Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2272 (18.6.1925)
- Date
- 1925-06-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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] Lette 8 Men, Donnerstag Das Herocntum der Phrase und,der „auf die Instinkte der Massen berechneten" Rhetorik wird von einer hiezu sicherlich berechtigtet: Stelle bloßgestellt. Wie Baeran sind sie ja alle und die zum Großsprecher: Veranlagten sind nicht auf die Tschecho-Sldtvakei beschränkt. Sie siiD in dem Raum zwischen Nordsee, Rhein und Donau sehr dicht gewachsen und tvenn das deutsche Volk die Bitterkeit des Minoritätendaseins tragen muß,, so kann es die Schuld nur diesen bedenkenlosen Bersamnrlungsschreiern zumessen, die den Kult der Bierbank pflegen und in die Sphäre der Weltpolitik hineingetragen haben. Sie sind identisch mit den Kriegs- und Racheschwätzern, mit den Pogromhetzen: und allen Elementen, die die Instinkte der Massen erst wecke:: und dann in die gewünschte Richtung lenken. Das Geschäft nährt. Es bringt Geld, Mandate, politischen Einfluß. Wenn cs an einem Punkt mißlingt und die Spionage aufgedeckt wird, dann ist wenigstens die Gloriole des nationalen Märtyrertums sicher. Das moralische Niveau dieser Volkshelden, die keine Stunde ohne eine Beschimpfung der jüdischen Gemeinschaft vorbeigehell lassen, ist mit diesem Brief einer autorisierten Persörckichkeit aufgehellt. Spitzeltum^ leere Demagogie und uferlose Phantasterei einigen sich zll einem ekligen Gemengsel, dessen Kitt nur,der Radikalismus der Methodik bildet. In den Programmen und Reden und Aufrufen findet nran nicht bei: geringsten, positiv Verlvendbaren Gedanken. Die Ideologie ist infantil, aus der Vorkriegszeit übernommenes Geschwätz von der Mehrwertigkeit der Arier und unter ihnen der Germanen. Das Heil der Deutschen wird nur im Krieg, in der waffenmäßig betriebenen „Ertüchtigung" der Jugerrd gesucht. Der Rest ist He pp, Hepp. So sehen die Weltretter aus! _ Horthtzs Morde. Die UnterstlchUWskomödie in der Somogyi-Afiärc. BudapHt, 17. Juni. Wie die Blätter melden, erschien gestern Oberstleutnant-Auditor F oldes bei der Staatsanwaltschaft, um den in Hast befindlichen Edmund Beniczky einem ausführlichen Verhör zu unterziehen. Beniczky erklärte jedoch, eine weitere Zeugenaussage zu verweigern, Werl er schon wegen seiner bisherigen Aussagen in Haft genommen worden sei und weil durch seine weiteren Angahen auch andere Personen in die .gleiche Läge geraten Knuten, in der er sich befinde. Beniczky hat den Abgeordneten Dr. Vazsony mit seiner Vertretung betraut. Horwedminister Graf Csaky erklärte heute Zeitungsberichterstattern gegenüber, er habe die Mrbitäranwaltschaft angewiesen, jedermann zu verhören, der behaupte oder behauptet habe, im Besitze von die Soniogyi-Affäre >betreffenden Beweisen zu sein oder Mitteilungen über die Mörder machen zn Knnen. Es werden auch alle P e rsonen verhört werden, aus die sich Beniczky in seiner Aussage berufen hat. Aussagen vor dem Parlament. Budapest, 17. Juni. (Tel.-Konch.) Die gestrigen Ausführungen des Ministerpräsidenten in der Beniczky-Affäre haben zu einer bemerkenswerten Wendung der Parlanrentarischen Situation geführt. Die Abgeordneten der O pposition haben heute vormittags in einer- Konferenz beschlossen, daß auch sie ihre Aussagen in der Angelegenheit Somogyi-Baoso dem Hause v o r I c ,g c n werden. Die oppositionellen Abgeordneten wollen den Mmisterpräsidenten ausfnchen und ihm diesen Beschluß mitteilen. Ministerpräsident Graf B e t h l e n wird die Deputation am Samstag eurpsangen. Exodus der Opposition. Budapest, 17. Juni. (Tel.