Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2280 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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G Nr. 2260 Wien. Freitag Das Reisebüro COOK •Wien, I. Steohansoletz Nr. 2 Mer Berbandstag des Preukifchen Landesverbandes. Berlin, 25. Juni. In der fortgesetzten Generalldebattie Mer den Rechenschaftsbericht des Zentral-Vevbandes! (siche ,Miener M-orge-nzeitimg" von: .25. d. Die Red.) sprachen j nach Dr. Klee, der am Schlüsse seiner Ausführungen ener- | gisch gegen die Politik des von Dr. Max N'anmann geführten Verbandes der n a t i o n a l d e u t s ch e n Juden St>elklung nahm, der mit der Denunziation arbeitet, das; alle für! Palästina tätigen Inden Verräter an Deutschland seien, sprachen Redner verschiedener Fraktionen msbesondew über S ch u l f r a >g e n. Sodann kam Dr. Sandle r (Volkspartei) auf das Vorgehen der Staatsbehörden gegen die Ostjudew . zu sprechen. Er wies daraus hin, daß die Ausweisungs- Praxis überaus hart gchandhadt wird. Im Namen seiner Fraktion beantragte er eine Resolution an den Minister des ' Innern, welche verlangt, daß die untergeordneten Behörden dahin instruiert werden, die Paß- und Answeisnngsvorschristen humaner zu handhaben. Die Resolution wurde e i n st i m m i g ' angenommen. Am Schlüsse seiner Rede stellte er gegenüber den Ausführungen des Redners der national-deutschen Juden, '.Sanitätsrat P e y s e r fest, daß die Mitarbeit am Ausbau Palästinas Sache jedes Juden sei. Die -deutsche Judenheit müsse sich nach dem B-eispiel der amerikanischen an der J-e-wish Agency beteiligen. Die Ausführungen Dr. Sandlers wurden ftr instruktiver Weise von Ministerialrat Dr. Badt (Volkspartei) ergänzt, der darlegte, daß di-e Praxis gegen die Ostju-den und die AlM-andsjuden eine unmenschliche ist. Ihm als Laudtagsabgcordneten fdi das betreffende Material zugänglich, und er könne von Fällen berichten, wo jüdischen Ausländern, die 40 Jahre in Deutschland wohnen, die Einbürgerung verweigert wurde. Der Redner klagt, die „nationaldeutschen" Juden an, daß sie durch ihre Propaganda die preußischen Behörden gegen die auslä-ndischen Juden beeinflussen. Oft kommt es vor, daß Behörden sich ans Dr. Naumann bcanlsen, wenn man von ihnen eine mildere Praxis gegen Auslandsjuden verlangt. (Hört! Hört!-Rufe. Wie muß es ans Richtftlden wirken, wenn das MitteilnugslblcM der uatioucrl- 'dentsch-en Jrtdcn, das vielen nichtjüdischen Kreisen zugänglich gemacht wird, alle Z i o n i st e n als Landesverräter bezeichnet. Direktor Holländer <Zentralverc»in) teilt über die AiMveifungspraxis aus eigener Erfahrung -unglaubliche Fälle mit. In Oberschlesien wurde ein betrunkener Deutscher, der int Grenzgebiet herumirrte, von einem Zollbeamten erschossen. Darüber zur Rede gestellt, entschuldigte sich der Beamte damit, er hätte geglaubt, es sei ein Polnischer I n d c. Nach Abschluß der Generaldebatte referierte Dr. Jomar F r e u u b üher Pruckt 8 der Tagesordnung: R e v i s i o n d e s p r -e -u ß i s ch e n I u d e n r -echte s. Er besprach ausführlich Artikel 137 der Reichsversasfun-g, laut welchem eine Sta-atskirche nicht «existiert, wonach also die einzelnen Glanbeusgemeinschastssn die Freiheit, eigene öffentlich-rechtl i ch e O r g ani sa t ion en zn bild e n, besäßen. Es bleibt aber nngeklärt, ob durch diesen Artikel das Judengesetz von 1847 als ab ge schafft $n gelten habe, ob es sich um ein zwingendes Reichsrecht handelt, welches Staatsrecht bricht, oder