Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2285 (2.7.1925)
- Date
- 1925-07-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite L Men, Donnerstag Wiener Morqenzeitttna. 2. Juli 1925 .OUMMIKHUHE. Gummimantel, Spielbälle und Gummiwären aller Art zu Fabrikspreisen! SPiRMÄNN 6 HOROWIT2 Wien, EL Bez., Taborstrasse Nr. 11 b — Telephon Nr. 47-0-86 Sie arbeitet in einem Rahmen, in welchem sie nicht allein ist. Einflüsse der europäischen, asiatischen und afrikanischen Völker laufen hier durcheinander. Eine alte, sich neu ordnende Welt und eine neue, werdende Gesellschaft sehen auf uns, und es wird verständlich, daß diese vrwirrende Fülle von Problemen auf die Entschlüsse des zionistischen Parlamentes sehr stark einwirken muß. Wir bauen einen Staat, der zwischen Europa und Asien, an einem der wichtigsten Punkte der Welt entsteht. Wir müssen, während wir in unseren alten Ätzen unsere Rechte zu wahren haben, alle verfügbaren Kräfte ausbieten, um die neue Siedlung der Nation Meckentsprechend zu begründen, zu sichern und auszubreiten. Das sind Aufgaben, wie sie noch nie ein Volk vorfand, und aus chrer Feststellung allein ist die große Verantwortung zu ersehen, die auf der Zionistischen Organisation ruht. Dies erklärt auch die gegenwärtig im Lauf befindliche Diskussion, die bei allem Temperament doch mit einer imponierenden Sachlichkeit und mit hohem sittlichem Ernst geführt wird. Es ist eine Verkennung der Tatsachen, wenn die große Presse, wie dies in der letzten Zeit geschehen ist, von einer Krise im Zionismus spricht. Die Zionisten, der national bewußte, politisch und sozial aktive Teil des Mischen Volkes, nehmen Stellung zu den Details der großen Mission, die ihnen durch den Gang der Geschichte auferlegt worden ist. Sie können dies nur alle zwei Jahre tun. Ihr Parlament hat wenig Zeit zur Debatte, die Arbeit drängt, und so müssen alle Fragen in der Vorbereitungszeit für die endgültige Entscheidung reif gemacht werden. Ob die Außenwelt, deren Urteil auch für uns von Gewicht ist, referierend oder tendenziös von einer Krise spricht — sie beweist damit nur Unkenntnis der Dinge und kommt zu falschen Schlüssen. Palästina im Srientproblem. Das „Dawar", Organ der Organisation jüdischer Arbeiter in Palästina, schreibt: Weizmann hat kürzlich bei einer Versammlung der Mischen historischen Gesellschaft in London einige an Lloyd George gerichtete Worte gesprochen, die nicht ohne Erwiderung bleiben dürfen. Weizmann sagte: Zwischen Juden und Arabern stehen dunkle Kräfte, die im Trüben fischen wollen. Sollten sich Juden und Araber von Angesicht zu Angesicht treffen, sie würden fühlen, daß sie verwandt sind. Ich wünsche, Lloyd George Wunte uns den Weg finden helfen, -mit den Arabern in Freundschaft zufammenzuarbeiten." Es ist schwer zu verstehen, was Weizmann dachte, als er Lloyd George aufforderte, >un« zu einem Frieden mit den Arabern zu verhelfen. Alle Anerkennung für Lloyd George; er hat während des Krieges Weizmann sicherlich sehr geholfen, aber sieht denn Weizmann nicht, daß "ein englischer Staatsmann, ein Vertreter des britischen Imperialismus, nicht imstande sein kann, der Friedensvermittler zwischen den beiden Völkern zu sein, die in Zion wohnen? Weizmann, der in London wohnt, schätzt nicht genügend ein, was im nahen und fernen Osten, von China bis Marokko, vor sich geht. Sprecht heute mit einem palästinensischen Araber und ihr werdet hören, mit welchem Stolz sie von A b d e l Krim sprechen, der mit Frankreich kämpft, und wie groß die Hoffnungen sind, die sie an die nationale Bewegung in Indien, an die