Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2285 (2.7.1925)
- Date
- 1925-07-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wien, Donnerstag 2. Juli 1925 Nr. 2285 Wiener Morqenzeltunz. Seite 8 ZIONISTISCHE BEZIRKSSEKTION LEOPOLDSTADT J I , ,/jj Donnerstag, halb 8 Uhr abends, findet im Saal MmGUZC des Hotel ,,Bayrischer Hof*4, Taborstrasse 37, ein Diskussionsabend PROBLEME DES 14. KONGRESSES Eintritt statt. Es sprechen die Herren Gg.: Prof. MOSCS Rath, Dr. Georfl Weiner, Dt. Finkei- Eintritt frei! stein, Oberbaurat Robert -Stricker und Dr. Nahum Goldmann (Berlin) üei! -er deutsch-polnische Wirtschaftskrieg. Berlin, 1. Juli. (Tel.-Komp.) Nach oirier offiziösen Mrttejilung sind die Beschlüsse des Reichskabinetts über die Gegen maß rege ln gegen die polnischen Einfuhrverbote bereits dem Reichsrat zur Gerlehmi-gung nn-terlbraitct wordeir, der morgen nachmittags darüber beraten wird, worauf dann am Freitag, vormittags, die VeröfferEichuug der deutschen Gegenmaßnahmen erfolgen soll. Die Beilegungsverhandlungen. Heute haben neuerliche Berhandlungen zwischen den Mitgliedern der deutschen und der polnischen Delegation über die Beilegung des Zollkrieges stattge-- funden. Wi>e in ütuterrichteten Kreisen mitgeteilt wird, dürften diese Berhandlungen kaum zu einenr schnellen Er,z'ebnis führen. Man gibt hier der Uebcrzeugung Ausdruck, daß die deutschen Abwshrmaßnahnren mindestens ebenfalls eine Zeitlang wirken werden, ehe ein Ergebnis der Verhandlungen erwartet werden kann. Die Neuwahlen in der Tschechoslowakei. Prag, 1. Juli. Wie die „Deutsche Landpost" wissen will, steht cs heute bereits so gut wie fest, daß i m O ktober Neuwahlen stattfrnden werden. Als Wahltage kommen in Betracht der 18. Otto b e r für die Wahlen in das Abgeordnetenhaus und der 9 5. Okto «b e r für die Wahlen in den S e n a t. Aenderungen der tschechoslowakischen zolltarifer. Prag, t. Juli. (Lisch. P.-B.) In der heu>t!igeu Sitzung des Senats wurde der RbFierumgsgcisttzeutwltrf betreffend die Gebühren für amtliche Leistungen der tschechoslowakischen BevtretungÄbehörden und der ReigiernihgAgeisetzentwnvf betreffend Abänderung eimiger Zölle Vovgelegt. Der Gesetzentwurf betreffend die Abänderung einiger Zölle schlägt eine tcklweise Abänderung des Zolltarifes für das tischechoslowakische Zollgebiet vor. Er führt emerseits «ii-nen Zoll für K -n n st s e i d >e, Kal^inm-Cyauamid, Super- Phosphate rmd Photographien (Bergrößentng von Photogvaphien) in einem zunr Ausgleich der Konkurrenz mit der ausländischen Produktion notlvendigen Maße ein. Andererseits ändert er die Verzollung von A u t o m o b i l e n, die dadurch vereinfacht wird, daß statt des Wertzolles priuzjipiell ein Zoll nach dem Gewicht eingeführt wird. Da- Bericht über eine Palästinareise.*) Bon Otto Abeles. 4. Tel-Awiw, 19. Juni. Port Said, der Suez-Kanal, Sklave ns von der Sudanesen, die im keuchenden Laufschritt die Kohle auf das Schiff tragen, vom eigenen Gesang und vom Stock des Aufs che rs angetrieben, Hafenbild, Straßenbitd, Mosaik der Massen, Trachten, Sprachen aus aller Herren Ländern — so stark diese Eindrücke sind, sic tauchen unter, denn wir nähern uns der Küste Judäas. Wie ein Schneeseld, von stahlblauen Fluten nmspült, dehnt sich der Landstreifen, hie und da von dünnen Palmeilgrnppen überragt, die wie auf Nadeln gespießte Spinnen in der Landschaft stecken. Die Illusion von der Schneelandschaft ist -um so schmerzlicher, als nian weiß, das; unter der heißen Sanddüne, die sie vortäuscht, kein Humus schlummert. In unbegreiflicher Klarheit, trotz der bedeutenden Entfernung, hebt sich setzt Jaffa ans den Fluten. Harmonisch in ihrer Buntheit und Fülle steigen die