Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2273 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Heike T Wien, Freitag Mr. O r m s b \) - G o r e: Tie Antwort auf den erstell $*tl der Frage lautet: 'Jiciit. Die Beautwortnng der ztv-sitcn Frage entfällt. Keine Darlehen für Palästina. Mr. Walter Guineß beantwortete eine Anfrage Mr. Herbert Williams dalstn, daß für Palästina außer den laufenden Zuivendnngcn keine w e i t c r c « Darlehen in Aussicht genommen tverdcn. Die Palcstine Electric Eorpovation. Kolonei Perkitt fragte den Kolonicnmimster über die Ruthenbcrg - Konzession, namctttlich welche Hindernisse ‘bet der Verwirklichung dieser Konzession entstanden sind. Mr. Ormsby - Gore: Die Palestine Electric Corporation hat jetzt eine endgültige Form angenommen. Es sind keine Hindernisse bei der Verwirklichung entstanden, abgesehen von ztvei unbedeutenden Punkten, .«vv man die Entwicklung nicht voraussehen konnte. Jüdisches Leben in Bulgarien. Von Dr. Oskar Rosenfeld. Mtteleuropa und gar die Wcststaaten gehen achtlos an dem Schicksal Bulgariens vorüber. Trotz der umfangreichen Wirtschaftsbeziehungen kann man von keinem lebendigen Interesse sprechen, und von den Insorniationen, die durch unsere Presse verbreitet werden, läßt sich sagen, daß sie entweder aus voreingenommenen oder aus verständnislosen Federn stanimen. Selbst die jüngsten politischen Ereignisse, die das Bestehen von Umsturz- Herden ans Tageslicht gebracht haben, sind nicht imstande, die aktuelle Aufmerksamkeit wachzuhalten. Es ist anzunehmen, daß das Land nach seiner Pazifizierung wieder in den Schatten der allgemeinen Tetlnahmsloisigkeit zurückfallen wird. Nicht viel besser üst es mit dem Wissen nur das jüdische Leben in Bulgarien bestellt. Die Völkerkunde und die Statistik haben bisher diesbezüglich nicht viel geleistet. Prof. I s ch i r k o f f führt in seinem Buch „Bulgarien, Land und Leute", 2. Teil (9h\ 2 der Bulgarischen Bibliothek, Verlag Dr. Zwan Parlapanoff, Leipzig 1917) die Juden unter der fremdartigen Bevölkerung in Bulgarien an, was als Beweis dafür gelten kann, ' daß die Juden in Bulgarien nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als Nation empfunden wurden. Bei Professor Jschirkosf heißt es: ,^Judcn gab cs auf der Balkanhalbinsel schon in den ältesten Zeiten. Der Apostel Paulus fand starke jüdische Gemeinden in Athen, Saloniki und anderwärts. Benjamin von Tudela, der in der zweiten Hälfte des 12. ,Jahrhunderts Südmazedonien bereiste, spricht von großen jüdischen Gemeinden «in Saloniki, Drama u. a. Im Mittelalter wird der Inden in T i rnowo Erwähnung getan; dort gibt es noch alte jüdische Friedhöfe. Soll doch sogar der «bulgarische Zar Iwan Alexander eine schöne Jüdin geheiratet haben. Unter der türkischen Herrschaft, die gegen Andersgläubige sehr tolerant ivar, kamen Juden aus allen Ländern nach Bulgarien und Z e n schreibt im Jahre 1550, daß in Sofia sowohl Spaniolen (spanische Juden) als auch nngarifche Juden lebten, während Gerlach im Jahre 1578 angibt, «daß in Sofia inehr als 300 Juden lebten, die deutsche, italienische und griechischen Schulen hatten, aber meistens deutsch sprachen. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts fantett aus Spanien viele Juden, die unter Ferdinand und Zsabella grausam verfolgt wurden, über Saloniki, Konstanrinopel, Italien und Serbien nach Bulgarien. Die Zahl dieser sogenannten Sephardim wuchs im 17. und 18. Jahrhundert und sic konnten die anderssprachigen Inden, die Aschkinasi, in sich verschmelzen. Die Juden bewohnen hauptsächlich die Städte, nur ungefähr 1500 Seelen leben in Dörfern, und zwar in den Kreisen Küstendil und Dupnitza. Neuerdings kommen auch Juden ans Oesterreich, Rußland und Rumänien, -ie Lech-ewudii, Polnische Inden, genannt werden, nach Bulgarien. Ihre Gesamtzahl im Zartunt Bulgarien kann auf 44.000 