Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2268 (14.6.1925)
- Date
- 1925-06-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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0PÜC 4 Dien. Sonntag Wiener Moraenzeitung. 14. Juni IMi Las Ende des Lerrttorialismus. Siufteüuug Aus London meldet die I. T. A.: Die im Jahre 1905 nach der Ablehnung des Ugandaprojekts durch den 7. Zionistenkongreß von Israel Zangwill und arrderen dis dahin führenden zionistischen Per^nlWeitem Degründetc .Jewish Territorial Organisation (I. T. O.) «hat zu existieren aufgehört. Am 7. Juni fand int Hause von Mr. Meyer A. Spielman eine Sitzung de's Zentralrates der Organisation statt, in ivclcher eine Resolution angenommen wurde, wonach ..die Leitung der I. T. O. bcschloffen hat, ihre Tätigkeit einzustellen". Der Vorsitzende Mr. Israel Zan-Will hielt eine ausführliche Rede über die Lage der Jndenhcit und stellte zunächst fest, daß in der letzten Sitzung des Zentralrares Ende 1922 beschlossen wurde, daß der Zcntralrat seine Tätigkeit fortznsetzen habe und den Präsidenten bevollmächtigt, sobald ein territorialer Vorschlag auftaucht, den Rat einzuberufen. P a l ä st i n a, setzte Zangwill fort, wurde niemals aus dem Programm der I. T. O. gestrichen, das beste, lvas sie zu tun hatte, war, sich dem Mandat anzugleichen. Unser Kollege Dr. Eder tat bereits Arbeit in und Mr Palästina und jetzt nimmt i>er Sohn unseres Kollegen Mr. H. M. Kisch den Posten in Palästina ein. Seitdem diese Resolution gefaßt wurde, hat die Zionistische Organ«!sation beträchtliche p r attische Fortschritte erzielt, aber ihre politische Situation hat sich verschlimmert. Mit dem Rücktritt von Sir Herbert Samuel und Mr. Norman Bentwich zählt die Palästinaadministration keinen einzigen höheren jüdischen Beamten mehr, die Ernennung des Feldmarschalls Lord Plumer znm O'berkommiffär zeigt, daß das Land auf dem Wege ist, eine Kron 'skoloni e zu lverden, für deren Entwicklung aber die Juden zur großen Befriedigung der ottomanifchen Aktienbesitzer zu zahlen halben werden. Die Eröffnung der hebräischen Universität erbrachte eine Umwertung der Werte, aber die Schaffung eines geistigen Zentrums, mag es noch so großartig sein, ist noch kein Zionismus. Der bestimmende Punkt ist der politische. Die ökonomische wie politische Lage der Juden in vielen Teilen Europas verschlechtert sich immer mehr, so daß die Frage eines jüdischen Territoriums auf autonomer «Basis dringender ist als je zuvor. Ich selbst habe eingesehen, daß die B a l s o u r - D e k l a r a t i o n für den Derritorialisnms unserer Generation sehr fatal ist, weil, obwohl sie in Palästina nicht zu erreichen war, dennoch jeden anderwärtigen Versuch behindert. Die Zionisten stellten sich jedem Versuch des Territorialismus mit dem größten 'Fanatismus entgegen. Ich glaubte, daß der Druck der den: erhitzten, aufgeregten Zustand des Geistes entspringen die tiefsten Gedanken, die wunderbarsten Verse und die hellsehenden Prophezeiungen, während im gewöhnlichen Zustand das Genie gleich den: normalen, vielleicht noch unter den normalen Menschen zu stehen kommt. Mithin haben wir die großartigsten Gedanken unserer Denker, die herrlichsten Poesien unserer Dichter, ja selbst die Errungenschaften der Wiffenschast nur der raschen Vibration der Blutmoleküle zu verdanken. Es wäre indes falsch, Genie mit Originalität zu verwechseln. Es ist durchaus nicht das Kennzeichen des Genies, daß es Neues schafft. Das Schöpferische des Genies besteht vielmehr darin, daß es (im Sinne Goethes) Gedachtes von neuem und neu denkt, daß es altes -nt neue Form umprägt. Dichter und Propheten «und alle Geistesgrößen, schreibt Lombroso, schaffen nichts plötzlich, unvermutet. Sie geben «nur den Ausschlag für die verborgenen Anregungen, die von der Zeit und von den Umständen vorbereitet sind. Dank ihrer Leidenschaft Mr das Neue und Absonderliche trachten sie fast immer nach den äußersten Entdeckungen und Neuerungen. So schrieb Schopenhauer zu einer Zeit, in der Mystizismus und Emphase, vermengt mit Pessimismus, ansingen, Mode zu werden. Luther «nahm die Ideen vieler Zortgenoffen und Vorgänger -wieder auf; cs genügt, an Savonarola zu erinnern. Ich glaube, die Theorie Lombrosos selbst kann als Beweis angeführt 'werden, daß Ideen, Systeme und Theorien nicht plötzlich und unvermutet entstehen. Denn auch Lombrosos Theorie von der Verwandtschaft des Genies mit «dem Irrsinn, von den geborenen Verbrechern, vom Einfluß der Gestirne auf geniale Menschen, vom ,Ltasen der Moleküle" — kurz auSgedrückt: die Lombrososche Theorie säst in allen «ihren Teilen ist keine plötzlich ausgetauchte Hypothese. Mit starkem Talent und unermüdlichem Fleiß. 