o>b Raun: gelassen tvird für Landesgesetze. Der Redner bespricht dann die Vorlage, betreffend die Revision der preuß-ischen Judenrechte. Seine Ausführungen gip selten in der These, es müsse ein einheitliches In den recht zur Geltung kommend Der R-edner geht auf -die -Fr-auenfrage, Wahlrechtsfräge, Frage des Ansläudertvahlrechtes ein und stellt den Grundsatz auf: Wer in der Gemeinde als Jn'de wohnt, der ist Jude. Ain dritten BerhaMungstag wurde zunächst der Etat dnrchberaten, wobei insbesondere darauf hingewiesen wurde, daß für die S t aa-t sb eihilf,en an die Synagogeng e tu e i u d e n energisch eing-etret-on werden müsse. Der Etat, welcher mit 1,368.700 Mark bila-nziert, wurde einstimmig angenonrin'eu. Die Eiuuahmeu des Verbandes aus eigenen Beiträgen der Gemeinde sind utit 858.700 Mark, die aus Dtaatsbeihilfen mit 510.000 Mark veranschlagt. Wiener MornenOitnnq. 26. Juni 1025 Seite 8 Me Krise der Sfterreichischen Industrie. Sin Dortrag Aimmemanr im gndnstrielleaverband. Jur großen Festsaal des Jndustriehauses, wo gestern die Generalversa.rnmlung 'des Hauptverbandes der Industrie stattfand, hielt, Gcneralkommissär Doktor Zimmerman einen Vorträg. In seiner Eröffnungsredei wendete sich Präsident Urban gegen gewisse Zeitungsnachrichten, die dahin lauten, der .Hauptverband habe seinen Sta-ndpnnkt, reine Wirtschaftspolitik zn treiben, verlasset: und ,;u den Problemen der Außenpolitik, Anschluß an Deutschland oder Donauföderation, Stellung zu nehmen versucht. Der Hauptverba-nd werde natürlich, wenn er gefragt wird, für jede dieser Kombinationen das statistische Material zur Verfügung stellen, die Behandlung dieser politischen Probleme aber selbst vermeiden und dadurch in keiner Weise den politischen Auffassungen seiner Mitglieder präjudizieren. Hierauf ergriff Geueralkommissär Dr. Zim-mer- •m a it das Wort. Er wies einleitend auf die schwere Lage der Industrie hin. Alle Kräfte müßten zusammenwirken, uin: Abhilfe zu suchen. Die Arbeitslosigkeit sei trotz des Rückganges der letzten Mollate noch immer e rs ch r e ck -e n d groß und wälze eine fast unerträgliche La st auf die Wirtschaft und auf die Finanzen des Bundes. Dev Generakkomm-issär verwies, auf die Geldflüssigke it und das starke Steigen der Einlagen bei Banken und Sparkaffen und regte an, das Jnlandskapital mehr als bisher zur Kreditgewährung an Industrie und Landwirtschaft hevanzuziehen, etwa durch Emission von industriellen Schillingobligationen und Schillingpfandbriefen. Die österreichische Wirtschaft toerde aber auf jeden Fall noch während geraumer Zeit ans die M i t w i r k u n g d -e s A n s l a n d e s angewiesen fein,, sowohl für Kredite als auch für die Beseitigung der handelspolitischen Schwierigkeiten des Exports. „Ohne Zweifel werden die Bölkevbundexperten einen großen Teil ihrer Aufmerksamkeit dieser Frage zuwenden und man muß hoffen, da-ß ihr Bericht der Ausgangspunkt von Verhandlungen sein möge, die die Interessen aller in Betracht kommenden Staaten in g-egen-seitigem Einvernehmen berücksichtigen. Mer auch, wenn diese Verhandlungen einen günstigen Verlauf haben werden, kann man davon nicht eine sofort ein tretende und durchschlagende Besserung erwarten. Dafür sind die handelspolitischen Fragen zu kompliziert. Die Konsumkraft dieses Weltteiles ist bedeutend geringer als vor -dem Kriege. Rußland kann noch immer nicht als ein normaler Faktor im Warenaustausch der Nationen angesehen werden. Das österreichische Wirtschaftspvoblem hängt mit der