Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-06-27 · Heft 2281 (27.6.1925) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2281 (27.6.1925)
Date
1925-06-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981366--23178-3010669
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 3 Wien, Samstag Wiener?i. -v$nr ms* 9ft. 888t Kouferenzgemeintchast radikaler Zianifte« Denstag wä Massenmeeting Was wollen wir mm Goivmann, «»..n - Sberbaurat Robert Stricker, °'-n im ««ftM»,idm, 6. Br,., fttnifiteggan« Stntfitt (teil 9 ««tritt ff tu keine regivnale Lösung, keine Revolution kann ihnen Hilfe bringen. Sie geraten rrur tiefer in den Sumpf des Chauvinismus und des Hasses. Nur eine gemeinsame jolidansche Beratung kann die Wege aus diesem Zustand offnen, nur der Zusammenschluß der europäischen Skaaten zu einer einzigen Gemeinschaft auf der Basis des Völkerbundes kann ein Weitergreifen des Putschismus und der Oktroipolitik verhüten. Neuer Schimpf an Ratheuau. Die Justizkonrödie gegen die Helfershelfer beim Mord. Leipzig, 26. Juni. Der Prozeß gegen Kürhcnm c i st c r und Brandt, die als Helfershelfer beim Mord an Wolter Rathcnau jedem mit der Geschichte dieser tüclischen Mordtat Vertrauten bekannt sind, hat am dritten Jahrestag dieser „nationalen" Heldentat begonnen; daß dies wohl Llbficht war, daß cs anscheinend darum ging, dem toten Rüthenan, den der Haß der völkischen Kulturträger auch nach seinem Tode begeifert, einen neuen Schimpf anzutun, dafür spricht der Verlauf und der Absibltrß dieses Prozesses, den die Bcrlautbarnng des a m t- 1 i ch e n Wolfs-Bureaus — offenbar zur Beruhigung der Kreise, die darüber empört sind, daß der Mord an Ratheuau die Justiz in Bewegung setzt — als „den letzten Rathenon-Prozeß" bezeichnet.hat. Die Justiz hat, wie all- ■jcmcin bekannt ist, die Mörder Rathenaus sehr liebevoll behandelt: sie hat den Häuptern der Mörderbande Zeit gegeben, zu entkommen, und es ist wahrhaftig nicht ihre Schuld, wenn zwei von den Gesellen, die als die Mörder Rathcnaus bezeichnet wurden, sich selbst aus der Welt brachten und einer der Gerichtsbarkeit in die Hände kam. Ls ist auch allgemein bekannt, daß die Anstifter dieses unheilvollen Mordes frei herumlaufen und ihre Namen der deutschen Justiz bis heute verborgen blieben. Der Prozeß gegen Küchen meiner und Brandt, wn denen der erste mittelbar, der zweite unmittelbar am Nord mitgetan hat, bedeutet eine neue, schändliche Jnsiiz'omödie, wie sic bei der gerichtlichen Verfolgung der Untat au Rathcnau seit je gespielt wurde. Als Zeugen erschienen der Rathenau-Mörder T e ch o tu, ferner der am Mord beteiligte Strolch Tilessen, die beide natürlich nichts aussagten; denen auch vom Gericht die Fragen so zeslelu wurden, daß sie nichts aussagen konnten. Bei dieser Äclegenheit wurde fcstgcstellt, daß Tillessen, der beim -vften Rathenau-Prozcß zu einer längeren Gefängnis- 'trafe verurteilt wurde, Strafaufschub erhalten hat; >iuc jetzige Adresse wird streng geheim gehalten und vurde auch in der Anklageschrift nicht gerann t. Nach solchen Präludien ist das Urteil in diesem Prozeß nicht verwunderlich, das der Vorsitzende, Reichszcrichtsrat Lorenz, zu verkünden die Stirn hatte. )l ü cf) e it nt c t st c r wurde gemäß dem Antrag der Reichsnnvailschaft srcigesprachen, Brandt wegen Vergehens gcgcll § 139 St.