren Ziffer, zwischen sechs und acht Millionen. Und all dies ist durch freiwillige Leistung aufgebracht worden. Die heute fühlbare Tendenz deutet auf ein Wa chse n des Interesses an Palästina, nicht aus ein Schwinde»» des Interesses' hin. Dunkle Wolken können aussteigen, aber wir haben einen tief eingewurzelten Glauben an die Bestimmung der Juden, . unb wir sind überzeugt, welche Schwierigkeiten immer die jetzige und die nächste Generation zu überwinden ha.be»» wird, ihr Glaube und ihr Schicksal werden sie überwinden. Es ist uns nicht boschieden, die Vollendung des Werkes zu sehen, aber darum werden wir doch niemäls anshören, an ihm zu arbeiten. Wir werden die Grundlagen schaffen, auf denen die nächste Generation bauen wird. Vielleicht wird die Zukunft freudiger und schneller bauen können. An uns ist es, zu ermöglichen, daß ein ehrenvolles Heim errichtet wird für Menschen, die wie Gespenster über die ganze Welt gewandert sind, damit sie in Frieden mit sich selbst und mit der übrigen Welt lebe» können." Franz.{Sohn Klavier- und Harmonium- Etablissement und Leihanslalt Wien, i. Bäckerstaße Nr. 7 ■■■■Gegründet 1840 / Telephon 7G L >a>WW> verantwortlicher Minister wie Herr v. Skrzynski in einem Schreiben an Sokolow ausdrücklich feststellt, daß die im Zionismus repräsentierte, von den jüdischen Kolonisten getragene Bewegung „nirgends und niemals die Interessen anderer Nationen in Palästina, auch nicht bezüglich der der Christenheit heiligen Stätten" verletzt. Das »st eine autoritative Erklärung, nicht so sehr für uns, die »vir das »vissen, als für die anderen, die die reine Arbeit des Zionismus ihrem europäischarischen Begriff von Kolonisation haben ünpassen wollen. Sie gleichen de»n Geist, den sie begreifen, nicht uns. Aber es besteht doch, »vie Skrzynskis Brief zeigt, die Möglichkeit, von den» schlecht unterrichteten Europa an das besser unterrichtete zu appellieren. Das ist eine sehr ernste und tvichtige Aufgabe, die überall, »vo Juden wohnen und ihr Ideal in dem Kanrpf des Hasses beschmutzt sehen, erfüllt werden muß. Herbert Samuels Abschied. Jerusalem, 29. Juni. (I. T. A.) Die Jerusalemer Stadtvcrtvältnng gab 28. Juni äbemds zu Ehren des scheidenden Oberkommissärs Sir Herbert Samuel ein Bankett, welchem mehr als 600 führende Jerusailemor Bürger LeSwohnton. Der Bürgernveiister Ragheb Bei Nashashibi hielt eine feierliche Ansprache an Sir .Herbert Samuel und rühmte dessen vornehmen Gerechtigkeitssinn. Im Namen der Stadtverordnetenversammlung überreichte er dem scheidenden Oberkommissär ein Mbum von Jerusalem, -im. welchem die Entwicklung der Landeshauptstadt in den fünf Jahren der Amtstätigkeit Sir Herbert Samuels dargestellt ist. Auch an Lady Samuel richtete der Bürgermeiister Begrüßungsworte und rühmte ihre Arbeit zum Wöhle der Bevölkerung. Sir Herbert Samuel erwiderte die Grüße uud sagte, Jerusalem fei die Stadt der Verschiedenheiten, und das sei ihr Ruhm. Hier darf keine Feindschaft zwischen einzel-nen Gruppen herrschen. Zum Schlüsse erklärte er, er werde nach Beendigung feiner Ferien nach Jerusalem zurückkehren und sich 'hier als Bürger niedevlassen. '.Am 28. Juni stattete der scheidende Oberkommissär Sir Herbert S a m it e I dem Oberrab b i n a t Palästinas, dem Mos'lemitischen Oberrate und der palästinensischen Zionistischen Exekutive Abschiedsvisi'ten ab. Die Mitglieder der Zionistischen Exekutive unterhielten sich ruit Sir Herbert über schwebende Fragen. Ehrenbürger von Tel-Awiw. Jerusalem, 2. Juli. (I. T. A.) Am Dienstag dem SO. Juni, dem Tage vor seiner Abreise aus Palästina, war Sir .Herbert Sa m u c l Ga ft der Stadt T el- A w i w,' die ihm einen großartigen Empfang bereitete. Sir .Herbert wurde das Ehrendiplom der .Stadt Tel-Awiw überreicht. Samuel avgereist. . R. Jerusalem, 3. Juli. Dir Herbert Samuel hat sich gestern nach K o n stantinoPel eingeschifft. kine arabische Forderum». Nationale Regierung mit englischen Ratgebern. K. Jerusalem, Ende Juni. In der aräbischvn Presse Wivd die Diskussion über die Wünsche und Forderungen, weilche dem neuen Obe ri u nt m i ff ä r vorzulegen »vären, mit aller Schärfe fortgeführt. Besondere Beachtung findet ein Artikel des in Jaffa erscheinenden Organes der christli chen Araber über die nationalen Bevhäölnisse der Beamten bei der» Regierungsstellen. Gestützt auf die seinerzeit vom Unterstaatssekretär Ormsky Gore im britischem Unterhaus gegebener» Daten, wonach es in Erez Israel 1244 christliche, 678 jüdische und 632 muselmännische öffentliche Beamte gibt, führt das Blatt unter anderem aus: „Obgleich wir uns die Förderung der Einigkeit zwischen -den Christen und den Mohammedanern zur .Hau-ptausgabe gemacht haben