Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2270 (16.6.1925)
- Date
- 1925-06-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien. Dknrtvtz Wiener Mn^^enretittna. 16. Juni 1925 Rr. 2S70 Ss gibt keine Klevtomanie! Eine Trauerkn,«dc für viele kommt anS PariS: Die Lehre von der K l e p t o m a n i e, dem krankhaften und unüberwindlichen Drang zum Stehlen, die schon so manch« Frau ans gutem Hause vor dem Gefängnis bewahrt hat, ist ein wissenschaftlicher Irrtum. Es gibt kein« Kleptomanie, und was man bis jetzt mit diesem schön«»» griechischen Nennen gedeckt hat, läßt sich richtiger mit dem brutalen Worte Diebstahl bezeichnen. Diese Lehre trug der Pariser Arzt Antheaume dieser Tage auf dem Kongreß der französischen Gerichtspsychiater vor. Zu seinen Ergebnissen ist er auf Grund jahrelanger Beobachtungen gekommen. Der Entdecker der Kleptomanie, -er zum erstenmal in der Fachliteratur die Symptome dieser vermeintlichen Nervenkrankheit beschrieben mtö ihr den Namen gegeben hat, war der französische Arzt M a g n a n. Seitdem bat seine Lehre mancher Frau, die man bei kleineren oder größeren Diebstählen im Warenhaus ertappt hatte, als Freibrief gedient. Dr. Ancheaume und sein Mitarbeiter unterwarfen nun die Behauptungen MagnanS einer kritischen Untersuchung. Sie machten ihre Beobachtungen in Nerveuheilanstalten und Irrenhäusern. Fünf Jcchre hindurch hatten sie Gelegenheit, mchr als 300 weibliche Kleptomanen zu studieren. Sie sind nun von der Ueberzengung durchdrungen, daß die in Krankenhäusern als Kleptomanen Internierten nicht ins Sanatorium, sondern ins Gefängnis gehören. In einigen aufsehenerregenden Fällen konnten die Aerzte Nachweisen» dyß sich die Patientinnen ganz einfach verstellt hatten. Biele von ihnen' hatten die Symptome der angeblichen Krankheit in medizinischen Büchern selbst studiert. In einigen besonders interessanten Fällen gelang es Dr. Ancheaume, die angeblich nervenkranken Diebinnen zu entlarven und zum Geständnis zu bringen. Sollte nun eine besondere Kommission, die zu diesem Zwecke eingesetzt ist, die Ansicht des französischen Arztes bestätigen, so wird das französische Strafgesetz, das Straflosigkeit für Kleptomanie Vorsicht, geändert werden müssen. Ae llrftoffe der Erde. Zn der Sitzung der physikalisch-mathematischen Abteilung der preußischen Akademie der Wissenschaften teilte Prof Dr. Nernst, wie das „Acht-Uhr-Abendblatt" meldet, mit, daß es dem Regierungsrat an der physikalisch-mathematischen Reichsanstalt Doktor Walter N o d d a ck gelungen ist, zwei von den fünf bisher vergeblich gesuchten GrundstoffenderErdezu finden. Die beiden Elemente erhielten den Namen M a s s u r i u m itnb Rhenium und gehören in dem System der Elemente zu der sogenannt n Manganreihe. Der Nachweis gelang sowohl auf chemi- ^hem als auf röntgenspektroskopischem Wege. Ae Hilfsex-edMo« kür Amundsen. Paris, 15. Juni. (Tel.-Konrp.) Dem „Petit Paristzen" zu- .olge ist die Hilfsexpedition für Amundsen am Samstag in der Adventbucht eingetroffen und mit der Ausladung der Flugzeuge begonnen worden. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurden Bersuch sflü ge ausgeführt. Wahrscheinlich wird die Expedition heute nach den Dänischen Inseln abgehen. Dai ftalitiudfteha liecht auf den verschiedenen Stufen seiner En wicXtang mit dem römischen verglichen und dargestelttv&h Dr. SIMON RUBIN Lektor am Wiener Beth*Hamidrasch I. Abteilung: Personenrecht. I. Buch: Die Sklaverei. Ein Beitrag zur Lehre von den Menschenrechten im Judentume Preis S 3.40 Dm iabnudiiche Recht als wichtige Erglasung des römischen, des Corpus Juris, Zum ersten Mel zieht der gelehrte Verfasser eine Parallele zwischen den jüdischen und römischen geselz- ** liehen Institutionen Die ersten Kapitel einer umlassenden Darstellung der Jurisprudens des Judentums 1 R. Uult-tf erlog / Wen, 1. Flelultmarkt 1 Ar Srmordung der Amalie Leiter. * Mn Komplice des Mörders verhaftet. Mailand, 16. Juni. (Tel.