-Komp.) In der Nachmittagssitzung der Nationalversammlung brachte der demo-- kretische Abgeordnete Ludwig Szilagyi eine Interpellation wegen der gestrigen Ausführungen des gewesenen -Mnisterpräsidenten Karl H u s z a r ein. Szilagyi erklärte, er erhebe gegen sämtliche Regierungen seit dem Jahre 1920 den Vorwurf, daß sie durch die Be rtus chung der Affäre Somogyi-Bacso dem Reichsverweser einen sehr schlechten Dienst erwiesen haben. Die größte Schuld trage die Regierung Bethlen, well sie am ehesten Zeit und Gelegenheit hatte, die Angelegenheit einer endgültigen Klärung zuzufühven. Der Vorsitzende ernnvhnt den Redner, die für Jnterpellationcn zulässige Redezeit einzuhalten. Abgeordneter. Szilagyi verlangt im Sinne der neuer: Bestimmungen der Geschäftsordnung eine Verlängerung der Redezeit, die ihm von der Mehrheit verweigert wird. Hierauf verläßt d i e O p p o s i t i or: zum Zeichen des Protestes geschlossen den Saal. Ale Horthtz de« Budavefter Semelnderat ergänzt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Budapest, 17. Juni. .Heute erschien die Liste der von Horthy ernannten 20 Mitglieder für den Gudapester Gemeinderat. Ernannt wurden irr Vertretung der Budapefter Advokatenkammcr drei Mitglieder, für die Bndapester Jngenieuvkammer drei, für den Aerzteverband drei, für die landwirtschaftliche Kammer des Donau-The i bgebietes zwei, für die Notariatskammer ein und als Bev trete« der bildenden Künste ein Mitglied. *Ueberdies wurden, da mehrere Körperschafterr, denen das Wahlgesetz die Delegierung von Vertretern einräumt, von diesem ihrem Recht keinen Gebrauch machen wollten, weitere sieben Mitglieder ernannt. Zu diesen gehören die Handels- und _' Wiener MorgrAzeltirnz. _ Sokolom Abreise (Kn Schreibe« Aus Ierusale in tvird nns berichtet: Bor seiner Abreise auS Ere; Israel sandte So ko lüliv das folgende Schreiben an die. Zeitungen: ,Jch verlasse diesmal das Land mit einen: Gefühl des Kummers darüber, daß ich nicht länger verweilen konnte, und daß cs mir nicht gelungen ist, auch nur die Hälfte der Arbeit zu vollbringen, die ich mir für diesen Aufenthalt in Erez Israel zum Ziele gesetzt habe. Ich hatte die Absicht, noch einen Monat hier zu bleiben, um meine Beobachtungen zu crtveitern und zu vertiefen. Die Lage ist heute jedoch so und wird noch eine.Zeitlang so sein, daß ein ansehnlicher Teil der Arbeit für de»: Aufbau des Landes in allen Teilen der Welt, wo Juden wohnen, durch die Kräfte der Ration geleistet werden. müsscn und diese Kräfte bedürfen noch der Bearbeitung, der Pflege, des Ansporns und öcr Organisation; nur durch die Kräftigung der nationalen zionistischen Bewegung und ihre Vervollkommnung sowie durch Oesfnung neuer Einflußwcge ans alle Schichten des Volkes kann der Ausbau unseres Nationalheimes gestärkt und beschleunigt werden. In diesem Sinne kann gesagt tvcrden, daß ein öffentlicher zionistischer Arbeiter Erez Israel nicht „verläßt", sondern sein Tätigkeitsfeld ändert, wenn er aus dem Lande zieht. Seine Nebersiedlung ist nicht als Ztvcck, sondern als Mittel zu betrachten und überallhin, tvo immer er sich auch befindet, trägt er im Geiste und in seiner Seele die Ablehnung des Galuth und der Wanderung, dafür aber den festeir Entschluß, an dem Aufbau des Landes tcilzuuehmen von jedem Orte aus, wo sich Material für den Aufbau findet. Es muß alles für diesen Bau geleistet tvevden, denn dieser Bau wird einst alles für unser Volk leisten. Trotz aller Sorgen, und verwickelten Probleme fühle ich mich glücklich,, über die vielen Dinge, die ich gesehen und geprüft habe. Groß ist die Zahl der Hindernisse und Schwierigkeiten, aber größer als sie ist die Kraft des Volksideals und diese Kraft wächst vor unseren Augen von Tag zu Tag. Im Verlaufe einiger Jahre wurde dieser vergessene und verleugnete Erdenwinkel vor unseren Augen zu dem Angelpunkt für die ganze jüdische Welt und zum Teile auch für die Welt überhaupt. Weite Kreise, die schon fast resigniert