Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2282 (28.6.1925)
- Date
- 1925-06-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien. Sonntag «Seite 4 Wiener Moreeinert,in«. se-.n-itni im Nr. 2000 Staber spart. Die R c ch t sa n wa l t sa n w ä r te r, die ihr (^^erichtSjahr absolvieren, erhielten, wie bekamu, bisher ein „Monatsgehalt" von 82 S. Ihre Bereinigung leitete eine Aktion ein, um eine Erhöhung dieses Betrages zu erzielen. Diese Aktion hatte den Erfolg, daß das Justizministerium in einem vom 15. d. datieret« Erlaß die Bezahlung einer Entlohnung überhaupt streicht. Den neu sich meldenden Anwärtern wird mitgeteilt, daß sie nur dann zur Leistung ihres Gerichtsjahres zugelassen werden, tvenn sie auf eine Entlohnung verzichten. Sie werden demnach gezwungen, für die in Oesterreich bestehende Art von Rechtspflege ohne Bezahlung zu arbeiten. Sine ftükmifche Generalversammlung der Depositenbank. Gin teilwcifer Steg der Kteinaktionärc. Für gestern, 12 Uhr nüttags, war die Generalversammlung der Depositenbank einberufen worden, die über die Liquidierung des Instituts beschließen sollte. Es hatten sich zu dieser Generalversammlung 632 Aktionäre eingefunden, von denen die meisten dem Verbände der Kleinrentner angehörten, aber auch eine große Reihe von grauen und Vertretern der Banken war erschienen. Schon zu Beginn der Versammlung tvar die Stimmung äußerst erregt. Zur Explosion kam es schon bei den ersten Worten, als der gewesene Direktor der Depositenbank, Muntendorf, das Podium betrat, um als rangältestes Mitglied den Vorsitz zu übernehmen. Bei der Wahl der Skrutatoren kommt es zu st ü r m ischeu Auftritten. Man trampelt mit den Füßen und erregte Zwischenrufe werden laut. Ein Aktionär erklärte, die Abstimmung könne nicht richtig vor sich gehen, da die einzelnen Stimmzettel numeriert wurden. Es seien Beamte der Bank mit Aktien ausgestattet worden, und daniit nran ihre Stimmenabgabe kontrollieren könne, seien diese Nummern auf den Stimmzetteln aufgedruckt. Es sei dies ein vollkommen ungesetzlicher Vorgang. Die Frauen schreiet: ununterbrochen, in einzelnen Momenten wird die Situation so kritisch, daß man glaubt, cs werde zu Zusammenstößen kommen. Während der Zwischenrufe weinen Frauen und andere wollen mit dem Schreien nicht aufhören. Eine Frau erhebt sich und beantragt ebenfalls die Verschieb u n g der Verhandlung mit Rücksicht darauf, daß man die Aktionäre nicht mit fünf G r o s ch e n abspeisen könne. Dies war das Signal zu neuem Lärm und Zwischenrufen. Endlich eilte Dr. Z a l m a n u zum Vorsitzenden, Präsidenten Muntendorf, und sie vereinbarten, daß Mrutatoren mit Zuruf gewählt werden. Nunmehr wiederholt Dr. Zalmann seinen Antrag auf Vertagung der Versammlung. Muntendorf spricht sich dagegen aus, da dagegen rechtliche Bedenken bestehen. Sofort nach der Rede Mnnten-- dorfs begann der Lärm wieder. Während der Direktor daran gehen will, die Abstimmung doch einzuleiten, erreicht der Sturm seinen .Höhepunkt. Es hat den Anschein, als ob die Majorität mit Gewalt die Abstimmung verhindern wollte. Man hörte Rufe: „Nieder mit Muntendorf," „Einsperret:" ,^Hängt Castiglioni auf!" ' Wiederholt verläßt der Vorsitzende die Tribüne, um sich mit den Vertretern der Banken zu beraten. Um 2 Uhr wird ein W a s s c n st i l l st and von 15 Minuten geschlossen. Während dieser Zeit wird mit den Paniken wegen St ou; e>ssioncn an die Kleingläubiger und Aktionäre verhandelt. - Nach längerer Zeit wurde endlich in einem zwv Durch Dr. Hofroaueri Beste Wirkung, ohne Diätzwang, garantiert unschädlich Vom Votksgesundheitsamt bewilligt (Nr. 911) Kein Abführmittel Keine Schilddrüse Depot: APOTHtKBi,£UM