Brüder Ali und an Gandhi knüpfen. In den Hoffnungen und politischen Beistrebungen der Araber wird heute Palästina ein Teil des ganzen Ostens. Jeder englische Staatsmann, der heute nach Palästina kommen wollte, um zwischen ihnen und uns zu vermitteln, würde sie nur von uns entfernen. Nicht dies ist der Weg des Friedens. Hier in P a l ä st i n a ist es der Weg des Sichkennenlernens, des Er lerne ns der arabischen Sprache, der gemeinsamen Organisation, wo es gemeinsame Angelegenheiten gibt, jener Weg, mit welchem die Arbeiterorganisation schon -begonnen hat, sich von Angesicht zu Angesicht zu treffen, wie Weizmann richtig sagt. Dort aber, in der großen politischen Welt, wird der Friede erst geschlossen werden, wenn die Zionistische Organisation ihre Stellungnahme gegenüber dem erwachenden Osten festgelegt haben wird. Bon Schanghai bis Marokko sehen wir heute eine Front: die östlichen Völker streben nach Emanzipation. In einer -derart entscheidenden Stunde können wir nicht neutral bleiben, wo wir un's mitten in der Front ^befinden. Die Zionistische Organisation wird selbst ihren Weg bestimmen müssen. 8Io#> George kann ihr da nicht helfen. sie ottomaulsche Staatsschuld. Paris, 1. Juli. (Tel.-Komp.) Die Konferenz für die Lnfteilnng der ottomanischen Schuld ist heute in Paris durch eine Ansprache des Direktors für asiatische Angelegenheiten am Quai d'Orsay, Clin chan t, eröffnet worden. An der Konferenz sind vertreten: Di« Türkei, Bulgarien, Griechenland, Italien, der Irak, Palästina, Transjordanien, Syrien und der Libanon. Zmn Präsidenten der Konferenz wurde der zweite Direktor für politische Angelegenheiten am Quai d'Orsay. Seydoux, ernannt. Die Warschauer Detlaration. Die polnisch.südischcn Verhandlungen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeltnrig?.) Warschau, 1. Juli. Eine zwischen den: Außemmnister Skrzynski und dem Unterrrchtsmrnister Stanislaw G r a b s k i ainerseits und dem Obmann des jüdischen Parlamentsklubs, Dr. Reich sowie dem Deputierten Dr. Thon anderevseits stadtgofundeNe Konferenz befaßte sich mit den für die Beendigung der polnisch-jüdischen Vor- Handlungen ins Auge gefaßten Möglichkeiten. Es wurde insbesondere über die Dettarationsformel, welche das Ergebnis der bisher gepflogenen Vereinbarungen einvevnahmlich festsetzen soll,, beraten. ■ Wie ihr Korrespondent erfährt, Herrscht bei den jüdischen Vertretern aller rm Parlamentsklub vertretenen Richtungen Einmütigkeit darüber, daß ein günstiger 'Abschluß der in die Wege geleiteten Verhandlungen für die jüdische Bevölkerung Polens große praktische Bedeutung hat und daß die Zugeständnisse, tvelche die Regierung gegenüber den Forderungen der jüdischen Parlamentarier zu machen sich bereit erklärt hat, wertvoll sind. Keine völlige Ueboreinstimmuug herrscht unter den jüdischen parlamentarischen Vertretern über die Formulierung der erwarteten Deklaration, welche den offiziellen Ausdruck der weiteren Politik der jüdischen ParlamentSvertretung bilden soll. In dieser Deklaration wird der einleitende Passus, welcher erklären soll, daß die jüdische parlamentarische Vertretung aus dem Standpunkt der Unverletzlichkeit der Grenzen Polens sowie >iner Politik des starken Polen steht, selbstverständlich von allen jüdischen Gruppen gebilligt. Es herrscht ferner Einmütigkeit darüber, daß der jüdische Parlamentsklub weiterhin eine nationale jüdische Politik zu führen habe; wie dies jedoch in der Deklaration zum Ausdruck zu bvi-ngen ist, so daß di« Formulierung den politischen Richtlinien der Juden und den politischen Zielen der polnischen