scharfkantigen, einander vielfach schneidenden Häuserprismen zum Turin hinan, der den Küstensels überragt, ein vielfarbiger Kristall, der nicht glänzt, aber leuchtet, Nordöstlich wächst uns in ansehnlicher Entfaltung die neue Jndenstadt Tel-Awilv entgegen. Die Passagiere reißen einander die Ferngläser ans den Händen. Die Stimmung einzufangen, welche die Reiscgcnossen befiel, als das Schiff Anker warf und wir das Land betraten, war mir als Mitbeteiligten nicht gut möglich. Ich stelle fest, das; es allen, den nnfrommen und frommen Jungen und den durchaus frommen Alten nahe ging. »i* Musterhafte Ordnung, rasche Expedition bei der Paßabfertigung, Zollrevision, Aufnahme der Generalien und bei der sattit-ätspollzeilichen Amtsgebarung, die Vertreter nuferer Behörden, die an allen diesen Manipulationen beteiligt sind, von höflicher Sachlichkeit und vorbildlichem Entgegenkommen. Sämtliche Passagiere, auch die der 1. und 2. Klasse, wurden der Sck-utzimpfnng unterzogen. Keine Ausnahme, keine Bevorzugung in der Reihenfolge. Kein Feilschen mit den ausbooteuden Arabern. Erst nach Erledigung säintlicher Formalitäten ist bei den Kassen die tarifmäßige Gebühr zu zahlen. Dann wird das amtlich verwahrte Gepäck ansgefolgt. Ein Kommissionär übernimmt -und überwacht den Transport der U0 ifäieihfl . fHiuxuAV SfDjü'jißJtUe-U UA-r" .17 .l'ith 9J ciL)jJOri bei werden die Zollsätze insbesondere für Lastautomobike h erabgcsetz t. Noch größere Zollbegünstigungen sollen lküniftig Traktoren und MolorPflÜM genießen. An Regierungsvorschlag zum Wohnungsproblem. Für Ausländer — kern Mieterschutz. Geistern fand über Einladung des Bundeskanzlers Doktor R a m e k eine Besprechung der Regierung mit den Parteien über das Wohnungsproblem statt. Der Bundeskanzler legte den Parteien zwei Novellen zum Mietengefetz, bezw. Wohn n n g sanforde r u n gsge,s e tz vor, welche folgenden Wortlaut haben: 8 1. Der 8 1 des Mietengefetzes wird ab,geändert und hat zu lauten: Die Bestimmungen dieses Gesetzes finden auf die Miete van Wohnungen oder einzelnen Wohnungsbestandteilen saml etwa 1uHicjeimietete.1t Hansgärten oder sonstigen Grundstücken, auf die Miete von in Wohnhäusern befindlichen Geschäft s r ä n in >l i ch k e i t c n (Verkaufsräume, Magazine, Werkstätten, Arbeitsräumc, Anlts- und Kanzleiräunic n. dgl.) sowie auf die Miete der ain Tage des WiMamkeitsbcginnes dieses Gesetzes bereits bestehenden Exerzier-, Schieß- und sonstigen Uebnngsplätze des Bnnoesheeres Anwendung. A nsgenomm en find jedoch Räume der bezeichneten Art, die e r st nach de in 22. D e z e nl b e r 1922 durch Um- Letzte Kurse. New-Borker Devisen. vlerv-Botk, 1. Juli. (Tel.-Komp.) Berlin 23.80, London Kabel 4.8671(J, London Choc 4.81 % Amsterdam 40.05, Paris .4.46V», Brüssel 4.44, Rom 3.41, Madrid 14.54. Zürich 19.42, Stockholm 26.83, Oslo 17.84, Kopenhagen 20.20, Wien 14.—, Budapest 14.-. Prag 2.96'/«, Belgrad 1.75'/-, Athen 1.68^, Buenos Aires 0.40'/*, Rio de Janeiro 10.95, Bukarest 0.46Vis- Amerikanische Getreivemärkte. Nelv-Jorki» 1. Juli. (Tel.-Komp.) Weizen rot Winter 181V», Weizen hart Winter 159, Mais 111°/,, Hafer 50'/«, Roggen 105. Chikago, 1. Juli. (Tel.