hatten, wurden unter dem Eindruck des tatsächlichen praktischen Fortschrittes wieder zurückgebracht. Die Eintvanderung, so wenig sic uns quantitativ befriedigt, erreichte - selbst in ihrem jetzigen Ausmaß eine Höhe, die sich die Praktiker niemals hätten träumen lassen. Die Besiedlung des Emek ist ein wahres Wunder. Der Mittelstand begann in Massen zu kommen. Die Touristenbelvegung unter den Juden entwickelte sich förmlich über Nacht. Jerusalem wurde mit neuere Vorstädten umgeben. Der Karmel wird kolonisiert und unser Tel-Awiw ist tvie eine wundersame Bision. Das lebendige hebräische Wort ist ein geistiger Besitz, der ohne Beispiel dasteht und hat sich bis zur hebräischen Oper emporgearbeitet. Die hebräische Druckerei und der hebräische Buchhandel beginnt sich in Erez Israel zn konzentrieren, unsere Elektrizität begann zu leuchten und die Fabrikation auf verschiedenen Gebieten macht Fortschritte. Alle diese Gebiete mögen viele Mängel, Fehler, vielleicht auch Jvrtümer aufweisen. Aber das ist einmal das .GUMMIMANTEL, Gummis', huhe, Spielballe und Gummiwaren aller Art zu Fabrikspreisenl SPIRMANN & HOROWITZ Wien, II. Bez., Taborstrasse Nr. 11 b — Telephon Nr. 47-0-86 Gewevbekammer, die Genossenschaft der Metzger, die Genossenschaft der Tischler und das Nationalmuseum. Die Liste der von Horthy ernannten Gemeinderatsmitglieder zeigt, daß.es das Bestreben her Regierung war, durch'diese Ernennungen die Macht der bei der Wahl in der Minorität gebliebenen r a s s e n s ch ü tz l e r i s ch e n und Wolfs-Partei zu stärken. Es wurden aus der Mitte der einzelnen Körperschaften alle hervorragenden Persönlichkeiten übergangen und Gewicht darauf gelegt, daß, sorveit es angeht, Abgeordnete, die Mitglieder der Regierungspartei sind und irgendwie in Beziehung zu irgend einer in Betracht kommenden Körperschaft stehen, in den Gemeinderat einziehen und dort die Politik der Reaktion unterstützen. Bezeichnend ist, daß selbst der Präsident der Akademie für Wissenschaften, Albert Berzeviczy. als n'cht verläßlich genug übergangen wurde. Hingegen wurde z. B. in Vertretung der Aerzte der Ministerialrat Dr. Gideon Hobos sh ernannt, offenbar als Belohnung dafür, daß er der: Ausschluß Beniczths aus dem Landeskasino angezettclt und burchgesetzt hat. Der größte Teil der Ernannten ist selbst ans den Fachgebieten, die sie repräsentieren sollen, völlig unbekannt. Es hat sich Horthy und seinem reaktionären Innenminister Ivan Rakovszkh eben bloß darum gehandelt, der demokratischen Majorität im neuen Gerrrenderat ein reaktionäres Gegengewicht zu schaffen und ans solche Weise den bei der Wahl lundgegebenen Willen der Wähler zu fälschen _18. Juni 1925_Ri. 2678 aus 8rez Fsrael. a« »ke Presse. Gesetz des Lebens, das sind unerläßliche Gc bu r t S ■* wehe n. Die da möchten, daß alle sofort vollkommen peinlich genau, nach den Gesetzen der Oekouomie, der Soziologie und selbst der Aesthetik werde, sind Phantasten und Hitzköpfe. Solche Dinge sind bei keinem Landbau und bei keiner nationalen Wiederbelebung mit einem Male cingctrcteu. Bei jeder Schöpfung gibt cs Versuche, ein Tappen im Dunkeln, ein Tohnrvabohu, eine große Zahl von Einzelnen und Gruppen, die Fiasko erleiden und deshalb unzufrieden sind und ihren inneren Groll auf die ganze allgemeine Sache auSschütte n. In den Einzelheiten gibt cs gewisse Fragen, die einer Verbesserung bedürfen. Aber zur Verbitterune und zur Aburteilung liegt kein Grund vor. Diese Art Sauerteig ist nur hinderlich in diesem Falle, denn er ve»- .uvsacht eine überflüssige Ängstlichkeit, schwächt die erforderliche Energie, verbreitet Pessimismu» und ist geeignet, das Zuströmen der erforderlichen Mittel, die nur aus dem Vertrauen stießen, zn verhindern, wodurch er gerade das Gegenteil von dem erreicht, was er eigentlich