Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2272 (18.6.1925)
- Date
- 1925-06-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2272 Men, Donnerstag Wie«er MsrOeritett»«-. 18. .Juni 192Ö Seits 8 Bühne und Kunst. Las ralr-ff-Aeattt. Lecoqs „Girofle-Girofla". Welcher Wahustnn'? Tarroff beginnt sein Gastspiel mit einer ein halbes Jahrhundert alten Operette? Hör' ich richtig: Opsvette? Und gar in Men, der Wiege der Operette, der Groß- und Ziehmutter, in Wien, der Stadt der Lieder, des Walzers, des Backhendels, des „Zwetten-Akt-Jinales"? Da muß was g'scheh'n sein! Und es ist, mn es vorwcgzunehmen, was geschehen: Es Ward bewiesen, daß nicht die „alte Operette" veraltet ist, sondern die Art, wie diie Wiener, die rund um die Operette zu tun haben, sie herausbru^gen. -l- Alexander Tai ross sagt über die Entstehung seines KammertheaterS: ,^Jn der Phantastik der Entstehung des Aanrmertheaters waren alle Grenzen des Wirklichen und Eingebildeten so sehr verwischt, es hatte uns so oft scheinen nwgen, daß alles verloren sei, und alles nahm schließlich in so unerwarteter Werse Fleisch und Mut an, daß — als aus den Straßen Moskaus die ersten Plakate mit der Ueverschrift ,-Kammerthaater" erschienen — wir an Passanten mit der Bitte herantraten, sie uns laut vorzulefen, damit wir uns endgültig überzeugen könnten, daß'es Wirklichkeit und nicht etwa ein Traum oder ein Erzeugnis unserer erregten Einbildungskraft sek." Diese Mischung von Traum und Wirklichkeit wird auch auf der Bühne selbst lebendig. Es ist keine in Musik gesetzte oder von Musik unierbrochene Fabel mehr, die uns mehr oder minder unkorhLlt, langweilt, lachen macht, es ist ein phantastisches Zauberspiel von durchgehender Einheit in Wort, Melodie, Betvogung und Rhythmus. Ein Akkord wird angeschlagen und geht mit Höhen und Tiefen durch das ganze Stück. Und ihm ist alles untertan. Das unerhört Neue und den Durchschnittszuschauer Befremdende besteht darin, daß sein durch die Realistik verdorbenes Auge und Ohr nicht eingestellt wird auf das Migate Rezept von Dialog und Musiknummer, von Auftritt und Abgang, von Choreinsatz und Ensembletanz, sondern daß es leine Ruhepnnkte nrehr gibt: eine niemals unterbrochene Welle reißt alles mit. Ein Duett springt aus den: Rhythmus des Ganzen hervor, Hände und Stimmen sind«: sich sozusagen' ^metaphysisch", begleitet von den Morden des Bühnenbildes und des Lichtes. «i- Dekoratwn: Eine nüchterne, vertikale Wand mit Luken, die sich plötzlich öffnen, mit Stangen, die zu groteskem Klettern verwendet werden, mit Treppen und Leitern, auf denen ein Reigen von Menschen in schwebendem Rhythmus auf- und absteigt. Alles bekommt Leben, tote Requisiten wie Bänke, Stühle und Tische entpuppen sich als Trickmitteil. Und vor dieser starren Wand, die alle drei Akte hindurch sich nicht verändert (nur optisch!), genial angedeutete Kostüme, die bei' aller Parodistik wirklichkeitsnaher sind als der Gschnas, den man in der Wiener Operette „Ausstattung" nennt und der, Hunderte Millionen oerschlingend, die Operettentheater in die Pleite treibt. Kein Ballettmeister hat „Tänze einstudiert". Aus der Atmosphäre der Rttvsik tolrid die Bewegung geschaffen, von der Frisur bis zu den Zehenspitzen, den ga>nzen Körper durchbebend und von Menschen