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Wiener Morgenzeitung · 1925-06-28 · Heft 2282 (28.6.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2282 (28.6.1925)
Date
1925-06-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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©etf* S Dien, Sonntag Wiener Mornenzettung. 28. Juni lOSö Nr. 2L6S “uhf'ibiia» Konferenzgemeinschaft radikaler Zionisten jj* MASSENMEETING WAS WOLLEN WIR? Eintritt fmi Redner: Nahum Goldmann, Berlin — Oberbaurat Robert Stricker, Wien Eintritt trnti Franz Ferdinand—Rathena« —Matteatti... —y. Wien. 28. Juni. Schwever Erinnerungen voll ist dieser Sommermonat. Er brachte vor elf Jahren den Mord in Sarajewo, vor zwei Jahren die feige Meuchelei Rathenaus, vor einen? Jahr die Abschlachtung Matteottis. Der jähe Tod Franz Ferdinands und seiner Frau war der unmittelbare Anlaß der Katastrophe, die noch heute nicht beendigt ist und deren Wurzeln weit zurückrcichm in eine Vergangenheit, die Millionen.Menschen das Sterben lehrte und die selbst nicht sterben will. In dem Massenmord, den die Rache für Franz Ferdinand übet: die Welt verhängte, reiste die furchtbare Ernte des Todes. Unabsehbar streckt sich das Leichenftld des Gefolges, das dem Habsburgerprinzen ins Grab folgen mußte, hoch hinauf bis in die Wolken, wie der Turm von Babel ragt das Trümmerfeld .der zerbrochenen Existenzen, des zerstörten Lebenswerkes so vieler Menschen. Staaten, Klassen, Stände wurden aus dem gewohnten Boden gerissen und in dem Taifun des Kriegssturmes durcheinander gewirbelt. Der Haß ging über die Welt. Entstände?? war er aus der Unfähigkeit der Politik, der Menschen, denen das Geschick der Männer und Frauen anvertraut war, neue Wege zur Schlichtung eines Streites zu gehen. Immer ivar Krieg gewesen, immer hatte Mord und Unrecht nur in lreuem Mord, neuem Unrecht Sühne gesucht. Das war die Ultima ratio, das letzte Mittel: Das Recht der Faust. Die Armeen, die Massen der Völker wurden gegeneinander geschickt. So tief hatte Erziehu??g und dumpfe, starre Gewöhnung auf sie gewirkt, daß sie dem Befehl gehorchten und alles von sich warfen, was ihnen gestern noch verboten war. Das^Gefttzsiel ab von ihnen. Es sank in den blutigen Brei her Schlachtfelder, verbrannte in den Dörfern und Wäldern, durch die der neue und so alte Götze stampfte. Die Menschen wurden gezwungen, das Leben zu verachten, und damit lernten sie auch alles andere verachten, was weniger Wert hat als das Leben. In dem Höllendunst der Geschütze verdampfte die Kultur, das Recht. Die Rache blieb. Die Bestie des Blutes hat sich nicht beruhigt. Sie sinnt auf netten Fraß. Sie will die ' Gedanken zerstampfen, die im Schatte?? >des Krieges reiften. Um den mühselig erreichten Frieden zu sichern, wurde versucht, einen Bund der Völker zu bilden. Aber dieser Plan hat sich bis,heute nicht durchgesetzt« Es fehlte ihm der Widerhall in de?j Massen. Die Demokratie versagte. Ihre große Aufgabe war. es, den Gedanken der Versöhnung hinauszutragerz, das Prinzip des Krieges leidenschaftlich anzugehen' mib; an der Wurzel zu fassen,. M sagen, daß die; Helden nur für die Hyäne?? sterben. Die Demokratie hat sich gescheuh in den Jdeenkan?pf dvawßen aus dem Marktplatzeinzutreten. Ihr? Passivität-war der Brutalilät der Götzenanbeter des Krieges, des Haffes, der Rache nicht gewachsen und so wurde die kaum zurückgescheuchte Reaktion immer