-Komp.) Weizen per Juli 143'/-, September 140, Dezember 141V<; Mais per Juli 97%, September 1011/*, Dezember 86'/2; Hafer per Juli 42%, September 44%, Dezember 46%; Roggen per Juli 94%, September 961/«, Dezember 99%. Gepäckstücke ins Quartier. Er kommt im Laufe des Tages und präsentiert die Rechnung. > Das Gefühl der Geborgenheit in kluger, kultivierter Ordnung, der man sich gerne und mit Vorteil fügt, hat sich im Augenblick der Landung eingestellt. * Erster, unvergeßlicher Eindruck von Tel-Awiw. Eine riesige Baufläche, von arbeitenden Menschen übersät. Der Anblick der Arbeiter ans den Baugerüsten ist überwältigend. Der Altblick ihrer Werke ist es nicht. Aber auf. die Passivpost „Tel- Awiwer Architektur" wird von so vielen wohlmeinenden Kritikern hingcwiesen, daß ich nicht Lust habe, in ihr Horn zu stoßen. Der Tel -Awiwer-Volkswitz (man kann sich darauf, verlassen, daß er in der neuen jüdischen Stadt ebenso gut gedeiht, wie die bevühinten Tel-Awiwer Kinder) hat die lustigsten Bauungetüme längst «mit Spitznamen gekennzeichnet. Es gibt übrigens jetzt auch «schöne,, würdige Neubauten, Allerdings, wie ich kleinlaut hinznfügen muß, in verwunderlich geringer Zahl. Die Schönheit dieser merkwürdigen, täglich wachsenden Stadt kommt nicht von den Häusern, sondern von den Menschen, voil deul heißen Avbeitstelnpo, von dem ungeheuren Auftrieb, von der schaffcllden Tatkraft, •‘bereu Sinnbild die auch architektonisch hervorragende Riuthellberg-iStatioll (das Elektrizitätskraftwerk) ist. Vom Flachdach eines hohen Neubaues übersah ich den tveiten, glücklichen Bezirk. Der Kern ist bereits nnlgrüilt, aus sünfhundert BauPlätzeu schassen rund l!000 Arbeiter, hier die großen, ansgebanten Viertel, dort steigen Phantastisch in unglaublicher Zahl zackige Miaucvstümpfe ans der Sandwüste, hier der Rothichild-Bonlovard mit Pavkaillagell, dort ciu Zeltlager und Bretterbuden in der Düne, Atenschengewiiilttlel -auf den Gerüsten, zwischen den Hällserzeilen, Illltoihnpen, das Geläute der Wagenglocken, trabende Kamelzüge, galoppierende Eselchen, Zeituugsausrüfer, rauchende Schlote, das Stainpfen des Elektrizitätswerkes, das Meer, der weite Blick »lach Bene Berak, Sarona und Jaffa — ein beraltschendes Panoraula. . Der Abelrd bringt die Äierlschen näher, welche diejsen Tag llliter freiem Himmel am Allsban voll Tel-Aioiw arbeiteten. In der hell belenchteten Alenby-Straße begegiret mail die ganze Slvbeitsarnlee auf denr Spazierweg zum Meere. Man gafft blöde. Zlnn erstell Male, noch bevor dll iit den Kolonien warst, sichst dll das Wunder „Der mme Jischuw". Wohl die Hälfte dieser Erdarbeiter, Maurer, Poliere, Stcinhauer, Ziegelarbeiter, Gerüster, Tischler haben Mittclschulbildllng, und kein geringerer Prozelltsatz der Hilfsarbetterinneil könnte sofort das Amt einer bauten, Auf-, Ein- oder Zn-bauten geschaffen wurde'rt oder die der Ha u s e i g e n t ü m e r bisher nicht Vermietet hatte, wenn sie nach dem 16. Jul i 1926 zur Bermietilttg gelangen, cder durch den H a u p 1 in i e t e r b i s h c r nicht v e rmietet waren und nach dem 15. Juli 1926 zur Weitervermietung gelangen, cder alle Wo h n n rt g e n, die von A ll s l ä n d e r n b c w 0 h n t werdeil, in deren Helmatstaat die m österreichischen Staatsbürger nicht gleichen Schutz genießen. Die Novelle zum A n f 0 r 0 e r „ n g s g e s e tz bcstinlmt: Räume, die der Hanseigeniünter oder der Hauptmieter bis zum Jnkrafttrctc-. der voriiegenden Noüeltc nicht weiter vermietet hatten, die aber nach diesem Zeitpunkte zur Weitervermietung gelangt find, können n i ch t a n g e so r‘d e r t werdeil. Nach längerer Debatte erklärten die Parteien, über die Entwüvfe des Bundeskanzlers ihren Klubs Mitteilung zu machen. * Würden diese Vorschläge der Regierllllg gelteildes Gesetz werden, so wäre die nächste Folge ein heilloser „P a l awatsch". Es hätte zunächst ein jeder Hauptmieter stillem Hausherrn und jeder Snbmicter dem Halrptmicter dokumentarisch seine Staatsbürgerschaft llachzuweisell und zu belegen, ob lllld in welchcnl Ausmaße Oesterreicher in denr respektrven Heimatstaate des Mieterschutzes teilhaft find. Ausländer, in deren Heimatland der Mieterschutz bereits crbgebant ist, wärcil dann der W i l l k ü r der