-G.-B. (Unterlassung einer Anzeige) unter Fallenlasscn der Anklage wegen Beihilfe zum M o r d zu v i e r I a h r e n G e f ä n gr is und tvcgen unbefugten Waffenbesitzes zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt. Die Geldstrafe und ein Jahr der Gcsängnisstrafc gelten als durch die Untersuchungshaft ocrbüßt. Die deutsche Justiz käme sich nun rühmen, den „letzten" Rathenau-Prozeß würdig hinter sich gebracht zu haben. Was sie zur „Aufklärung" des Mordes an Rathcuait getan hat, das bleibt ewige Schmach für das Volk der „Richter und Henker". Und dieser Rathenau- Prozeß ist nicht der „letzte". Denn der Rathenau-Prozeß vor dem Weltgericht, der seit dem Tage anhängig ist, da eer Haß völkischer Vertierung Deutschland um seinen Retter gebracht hat, geht unerbittlich seinen Gang. Gin völkischer Spion. Berlin, 26. Juni. Der Journalist Lüdecke aus Danzig, der in Danzig eine Wochenschrift unter dem Titel „Ostwacht" herausgegeben hatte, hatte es verstanden, sich mit rechtsstehenden Kreisen in Danzig in Verbindrmg zu setzen mtö sich Material zu verschaffen, das er der pol-' nischen Spionageabteilung gegen Bezahl u n g zur Verfügung gestellt hat, Aus diesem Grunde war Lüdecke heute bei dem Kammergericht wegen Verrats cmgeklagt und wurde, entsprechend dem Anträge deS Generalstaatsanwaltes zu sechs Jahren Z u ch t h a u s und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Gegen den Angeklagten ist außerdem ein Verfahren wegen Verrates militärischer Geheimnisse cingeleitet worden. Ueberall dasselbe Lied. Rom, 26. Juni. Der in der Matte vtti -Affäre seinerzeit verhaftete ehentalige Verwaltungsdirektor der saszistischen Partei Marinelli wurde gestern in eine Kuranstalt überführt, nachdem er seit vielen Monaten schorr im Gerichtsgesängnis in ärztlicher Behandlung a?- ftauben tvar. Sie polnisch-jüdische Verständigung. Aeußemngen führender polnischer Parlamentarier. (Eigendienst der. „Wieiter Morgenzeitimg".) Warschau, 26. Juni. Welche Beschlüsse die Sitzung der interministeriellen Kommission für die Randgebiete und nationalen Minderheiten zu. den ihr von den Ministern Skrzynski und Stanislaw Grabski vorgelegten, zwischen ihnen und den parlamentarischen Bertret-ern der polnischen Judcnschaft getroffenen Vereinbarungen gefaßt hat, ist noch nicht bekannt geworden, da beim Abschluß der polnisch-jüdischen Verhandlungen vereinbart wurde, die Details erst zu veröffentlichen, bis sie das Plenn m des Ministerrates passiert haben, was nächsten Dienstag der Fall sein wird. Wie Ihr Korrespondent erfährt, sollen voit beiden Seiten Deklarationen herausgegcben werden. Unterrichtsminister Stanislaw Grabski hat über den Abschluß der Verhandlungen noch gestern den Sejmmarschall Rataj und die Obmänner der bedeutenden Parteifraktionen des Sejm i n f o r m i e r t. In parlamentarischen Kressen hat der günstige Abschluß der Vefftändigungsaktion lebhaftes Interesse hervorgerufen. Sämtliche Parlamentsklubs diskutieren lebhaft dieses politische Ereignis. - Nach Abschluß der Verhandlungen über die Verständigung im Mmisterrate soll Außenminister Skrzynöki zur Fortführung von wirtschaftlichen Verhandlungen nach Amerika reisen. Ihr Korrespondent hatte Gelegenheit, eirüge parlamentarische