kühner. Sie nahm die Erbitterung der enttäuschten Massen, .den Zorn der Kriegsgefangenen, der Heimkehrer, der Witwen und Waisen, der Arbeilsu??d Obdachlosen zu ihrem Kanrpffeld, um sie alle gegen die neuen Gedanken der Völkerbefreiung und des Friedens vorzusühren. Sie hatten die Macht und das Geld aller für sich, die aus dieser Verhetzung politffchen und materiellen Gewi???? ziehen, aller, die auf neue Wirren hoffen, um die verlorene Geltung wieder zu erlangen. Das erste und wichtigste Mittel war dem Krieg entlehnt. Keine Verhandlung, keine Debatte. Wer die Gewalt negiert,???uß sterben. Wer die Neuordnung will und den Frieden bekennt, handelt wider den Willen der Nation, wider ihre Größe und Zukunft. Er ist außerhalb des Rechtes. Un? dies den Massen Präzise und leicht verständlich zu???ache??, war nur nötig, ihr Haßgefühl auf eine deutlich kennbare Gruppe zu lenken, diese verantwortlich zu erklären und ihr Kampf auf Tod und Leben anzusagen. Die jüdische Minorität, seit ft der Träger aller Anschuldigungen, war jetzt wieder zur Stelle. * Alles was den Krieg, den Militarismus, die Rückstell??ng der Geschichte will, was die Völker wieder betrügen will, sammelte sich um die alte, schmutzige Fahne. Demokratie, sozialer Fortschritt, Völkerbund, Freiheit — das ist jüdisch. Rathenau brach zusammen, der Jude, der Deutschland zu einer neuen Zeit hatte fiihren wollen. Ueber seinen Leichenstein hiiüveg ging die Politik des Mordes weiter. Die Diktatur des Revolvers, die in Deutschland gelehrt und sogar wisse??schaftlich begründet wurde, griff über die Grenzen hinaus. Sie ist bequem und leicht faßbar. Sic schuf sich in Italien neue For-?nen, warf alles nieder, was aus der großen Geschichte dieses La??des Recht für die Massen und sozialen Fort . schritt ableiten wollte. Sie fällte den Sozialisten 'Makteotti. Sie zerstörte Rußland und Ungarn, sie wan delt weiter durch die Welt, in' tausend verschiedenen Arten. Sie kämpft hier gegen Juden, dort gegen Deutsche, gegen Weiße.'Es ist inüner das gleiche, die gleiche Strömung, aus geheimnisvollen Zentren gespeist nrit unheimlich sicherer Kenntnis der Massenpsychologie und' der Instinkte,????d sie hat immer das gleiche Ziel Äie Niederringung alles, was Volksrecht, Demokratie und Freiheit anstrebt. Das Mittelalter soll wieder heraüfgeführt werden. . Das jüdische Volk, dessen Leben und Ehre das. wich tigfte Angriffsziel dieser Bewegung bildet, hat in? und nach den? Krieg .Unsägliches zu erdulden gehabt. Aber es geht doch mit einer Stärkung sei??es politischen Willens aus dieser Zeit hera??s. Unter der Führung des Zionis mus, der organisierte?? Formulierung ftir?er Forde rungen auf nationale und kulturelle Freiheit, hat es die ersten Grundlagen für seine 'Zukunft gelegt. Die Unterstützung des Völkerbundes Hai es erreicht, daßdiese Forderungen in die erste Reihe der weltpolitischen Probleme treten konnten. In jahrzehntelanger Arbeit hat der Zionismus den Weg von der Ideologie bis zur prak tisch zu wertenden Tat zurückgelegt und die Vorbedin gungen geschaffen, von denen der Völkerbund zu sei??en Beschlüssen ausgehen konnte. Diese Vorbedingungen sind aller Welt sichtbar. ' Sie sind die Erhöhung der Produktivität eines sterilen Landes, die Weckung neuer, positiv wirksamer Energien und die Erfiillung der jüdischen Massen mit einem starken, fruchtbaren Selbstbewußtsei??. Für uns ist der Völkerbund