RÖMISCHEN KAISER" WIEN, 1. WOLLZBlLfi IS/5 Nebenzimmer ein Kompr o nt i ßzwischen den gegnerischen Parteien geschlossen. -Dieses Kompromiß besagt, daß das Irtstititt für öffentliche Unternehmungen bereit sei, von seinem Honorar 1 Milliarde an die Kleinaktionäre und Gläubiger a b z u t r e t e n. Hierauf konnte die Versammlung ruhig zu Ende geführt werden. Es wurde der Geschäftsbericht verlesen, welcher die Gründe des Zusammenburches der Bank behandelt und die Liquidation durch das Kreditinstitut für öffentliche Unternehmungen beantragt. Die Anträge wurden mit 171.235 gegen 304 Stimmen a ngc u o m nt e tr, worauf nach fünfstündiger Dauer die Versammlung geschlossett wurde. Ae Mandatskommission. Genf, 27. Juni. (Schweiz. Dep.-Ag.) Die ständige Ma n da t s k o m m i ss i o n des Völkerbundes beendigte heute vormittags die Prüfung des Berichtes betreffend das Mandat Frankreichs über Togo. Am Nachmittag gelangt der Bericht betreffend Französisch-K a m e r u n zur Behandlung. Der Mord mit Lydhnsbazillen. Shcpherd freigesprochen. New-Hork, 27. Juni. (Tel.-Komp.) Ter Sensations- Prozeß gegen William Shcpherd, der angeklagt war, sein Mündel Billy Mac C l i nt o ck mit Typhusbazillcn vergiftet zn haben, um das Mac-Clintocksche Riesenverinögen 311 erben, ist vor dem Chicagocr Schwurgericht zu Eitdc gefiihrt worden. Am letzten Verhandlungstag hielt der atts dem Mordprozeß Loeb bekannte Staatsanwalt Crewc seine Anklagerede. Er schilderte Shcpherd als einen a bg e f e i m t c n S ch u r k e 11 tut b Mörder eines ihm anvertrauten jungen Menschenlebens und appellierte an die Gcschwvrncn, sic mögen den Angeklagten schuldig sprechen, damit er „am Halse aufgehängt werde, bis er tot ist". Der Verteidiger Steward hob hervor, daß rt i ch t de r geringste Beweis dafür vorliege, daß der junge Mac Clintock infolge Erkrankung durch Typhusbazillcn gestorben sei, die ihm sein Vormund Shcpherd bcigebrachr hätte. Als der junge Mac Clintock starb, herrschte in Chicago eine schwere Typhusepidcmie, und es sei ein fragwürdiger Indizienbeweis, Shcpherd des Mordes zu bezichtigen, bloß weil dieser aus wissenschaftlichem Interesse sich mit Studien von Bazillenkulturen im Laboratorium des Dr. Faiman beschäftigt habe. Der junge Mac Cliptock könne ebenso gut eines natürlichen Todes gestorben sein. Das Urteil, das abends gefällt wurde, lautete aus F r e i s P r tt ch. tz Werbet Abonnenten für die t 1 „Wiener Morgenzeitung" I Sie Wahlen mm 14. Zionisten« longretz. Wahlordnung. tz 1. Jedes Mitglied der Zionistischen Wcltorgan» satiou, welches durch den ö st c r r c i ch i sch e 1 Landesverband den Schekel abgcführt hat, erlang mit erreichtem 18. Lebensjahre das aktive, mit erreichten 21. Lebensjahre das passive Wahlrecht zum Kongreß. Dapassive Wahlrecht ist außerdem noch an den Nachweis de? Erfüllung der Verpflichtung gegenüber dem Keren Hajessoi gebunden. Die Anmeldung der Kandidatur zum Kongres außerhalb des österreichischen Landesverbandes schließ die Kandidatur in diesem aus. § 2. Der Zionistische Landesverband für Oester reich bildet einen Wahlkreis. Die Wahlen sinder auf Grund des Proportionalwahlsystem« statt. § 3. Die Hauptwahlkommission ist berechtigt mehrere BczirkSscktionen, beziehungsweise Ortsgruppcr zu einer Wahlgruppe zu vereinigen. Sie bestellt den verantwortlichen Wahllcitcr, der der von der Bezirks, sektion, beziehungsweise Ortsgruppe zu wählenden'Wahl kommission-vorsitzt. Der Wahlleiter hat die Stimmzettel und artdere Dokumente in Ordnung zu verwahren mtt zur Verfügung der übergeordneten Wahlbchörden zu halten. * § 4. Die Wahlen finden spätestens 14 Tage vor Kvngreßbeginn statt. Die Verlautbarung