Klubobmänner zu sprechen und sie über ihre Stellung zu der soeben abgeschlossenen polnisch-jüdischen Verständigung zu befragen. Der Obmann des jüdischen Klubs, Delegierter Dr. Reich, welcher zusammen mit dem Deputierten Dr. Thon die Verhandlungen geführt hat, erklärte, daß nunmehr eine Grundlage geschaffen sei, ans welcher es möglich sein -wird, die Weiterentwicklung des jüdischen Lebens in Palen anfzubanen, was entschieden auch für den gesamten Staat von Nutzen sein wird. Ein wichtiges Ergebnis sei, daß nunmehr die Regierung die Judenschaft als staats erhaltendes und positives Element anerkennt. Das parlamentarische Verhältnis zur Regierung — erklärte Abgeordneter Reich weiter — wird natürlich von der Durchführung der Vereinbarungen abhängcn. Aus die Frage, was geschehen werde, wenn btc Vereinbarungen nicht realisiert würden, erklärte Dr. Reich, daß die jüdischen Forderungen der Verfassung und dem darin ausgenommenen Minderheitstraktat entsprechen und es selbstverständlich die Ausgabe der jüdischen parlamentarischen Vertretung ist, sich mit allen parlamentarischen Mitteln für die Einhaltung der Staatsgrnndgesetze gegenüber der von ihnen vertretenen Bevölkernngsschichte einzusetzcn. Ter Obmann des Parlamentsklnbs der Bauernpartei, Deputierter Witos, erklärte über Befragen, daß fr' polnisch-jüdische Verständigung ein wichtige s. politisches Ereignis sei. Witos hatte noch gestern eine Unterredung mit dem Präsidenten des jüdischen Klubs Dr. R e i ch, -welche sich auf das Verhältnis des jüdischen Klubs zu dem in Beratung stehenden Agrarr e s o r m g e s e tz sowie auf das allgemeine Verhältnis der beiden Klubs bezog. In der Unterredung' erklärte Witos, daß das Verhältnis seines Klubs zur jüdischen Frage davon abhänge, wie sich der jüdische Klub gegerrüber den agrarischen Fordern» g c n der Bauernpartei, verhalte. Im weiteren Verlauf der Unterredung bekundete Witos sein Einverständnis mit den Resultaten der polnisch-jüdischen Verständigungsverhandlnngen. Der christlichnationale Abgeordnete D u b a n o w i c z erklärte über Befragen Ihrem Korrespondenten, die erzielte polnisch-jüdische Verständigung sei zu begrüßen und 'habe insbesondere dadurch Bedeutung, daß wirtschaftliche Kämpfe, denen Polen ausweichen mutz, durch sie vermieden werden. Es müsse in Polen der ungestörte wirtschaftliche Aufbau beginnen. Sokolows Vevhrrndlungen mit Mitgliedern der: Negierrtng. „ Warschau, 26. Juni. (I. T. A.) Der hier weile udr Präsident der Zionistischen Weltexekutive, Nahm» S o k olow, wird m den nächsten Tagen mit Mitgliedern der polnischen Regierung über Angelegenheiten des Zionismus Rücksprache führen. Sokoloiv hat diese Besprechungen bis zur B e e n d i g u n g der p o l n i s chjüdischen V e r h a n d nt ngen verschoben, um nicht nach außen den Anschein zu erwecken, daß er sich in die inneren Angelegenheiten Polens einmischt. Horthtz wieder als Mörder gebrandmar». Die Morde in Jzfak. (Eigendienst der ,Mener Movgeuzeitung".) Budapest, 26. Juni. Bei der gestern stattgef-undenctt Verhandlung gegen den Redakteur des Rassenschützlerblattes „Szozat", Lehel K a d a r, der, wie berichtet, Hejjas aus Anlaß der nach gerichtsordnungsmäßiger Feststellung von ihm befohlenen Ermordung dreier j ü d i s ch e r Bürger in Jzsak als