Regierung zugleich entspricht, dariM herrscht Unklarheit. Die Abgeordneten, Welche; den Klubberahmigen gegen die von Dr. Reich und Dr. Thvv . aus den Beratungen mit den Ministern nntgebvachte For» I nmliemng dieses "Passus der Deklaration wenden, weise«, darauf hin, daß wohl die erste Ausgabe der jüdischen Ab«! geordneten ist, die nationalen Interessen der jüdischen Be« ( völkornng zu vertreten, derer: gewählte Vertreter sie sindj dies fönnc und dürfe aber nicht bedeutet:, daß die jüdisch« Politik gegen die Interessen der anderen Minderheiten in Polen, richtet: könnte. Um die Stilisierung dieses Passus; der Deklaration handelt es sich bei den Beratungen iw jüdischen Klub und auch im Zionistischen Zentralrat. Die eingangs erwähnten Besprechungen Dr. Reichs itttt Dr. Thons mit det: beiden Mitgliedern der Regierung hattet: det: Ziocck, diese über die innerhalb des jüdischer Klubs vorgebrachten Vorschlag« für di« Formulierung der Deklaration zt: informieret: und von det: Ministern zu erfahren, welche Fortnel für die Deklaration di« Regierung billiget: könne. Heute fand eine Sitzung jener jüdischen Abgeordneten statt, die geget: die von Dr. Reich und Dr. Thon vorgeschlagene Deklarationsforntel E i n wend u n ge n erhoben hatten. In dieser Sitzmtg wurde beschlossen, bei der zur endgültigen Entscheidung über die ganze Aktion ein« berufenen Plenarsitzung der jüdischer: -ParlamentsfvÄktiou für eine besondere Deklaralionsformel, jedoch n i cht gegen die mit der Regierung abgsWoffeM Beveinlbarung zu stimmen. Die jüdischen Unterhändler Dr. Reich und Dr. Thon iverd-er: die endgültig«« Beschlüsse der jüdischen Parlamentsvertrctu-ng der Regierung mit« teilet: und diese wird sodann entscheiden, ob sie die borge* schlagene Formel alkzeptieren wird. ' ¥ UWELIER J MORIZ OESTERREICHER I. Wlppllngerstraße 29 Steter Eingang besonders preiswerter Juwelen und Silberwaren Grosses Uhrenlager 5112 Eigenes Atelier Die Vernichtung des Wischen Lebens in Rußland. 150.000 Juden in Weißrußland ohne jede Existenz- Möglichkeit. Riga, 1. Juli. (I. T.-A.) Im Zusammenhänge mit den von der Regierung getroffenen Maßnahmen zugunsten der Heimarbeiter haben in den letzten Tagen in Minsk, Poltawa. Krementschuk, Proskurow und anderen Städten Konferenzen jüdischer H e i m a r b e iter stattgefunden. Auf der Konferenz in Minsk referierte das Mitglied des Präsidiums des weißrussischen Zenträlexekutivkomitees über die Lage der .Heimarbeiter in Weißrußland und führte aus, daß von den in Weißrußland lobenden 447.797 Jude:: mindestens 1 5 0.0 0 0 Juden ohne jede wirtschaftliche Existenzmöglichkeit sind. Für diese müsse eine Siedlnngsmöglichkeit auf dem Lande geschaffen werden. Rücktritt des italienischen Finanz- Ministers? Neuerlicher Rückgang der Lira. Rom, 1. Juli. Die Lira hat heute an den italienischen Börsen neuerlich einen scharfen Rückgang erlitten. Der französische Franken, der gestern mit 128 geschlossen -hat, stieg heute auf 130.5, das Pfund von 137 auf 143, der Dollar von 26.3 auf 29.37. Italienische Konsols begannen mit 84, sanken auf 82.2 und erholten sich wieder auf 83.3 Die Blätter behandeln die Frage, ob diese heftigen Angriffe lediglich vom Ausland ausgohen, oder durch Valutenkäufe im Inland, oder durch politische Gründe, oder durch alle drei Ursachen zusammen zu erkläret: sind, und verzeichnen die Meldung, daß im morgigen Ministerrat F i n a n z niJ n i st e r d e S t e s a n i z u r ü ck t r e t e n und Mussolini intcrintistisch die F i n a n z vertu a l t u n g übernehmen werde. Die sranMschen Steuergesetze. Paris, 1. Juli. (Tel.