anstrebt. In Erez Israel fand ich nicht viel Anzeichen dieses Geistes. Das große Ideal Erez Israels ist, daß dic Menschen sich „einordn cn" wollen, das heißt sie wollen irgend eine Arbeit und das Existenzminnnum finden. Mit den.geringfügigsten Mitteln im Verhältnis zu denen, wie sic bei Schaffung solcher Werke bei anderen Völkern sich ergebe:: halben, wurden alle die großen und neuen Dinge geschaffen, mit größeren Mitteln mit einem tiefergehenden Idealismus und mit der Zusammenfassung breiterer Kräfte im Botte werden in Zukunft noch größere Dinge in kürzerer Zeit vollbracht werden. Alles, was wir bisher erreicht haben, haben wir auf diesem Wege erreicht. Das lehrt uns dic Erfahrung, das sagt uns der gerade Verstand. In Erkenntnis dieser Tatsache und erfüllt von der Freude über die bisher erzielten Fortschritte -und von dem entschiedenen Vertrauen in einen rascheren Fortschritt in naher Zukunft ziehe ich jetzt von hier in der Hoffnung, bald zurückzukchren. ' Nahunr Sokolow. Sokolow in Warschau. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) - Warschau, 17. Juni. Der Präsident der Exekutive der Zionistischen Organisation, Herr Nahum Sokolow. welcher sich gegenwärttg auf der Reise von Palästina nach London befindet, ist, aus Rumänien kommend, zu zweitägigem Aufenthalte in Warschau eingetroffen. Sokolow wurde auf dem Bahnhofe von den Mitgliedern des zionistischen Oberrates in Polen und dem Präsidium der Warschauer Organisation empfangen. Hierauf konferierte er mit dem Präsidium des zionistischen Oberrates. Gegenstand der Besprechung bildeten die Fragen des Propalästinakomitees (die Form, in welcher die nichtzionistische I u d e n s ch a f t Polens zur Vertretung in der Jewish Agency herangezogen werden soll) sowie die politische Lage der Juden in Polen. Am nächsten Tage ernpfing Sokolow die Vertreter der Presse, denen er erklärte, daß sein Besuch rein privaten Charakter trage. Sokolow ist von Warschau in Familienangelegenheiten nach Plock weitergereist und setzt von dort seine Reise nach London fort. Die neugewählte Gemeindevertretung hielt heute ihre e r ste Plenarsitzung ab. Die neuen Gemeinderäte waren fast vollständig erschienen. Nach der Verlesung eines Reskripts des Ministers des Innern durch den Regierungskommissär wurde der Verifikationsausschuß gewählt. Sl« litauischer SIplomat. Kowno, 16. Juni. (I. T. A.) In Litauen' weilt gegenwärtig der frühere Mnisterpräftdent und jetzige litauische Gesandte in London, Herr GaIw a n o w s ky. Ein Mitarbeiter der „Jüdischen Stimme" befragte ihn über seinen Briefwechsel mit Kuoien Wolf bezüglich der jüdischen Rechte in Litauen. Bekanntlich ist dieser Briefwechsel abgebrochen worden, weil GallvanowAky den englischen Juden das blecht abspvach, sich in Itimtifdje Verhältnisse einzumischen. Gegenüber denr Mitarbeiter der „Jüdischen Stimme" erklärt Galivanowsky: 1. Es gehe wirklich nicht an, daß sich „fiemde Juden" in die inneren litauischen Verhältnisse einmische«. 2. Ein diplomatischer Vertreter habe nicht die Möglichkeit, gegen -Handlungen seiner Regierung zu protestieren und sie zu beeinslnssen. 3. Die jüdischen Rechte sind durch die Verfassung gesichert. Die „Jüdische Äimme" komnlentiert die Argumente Galwauoivstkys und kommt zu folgenden Feststellungen: 1. .Herr Galwanowsky und die litauische Regierung habeid >nehr als einmal mit „fremden Juden" verhandelt und sich vor ihnen zu rechtfertigen versucht (Komitee der jüdischen Delegationen, Journalisten usw.). 2. Die jüdischen Rechte stehen nur auf dem Papier, sie kommen im Staatsleben nicht zun: Ausdruck. 3. Die Mauer im Lande bekümmern sich um die Interessen der Litauer in Wilna und anderen Ländern und sollten es verstehen, daß sich auch Juden um die Rechte ihrer Volksgenossen in anderen Länder» bekünimeru.