produziert, die sich ihrer eigenen Entfesselung" bewußt sind. Keine Statisterie, kein Chor, keine Schauspielerbeiamten: ein vom Fanatisrnus fürs Theater besessener Organismus, in allen seinen Teilen vibrierend, frei, tänzerisch, spielend: kein Schweißdrill wird sichtbar. Alexander Medtner, der musikalische Leiter, hielt sich nicht an die Rhythmen des Originals. Auch er fügte sich dem Willen des Ganze::. Tempi wurden beschleunigt, Lieder in Rezitative aufgelöst, Chöre in den Tanz hiueürgepaukt, Ballettartiges zu lockere» Schwebungen gewarckctt. Wladimir Sokol o s f und Helene U w a r o w a zeigten, was inan mit den schablonenhaften „kölnischen Wien" anfangen kann. Helene Speudiarowa in der Titelrolle war die verkörperte Anmut, Leo Fenin als Mursurk bei aller Drastik von bezwingender Drolligkeit, Nikolai Elin und Eugenie Tolubejew a ein reizendes Paar. Eine Klasse für sich Alexander Rum ne ff als Marasqumo, von einer Noblesse urtb karikaturenhaften Grazie, wie sie noch auf keiner Wiener Bühne gesehen wurden. Tairoffs Theater ist nicht kopierbar. Seine Kunst liegt in der Rasse feines Schauspielermaterrals. Mit ihn: beginnt eine neue Epoche des europäischen Theaters. Das Publikum schien dies zu begreifen und raste vor Begeisterung. OSkar Rosenfeld. Au« de« Theatern. Bnrgthvat er. Morgen, */,8 Uhr abends, „($ i n kdealerGatte" (Neueinstudienmg). Schönbrunner Schloßtheater. Samstag, Erstanfführung von Rosiin!» ^Barbier vonSevilla". Inszenierung! Renato Mordo. B u r g g a r t e n (bei ungünstiger Witterung im Festsaal d-c Hofburg). Heute, 8 Uhr abends, Erni-Ballett. Mitwlrkend das Wiener Symphonieorchester, Dirigent Rudolf Pehm. StaatSoper. Morgen, 7 Uhr, „M a r t h a". Raimund-Theater. Heute, Samstag und Sonntag wird im Rahmen des Gastspieles von T a i r o f f s Moskauer K a m m e r t h e a t e r S die Operette „G 1 r o f 1 6 — Glr o f1a\ von Lecocq wiederholt. Morgen, Freitag tritt Alice Coonen als Salome erstmalig vor das Wiener Publikum Johann- Strauß-Theater. Die Suvvssche Operette «Die große Unbekannte" in der mustkalischen Einrichtung von Karl P a « 8 p e r t l, die morgen zum 7b. Male in Szene geht, wurde bereits von 130 auswärtigen Bühnen zur Aufführung erworben. Die erste Aufführmrg in Deutschland findet in den nächftan Tagen in» Opern- Hans in Frankfurt a. M. statt. Mitteilungen an dem Publttum. Gmllittl Ruins in 1040 m Scchöhc Vollkommen reorganisiert und modernisiert Erstklassige Küche — Vorzüglicher Keller 500Zimmer u. Appartements, 200 Badezimmer Das ganze Jahr geöffnet Erstklassige Heilanstalt Wiedereröffnung 27. Juni 1925 NEUE LEITUNG: Generaldirektor H. Elster HOTEL ERZHERZOG JOHANH Sport- und Familicnhotcl in nächster Nahe der Sportplätze. 200 Zimmer. Bürgerliche Zimmer »7 Wieder zu Haben! Orig, fraoi. Zloaretleapapler JOB Bureau: (01in, VIII. Skodagasie 18/2 Schmutzige Wände und Plafonds in Lokefen, Bureaus und Wohnungen, gleichgültig: ob gemalt, gestrichen. Stukkatur oder tapeziert, werden nach eigenem Spezial - Trocken - Verfahren ohne Störung im Betriebe, ohne Unordnung im'Haus ih Wenigen stunden ---------- gereinigt I ------- Probe Vorführung und Koitenvoranschläge kostenlos und ohne . Verbindlichkeit <U/Kr2L.ei/Cit, ' SCHAUERS WINTER Chem. Wandun* Plafond-Refnlgungs-Ans’aSt I. Himmelpfortgasse 22 511 Telephon Nr. 72-9-37 ODÜNDUCHB WOHNUNaS-REIN GUNO wie: Fussbodenreiben, -Einlassen. Abziehen. 