Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2273 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Polen; 20 groszy I Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle rTrafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkauf.in Wien durch die Kolporteure der Firma G o I d schmied, I.. Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tschecho-Slowakei: Mon. K22. Jugoslawien: Mon.Din. 60. Polen: Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 Wachsahltmtfen bei PrelaerhShnngen Vorbehalten Wiener vrgmsettung IPrels 20 fl England: Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl. 18 L«re: Rumänien: Mon. 170 Lei. Bulgarien:Mon.lOOLew£. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II. Taborstr. t Telephone: 44-0-38, 43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6-8 (D. uckerei lg. Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 »r. 2273 Wien. Freitag, 19. gnni 192S 7. Jahrgang Zwischen Fahne und Franc. —y. W i e n, 19. Juni. Kaum ein Jahr lang hat die Einigkeit der französischen Demokratie standgehalten. Mitte Juni hörigen Jahres wurde Millerand zum Rücktritt gezwun- .gen. Doumergue trat an seine Stelle, Herriot löste Painleve ab. In den Wahlen hatte die Mehrheit der französischen Nation die Ablehnung der nationalistischen Politik ausgesprochen. Aber damit konnten noch nicht die Schäden beseitigt werden, die diese Politik dem Lande zugesügt hatte, und da infolge der Entwicklung in England die Demokratie Herriots ihre außenpolitische Rückendeckung verlor, mußte auch nach innen ihre Energie sich rasch abbrauchen. Die Erbschaft war schlimm: Die Kassen waren leer, die Steuereingänge blieben weit hinter dem Voranschlag zurück, das Budget, das seit dem Krieg immer auf die deutschen Zahlungen eingestellt war, mußte ohne diese Ressourcen, ohne Aussicht auch auf die Eintreibung der Forderungen an Rußland sein Dasein fristen. Der Franc kam wieder ins Gleiten, der Finanzminister ging und Herriot folgte ihm. Painleve wurde Premier und er berief Caillaux, den Defaitisten, den Hochverräter, ins Kabinett. Aber auch die rekonstruierte Regierung wird ihres Lebens nicht froh. Sie hat . außer der Finanzmisere auch noch den Marokkokrieg übernehmen müssen, ein Abenteuer, das tief in die Taschen der Steuerzahler greift und das Prestige der bürgerlichen Republik aufs letzte engagiert. Das Linkskartell macht eine gefährliche Probe aus die Kraft seiner inneren Kohäsion durch. Es steckt in der heiklen Enge zwischen Gloire und Steuerzettel. Die Reformpläne Caillaux' sind noch immer ängstlich ge-, hütetes Geheimnis und der Finanzminister will sie nur in einer streng vertraulichen Sitzung der Kammer vorlegen, um «dann die Attacke auf die Brieftasche mit einer brüsken Aktion einzuleiten. Solche Experimente sind in Wien von Gürtler und in Prag von Raschin versucht worden ohne nachhaltigen Effekt. Wobei nicht m übersehen ist, daß die. kommunistische Fraktion keine Vertraulichkeit akzeptieren will. Die Sozialisten fordern die Vermögensabgabe, was jedoch Caillaux unter Berufung auf die schlechten Erfahrungen in Mitteleuropa. bisher noch ablehnt. Er muß ein Schuldenarrangement.'treffen, Währ-ungs- und Ausgleichskredite vorbereiten. In dieser heiklen Aufgabe trifft ihn der an einer wunden ' Stelle neu ausgebrochene Krieg. Painleve war an der afrikanischen Front. Sein Bericht an die Kammer ist in den Einzelheiten nicht bekannt ^worden. Aber schon aus seiner Aeußerung, ganz Nordasrika stehe auf dem Spiel, ist zu erkennen, daß er sehr ernste Eindrücke.mitgebracht hat. Nach englischen Berichten soll die französische Regierung die Verstärkung der Truppen auf eine Viertelmillion Mann erwägen. Dies bringt riesenhafte Summen in Bewegung, für die Caillaux sorgen muß. Die Ironie der Nachkriegszeit weist dem Hasser der Durchhalterei eine Aufgabe zu, an die er bei seinen: Amtsantritt Wohl kaum gedacht hat. Er muß das tun, was er als seine Pflicht ansieht. Das hat zu einer merkwürdigen Situation geführt. Die Rechte, die Painleve als den Greis auf dem Dache verspottete und Caillaux als Hochverräter beschimpfte, feiert mit einem Male in schallenden Hymnen gerade diese beiden Männer als die