ein Wegbereiter gewesen, die einzige große Tat, die er vollbringen konnte, war die Schaffung dieses neuen jüdischen Rechtes. Er hat dies erreichen können, weil die Idee, auf der er steht, die jüdische Idee und das jiidische Ethos ist, >das .pie Welt zu ührem Schaden verlassen hat. Wir müsset? dies der?? Völkerbund danken, indem. wir beim Aufbau unseres Heimes zeigen, wie man nationale und soziale Fragen durch das lebendige Recht und im Frieden löst. Wenn??ns die.Welt gewähren läßt, werden wir i-n den Stand gesetzt werden, unser Teil zur Befreiung der Menschheit von dey? Alpdruck der Morddiktatur beizutragem .. . J -GUMMIMANTEL. Gummischuhe, Spieibülle .und Grnrnniwarett aller Art zu Fabrikspreisen! SPiRMANN & HOROWITZ Wien; II. Bez., Taborstrasse 'Nr. 11 b — Telephon Nr. 47-0-86 Painleves Sieg in der Kammer. Die MehEtt ohne die Gozinlisten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 27. Juni.. Vor der Eröffnung der Nachtsitz u n g der Ka?n?ner haben sich die verschiedenen Fraktionen versammelt, um zu den Finanzplänen Cailla?? x' Stellung zu.nehme??. Der erste Eindruck war albgernein ein ungünstiger, der srch jedoch in der Folge' besserte. Die Flilanzkomlittssron, die sich daraus versammelte, beschloß, der Kainmer die Annahme des Projekts vorzuschlagen. Z?? Beginn der Kammevsitzung um 10 Uhr 40 Minuten abends teilte der Berichterstatter der Finanzkommission den Beschluß der Fmanzkommission mit. Hierauf, sprach der Abgeordnete Nogaro, der für das Projekt Caillanx' eintrat und die Kammer beschwor, «S im gegenwärtigen Augenblick n i ch 1 z u e i n e r p o li tis ch e n K r i s e lkvmu?en zu lasse??. Der bekannte Nationalist Bokanowsky bekänrpfte die Vorlage überaus heftig. Nachdem??och mehrere Redner zu Worte gekommen waren, die sich zumeist für das Regierungsprojekt aussprachen, bestieg Caillanx die Rednevbühne. Er erklärte, daß Frankreich gegenwärtig für 150 Milliarden Franker? langfristige und für 130 Milliarden Franken kurzfristige Schulden besitze. Er sprach besonders über die geplante Anleihe und erklärte, daß diese a??f die Frankenhausse abgestellt sein werde. P a i n l e v e gab hierauf eine kurze Erklärung ab. Er wies auf den dringlichen Charakter der Regierungsvorlage hin und erklärte, man müsse die Frage der schwebenden Schuld so rasch als möglich lösen, da sonst das Staatsschiff dem Untergang geweiht sei. Die Regierung müsse aber auf eine große Mehrheit in? Parlament zählen kön??en, damit das Vertrauen im Lande wftder erwache. Nachdem die allgemeine Diskussion dantit z?? End« war, tvurde in die Beratung der Gegenprojekte eingega ligen Der Sozialist B ede nee ergriff das Wort, um der sozialistischen Gegenvorschlag zugunsten einer B e r n? ö. geusabgabe zn verteidigen. Caillaux bekänrpfte diesen Vorschlag ur?d erklärte cs sei gegenwärtig nicht der Auge??blick, sich in so tveit auSfchaueude Plä??e cinzulaffen. Es handle sich jetzt darum eine Lösju??g zu finden, bei der f o f o r t g r o ß e B e t r ä g < in die Maatskaffer? fließen. Zum Schluffe erklärte Eaillau) im Name» der Regierung, daß er die Bert r a u e?? sfrage stelle. Bei der Wstimmung tvurde das Gegenprojekt der Sozialisier? über eine Verrnögensabgabe rnit 31( gege?? 210 Stimmen abgeleh n t. Ein Z??s<rtzantrag der K om m u?r i ste n, der die Ver- - staatlichung der Ba??ken und Gruben und eine Bestandaufnah?ne aller Vermögen fordert, wurde mit 421 gege?? 28 . Stimmen abgelehn t. Der erste Artikel, der de??? Finanzminisier rveitgehende B??dgetkontrollvollnrachtc?t eiirräumt, wurde -mit Handaufheben a?tgei?o?nm<m. Der Artikel 2 (Erhöhung des Banknoten?mlla??fes) wurde??ach Stellung der Vertrauensfrage mit 328 gegen 119 Stimmen genehmigt. 