-Komp.) Stephan Kmetty, 'der beschuldigt war. als Freuud des Mörders Ok o l i s c a n y i in die Leirer-Afsäre verwickelt zu seiu, wurde Samstag auf Ersuchen der ungarische« Regierung in Mailand verhaftet Kmetty war vevjenige, der nach Aufdeckung feinet Teilnahme ml verschiedenen Verbrechen einen Brief an den Journalisten Ladislaus F e n y c s gerichtet hatte, der die fürchterlichsten Drohungen enthielt. Die Polizei hatte damals nachträglich durch ihre Recherchen festgestellt, daß dieser Drohbrief tatsächlich von der Hand Kmettys stammte, daß er aber augenscheinlich von einem seiner Freuirde in Budapest aufgegebcn worden war, während Kmetty selbst Ungarn bereits verlassen hatte und nach Mailand geflüchtet war. Die italienischen Behörden lverden Kmetty an Ultgarn a u s l i e s e r n. M-gahrfeler der Stadt SRetifo. Die Stadt Mexiko beging den Ml. 'Jahrestag ihrer Gründung mit einer Reihe von festlichen Veranstaltungen, die ihr«n Auftakt fanden in einer Festsitzung im Munizipalpalast. An den beide»: Pfmgsttagen fanden große Volksfestlichkeilen statt, an denen sich auch die allsländischen Kolonien beteiligten. Die Stadt Mexiko ist eine Gründling der Azteken, die sich nach dcnl Abzüge der Tolteken um 1100 Im Tale von Anahuac niederließen rmd 1325 T e n o ch t i t l a n, das heutige Mexiko, begründeten. In der landschaftlich anmutigen, von de« vulkanischer« Gebirasriesen des Popocatopetl und Jxtaceihuatl überragten Seemulde von Anahuac gelegen, gilt Mexiko heute als die schönste und prächtigste Stadt in Amerika. In den letzten 16 Jahren hat die an Kunstschätzen ihrer alten Geschichte reiche Stadt eine überraschend schnelle Entwicklung genommen, so daß Groß-Mexiko heute mit seinen rund 1 Million Einwohnern zu den modernsten Städten des amerikanischen Kontinents Mlt. ' Sie Suhl der Süden in Polen. lieber die Zahl der in der gesamten politischen Republik lebenden Jirden begegnet man ziemlich abweichenden Angaben. Man lieft verschiedentlich selbst von 4.6 Millionen Inden, in änderet« Veröffentlichungen Norden 4 Millionei», aber auch 9,5 Millionen angegeben. Alle diese Zahlen schießen über die Wirklichkeit weit hinaus. Es sei hier dah.r auf eine Reihe von Artikeln des Abgeordneten Grün bäum verwiesen, die im Warschauer „Haint" Nr. 26. 26 »rnd 99a erschienen sind und woril« angegeben wird, daß im Jahre 1921 die Zahl der Juden in Polen ,«icht mehr als rund 2.800.000 betragen hat. Wenn wir die Ein- und Auswanderung, GebnvtS- und Sterbefälle, also das Wachstum der jüdischen Bevölkerung in Polen in Betracht ziehen, so dürften wir in der Annahme nicht fe-hlgchen, daß auch heute die Zahl der Jude,» in Polen nicht lvesentlich größer als im Jahre 1921 ist, auf jeden Fall aber die Zahl von drei Millionen nicht übersteigt. Grünbanm bezieht sich bei seine,t Veröffentlichungen auf die Ergebnisse der am 30. September 1921 in ganz Polen durchgesührten Volkszählung, wie sie im polnischen Statistischen Jahrbuch für 1923 zur Veröffentlichung gelangten. Die Zahlen für die einzelnetl Kreise stellet« sich laut dieser ofst" ziellen Publikation wie folgt: Gesamte Ein¬ Zahl der Prozent wohnerzahl Juden Stadt Warschau. 936.046 309.165 33 Woiwodschaft Warschau. . 2.112.406 202.912 96 * Lodz . . . 2,260.634 926.230 146 (Davon in der Stadt Lodz (452.079) (165.860) (34) Woiwodschaft Kielce . . . 2,596.780 300.111 11-9 „ Lublin. . . 2,037.907 287.448 18‘8 „ Bialystok. . 1,30 i 487 198.326 14*8 Teil des Wilnaer Kreises . 476.164 27.986 69 Woiwodschaft Nowogrudok 822.106 74.384 9 „ Poiefien . . 