Vermieter liach jeder Richtilng aus gesetzt und all ihneil würden sich wahrscheilrbich die Hausherren für den Entgang an Zins aus den an Jnlällder vermieteten Räumell schadlos halten. Da durch die vougüschlagenen Maßnahmen kaum ciu erheblicher Zuwachs an Wohnränmen entstehen wird, müßten die ausländischen Mieter zu einem Voll¬ oder übervalorisierten Mietzins noch alle die Schikanen tu Kauf nehmen, durch die der Vermieter von ihnen höhere Leistungen erlangen will. Vor dem Krieg war die Willklir der Zinsbildung durch das Verhältnis von Anbot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkte geregelt. Das ist jetzt nicht der Fall. Der Regierungsentwurf wird jedenfalls keinerlei leerstchetlde Wohnungen erzeugen, und gerade die Leerstehilngen waren cs, die eine vernüniftige Preisbildung ans dem WohrnmgsmaÄte ermögllichten. Die Vorlage ist von jenem frentdenfeilMichen Geiste getragen, der auch in der Waberschcil Praxis der Behandlung der Qptionsansuchen, dein beabsichtigten Ausschluß der Artsländer vom österreichischen Arbeitsmarkt, lind bei tali.stnd auderen Gelegenheiten zum Ausdruck komnrt. Lehrerin, Korrespondentin, Pflegeriil, Buchhalterin antreten. Sie sind jetzt am Feierabend alle, Mällner lllld Frauen, weiß gekleidet, sehr einfach und sehr geschmackvoll. Wenn sie vor der .Arbeiterküche, dem Lesesaal des Arbeitevheims, vor dem Theater, in welchenr heute „Traviata" in Szene geht, oder auf dem Strand, der in diesen heißen Tagen herrliche Kühlung spendet, in Gruppen beisammell stehell, möchte man ihnen die Judellhasser der deutschen, polnischen, rtmlänischeil Universitäten gegenüberstellen. Sie mögeil ihre Reihetl mit den Dozenten, Professoren, Rektoren verstärken und mit diesen Söhnen und Töchtern der „minderwertigen Rasse",, die tagsüber am Ban, hinter der Drehbank, am Setzkasteic standen, die Rotationssäge bedienten, Lasten schleppten, Ziegel forniten, (beu Kampf der Geister austragen! Geraume Zeit später — in den Bureaus der Architekten, Ingenieure, Industriellen wird bis nettn Uhr und länger gearbeitet — bereichert das Straßenbitd der Korso der bürgerlichen Familien. Durchaus ruhige, schöne Erscheinungen. Auffallender Putz, Schmllck und die Ergebnisse des Gebrauches von Lippenstift, Augeiistift, Puder sind nicht zu sehen. Eine dünne Schicht Nenangekommeiler sticht durch penetrarlte Anijmlachuilg Peinlich ab und nulß imch Wochen verschwillden. Das StraßeübÄd lehnt sie ab. Auf dem Wege zum Straildbad, im Bade, auf dem Rückweg traf ich gezählte zehn Wiener Bekannte (nachdelll ich mit drei mir nahestehellden Mänllern selbst Berbiildllllg gesucht und gefunden hatte), tzlerzte, Jngenicurc, Beanlte, Industrielle, zwei Pimliere aus En Ganim und ans dem Emek, die eine >d!eustliche Verrichtung nach Tel-Awiw führte, einen Unternehmer, einen Rechtsanwalt. In der Bialik-Straße sah ich dllrch das offene Fenster des Erdgeschosses eiiles Rcihbarles (lnan bezicht hier die unteren Etagen, tvöhreild oben die Stockwerke aufgesetzt werden), einen Wiener Freund am Schreibtisch. Er ist hier Banbbeanlter. Man sprach nlitcillaüder, als hätte mall sich gestern am Ring getroffen. Jedem Ziouisteil ältereil Jahrgallges, der aus einer eltropäischelr Stadt konlmt, bleibt diese große Freude voreubhalten, fi>cu jüngeren Semestern sind solche Begegnnllgell in weit größerer Zähl selbstverständlich. Zehn Uhr nachts. Tel-Awiw sillgt. Wahrheitsgemäß: Es sind nicht bloß hebräische Lieder. Auch russische, polnische, deutsche. Vielsprachig und doch gleichgestimint. Bon diestrl Hellen, srendigen Melodiell der Nacht umkluilgen, schließe ich den Bericht über meillen erstell Tag in der nellen jüdischen Stabt air der Küste voll Jlldäa. k