Vorkämpfer «des Patriotismus. Das geschieht natürlich nicht um ihrer schönen Augen willen; der Zweck ist vielmehr der, beide durch das Lob bei ihrer Mehrheit zu kompromittieren und insbesondere die zwischen Caillaux und den Sozialisten bestehende Kl^ft zu erweitern. . - Dieses Resultat ist denn auch bis zu einem gewissen Grad bereits erreicht worden. Das Kabinett hat keine sichere Mehrheit in der Kammer, da das Linkskartell auseinanderzufallen droht. Die endgültigen Entscheidungen sind noch nicht getroffen, können aber kaum mehr lange auf sich warten . lassen. Die inneren Schwierigkeiten datieren teils aus dem Weltkrieg, teils aus «den: neuen Krieg. Frankreich .muß es in einer permanenten Krise büßen, daß auch dort die Demokratie unzuverlässig gewesen ist und den: Geschrei der Reaktion Opfer des Intellektes gebracht hat. So schtvebt das verschuldete, überburaukratisierte Land immer wieder zwischen Fahne und Franc, Sokolow wer die PalSstinafragen. Ae Politik Samuels wird fortgesetzt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 18. Juni. Wie bereits berichtet, empfing der Präsident der Zionistischen Exekutive, Nahum Sokolow, loährend seines zwei Tage währenden Z^snches in Warschau die Vertreter der jüdischen Presse. Bei dieser Konferenz dementierte Präsident Sokolow zunächst die Gerüchte, als ob seine Anwesenheit in Warschau in irgend welchem Zusammenhang mit dem Besuche des Sekretärs des Foreign Committee der englischen Juden, Mr. Lucien Wolf, stünde. Sokolow erklärte, ihm sei überhaupt von einer Anwesenheit Wolfs in Warschau vorher gar nichts bekannt gewesen, und er hege in keiner Weise die Absicht, sich in die Verhandlungen z w i s ch e n derpolnischen Regierungund der parlamentarischen Vertretung der Juden Polens einzumengen. Zum Besuche Wolfs in Warschau könne er lediglich bemerken, daß die Juden Polens eine eigene parlamentarisch e V e r t r e t u n g haben und daß seiner Meinung nach irgend welche Interventionen auswärtiger Personen es. nur 'dazu bringen könnten, daß die Meinung austauche, die gesetzliche jüdische Vertretung könne auf verfassungsmäßigem Wege nichts erreichen atnb bedürfe irgend welcher Hilfe, was doch in Wirklichkeit absolut nicht der Fall ist. Der Hauptteil der Erörterung Sokolows loar den aktuellen P a l ä st i n a s r a g e n gewidmet. Zunächst trat er der vielfach verbreiteten Anschauung entgegen, als ob der neue englische Kolonienmmister Anwry den Zionistischen Bestrebungen Mehnend gegenüber stünde. Diese Anschauung ist, wie Sokolow erklärt, unrichtig, die britische politische Linie ist unverändert geblieben, Lord Amerh ist einer der M its.chöpserder Balfour- D e klar atro n und gibt bei jeder Gelegenheit sein Festhalten an diesem Akt kund. Die britischen Ziele in Palästina sind aus die Erhaltung des.Friedens gerichtet. England begrüßt die Ergebnisse der jüdischen Arbeit und wünscht bloß, daß auch die Araber sich zu ihr positiv verhalten. England und die.Juden sind von der Möglichkeit einer jüdisch-arabischen Verständigung überzeugt. Daher sind auch alle Alarmnachrichten über eine „schwierige Situativ n" in Palästina unrichtig. Die Situation in Palästina bessert sich zusehends, England kann heute mit her jüdischen Arbeit in Palästina rechnen und und tut dies auch. Aus die Ernennung Lord Plumers zum QbevkomMissär von Palästina übevgehend, erklärte sokolow: „Die Amtsperiode Sir Herbert Samuels ist zu Ende gegangen und an seine Stelle tritt nunmehr Lord Plumer. Das gab Anlaß zu allen möglichen Alarmnachrichtcn. Es wurde darauf hingewiesen, daß die englische Negierung sich betreffs der Nominierung 'des neuen Oberkottrmissärs nicht mit der Zionistischen Organisation «ins Einvernehn:e n gesetzt habe und sogar von einer Vergewaltigung des Mandats gesprochen. Nichtig ist, daß die Zionistische Organisation von der Ernennung Lord Plumers überrascht war, aber von einer Vergewaltigung des Mandats kann nicht die Rede sein. In: Mandat ist überhaupt vom Oberkommissär keine Rede und noch weniger von einer Verständigung mit der Zionistischen Organisation über die Ernennung des Oberkommissärs. Wer die englischen Vechältnisie kennt, weiß auch, daß die Ernennung des Obevkommissärs