ganzen Weltlage und namentlich mit allen europäischen Produktions- und Währungsverhältnissen zusammen. Alles, was der Stabilisierung dieser Verhältnisse förderlich, alles, was dem internationalen Frieden und der Rückkehr normaler Zustände in den verschiedenen Ländern nützlich ist, wird Oesterreich und seinen erwerbenden Schichten zugute kommen, ver m u t l i ch i n größerem Maße als eine ' : ~ ’ Revision der handelspolitischen Beziehungen zu den unmittelbaren Nachbarstaaten. Ich werde der letzte sein, der die Bedeutung der Entwicklung dieser Begiehung-en unterschätzt. In mancher Richtung lassen sich Erleichterungen und sogar A nnäherungen denken. Als solche denke ich an Vereinbarungen der. Postver Wal t u n g c n, an ein engeres Zusammenarbeiten der Eisenbahnbetriebe, an ein nutzbringendes E i n v e rnehmen in der Frage der Donaudampfs ch i f s a h r t und an eine mögliche Verständigung zwischen einzelnen Staaten aus dem Währungsgebiete. Das alles kann von hervorragender Wichtigkeit und von segensreicher Wirkung sein, aber um der großen Arbeitslosigkeit ein rasches Ende zu bereiten, dazu sind noch andere Voraussetzungen notwendig, und zrvar: die Besserung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage der Welt, eine Erleichterung der Auswanderung und schließlich die Herabsetzung der Produktionsk osten." Der Generalkommissär resümierte: „Es war meine Absicht, darzulegen, daß zur Besserung der wirtschaftlichen Lage Oesterreichs nach zwei Seiten hin Ausschau zu halten ist: nach dem Ausland mit Rücksicht aus Kreditgewährung, Auswanderung s m ög l i chkei t und handelspolitischer Annäherung, nach dem Inland für alles, was den E r z e.u g n n g s p r c i s beeinflussen und die K o nkurrenzfähigkeit stärken kann." Präsident U r b a n knüpfte in seiner Erwiderung daran an, daß der Generakkommissär von der langen Zeit gesprochen habe, die. der Aufstieg der österreichischen Wirtschaft erfordere. „In der letzten Zeit hat sich ein geradezu gigantischer Verfall in finanzieller Hinsicht vollzogen. Dieselbe Aktie, die vor einem Jahre 100 notiert hat, steht heute aus 20 bis 25. Es wurden also 7 5 Prozent samt l ich er Werte in diesem einen Jahre vernichtet. Dieser Kursverfall hat die Wirkung, daß Inan außerstande kommt, sich je eine Kapitalsvermehrung zu verschaffen. Wir sind gezwungen, alle Investitionen mit ausgeliehenom Kapital zu machen, durch diese Kredite werden uns derart hohe Lä st c n auserlegt, daß die R e n t'abi l itä t der Unternehmungen g l e i ch' n ü ’l I wird. Dadurch, daß die Unternehmen nicht rentabel werden, werden sich die Kurse nach einem Jahre vielleicht weiter ern-ledrigen: . es wird vom Industriekapital nichts mehr übrig bleiben und damit wird eine K a t a «st r o p h e s ü r d i e g e» samie Wirtschaft eintreten. Wir hoffen, -daß die Völkerbundexpertise wirklich von dem Gedanken getragen ist, uns ehrlich z-n helfen, die Absatzziffern zu erhöhen. Wir haben Oesterreich nicht g-e-macht. Bei der Aufteilung der Monarchie ist nicht's anderes übrig geblie-ben als eine Weltstadt und Gebirge. ‘ Einige wenige Kilometer von Wien ist die schickste Mode, den äl-tefte-n Hut und die älteste Lederhose zu tragen. Es bleibt in erster Lini-e nur die Grohstadt, die alber nicht alle Erzeugnisse der -Jndu-strie aufnehmen kann. Wir haben eine Industrie, die groß genug wäre für eine Bevölkevung. von 20 Millionen Menschen, haben aber nur eine Bevölkerung von etwas -mehr als 6 Millionen. Wir wollen mit unseren