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Wiener Morgenzeitung · 1925-06-21 · Heft 2275 (21.6.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2275 (21.6.1925)
Date
1925-06-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2275_Wien, Sonntag_ Jüdisches Leben in Bulgariens Von Dr. Oskar Rosenfeld. Wie überall int Orient und in der Levante wohnen auch in Bulgarien deutsche und spaniolische Inden. Askenasische Gemeinden gibt es bloß zwei: Sofia und Rnstschuk; sephardische Gemeinden hingegen in Sofia, Nustschuk, Philippopel, Varna, Dupnitza und Jü-mbol. Insgesamt gibt es in Bulgarien runt 50.000 Juden, hievon zirka 22.000 in Sofia, die sich ans 400 Familien zusammensetzen. Mit der Erstarkung des Interesses an Palästina und dem. kulturellen Wiederaufbau des jüdischen Volkstums brach sich auch die Notwendigkeit Bahn, die hebräische Sprache zu lernen. Mit dem Eifer, den die bulgarischen Inden bei allen ihren nationalen Bestrebungen an den Tag legen, hnbnteit sie sich auch dem Studium der Hel rätschen Sprache. Schon in den Kindergärten gibt es einen hebräischen Sprachunterricht. In allen jüdischen Schulen sind hebräische Sprachkurse eingeführt, die von erstklässigen, zum Teil von jüngst aus Palästina herbeigeholten Lehrern geleitet werden. Die bulgarische Regierung hat den jüdischen Schulen Oeffentlichkeitsrecht verliehen, nur für die flehten Klassen ist zur Erlangung der Legalität die Ablegung einer Prüfung vor einer Regierungskommission erforderlich. Alle jüdischen Schulen werden von der Negierung und von der: Städten subventioniert, von der Regierung allerdings nur in bescheidenem Maße (100.000 Leva pro Jahr), während die bulgarischer: Stadtgemeinden (Sofia 600.000 Leva pro Jahr) das jüdische Schulwesen in großzügiger Weise fördern. Im übrigen hat das Konsistorium unter dem Präsidium des Herrn C. A. Farchh Schritte bei der Negierung unternommen, sie möge eine größere Summe zur Subventionierung der jüdischen Schulen in das Budget einstellen. Im Zusammenhang mit der Jntensivität des kulturellen Lebens der bulgarischen Juden steht der Wert der jüdischen Presse. Eine Reihe vor: Zeitungell und Bulletins beschäftigt sich mit der jüdischen Frage. Zu den (bereits eingegangenen) Blättern zählt 1. „B radstv o", Organ der jüdischen Kommunisten, das von der Regierung auf Grund des Gesetzes zum Schutze des Staates eingestellt wurde; 2. „E v r e j s k i R o b o t n i k", ein sozialistisches Organ, dessen Redakteur Salomon Prulow eine Auswandevungsgesellschasi gründete und mit ihr nach Palästina übersiedelte. Zu bemerken ist hier, daß die jüdischen Sozialisten im liebergange Zur Poale-Zron begriffen sind und sich bereits innerhalb der Zionistischen Organisation betätigen. 3. „Pro causa judarca", das Organ einer ganz kleinen autizionistischon Gruppe, die sich nicht behaupten konnte, so daß es heute in Bulgarien keine antrzionistische Bewegung mehr gibt. Gegenwärtig erscheinen in Bulgarien: yy£) aschosa r." Organ der Zionistischen Organisation, halb bulgarisch, halb sephardisch; Redaktion Albert Romano in Plowdiv (Philippopel), Wochenschrift, 16. Jahrgang. „Evrejski Gla s." Unabhängige zionistische Halbmonatsschrift in bulgarischer Sprache, redigiert von der zionistischen Jugend. „El I u d-io." Unabhängige