879.925 110.614 12*6 , Wolhynien 1,437.907 164.940 116 „ Lemberg . . 2,717.086 St 3.198 11*5 „ Tarnopol . 1,428.520 126.965 9 * Stanislau . 1,348.680 146.845 108 20,837.198 2,556.583 123 In den Veröffentlichungen fehlen noch die Zahlen für die Kreise Krakau, Posen und Pontierzany. wie auch für einen Teil des Wilnaer Kreises und für ganz Schlesien. Hier liegen bisher nur die Zahlen der Gssamtbovökkevung vor, ohne spezifizierte Angaben über die Zahl der Juden. Grünbaum nimmt für diese Kreise die Zahl der Juden mit allevhöchstens 250.000 an, so daß sich insgesamt eine Zahl von 2,800.000 ergibt. Es sind dies 10,3 Prozent der Gesamtbevolkerung. Auf Grund detailliert angegebener Zahlen über die Ein- und Auswanderung kommt Grünbaum zum Schluß, daß in den Kriegs- und ersten Nachkriogsjahren die Zahl der Judeir in Kongreßpolen sich verringert hat, und daß diese Tendenz auch noch weiter anhält. Nur das Tempo sei infolge der verschiedenen Einwandecungsbeschränküngen verlangsamt worden. Was das ehemalige Galizien betrifft, so gab es dort laut der österreichöschen Volkszählung vom Jahre 1910 871.895 Juden auf eine GesamtbeivöKerung von 8,025.675, Eine Fischgeschichte. Bon Sveud Fleuro». In dem gwßten jener alten Torftümpel mit dem braun-schwarzen Wasser konnte man bei starkem Sonnenschein einen vereinzelten großen Fisch unbeweglich zwischen den« Schilf und der Böschung stehen sehen. Seat undcMichen Zeiten war er in diesem Moorpfuhl zu Hause, dessen Gewässer er nur selten verließ. Eine Wildente, die Hechtvogen in ihren Fedem gehabt, hatte -ihn einstmals hierher verpflanzt. Schnuck war nicht annähernd so groß wie Schnock, aber länger und knochendürr, mit einem Kopf und Zähnen wie ein Hai. Zu wiederholten Maler« waren sie und Schnock einander in die Wolle geraten und bekriegten sich aus Miß-- gurist in ihrem Kumpf um ihre Nahrung. Die Jdarben von ihren Bissen, die in tiefen Furcher« sich über ihre Flanken zogen, waren mit farblosen Schr«ppen bedeckt, die in «Spiralen und Wirbeln beisamrnensaßen. In letzter Zeit waren sie sich jedoch klüglich aus den« Wege gegangen,, indem sich jede i.m ihren großer« Tovsipstvhl hielt. Im ersten Jahre, das Schnock in« Moor verlebte, war sie vor« mehreren großen Männchen umschwärmt gewesen und eine Unmenge jüngerer Hechtmännchen folgten in ge- Mhrilichem Abstande. Im Meilen Jahre warer« nur noch tvenige übrig geblieben. Und in diesem Frühling, äls der Himmel wieder Licht und Wärme zu spenden begann, hatten sorvohl sie wie Schnuck ihr Laichen einsam und verlassen beendigen müssen. Manch ein glücklicher Brärrtigam ivar ihren Schlund -hirrabgeglitten, und nun hatten sie iw Verein das ganze Moor von Hechten geräumt. Schlapp und abgemagert waren sie in die Tieft zuvückgesunken, um auszuvuhen. Bis der Drang nach guter und reichlicher Nahrung heftig in ihnen wurde und Mut ««nd DnMmdreistigkeit verstärkte. Eines morgens unterscheidet Schnock durch das noch nicht vom Tag erhellte Wasser den schwarKeschmntzten Bauch des alten einheimischen Fisches. Bom Hunger bewogen hatte er eine Keine Reise vor seiner Höhle unternommen rmd stcht nun im Pflanzeudickicht ihr gerade gegenüber auf der Lauer. Mitten auf dem Tümpel treiben große Stücke Packeises und breiiger Schnee dahin, aber an den Uftrn und Buschrändern entlang, über denen frühlingstvuukene Kiebitze sich in Scharen tummeln, haben die Sonne, und die Wärnre des Tages bereits offene Äraße und Strömung geschaffen. Plötzlich steigt in Schnock eine aufreizende Erinnerung m« die Konkurrentin auf, als sie ihre seuevgelkben Flanken be« einem Bisse funkeln sieht, pfeilschnell schießt sie hoch — und nun sie einander begegnen, nach glücklich übeostandeuem Wochenbett, sind sie sich der Bedeutung dieser Begegnung vollauf bewußt; sie wollen sich