Seelen geschätzt werden. Der vierte Teil der Juden lebt in Sofia." Der Abschnitt schließt: „52,96 Prozent von ihnen sind des Lesens und Schreibens kundig." Das will bedeuten, daß cs unter den bulgarischen Juden 47 Prozent Analphabeten gibt. Diese Ziffer ist bestimmt unrichtig. Zunächst muß konstatiert werden, daß alle in Irschikoffs Werk angeführten Zahlen sich auf Verhältnisse bis 1914 beziehen, ferner daß der Prozentsatz der jüdischen Analphabeten auf Grund der allgemeinen Analphabetenziffer schematisch errechnet wurde. Da erstens durch die umfangreichen, der Volksbildung zugute kolninettdeu bulgarischen Schulgesetze der Analphabetismus auf ein Minimum reduziert wurde, ziveitens das jüdische Element durchwegs den Jntelligenzberufen angehört, so kann heute von Analphabeten jüdischer Rasse in Bulgarien überhaupt nicht mehr gesprochen werden. Vielmehr hat die Kultur der in Bulgarien lebenden Juden einen Grad erreicht, der von den anderen Juden des Balkans nicht übertroffen wird. Diese Tatsache hängt zunächst mit der dem bulgarischen Volk angeborenen nationalen Toleranz zusammen, d'e eine Einschränkung jüdischen Auslebens nicht zuließ. Das bulgarische Volk wußte jederzeit den Kampf mir nationale Freiheiten zu schätzen und die bulgarische Regierung ist sich bessert bewußt, daß die Stellung eines Voltes zum Judentum geradezu den Gradmesser für seine eigene Kultur bedeutet. Dazu kommt die unermüdliche Werbearbeit des Zionismus, welcher nicht nur als politische Bewegung, sondern auch als jüdischer Renaissaneesaktor gewürdigt wurde. __Wiener Moraenzeitirna._ Schon drei -Zähre vor dem erstell Zionistenkongreß (1897) hat I. M. Barnch In Plowdiv, Pazardschik und Sofia zioilistische Vereine gegründet. Seine politischen Feinde, die Assimilatiottsjttdett, verfolgten .hu und denunzierten ihn als Anarchisten bei der Regierung, die ihn in Unkenntnis seiner wertvollen und loyalen Wirksamkeit verhaften ließ. Tatsächlich wurde Baruch im Sofioter Polizeigefängnis interniert lind erst auf Intervention des damaligen Zaren Ferdinand frtig ela stell. Der berühmte bulgarische Schriftsteller und Freidenker Aleko Konstantin o f f (Verfasser d/s populären humoristisch-satirischen Romans „Ba j Ganjn", ferner „Rach Chikago und zurück" und zahlreicher kleiner Arbeiten) hat in einem Feuilleton die Leidensgeschichte dieses.ersten bulgarischen Zionisten erzählt, der übrigens and) die erste zionistische Zeitung in Bulgarien unter dem Namen „Karmel" in 'französischer Sprache gegründet hat. (Der Arzt und Schriftsteller Dr. Mezan, Alltor des in französischer Sprache in Vorbereitung befindlichen Werkes „Dic Geschichte der Illden in Bulgarien" arbeitet zurzeit an einer Schrift: „Josef Riarco Baruch, 4 der Begründer der zionistischen Organisation *':it Bulgarien." Beide Arbeiten erscheinen in der vorzüglich geleiteten jüdischen Verlagsbuchhandlung ,/J v r i a" -ill Sofia, Ul. Klementina 56.) Dic beiden angeführten Umstände, die Toleranz der Bulgaren dem jüdischen Volk gegenüber und die zionistische Agitationstätigkett, brachten cs mit sich, daß die bulgariischcn Iudeir schon frühzeitig über eine vorzügliche Organisation verfügten, die ihren Kristalltfationspunkt im Ze ntral ko n sistori um der Juden in Bulgarien gefunden hat. Bis zum Jahre 1920 lvar der G ro ß radb i n c r von Blllgarien mit den« Sitz in Sofia gleichzeitig auch der Vertreter der «bulgarischen Iudenschast. Das bereits existiereltde Konsortium hatte bloß eine beratende Funktion und stand dem Großrabbinat zur Seite. Nach dem Abgänge des Dr. Ehrenpreis trat man zu Neulvahlen bezüglich Schul- und Kultüsfragen zusammen, die auch heute noch aktuell geblieben sind. Das Zentralkonsistorium der Juden in Bulgarien verlangte damals von.der Regierung die Bewilligung für eine Versammlung aller bulgarischen Juden durch die von den Juden getvählten