Nationalhelbeit gefeiert hatte, erklärte der Angeklagte Kadar unter auderenr: „Ich biri in der Lage, den Nachweis zu führen, welche M a ch t s a k t o r c u hinter Iwan Hejjas stchett. Daß diese ihm bereits in Szeged die n nu m s ch r ä n k t e V o l l m a ch 1 erteilt hadert, auf bettt Gebiete, dessen Reinigung voit verdächtigen Elementen ihm überlasse« war, nach Gutdünken ztt schalten und zu «walten. Daß er ermächtigt w a r, T o d e s u x 1111 e zu fällen und vollstrecken zu lassen, ohne hie für zur Verantwortung gezogen zu werden. Es tvar doch offenbar, daß ein 26jähriger Röserveoberleutttant sich ohne eine solche Vollmacht nicht unterfangen hätte, so vorzngehen, tvie Iwan Hejjas c$ tat." Dieser deutliche Hirtweis -darauf, daß Hejjas int direkte u A u f t r a g e Hort h h s gehandelt hatte, wurde dtirch Kardas Verteidiger, den A b g e o r d u e t e n U l a i n, als er aus .Hejjas' Amnestlemng zu sprechen kam, nach dttrch folgende aufsehenerregende Erklävttug ergättzt: „Die Amnestie bedeutet, daß das Staatsoberhaupt' in höherem Interesse des Landes die Straflosigkeit zu ver-? füget! für angebracht gefunden hat. Daß ü b r i g e n s das, Staatsoberhaupt Hejjas nie als Schuldigen oder als Verbrecher betrachtet habe, beweist der Umstand, daß er ihn mit seiner Freundschaft attszeichuet und i h u tv i e d e r h o l t m i t seinen Best! ch e n beehrt hat." - Diese Brandmarknng H o r t h y s als Auftraggeber für die At o rde -in Ungarn — die ztveite innerhallb Wenigev Wochen — brachte in der heutigen Sitzuntg der Nationalvevsa'mmilnng der Abgeordnete Rakovszky zur Sprache. Er wandte sich gegen die neueste Praxis des Präsidiums der Rationalversattrm'luun, das Einbezreheu des Reichsvevwesers in die parlamentarische Debatte zu verbieten, und wies daraus hin, daß der "Abgeordnete U l a i n in der gestrigen Verhandlung gcgett .Kadar unter der Korttrolle des Gerichtes noch schwerwiegendere Tatsachen vorgebracht habe als der frühere Minister des Innern Beniezky im „Ujsag". Der Abgeordnete Rupert stellte den Antrag, die RegieruM möge untersuchen, olb Hejjas tatsächlich die Vollmacht besaß, 7t a ch!j! eine nt Ermessen Hi n r i chtungen vorneh7nen zu lassen. Außerdem möge die Regterung eine Untersuchung darüber vornehmen, bb der ReichsverWeser Hejjas einen Besuch abstattete in einer Zeit, wo die G r e u e l t a t e n von O r g o v a n h bereits bekannt ivaren, mtd ob es wahr sei, daß Hejjas wiederholt vom Re i chsverweser e-mpfang e n wtttvc. Jttstizkninister Pesti erklärte, über die Aenßertmgen K a d a r s hätte die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingeleitet. Diese tteue Enthülluttg kompromittiert den Reichsveriveser so schiver, daß cht zvieiter Huldlgungstag tvohl nichts helfen wird. Der deutsch-volnische golltrieg beigelegt. Abschluß eines Provisoriums. Warschau, 26. Juni. (Tschech. Preß-Bur.) Nack) BlättermÄdu-ngen hat sich das politische tuttvirtschasttiche Komitee des polnischen M i n i st e r r a t e s mit ben deutschen Vorschlägen über den Abschluß eines Wirtschaftsprovisoriums befaßt und beschlossen, die d e u t s ch e n V o r s ch l ä ge a n z u it e h nr e n. Das Wirtsrhastsprovisorium wird wahrscheinlich bis zum 1. April 192 0 abgeschlossen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.