-Komp.) Die Kam nur setzte heut« die Dobatte über das Einnahmenbudget fort. Es wurde eine beträchtliche Erhöhung der E i n k o m ttt e nsteuer für I u n g g e s c 11 c tt über 30 Ja hre, für Geschiedene .ohne Kinder und für kinderlose Ehepaare über 30 Jahre beschlossen, sofern die Ehe vor mehr als zwei Jahren vor dem Befteuerungstermin eingegangen wurde. Der Abgeordnete Bokanowski kritisierte die Methode der progressiven MnkoirwM'stener, nach der Einkommen bis zu 83 Prozent besteuert werden können. Unter solchen Umständen, meinte Bokanowski, könne die franzäfische Industrie auf dem Weltmarkt nnnröglich iWWWMAM bleiben. Außerdem vmntere «ms f* drakonische Besteuerung direkt zur Kapitalsfluchl ans. Die weitere Folge .wäre eine Ausdehnungder Arbeitslosigkeit und «ine allgemeine Wirtschaftskrise. ' . Finanzminister Caillaux betonte, di« Einkommen-« stcucr werde nach den Fassionen dieses Jahres 3930 Mik lionen einbringen. Er schlug vor, daß für den Maximals a tz der Einkommensteuer eine Grenze festgesetzt werde, die nicht überschritten werden dürfe. , Eine Abstimmung gegen Cgillnux» Paris, 1. Juli. (.Havas.) Die Kammer hat trotz.AVraten's des F i na n z m in i ste r s Cailläu^ deck Text der Einkommensteuernovelle betreffend die Fatierung von Guthaben in: Ausland«, der einen Eid Vorsicht und vom Senat abgeändert worden war, mit 339 gegen 229 Stimmen a u f r e ch t e r h a l-k e n. Abd el Krim« neue Sffenswe. Fes. (Havas.) Das Eindringen einzelner . Abteilungen der R i fl e ute dauert an verschiedenen Punkten der Front an. Der Feind entfaltet eine lebhafte Offensiv t ä t i g k e i t in den französischen Zentrums- und östlichen Abschnitten. Wie aus den weiteren Berichtet: hevvorgeht, waren der französische Posten Bor: Halima und die Gruppe am Oberlauf des Lobeuflnsses einem heftigen Angriff ansgefetzt, dessen Hauptstoß von vegulären Riftruppen gefühÄ: wurde. Im allgemeiner: wurde:: die Stellungen behauptet. Der Feind erlitt führ bedeutende Verluste. Astd el Krim v e r ft ä r k t gegenwärtig feine Offensive auf dem sinken Flügel seirrer Front. Bei der neuen Offensive werden vom Gegner bei Nacht Kämpfe und Märsche durchgefichrt, wie sie bis jetzt nicht zur Anwendung geikommen sind, die jedoch von den Rifharkas mehr ans Furcht vor den französischen Fliegern vielfach unternommen tverden. Die Räumung des Ruhrgebietes. Berlin, 1. Juni. Die französischen Besatzungstruppen haben bereits mit der Räumung des Rnhrgobietes begonnen. Es wurde die Homburg«r Brücke, ferner die Brücke zw i schen N h e i u h ause n u nd H o ch s e l d-— Duisburg g e r ä u m t. ras griechische Parlament suspendiert. Vorläufig bis 15. Oktober. Athen, 30. Juni. (.Havas.) Ministerpräsident Pa Nu, galos verlas in der Kammer eine kur^e Regierungs-) erklärung, worin er Gesundung, der Bertvalitung, gute) Finanzen, Gerechtigkeit, Versühnung im Innern, Her-> stellung guter Beziehungen zu den befreundeten Staaten, sowie die Wiederkehr allgemeiner normaler Verhältnisse' verspricht. Die Kammer hat der Regierung mit 185 gegen, 14 Stimmen .das B e r t r a u e n ausgesprochen und eine, von der Regierung eingebrachte Entschließuns angeuom-. men, wonach die Kammer ihre Arbeiten bis z u m 15. O k t o b e r unterbrechen und eine dreißiggliedrige Kommission einfttzen wird, die über den Per fass«.« g s en t w u r f zu beschließen, ermächtigt Gz Der Entwurf, welcher auch ein Gesetz über da« Propor>! t i o n a l w a h l r e ch t emhalter: soll, ist vch Kammer M. Wiederaufnahme ihrer Arbeiten zu unterbreiten. Neu-! wählen dürften im März nächsten Jahres stattsinden.^