Wochenschrift der sevhardischen Zionisten, herausgegebeu von Elnekave (Varna). Bulletins werden herausgegeben 1. vom Verband Makkabi, 2. vom Zentralkonsistorium der Iudenin Bulgarien,^ von der I üd i s che n Ge- *) Siehe Nr. 2278 der „Wiener Morgenzeitung" vom 19. d. Wiener M»rnen»ei1una. 21. Juni 1925 -Se tt e 3 me in de Sofia, 4. vom Keren Hajessod für Bulgarien. Einen weiteren wichtigen Faktor bilden die Kreditinstitute, die zur Palästinaarbeit herangezogen werden. Da ist zunächst die Bulgarska Palestinska Banka, die bis vor kurzem alle obligaten Bankfunktionen ausübte, obwohl die Statuten eine spezielle Tätigkeit für Palästina vorschreiben. Seit der starken Emigration nach Palästina sieht sich diese Bank vor die ihr von den Gründern beabsichtigten Aufgaben gestellt. Die Kreditbank „Geola"!(t rein zionistisch. Sie gibt den Emigranten und den inländischen jüdischen Kaufleuten Kredite, stellt Gelder zun: Bodenkauf bereit, aber all dies in bescheidenem Maße, entsprechend ihrem geringen Kapital. Einen großen Vorteils hat sie davon, daß die für den Keren Kajemeth und Keren Hajessod aufgebrachten Gelder und die Schekalrm bei ihr deponiert werden. In der letzten Zeit hat die Emigration an Umfang und Tempo zugenommen und ist in weiterer Ausdehnung begriffen. Schon seit zwei Jahren ist eine r e i n b u l g a r ische Siedlung in Palästina in Vorbereitung, zu Iwelchem Zwecke die bulgarische Vertretung in Palästina (Ben Josef u. a.) mit dem Nationalfonds und. der P. 2. D. C. wegen Bodenankauses unterhandelt. Den Erfordernissen .von 6000 Dunam Land stehen gegenwärtig bloß 5 Millionen Leva in englischen Pfund gegenüber. Das bulgarische Komitee, das sich ausschließlich mit der Gründung dieser Siedlung beschäftigt und in Albert Kalew, den: Direktor der Sofioter Palästina-Bank (Bulgarska Palestinska Banka) einen.vortrefflichen Führer besitzt, beabsichtigt, die auf genossens chaftli ch er Basis gedachte Siedlung in drei Etappen zu installieren: 1. Ausbau; 2. Landwirtschaft; 3. Administration, ein Schema, das sich unbedingt bewähren wird. Die Verhandlungen ziehen sich sehr in die Länge, hauptsächlich aus Mangel an Initiative seitens! einzelner Funktionäre des Keren Kajemeth und der P. L. D. C., wozu noch Schwierigkeiten einzelner Personen• kommen, die arabische Bodeninteressen Vertretern Auf Grund der großen bulgarischen Emigrationsziffer kommt hier eine Kolonie von mindestens 100 Familien irr Betracht. Proportionell stellt Brrlgavierr das stärkste Einwandererkontingent. Jeden dritten Freitag befördert ein Schiff der Societa Maritima Romana (Sitz Bukarest) ungefähr 100 Emigranten von Constanza nach Jaffa. Wie mir von Gdwähvmännevn mitgeteilt wird, ist diese Schifffahrt schlecht organisiert: es besteht die Notwendigkeit direkter Linien von bulgarischen Häfen aus (Varna oder Burgas), was mit viel Geld- und Zeitersparnis verbunden; wäre. | Besonders erfreulich ist der Umstand, daß sich die bul-' garischen Juden den aktuellen Arbeiten für das große' zionistische Ideal mit Eifer hingeben. Die Schekelaktion hat bisher rund 7000 Schekel ergeben, das ist 80 Prozent der jüdischen Familien. Dementsprechend ist auch das Ergebnis der jüdischen Gemeinderatswahlen, die fast durchwegs zionistische Mandate ergaben. Ms Kongreßdelegierte