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Alle Beschlüsse des Kongresses werden stenographisch, hezw. in wortgetreuer vorzüglicher deutscher Uebersetzung wiedergegeben. Der Leser lernt daher an der Quelle die verschiedensten Vertreter des Judentums und seiner Parteien kennen, pas vollständige Statut der Zionistischen Organisation mit den Reformen und Aenderungcn des XIII. Zionisten-Kongresses bietet auch dem Fernstehenden die Möglichkeit, sich mit dem Aufbau und den Zielen der Zionistischen Organisation vertraut zu machen . Durch: Buchhandlung R. Löwit (Versandabt.) Wien, 1. Fleischmarkt 1 eue Serichtssaal. Ser WSllerrvorfer Skandal vor Sericht. Heute Lokalaugenfchein in Wöllersdorf. — Vertagung d«S Prozesses? Gestern wurde das Berhör m:>t dem chcnraligen Pri^idantcir der Wöllersdorfer Werke, Seltionschcf Karl Pitner» fortgesetzt. Auf eine Frage des Staatsanwaltes Dr. Kadreka, was cs für eine Bewandtnis habe mit der Post „Radioabend bei Exzellenz Pitner", die in den Büchern mit 0 Millionen ausgewiascn sei, antworte der Angeklagte: Ich höre davon heute zun: eosten Mal. Dunkel erinnere ich mich, daß einmal die Radio-Austria -A.-G. cm großes Diner im Hotel Jmperiail gegeben hat, für das natürlich die Radio-Äuftvia gezahlt hat. Ich habe veranlaßt, daß Direktor Neuhöfer bei diesen: Diner enscheine. Der AngÄlagte Neuhösier meint dazu, daß er nur die Spesen für die Teilnahme an diesem Radlobankott aulfgerechnei habe. Bert. Dr. Preßburger fiellt hierauf eine Reihe von Beweisanträgen, durch die nachgüwigfon rverden soll, daß währe:,d des Regimes der A. E. G. die verkäuflichen Waren zu uickerhältnismäßig geringeren Preisen verkauft worden . stick als später unter der Metallnm. Der interessanteste BeweiSantrag betviifft den zlvischen der Regierung und dein M c t a l l u in k o n z e r n im Dezember 1924 geschlossenen Vergleich. D« Verteidigmbg verlangt die Einvernahme des früheren Verteidigers Dr. Benedikt, des Bundeskanzlers Dr. R amek und des gewesenen Bundeskanzlers Doktor Seipel über die Tatsache, daß durch den Vergleich alle Differenzen als restlos ausgctragcn erklärt wurden, und nach dessen Inhalt kein Teil an den anderen wie immer geartete Ansprüche zu stellen hat. Durch Dr. Benedikt und Bundeskanzler Ramek soll der Nachweis geführt werdendaß nur auf Verlangen des Bundeskanzlers Dr. Ramek und Mitteilung des Dr. Benedikt der Angeklagte Nouhöfer der» anlaßt worden ist, seine Ehrenbeleidigungsklage gegen den „Abend" zurückzuzieheu, wobei Dr. Ramek den: Dr. B-endikt erklärte, daß es nicht zur Anklage gegen die Funktionäre der Wüllersdorfer Werke A.-G. kommen werde. (Diese Behauptung ist bekanntlich vorgestern offiziell d e m c n t •: e r t worden.) Die Verteidigung stellt weiter unter Beweis, daß zahlreiche Unterhandlungen mit österreich ischeirs Industrie Unternehmungen und Banken stattgefunden haben, die aber zu keinem Ergebnis führten, weil kein österreichisches Unternehmen das Risiko auf sich nehn:en wollte. Nach einer Dechandlnngspause verWrcki.gte der Vmsitzende Hafvat Dr. Hotter den Gerichtsbeschluß auf Vornahme eines Lokaluugenscheines in Wöllersdorf. Die Mitglieder des Gerichtshofes, der