des Wahltermins hat durch die Hauptwahlkommission spätestens 14 Tage vor .Beginn der Wahlen zu erfolgen. § 5. Die Wahlvorschläge sind bis einschließlich 17. Juli d. I. bei der Hauptwahlkommission einzureichcu und gleichzeitig schriftliche Erklärungen der in denr Wahl- Vorschläge genannten Kandidaten vorzulcgen, daß diese bereit sind, eine auf Grund dieses Wahlvorschlagcs erfolgende Wähl änzunehmen. Für jeden Kandidaten muß ein Ersatzdclegierter angeführt werden, der an die Stelle des Delegierten tritt, falls dieser ausscheidet. Die Kandidaten und diese Ersatzleute sind mit Vor- und Zuname, Berus und genauer Adresse anzuführen. Gleichzeitig ist eine Gebühr von 30 öftere. Schilling (dreißig österreichische Schilling) zur Deckung der . durch die Herstellung der Wahldrucksorten entstehenden Spesen bei-, zulegen. Ob die Bedingungen der Wählbarkeit vorliegen, nimmt die Hauptwahlkommission von Amts wegen wahr. § 6. Der Wahlvorschlag muß von mindestens 50 Wahlberechtigten, die ihre Vor- und Zunamen, Beruf mtb Adresse deutlich anzugeben haben, unterzeichnet werden. Als Bevollmächtigter der Liste gilt, wer eigens dafür nominiert, beziehungsweise der auf dem Wahlvorschlag an erster Stelle genannte Kandidat. Kommt ein Katididat auf mehreren Listen vor, so hat die Hauptwahlkvmmission ihn auf.asten Listen zu streichen, falls er seine 'Zustimmung.zur Kandidatur" auf Mehreren Listen erteilt hat. § 7. Die rechtzeitig eingegangenen Wahlvorschläge werden nach der Reihenfolge ihres Einganges mit Ordnungsnummern versehen und mit dem Namen des au erster Stelle stehenden Kandidaten bezeichnet. Sie werden in der Reihenfolge - der Ordnungsnummern in der „Wiener Morgenzeitung" bekanntgegeben. § 8. Die Zurückziehung eines Wahlvorschlagcs ist jederzeit zulässig. 8 9. Die Wahl ist geheim. Jeder Wähler muß persönlich im Wahllokal erscheinen. Er nennt der Wahlkommission seinen Namen und seine Adresse und empfängt einen Stimmzettel, den er selbst in die Wahlurne wirst. 8 10.. Die Wahllcitcr haben Maßnahmen zu treffen, dfe eine ordnungsmäßige Legitimierung der Wähler gewährleisten und eine doppelte Ausübung des Wahl- Shune und fein Hund. Eine Volksae schichte. Von Jakob Krausz. 1. Die Christen schlugen das Kreuz, die Juden wandten ihre Blicke ab, so oft sie an der schon fast gänzlich verfallenen Hütte vorbei kamen, in welcher der Straßenmeister seine für die Reinhaltung seines Abschnittes der Landstraße erforderlichen Utensilien aufbetvahrte. Selbst der Straßenmeister Michael, der seit etwa dreißig, Jahren Sommer und Winter bei sengender Sonnenglut und eisigem Frost seinen eintönigen Dienst versieht, trachtet vor Einbruch der Nacht den Schubkarren mit Besen, Schaufel und Axt in der Hütte zu verwahren. Trifft es sich jedoch einmal, daß er, am Feierabend von einem Unwetter überrascht, nicht mehr beit weiten Weg zu seiner am anderen Ende des Städtchens gelegenen Wohnung »vagen will und in der Hübte übernachten muß, so macht er aus der rundlichen bauchigen Flasche, die ihn auf allen seilten Wegen begleitet, einen 'herzhaften Extvaschliuck. „Für's Schlafen'." fügt er hinzu. Michael hatte nämlich schon vor fündig Jahren herausbekommen, daß der echte Kornbranntwein — jedes andere Getränk verschmähte er wie ein geschworner Abstinenzler — am Tage die Lebensgeister wachhAt; ein Extrafchluck davon vor dem Schlafengehen hingegen hält die Lebensgeister nieder und verscheucht jeden bösen Traum. Man legt sich in einem Winkel der Hütte hin und bleibt dovt bis zum grauenden Morgen liegen, wünsch- und traumilos wie der Besen, die Schaufel und die Axt im Schubkarren. Nur darum handelte es sich Michael bei seinen .Mlrazügeu vor