gegenseitig verschlingen! Flosse ««eben Flosse fahre«« sie dahin, einander voller Tücke in die Augen schielend. Schnock ist ihrer Nebenbuhlevin dicht auf den Leib gerückt und drängt sie in der Hast in den Schilffam«« hinein. In« Laufe, des Winters ist das Röhricht abgeevntet worden; — aber einer struppiger« Bürste gleich sind die schräge gestutzter«, speerscharfen Stoppeln unter der Oberfläche -urückgeblieben. Der Moorhecht wird mit seinem Körper fortwährend über die Bürste gestrichen, die bei jeder Betvegung in ihrem Schwanz «rnd Bruch reißt und im Handumdrehen ihr schwerfälliges, träges Gemüt aus seinen Bahnen wirft. Sie bläst die Kiemen auf m«d sträubt zornbehend die Flossen, während eil« dichter Regen gold- «mb silber-funkelnder Schuppen durch das Wasser wuf den Grund hmaibschwirrl... Mit einer geschickte«« Bvwegung schlägt sie sich aus den« Schilfwald heraus u««d wendet sich nun blitzschnell Schnock zu. Aber die alte Piratin ist den« träge«« Moorhecht zu rasch, sie opfert der Gegnerin die Hälfte ihrer Rückenflosse, die schonungslos in langen Strahlen an den Gräten herabgerissen wird. Da «mternimmt Sch««ock eine Wanderung «intet Schnuck hinweg und stiirzt sich mit offenem Rachen von unter« her «uf ihre Widevsacherin, ihrer« Kiefer fest in derer« Bauch einrennend. Schnuck versucht vergeblich, ihre! Zähne irr Tätigkeit zu setze««, sie sperrt den Schlund auf und schlägt , Krack knack die >la««ge, fägenartige Zahnschere aus und zu. Schnock aber schüttelt sie unablässig, so daß ein Schuppenregen nach dom andern im Wasser um sie her flimmert. Sie wälzen sich umeinander, daß die Eisschollen berste«« ,und die Tausende Keiner Kristalle Kingen und klirren . .. bald sind sie ober« im Schneemaisch, wo das gelbe, sandige Wasser unter ihren peitschenden Schwänzen siedet und brodelt, balld verschwinden sie in einem flimmernde«« Zickzack in die Tiefe. Mit der Zähigkeit und Energie, die Schnock immerdar beseelt, wenn es die Beute gilt, liegt sie da und balgt sich mit Schnuck. Sie kneift die Unglückliche, peinigt ««nd quält sie und hält sie ununterbrochen in Atem. Das ist eine Schlacht, die Schnock nicht eben langweM! Sie hat ja immer noch die Beute zwischen ihren Kiefern; es entflammt ihr Gemüt, entzündet ein Feuer in ihren Auge«« und treibt sie zu unbesiegbarer Ausdauer an. Je stärker der Widersacher, desto größer Lohn und Befriedigung; ihr Mogensack giert nach der langen Wurst, die Zunge und Zähne so m'he spüren; es muß ihr gelil«gei«, diesen gciwaltigen Bissen sich zu urlterwcrfe«« — wie soinerzeit den Keinen Bruder — so daß er willenlos in ihrem Mule liegt und sie ihn voller Wonne drohen und darangehen kann, ihn hinuuterz««ischlingeu. Schrmck dreht mrd windet sich, um ihre Zähne anzubringen; aber Schnock hat Mcklicherweise so «veit ««ach vorn sich ftstgchakt, daß jener kein Platz zum Bisse getasse«« ist. Schnuck stcht nur das Schwanzstück zum Schlage«« zur Verfügung — u««d damit ftgt sie a««ch so gewaltige Atoderwolken aus, daß sie sehr wohl einen Elefanten hätten verhüllen können. Ueher drei Sttinden Ivaihrt der Kampf und alle Eisscholle« des Dümpelloches zerschellen dabei in tausend Splitter — da erst ist Schnocks schlau« instlnke««de Gegnerin matt gesetzt! Der Schlag gelang der alten Bruder« ■ Mörderin . . . von beim Tage an, als sie so groß «mr ivar!wie eine Stopfnadel, hatte sie diese Art von Großschlachten Miner gewonnen. Daun dreht sie mit einer hastig schnappenden Wendung die arme, mißhandelte Moorsrau herum und erstickt sie, indem sie ihren Kopf zivischen den Schlundwänden ein- Mt ... Aber es sind vier Tage und vier Rächte nötig, Vis Schnuck d««rch das Türlein zu ihrem Schrmvsack hineingeglitten ist — das ivar doch endlich einmal ein Fisch, um den .es sich gelohnt hat!