werden voraussichtlich fungieren: Albert Romano (Präsident des Zionistischen Laudeskomitees), C. A. Farchh (Präsident des Zentralkousistoriums und Sofioter Gemeinderat), B. Ardrtti (Vizepräsident der zionistischen Ortsgruppe Sofia). Neben diesen Persönlichkeiten gibt es eine Reihe von Sofioter Bürgern, die für die Interessen der bulgarischen Judenschast arbeiten, ohne hiebei ihre staatsbürgerlichen Pflichten zu vernachlässigen. Besondere Erwähnung verdienen die Präsidenten der sephardischen und askenalsischen Jirdengemeindeu, Sachariä Alkalah und D. Schächter, der Rechtsanwält Josef Cohen und nicht zuletzt dev Rabbiner Dr. Freier, dessen Gattin zusammen mit Frau Silber stein der Frauenorganisation eine gediegene Basis gegeben hat. Derart hat das bulgarische Judentum innerhalb der Zionistischen Weltorganisation eine Bedeutung, die im Zusammenhang mit dem Aufbau Palästinas von Jahr au Jahr wachsen i.vird. \N£G£N VtmWOSSB/UJNG UNS£K£fLV£KKAUFS KÄ'UMF ZWINGT UNS ZUR, ol". f» ■ n.; Preise nuf jedem Stück Kleider Kleider Kleider Kleider aus Ia-Crepe mit wcisser Garnitur ab S 8 —, Ha ms- und Gartenkleidcr aus Silk und Eponge in entzückenden Farben.ab S Jo aus Foulard ab S 25'— sowie Roh- ■|C flfl seiden imit. entz. 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Das ist nur so verwunderlicher, als die Juden von jeher für das unsterbliche Werk des großen Briten nicht nur Ehrfurcht und Bewunderung, sondern auch Hingabe und Verständnis irr starkem Maße bekrrndeten. Auch am deutscherr Shakespeare und an der deutschen Shakespeare- Forschung ist der Anteil der Juden nicht gering, und es dürfte kaum ein Zufall sein, daß in letzter Zeit wohl nicht alle, aber die meisten Neuausgaben des Ghakespeareschen Gesaintwerkes von Inden heransgegeben, eiugeleitet, bevorwortet und interpretiert sind. Eine davon, weil vor allen anderen ausgezeichnet, möchte ich hier erwähnen, nämlich die von Friedrich G n n d o l f herausgegebene, zum Teil neu übersetzte Ausgabe „Shakespeare irr deutscher Sprache", die soeben bei Georg Bondi in zweiter Auflage evschienerr lst. Mit dieser Ausgabe, auch äußerlich ästhetisch befriedigend, gibt Gundolf den den Ischen Shakespeare in nnübertrefflicher, mustergültiger, nahezu errdgültiger Form. Schlegels Shekespeare-Uebersetznngen hat Gundolf.beibehalten, freilich mit nicht unwesentlichen Aenderungen, die die heutige Textkenntuis rrrrd urrser entwickeltes Sprach-. empfinden erforderlich machten. Acht Hauptwerke, die von Schlegel selbst nicht verdeutscht worden sind, hat Friedrich Gundolf neu übertragen. Gundolf war dararrf bedacht, Shakespeares Hort so treu, als es die deutsche Sprache zn°? läßt, sestzuhalten und die dichterische Eigenart Shakespeares mit all ihrem Glanz und Schliff, aber auch mit ihrer Derbheit und Unebenheit tunlichst wiederzugeben. Das ist Gundolf >iu vollem Maße gelungen; was er van der Verdeutschung Schlegels sagt, kann auch von seiner gesagt werden: sie ist Schöpfung, nicht bloß Wiedergabe. Neben Friedrich Gundolfs Shakespeare-Ausgabe sei an dieser Stelle nur noch Guistav Landauers Shakespeare-Buch erwähnt, ein Werk, das zwei stattliche Bände Umfaßt und aus zwanzig in Berlin gehaltenen Vorträgen entstanden ist. Kein Shakespeare-Forscher, ein Shakespeare-Kenner hat dieses Werk