Mtikeln hinaus, rennen aber an Mauern. Wir hören, daß eine Expertise kommt und gestern hat I n g o s I a iv i e n d i e Zölle e r -h ö h t. Wenn man solche Dinge hört, müßte man wirklich den. Mut verlieren, und es ist begreiflich, daß ein großer Teil der Bevölkerung Oesterreichs kra-mpfhaft nach einem Ausweg a-us - seinen eigenen Grenzen sucht. Wenn Hilfe kommen soll, möge de r H e r r G en e ra-Ikommi s sä.r trachte n, daß sie nicht zu spät komme." . Wien soll aus dem tschechischen Transithandel nusgeschaltet werden. Prag, 25. Juni. (Tschechoslow.. Prehbnreau.) Te> Außenantzschuß des Abgeordnetenhauses hat heute das Zusatzabkommen zum Handel sab kommen mit Oesterreich nach dem Referat des Abg>.Dr. Snidek genehmigt. Abg. Smdek erinnerte in seinem Bericht an die Besonderheit, die darin liege, daß Oesterreich eigentlich -der , K o m m i s f i o n ä x d e s t s ch e ch o s l -o. w a k i s ch e n H-andels sei,- da die Waren der Tschechö-slb-pralkei über Wien in die anderen Staaten gingen. Redner richtete an den Handel und die Industrie der Tschechoslowakei die Mahnung, d i r e k t e B e z i e h i: n g e n zu den Abnehmern zu suchen. Das^ Zusatzabkommen mit Oesterreich gelangte heute auch im volkswirtschaftlichen Ausschuß des Senats zur Annahme. Wahl -es Präsidiums des Verbandsrates. Der neugewählte Rat des Preußi-schm Landesverbandes jüdischer G-emoi-nden hat sich koilstituiert. Zum Präsidenten wurde der Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde Kammergerichtsrat Leo Wolfs (Liberale Berein-i-gung) gewählt. Zu stellvertretenden Vorsitzenden -mit gleichen Rechten und Pflichten wurden gewählt: Rechtsanwalt Dr. Mfred,K l -e e (Jüdische Volkspartei), Bankier Bruno Galewsky (konservativ) und Jnstizrat Leo L-il k nth al (liberal). Sine Konferenz des jüdischen Nationalfonds. UltMittekbar vor dem 14. Zionisterikongreß wird ln Wien eine Konfere:^ der führenden Mitarbeiter des jüdischen Nationalfonds stattsinden. Die Beratung, zn der die Vorsitzenden per Landeskomntifsionen des Keren Kaj-emeth l'Jsrael und die Sekretäre seiner wichtigsten Samm-elstellen eingeladen worden sind, wird in Wien in der Zeit von: 11. bis 14. Altgust äbgehalt-en werden. -Zur Beratung tverden praktische Prvpagal:dafrag-elt stehen, sowie die z::künstige Tätigkeit des Fonds mvd die Kongreßpr-obleme, die ihn berühren. Der städtische Bodenbesitz. Jerusalem, 17. Juni. Ungeachtet der großen Summen, die der Keren Kaj-emech l'Jsrael im letzten Jahre für ländlichen BodeMvw-evb ausgegeben hat, hat er auch seinen städtischen Bodenbesitz vergrößert. Bor zwei Jahren gehörten dem^ Keren Kajemeth l'Jsrael 1,149.830 Quadmtpik städtischen Bodens, heute 1,622.830 Quadratpik. Der größte Teil entfällt auf die Schechünäth Bovochow bei TolMwiw mit 500.000 Quadratpik. Der Zuwachs beträgt in den letzten zwei Jahren allein 40 Prozen-t. Nach dem Berichte des Keren Kajeurech l'Jsrael für den 14. Ko-l:gveß sind 7000 Dunam von ihrn zur Vergrößerung der älteren Kolornen erworbet: ivorden. Der größte dieser Ankäufe (2000 Dur:am) wurde für N e ß Ziona (Judäa) genmcht. Außerdem wurde Boden zur Erweiterung von Petach Tikwah, Gedera, Merchavia usw. erworben. Atrf diese Art hat der Keren Kajercketh l'Jsrael wesentlich zur Ausbreitung dieser 30 bis 40 Jahve alten Siedlungen beigetrager:. * Die bebende Erde. Aus Rom wird -u-ntevm 25. >d. gemeldet: In der Basilicata (Provinz Potenza) wurde gestern ein Erdstoß verspürt. In R-ionero wurde die Be-. Völkevung von Panik ergriffen.