nicht einmal vom Willen des Parlmnents abhängt. Was die Person des neuen Oberkommisiärs betrifft, so ist er für uns ein unbeschriebenes Blatt. Wir «wissen von ihm nichts Gutes ^und nichts Schlechtes. Das bedewet jedoch nicht, daß ein Anlaß gegeben wäre, dem neuen Oberkornmissär mit Mißtrauen zu begegnen. Amnndfen rnrückgekehrt. Gestern nachts in Spitzbergen eingetvossen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) New-York, 18. Juni. Nach einem hier eingetrossemn Funkspruch aus Kingsbat in Spitzbergen ist Roald Amundsen mit allen seinen Gefährten heute morgens um 1 Uhr gesund und wohlbehalten nach Spitzbergen zuriikWehrt. Fest steht, daß Lord Plumer die Politik Herbert Samuels fortsetzen wird." Präsident Sokolow besprach dann veirfchiodene Gerüchte, die über eine Demission des bisherigen palästinensischen Oberrichters B e n t w i * entstanden «waren und erklärte entschieden, daß Bentwich ■ .fcdi: Amt weiter inne hat. Der in der ganzen jüdischen Presse erörterte Zwischenfall über die Herabholung von jüdischen Fahnen in Jerusalem an: Geburtstage des Königs von England hat sich — so erklärte Sokolow dezidiert — überhaupt nicht ereignet. Was .das Verhältnis der. Inder:'und Araber in Palästina betrifft, so verwies Präsident Sokolow a'nf eine Reihe wichtiger Fakten, welche auf eine Verbesserung der Bezieh ungnen der beiden' Palästina bewohnender' Völkerschaften Hinweise. Bor allem bedeute die Annäherung der jüdischen und arabischen Arbeiter, die sich auch in einen: gemeinsamen AManifest ausgedrückt habe, einen bedeutenden Fortschritt. Auch in der Arbeit selbst ergebe sich organisch eine Annäherung. Die Elektrisiziernng des Landes, welche in: Interesse der Juden und Araber gelegen ist, werde von arabischen mtb jüdisch en Ingenieuren gemeinsam durchgeführt. Gerade der Umstand, daß «wir die Araber aus der wirtschaftlichen Passivität emporziehen wollen, gibt uns —- erklärte Sokolow — die beste Möglichkeit zur Verständigung. . Zum Schlüsse seiner Ausführungen kan: Präsident Sokolow aus die Palä stinaeinwandernng zu sprechen und erörterte insbesondere den Charakter der sogenanntes- „vierten Alijah", der Einwanderung kleinbürgerlicher Elemente. Er wies daraus hin, daß selbstverständlich die Arbeit der früheren „Luftmenschen" jetzt in Palästina nicht so hervorragend sei, wie die Arbeit der Chalnzim in: Cmek. Aber auch die Arbeit dieser Ein'wandererschicht ist ein Ausdruck der jüdischen Energie und des jüdischen Unternehmungsgeistes. Dafür sei das beste Zeugnis T e l - A w i w. Es sei nicht richtig, daß jetzt in Tel-A'wiw eine Unmenge von Sodawassevhallen errichtet werden und daß die gegenwärtigen EiMvanderer sich mit diesen oder ähnlichen Lustgeschäften befassen. Es nmg sein, daß nach Palästina ein paar „Luftmenschen" kommen, aber sobald sie sehen, daß für sie in Tel-Awiw kein Platz ist, so gehen sie auf das Terrain, welches der Rabbi von I a b l o n a erworben hat und ans andere nenevworbene Bodengebiete und leisten dort Bodenarbeit. Heber die Frage der Jewish Agency erklärt Präsident Sokolow, dieses so schwierige Problem werde er erst aus den: 14. Kongreß behandeln. Palöftinasragen vor dem englischen Unterhaus. 1244 christliche, 678 jüdische, 632 mohammedanische Beamte. London, 18. Juni. (I. T. A.) In der letzten Sitzung des Unterhauses fragte Captain Waterhouse den Koloniennnnister, ob er über die Religion und Nationalität der klassifizierten Distrikts- und Departementsbeamten in P a l ä st r n a Auskunft geben könnte, r Mr. Ormsb y-Gore erwiderte, die ihn: vorgelegte neueste Liste vermerke nur das Religionsbekenntnis, nicht aber die Nationalität der Beamten. Nach dem Religionsbekenntnis verfügte die Palästinaregierung über 2260 klassifizierte Beamte, davon sind 1244 Christen, 678 Ind e n und 682 Mohammedaner. Der jüdische Städtebund. Captain Waterho use fragte weiter, oh die Regierung davon Kenntnis hat, daß sich die Stadtverrvaltnngen von Rechoboth, Rischon-le-Zion, Tel-Awiw, Petach- Tikwah und Gederah auf Gvmch einer Sanktion des Oberkommissärs zu einem S t ä d t e b u n d zusammengeschlossen ha«ben; wenn ja, wird die Administration von: Oberkommissär nominiert oder von den Belvohnern gewählt?