dem Einschlafen in der Hütte: die Traumgebitde zu verscheuchen, di« einen in diesen von allen guten Menschen gemieldenetr Raunt umgaukeln. Er bekannte sich ztl dein Glauben, daß nächtlich herumschwärmende'Unholdgeister einen echten Kornbrand hassen wie den lieben Gott und selbst der Ausdünstung vort eirtem ungetansten Korn in weitem Bogen wie einer guten Tat auSweichen; gar erst, tvennn solch eine unruhige, heimkehvende Seele einst der Lebensmotor im Körper eines Juden gewesen ist! Die kannst du mit dem echtesten. Kornbranntwein über den Ozean jagen!... Der Straßeidmeister Michael machte zur Sicherheit noch ein Nachzüglern aus der Kornslasche, spuckte kräftig aus den SchubkarrelN, warf sich auf den Boden Hirt und schlief ein. Das Städtchen lag zwischen zwei Hügelzügen im Talkessel eingebettet. Bon einer der Höhen aus sah es mit .seinen eng aneinander gerückten Häuschen und den mit Moos überwucherten Schindeldächern antz wie eine -riesige Schildkröte, die zwischen Felsgosteiu eiugezwickt ist und sich nicht rühren kann. Schmale schwarzgetretene Fußpfade ziehen sich wie die Füße der Kröte rechts und links zn den Bergäbhängen. Born und hinten strecken sich kurze breite Stvaßenstreifen aus dem starren Leib der Kröte bis an den Rand des Waldes hin, der das Krötenstädtchen einsäumt. Dort vorn, gegen den großen fchtvarzen Wald zu, standen an den zwei Seiten der Landstraße ztvei.Häuschen, wie die Augen der Kröte. Das eine war die Leichenhalle des jüdischen Friedhofes und das andere gegenüber die Hütte des Straßenmeisters Michael. In den Achtzigerjahren war dies« jetzt windschiefe Hütte ein Wohnhaus wie jedes andere im Städtchen und wurde vom Stvaßen« meister als Dienstwohnung benützt, bis in einer Winternacht Räübervolk aus den nähen Wäldern, das sich durch den Straßenmeister in seinem Geivcrbe beunruhigt fühlte, das Häuschen Überfiel und den treuen Diener der Stadt mit samt seinem Weib im Schlafe abschlachtete. Die Mörder wurden niemals gefangen, und Michael, der dann das ohreniverte Amt ai-ne-8 Straßenmciisters erhielt, lvar nicht zu bewegen, die Dienstwohnung im „rechten Auge der Kröte" zu beziehen. So gab man ihn: beu.it am anderen Ende der Stadt, ,^m Schwanz der Kröte", eine kleine Wohnung. Das Häuschen im „Krötenauge" blieb lange Zeit unbewohnt. 3. In der Mitte der Achtzigevjahre des vorigen Jahr- Hunderts hielt eines Tages um die Mittagsstunde ein Wagen vor dem ^rechten Krötenauge". Dein Bauernwagen, wie er sonst in Rußland heimisch i!st, war ein Roß vorgespannt, dem man es ansah, daß es einst zu den kräftigsten, wohlgenährte« Exemplaren seiner Art gezählt, aber alle seine Kräfte auf der langen Wanderung durch steinige Wälder gelassen hatte. Es war denr Verhungern nahe wie sein Herr, der vom Bock stieg und schwer atmend um sich schaute, als ivollte er Prüfen, ob er diesen Punkt ans.Gottes Erde zu seinem vorläufig«!: Nei-fez'iel bestimnren solle. Da wurde er in seinem Sinnet: durch fchlveres Stöhnen gestört, das aus dem Innern des mit einem Tuch überdachten Wagens kam. Der Mann warf einet: Blick in den Wagen, iit den: eine bleiche, magere Franengestalt gebettet lag. Ihre Augeiv waren bereits gebrochen, die dünner: Lippen blau und nur so weit geöffnet, um dom Stöhnet:, das aus röchelnder Brust hervordrang, den Weg ins Unendliche fveizugebon. Der Mann ergriff die- H-atrd der' Kranken, fühlte ihren Puls, beugte sich über ihr Herz und horchte. Das hatte er oft :u:d oft ans .den: langem Weg getan, 4er hatte bereits Routine darin. Gr hob den Kopf empor und bohrte mit seinen: Heincit. -Finger in seinem rechten Ohr. Hörte er vielleicht plötzlich schlecht? Er legt da's linke Othr an -das