160 Abgeordnete haben sich der Stimmenabgabe enthalten. Der Artikel 3 (Anleihe mit Goldgarantie) wurde ebenfalls nach Stellung der Vertrauensfrage mit 373 gegen 136 Stimnien gutgcheißen. Artikel 4 (Festsetzung eines Maximums für die nationale?? Gutscheine) tvurde durch Harrdausheben angenommen. In der Schlußabstimumrdg tvurde die Regierungsvorlage mit 330 gegen 34 Stimmten angenommen. Alle 5 o z i a l i st e n haben sich' nach einer eindringlichen Aufs ordern?? g Leon B lu m s der Stim?nenabgabe enthalten. Die Kammersitzuug 'hat bis heute, halb 7 Uhr ''früh, geda??ert. Auch im Senat angenommen. Paris, 27. Imü. (Havas.) Im Senat erstattete B c-' r e n g e r den Bericht der Finanzkommission Wer die Fi- (??anzvopk»ge..Er empfahl deren Annahme, um dem Staatsschätz, der zufolge der.Kriegslasten und der Zahlungssäu?nnis Deutschlands.in Not geraten sei, zu Hilft zu kommen. Der Berichterstatter , verzeichnete mit Genrligtuung die strerrgen Spar- und Saniev??ngsmaßnahmen sowie die Festfetzrtng eir?es endgültigen Höchstausmaßes der schwebenden; Schuld. Nach Unterbrechung der Sitzung und Medera?tfnahme derselben votierte das Ha??s mit 226 gegen 29 Stinnncn!den Artikel, wod??rch die Notenumlaufgrenze um 6 Milliarden e r höht wird. Der Gesetzentw?trf tvurde mit 273 gegen 11 Stimnüw geneh in i g t. _ . Die deutschnationale Aufwertung. Berlin, 27. Juni. (Tel.-Komp.) Im Aufwertmtgs» ausschuß des Reichstages kam es zu Zusammenstößen, die noch ein gerichtliches Nachspiel zur Folge haben werden. Der Abgeordnete Best, der bekanntlich vor eitriger Zeit aus der deutschnationalen Fraktion zu den BöMschen Wergetreterr ist, hatte vor kurzem erklärt, daß . sich einige Abgeovdr?ete bei der Behandlung der Aufwertungsftage von Persönlichen Motiven leiten ließen und hatte weiter in Aussicht gestellt, die Namen der betreffenden Mgeordrreten zu nennen. In der heutigen Sitzung des Anfiwertungsausschusses bezeichnete Dr. .Best vier Abgeordnete mit Name?? und versuchte auf Grund von Brieftn und verlesenen Beweisstücken geschäftlichen Inhalts den Bovwurf zu.substariziere??, -daß diese Abgeordneten aus .persönliche?? Gründen gehandelt hätten. Die angegriffenen Abgeordnete?? wiese?? diese Unterstellung mit Entrüstung zurück und legten ebenfalls ihre Gekiengrilnde vor. Wie ans Parlarnentarischer? Kreisen .mitgeteilt wird,?vird dieser Vorgang ein gerichtliches Nachspiel -haben. Parteitag der deutschen Sozialdemokratie. Bcrli??, 27. Juni. (Tel.-Kon?p,) Der Parteivorstand der sozialdetnokratischel? Partei Dentschlailds -hat den diesjährigen Parteitag auf Sonntag der? 13. September nack Heidelberg, einhernftn. Radle tritt iu das Reglerungskartell ei«. Belgrad, 27. Juni. (Tel.-Komp.) In eingoweihteir politischen Kreisen wird erklärt, daß nach der heutigen einstirllnlige?? Verifizierultg sä?l?tlicher RadicMa»?date der Eintritt der Radic-Partei in die R.egierungsk o a l i t i o n nur eine' Frage vo?l wenigen Tilgen sei. In diesem Falle tverden die ftMändigeu Demokraterr aus der ReLftrungskoalition austreten.

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