Delegierten in Sofia, eine Art Kongreß. Dieser Kongreß kam tatsächlich zustande und arbeitete entsprechend der tarn der Regierung bewilligten Tagesordnung ein Statut aus,' wobei gleichzeitig -das neue, heute noch existierende Konsortium gelvählt wurde. Die wichtigsten Forderungen dieses Statuts (gedruckt bei „Hamischpat", Sofia, September 1920) sind 'im 8 6 A (betrifft Konsistorium) und B (betrifft Großrabbinat) enthalten und sie sind auch der Grund, warum die Regierung immer noch mit der Bewillignng des Statuts zögert. Die Regierung kann sich nämlich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, . daß das Kon sist o r i u m in Wirklichkeit die bulgarische Iudenschast repräsentiert, und wünscht, daß nach wie vor der Großrahbiner (ein solcher ist gegentvärtig gar nicht vorhanden) der offizielle Vertreter der Iudenschast sei. Es ist bezeichnend, daß das K ul tu s m i n ist^e r in m sich stets an das Großrabbinat wendet, während die anderen Ministerien und der Zar selbst ihre Zuschriften an das K o n s i st o r i u m richten. Die loyale Haltung der Juden gegenüber bem Staate läßt erhoffen, 'daß Minister Kalsow (Außen- und Kultusminister in einer Person) nunmehr zur Prüfung des Statuts schreitet« und es «bestätigen wird. (Ein Schlußartikel folgt.) Haifa als Handelszentrum des naben Lstens. Projekt einer Eisenbahnlinie Haifa—Beirut —Tripoli. Jerusalem, 17. Juni. (I. T.-A.) Im Zusammenhang mit den Projekten, die darauf hinansgehen, Haifa zum Zentrum des Transithandels zwischen M e s öpotamicn und dem Westen auszugestalten, .wird gegenwärtig der Plan erhoben, eine Eisenbahnlinie von Tripoli n a ch H a i f a via Beirut zu er- «bauen. Zu diesem Zwecke weilt in Jerusalem ein Vertreter der L e b a n - E i s e n b a h n. Ein Teil der Linie, von Haifa nach Ras-el-Rakurah an der palästinensisch-syrischen Grenze, soll von britischen und französischen Gesellschaften gemeinsam, der Teil von Ras-el-Nakurah nach Tripoli von der französischen Gesellschaft allein erbaut werden. Von Tripoli, das etwa 50 Meilen nördlich von Beirut liegt, besteht eine gute Verbindung über Homs und Aleppo mit M e s o p o t a nt t e tt, so daß die Produkte au8 dem ausgedehnten mesopotamischen Hinterland über .Haifa den Weg nach der westlicher: Welt nehmen werden. Perkehrsfachleute «sind der Ansicht, daß Haifa mit der Zeit der Haupt-stapelPlatz zwischen Ost und West werden itnb den Rang ein nehmen wird, der den Hauptpunkten der geplanten B a g d a d «b a h n zugedacht lvar. Vortrag Dr. Shajes' über die Kongrebtragen. Dienstag den 23. d. um halb 8 Uhr abends sitldet in den Olympia-Säle n, 1. Bez., Rothgasse, ein Vortrag des Herrn Obcrrabbiners Dr. H. P. CHajes über das Thema „Probleme des 14. Kongresses" statt. I MerüetAbonnentensürdie I! „Wiener Morgenzeitung" 1 19. Inn« .1925 Nr. 2278 Keine Aenderung des Bersailler Vertrages. Die Note an Deutschland. (Eigetrdienst der .Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 18. Juni. Die gestern überreichte A n t w o r d notc der französischen Regierung ans das deutsche Memorandum in der S i ch e r h e i t s f r a g e hat im wesentlichen folgenden Inhalt: 1. Ein Abkommen in der von Deutschland angeregten Art ist nur denkbar, wenn Deutschland selbst dem Völkerbund uittor den int Schreiben des Völkerbundrates von: 13. März 1923 angegcbetten Bedingutigcn Beitritt. 2. Das zu schließende Abkommen dürfte weder u-mnittcl>bar noch niitt-clbar eine A c n d c r u n g der F r i e d e n 8 v c r t rä g c mit sich bringen. 3. Der Rhein Pa kt, der zeitlich nicht beschränkt sein dürfte und dem auch Belgien angehören müßte, dürste weder die Bestimmungen des Versailler Vertrages über die Besetzung des Rhcinlandes 'noch die Erfülln««g der in dieser Hinsicht int Rheinlandabkommen festgesehtetr Bedingungen berühren. 