und nicht berufen sind, die Rechte der Mohammedaner in der Erlangung von Beamtenstellen zu verfechten, müssen wir doch gegen die Verkürzung dieser Rechte durch die Mandatsmacht Stellung nehmen. Ist cs logisch, daß es 678 jüdische Regierungsbeamte gibt, obgleich die Zahl der Juden in» Lande nicht 100.000 erreicht? (Die Anzahl der Juden 'hat diese Ziffer bereits überschritte»». Die Red.) Und dabei sind die meisten von ihnen gar keine Palästinenser! Oder ist es logisch, daß unter den öffentlichen Beamten 1244 Christen sind, während es »m ganzen Lande nicht ganze 70.000 christliche Seelen gibt? Die Zahl der Muselmanen im Lande beträgt 700.000 (?) Seelen, und dennoch sind die Mohammedaner in» Status der öffentlichen Beamten bloß durch 632 Personen vertreten! Die Mohammedaner zahlen die «»eisten Steuern und sind nicht »ninder fähig als die Juden und Christen. Zum Beweise hiefür sei darauf hingewiesen, daß die Gouverneurposten vor der Eroberung des Landes durch die Engländer von Mohammedanern desevt rvurdcu und unter der türkischen Herrschaft die Zahl der christlichen Beamten im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl stand. Sollte jedoch eingewendet tverden, daß die Regierung jetzt eine christliche sei und ihre Beamte der englischen Sprache »nächtig sein müssen, »vährend unter den Mohammedanern nur sehr »v e n i g e die e n glische Sprache beherrschen, so »nuß darauf er- »vidert werden, daß es eine Ungerechtigkeit ist, eine»»» Volk, dessen entscheidende Mehrheit nichts »nit der englischen Sprache gemein hat, die Kenntnis dieser Sprache zur Pflicht zu machen. Uebrigens verstehen auch viele Christen ur»d Juden uicht die englische Sprache. Die große Zahl der englischen Beamten belastet schwer das Budget des Landes. Die englische Regierung sollte von den Franzosen in Syrien lernen, die die Regierung den Söhnen des Landes überließen und ihnen bloß französische Berat e r an die Seite gaben ... Wir fordern von der Mandatsmacht, daß sie jetzt, »vo sie eine neue Epoche inauguriert, die B est i n» »n u n g c n des Mandats ver»virklichen, »vonach sie die Pflicht übernommen hat, uns'mit ihre»»» Rat zu führe n. Es ist'daher ihre Pflicht, eine aus den Söhnen des Landes bestehende »t n t ionale R eg i e r u n g eiltzusetzen und ihr sachkundige englische Berater beizugeben, aber nicht, daß die Regierung ausschließlich in den Häirden von Fremden liege. Das verstößt gegen das Mandat und die Gerechtigkeit in gleichem Maße." _ Lar Srgebnir der holliindischen Wahlen. Haag, 3. Juli. (Havas.) Bei den Wahlen in die Zweite Kammer erhielte»» die Parteien der Rechten 55 Mandate, wodurch sie die Mehrheit in der Kammer behalten. Die Parteien der Linke n erhielten 42 Sitze und die kleineren Parteien drei Mandate. Die Linke ge»vinnt z»vei Sitze, die Rechte verliert fünf Mandate. Die Warschauer Verhandlungen. Warschau, 3. Jul». Die in der gestrigen Sitzung des jüdischen Klubs mit 40 Stimmen sämtlicher Fraktionen gegen die vier Stimmen der Hidachdnthdeputierteu angenommene Politische Deklaration, welche die beauftragten Vertreter des jüdischen Kklbs der Negierung vorlege»» werden, besagt: „Der jüdische Kkilb, welcher ständig auf den» Standpunkt der Unversehrtheit der polnischen Grenzen, der Wahrung der Staatsinkeressen Polens sowie der Durchführung der inneren Konsolidienng des Staates steht, bekundet, daß er im Sinne seiner Haltung auch aus den» parlamentarischen Terra»»» sowohl die allgemeine »vie auch die »»a t i o n a l e Politik führen »vird, die er zum Schutze der Interessen. der Jndeuschaft betreibt." Der Präsident des jüdischen Klubs, Dr. Reich, hat. beui Mirtisterpräsideuten Graüski das vben angeführte Abstimmungsergebnis mitge teilt. Die Konferenz »nit dem Uttterrichtsininister Stanislaw Grabski mußte infolge leichten Unwohlseins des Ministers verschoben werden. Die Mlitderheitssektion des Mnüsterrates wird noch in» Laufe der nächsten Woche zur Aiatifiziernng der Vereinbar»» »»gen zusammentrkten. Die Nntersertigung des Bertrages im Namen der Regierung »vird Ministerpräsident Graböki vorr»ehrr»e»i. Wie verlaritet, »vird der offizielle Text der Abmachung aus geivisse»» Politische»» Grmnden nicht die Anszählriug aller Konzessionen enthalten, »velche die Regierung gemäß den Bereinbarnngen »'»'bernvmtnen hat. Unfall oder politischer Mord» Ans Brüssel »vird gemeldet: Ir» der Maas »v»»rde vor einigen Tagen die Leiche eiries jungen Studenter» r»a»nens Kost re l gefnnden. Die Polizei scheint anzunehmen, daß Kostrel, der der Vorsitzende eim's kommun nist»scher» Klubs »var, das Opfer eines poetische»» RaHeq altes geworden ist. ^40494

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