Staatsmttval't, die Verteidiger, Sachverständige und Vertreter der Tagespresse werden heute früh nach Wöllersdorf fahren und tagsüber die Werke besichtigen. Die nächste GenichtSfitzung im Prozesse findet erst morgen statt. Am Schluß der Gerichtssitzung stellt der Verteidiger Dr. Preßburger den Antrag,' die Verhandlung zu vertagen n:ck den Mt an den Untersuchu:vgsrichter zur Durchführung der neuen Bsweisanträge zu leiten. Ueber diesen Antrag wird der Gerichtshof erst o:rorgen schlüssig werden. Cr ist zum Betteln noch rüstig geling. Vor dem strafichter des Bezirksgerichtes Favoriten, dem Landesgerichtsrat l)r. Donau, hatte sich kürzlich der 43fahvige, ledige Rudolf?ruby wegen Vagabundage, begangen drrch Bettelei zu erantlvürten. Hvitby ist gelernter Garllrer; er übt aber diesen Zorns incht aus, solckern befaßt sich schon von Jugend auf mit enr „Bettlerberuife". Zn diesem Berufe hat er es aber zu eurer Meisterschaft gebracht, er ist eine „internationale Bettler- Döße" geworden Zn Oesterreich ist er bereits ztvarrzbgmal »egen Bettelns vorbestraft worden. Er ist krrogsinvaliv, am mken Auge blind, beacht eine Znvalid eure nie. Die lmtsärzte erklären ihr: für körperlich und geistig gesund, emnach auch für arbeitsfähig. Er ist äußerst intellrgent, chlan. gerieben. Er spricht zehn Sprachen. Mit beiso:ckerer!uift und mit Erfolg spielt er. insbesondere vor Gericht, den Zlinden. Zn Mrnborg soll Hvuby den Kriegsblinden gepielt halben; er trug damals — um erhöhtes Mitleid zu er- «p'- einen Buckel, tiefblaue Augengläser und eine Blnckentafcl". Er erhielt für diesen Schwttckol eine längere krecheitSstrase und wurde auch ausgewissen. Seinen Bettelollegen erklärt er, er werde so lange betteln, bis er von deck zinsen seines erbettelten Kapitals werde eben können. Au: 17. März d. Z. bettelte Rudolf Hruby or dem Krematorium der Stadt Wien u:ck geriet mit inom Berufskollegen in Streit. Wache mußte einschreiten. Ber er Derhandlmrg bestritt Hruby (der aus Davos cnvgekonrmen ein soll) mit den: aus mehreren europäischen Staaten ausgeoiesenen Hruby ckentisch zu sein. Der Richter wies ihm aber :ach, daß er schon der „Richtige" sei. Vom Zähre 1919 bis 933 soll Hruby auch an der Warner Börse gespielt haben, dichter: Können Sie denn das Betteln:wch nicht lassen? — ln ge kl.: Zch gehe lieber ehrlich betteln als einbrechen. Zch ünn zum Betteln noch rüsti« genug. Zch will in der Sersorgum niemanden seinen Platz nehmen. Zur Auslarck hat uan beim Betteln viel mehr Ruh', als in dem sanierten Wien. - Nach umfangreichem Beweisversahvewerhielt Hruby e:neu Nonat Arrest. Radioprogramm. Donnerstag den 18. Juni. 4 bis 6 Mr: Nachmittagskonzen Ziehren Schatzmeister, Marsch; Fall; Brüderletu fein. Walzer; Thomas: Mignon, Ouvertüre; Baß Stob,: Ballade romantique; Wagner: Siegfried und der Waldvogel: Richard Strauß; Ariadne auf Naros; Schubert» Zwe: Ständchen: Eisler: Naschmarkt im Mondenschein: Lehtrr Zigeunerfest, .Balettszene; Ralph Erwin: Sonne, liebe Sonne. — */,7 Uhr r RegiernngSrat I. L ö s ch n i g g. Die Kultur der Obstbäume. — 7 Uhr: Esperantokurs. — 8 Uhr bis 8 Uhr öS Min. r Volksliederabend des Deutschen VolkSgesMgSvereineS. — 9 bis 11 Uhr: Populäre» Orchesterkonzert de» Wiener Symphonieorchesters. ^3541908390162147323805243349776