4. Ein zur Ergänzung dieses Paktes abznschließcnder deutsch-französischer t«nd deutsch-belgischer Schiedsvertrag dürfte nur dann für ein zwaitgsweises Vorgehen Rannt lassen, wenn ein solches Vorgehen gemäß den Bestimmungen der bestehenden Verträge einschließlich des Rheinpaktes oder auf G ru tt d einer Garantie erfolgen würde, dic eine Partei für einen Schiedsvertrag übernonunetr hat. 5. Schiedsvcrträgc ans der gleichen Grundlage mit anderett Staaten finb z n r völligen Gewährleistung des e tt r o p ä i s ch e n Friedens erforderlich. Jedem der atu Rheinland-Pakt beteiligten Staaten würde es sreistehen, für derartige Schiedsverträge die Garantie zu übernahmen. 6. Die Rechte und Pflichten, die sich aus der B ö l k c r b u ««dsatzuug ergeben, bleiben unberührt. 7. Alle in dieser Note in Aussicht genommenen Abkommen müßtet! zur wirksamen -Garantie der Sicherheit gleichzeitig (also auch die in Punkt 5 geforderten Schiedsverträge. Red.) in Kraft treten. Sie tnüßten beim Völkerbund eingetragen und unter dessen Schutz gestellt werden. Die B e 1 e i l i g u tt g der V e r e t n i g t e tt Staaten an diesem Werke des allgetneinctl Friedens und der Sicherheit würde von Frankreich selbstvevständlich begrüßt lverde». Wahlreform in Frankreich. Paris, 18. Iu-ni. (Havas.) Die Kammer hat sich ei n st i mm-.g dafür ausgesprochen, daß das gegenwärtige Wahlsystem geändert werde. Ein Vorschlag Rena udels, eine Kommiffion mit der Ausarbeitung eines neuen, auf dem Pr oport io na l sy st e m anfgebauten Wahlgesetzes zu beauftragen, lvurde mit 295 gegen 265 Stimmen a b g e l c h n t. Die Waffenkonferenz beendet. Genf, 18. Juni. Gestern wurde, Wie bereits gemeldet, die Konferenz für die Kontrolle des internationalen Waffenhandels beendet. Die vont Böllkevbundrat cinberufene Konfererlz tagte seit 4. Mai und hat f ü n s Dokumente ausgearbeitet, die zur Unterschrift der Vertreter der einzelnen Negierungen aiifgelegt sind. Es handelt sich um folgende Dokumente: Die Konvention betreffend die Waffenhandelskontrolle, ldas Protokoll und den Schlußakt, das Protokoll der spanischen Negier«l«tg über das spanische Gebiet Jfni in Nordasrika, «das in die sogenannte verbotene Zone fällt, und schließlich da's Protokoll über den chemischen Krieg. Die Konvention über die Waffenha-ndelskontrolle wurde vom Vertreter der griechischen Regierung unterzeichnet. Die Vertreter der Regierungen Polens, Rumäniens, Finnlands, Estlands, Lettlands haben die Konvention mit de m Vorbehalt unterzeichnet, daß bestimmte Artikel der Konvetttion sich mtf ihre Länder nicht beziehet« werden, solange tticht auch Rußland unterfertigt hat. Im ganzen wurde die Konvention von 18 Staaten unter* zeichnet. Das Protokoll über «den ch ent isch e tt Kri cg haben die Vertreter von 27 Staaten unterfertigt. Shinefische Kriegsdrohungen. Schanghai, 17. Ittni. (Wolf-f.) Nach einem Pekinger Berichte der halbamtlichen japanischen Nachrichtenagentur haben 60 Vertreter chinesischer Organisationen dem KriegSntinister folgende Forderungeit überreicht: 1. Abbruch der diplomatischett Bez i e h u ti g e tt z u Groß b r i t a it tt i e tt; 2. Entsendung chinesischer Truppen ttach allett Handelshäfen znnt Schutze der chittesischett Eisenbahnen; 3. KriegserkläHng an Groß- -britannietl. Der Mi ui st er erwiderte, die beste Politik würde sein, wenn man sich ans eine friedliche und patriotische Betätigllug beschränken und abwartett würde, bis die A u 's l ä tt b c % zur Best tt tt tt« fl f ä nt e tt. Aber wenn es zum Schlimntstett käme, würde die Regierttng tticht gegen die Erwartunget« des chinesischen Volkes handeln. Lord Readiug bleibt Vizekönig von Indien. London, 18. Inili. (I. T.--A.) Die Beratungeti zivischen bem Staatssekretär für Indien, Lord © t r f e u h e a d, und bem Bizetön.g vott Indien, Lord Readi ng, haben zu dem Resultat geführt, daß Lord Reading -im J u l i als Vizekönig nach Indien znrückkebrt.