geschrieben. Gustav Landauer mustert die singelitten Schöpfungen Shakespeares und durchleuchtet sie mit den hellsten, fernsten Strahlen seines edlen Geistes. Indes, der deutsche Shakespeare ist im Grunde nur das Ergebnis der Shakespeare-Forschung, die das Verständnis für Shakespeare, sein Werk und sein Wort, durch jahrelange unermüdliche, stetig fortgesetzte Arbeit geschärft hat. Ganz anders ist es um den hebräischen Shakespeare bestellt. Dieser zeigt uns, daß in jener kleinen Welt, die wir gemeinhin Ghetto nennen, das Werk des Meisters von Stratford kein Gegenstand der Forschung, keine Quelle der Kenntnisse oder Erkenntnisse war, sondern reine, unmittelbar wirkende Dichtung. Die Shakespeare- Kenner in der Judengasse trieben keine Wortforschung und stellten nicht tiefgründige Untersuchungen an, sie stellten nicht eine intime Wechselbeziehung zwischen Shakespeare und. dem Loben her und fuchtelt nicht Shakespeare durch, das Leben und das Leber: durch Shakespeare zu interpretieren. Sie kannten nur sein Werk, und da" war alles gut, und alles gleich grrt. Dazu kam, daß sie nur den Dichter, nicht aber auch den Theatermenschen kannten. Den Gebildeten im Ghetto bot sich nur selten die Gelegenheit, ein Shakespearesches Werk durch das Prisma einer Bühnendarstellnng zu schauen. Sie hielten sich nur an den Dichter. Sie lasen ihn und verstanden ihn und verehrten ihn. In ihrer Verehrung aber lag eine Art ehrfürchtiger Scheu; sie schreckten förmlich vor ihm zurück. Shakespeare jst „schwer", sagten sie, und das sollte heißen: er ist tiefgründig wie das Meer und erhaben wie die Spitze des Himalaha. „Liest drr den Shakespeare? Nun ja, lesen ist kein Kunststück, den heißt es verstchen!" Er war ihnen sozusagen der Kant unter den Dichtern. (Vielleicht lag darin auch der Gvn-nd, daß sie ihn so lvenig übersetzten.) Welcher Wertschätzung sich Shakespeare int Ghetto erfreute, beweist das Gelerkivort, das P e r e z S m o l e n s k y zu der ersten hebräischen Ausgabe eines Werkes dorr Shakespeare schrieb. Darin heißt es: „Um ihre geistigen Güter zu vermchron und um ihre Literatnr mit neuen Schätzen zu füllen, haben die Engländer das heiligste Buch, das die Juden bositzen. das Buch der Bücher, die Bibel, ins Englische übersetzt rrnd daran ihr Herz gelabt rrnd ihren Geist erleuchtet. Wir Juden wollerr uns nun dafür bezahlt machen, wir wollen unsere .Rechnung beglichen sehen, rrnd gehen daran, das wertvollste Werk, das die Engländer ihr Eigen nennen, rhrerr Shakespeare, ins Hebräische zu übersetzen, um diesen kostbaren Edelstein irr das Diadem der hebräischen Literatur errrzusiigerr." Das Gleichnis mit der Bibel ist freilich nur eine etwas gesrichte poetische Ue'ber- , treibung. In einem Atem mit der Bibel wurde der Name des großen Briten im Ghetto nie genannt. Keinem Menschen fiel es ein, ein Werk Shakespeares arrch nur einein einzigen Kapitel von Jesakas gleichzustellett. Die Spmche des Propheten galt ihnen als rrnerreichbar, weil sie göttlichen Inspirationen entstamme; die Shakespeares dagegen war ihnen nur der.künstlerisch vollendetste Ausdruck des rrrenschlichen Geistes. Das erste Shakespearesche Werk, das in einer hchräischen Uebertragung erschienen ist, üvar „O t h e ll o"; der

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