'hat Lombroso verschiedene, in den Werken der Geistesgrößen aller Zeitalter zerstreute Ansichten und Meinungen gesichtet, geordnet und zu einer vollständigen Theorie gestaltet. Lombroso seW l)at seine Behauptungen schon m den Werken Denrokrits, Platos, Aristoteles' ausgesprochen gefunden. Lombroso behauptet, daß das Genie — dank der raschen Schwingungen der BlutmoleMe — «imstande fei, wissenschaftliche Beobachtungen zu machen, die erst später experimental begründet werden; das Genie könne Dinge erraten, bevor es diese gesehen hat, wie Goethe «Italien beschreibt, noch bevor er es gesehen. Man könnt« dem ergänzend hinzusügen, wie Schiller «in seinem „Tell" di« Schweiz mit ihren Alpengebirgen so meisterhaft darstellt, chne die Schwei; je besucht zu haben. Aristarch von Samos »er 8. r. S. tragischen Mächte allmählich zu einer politischen Lösung I der jüdischen Frag« treiben wird.! Als das Gerücht kam, daß die russische Regierung! ein Territorium für die dortigen iJuden zur Verfügung stellen will, habe ich mich mit einem Schreiben nur eine Definition dieses Angebots an Tschitscherin gewandt, erhielt aber | keine Antwort. I Trotzdem tvar in dem Gerücht ein Stück Wahrheit enthalten. Mr. David A. B r o w n, der praktischeste jüdische Sozialarbeiter in Amerika, der unlängst «ine Tour durch die jüdischen Kolonien in der Ukraine und in der Krim absolvert hat, gab einen sehr günstigen Bericht über die Altesichten der Kolonisation in Rußland. Er erklärte, daß bis Ende 1927 10.000 jüdische Familien äuge siedelt sein tverden; 4000 Familien sind bereits auf ihrem Boden. Die amerikanischen Juden werden sich in der Geschichte einzeichnen, ivenn sie diese wunderbare «Gelegenheit zu jüdischer Aufbauarbeit benützen. In Rußland ist lveder Mangel an Land noch an Siedluugswilligen. Mr. Brown, der zahlreiche Millionen Mr Hilft au die Kriegsopfer in Ost- > europa gesammelt hat, führt jetzt die neue Kampagne, um 15 Millionen Dollar für die Siedlungsarbeit aufzubringen. Obwohl Mr. Brown auch die zionistische Bewegung unterstützt, hat die Zeits«chrift „New Palestine" ein Geschrei erhoben. Ungeachtet deffen haben Zionisten mit weiten Seelen, wie Nathan Strauß und Stephan S. W i s e, die Notwendigkeit dieser Arbeit anerkannt. Herr Dr. Paul Nathan in Berlin, der altbekannte Arbeiter auf dom Gebiete der sozialen Fürsorge, hat ebenfalls betont, daß eine jüdische Kolonisation iw O ste n Rußlands auf breitester Grundlage das dringendste Erfordernis der Stunde ist, wenn er auch «das Programm der I. T. O., ein geschloffenes Territorium ans autonomer Basis schaffen, ijt welchem diejenigen Juden ein .Heim finden sollen, die in ihren bisherigen Wohnorten nicht loben tvollen oder können, nicht ausdrücklich b i l l i g t. Das Oberhaupt -der ukrainischen Regierung, Tschubar. hat auf die Frage, ob die Errichtung einer jüdischen Republik geplant ist, mit Nein geantwortet. Er sagte aber, cs sei wünschenAvert, jüdische Distrikte mit Selbstverwaltungsrechten zu schaffen. Jedenfalls geht aus seinen Worten hervor, daß es möglich sei, in Rußland eine Landfläche für ein jüdisches Territorium zu erhalten. Mr. Brown und seine Mitarbeiter scheinen aber diese Notwendigkeit nicht verstanden zu halben. Die z i onistische Forderung, daß die gesamte Energie auf die Gründung einer einzigen machtvollen Gemeinschaft in der Welt konzentriert iocrden soll, hat das Suchen nach ahnt den Grundgedanken des kopernikanischen Systems, Kolumbus ahnt einen neuen Weltteil und Levervier ahnt, ohne in den Himmel zu sehen, den Planeten Neptun. So haben wir gar oft Gedanken und Ideen, Systeme und Theorien; poetische Schöpfungen und wissenschaftliche Entdeckungen nur dem „Rasen der Moleküle" zu verdanken. Das Wesen des dichterischen Schaffens vergleicht Lombroso einem sanften Fieber. Unwillkürlich und schnell entspringen die Gedanken wie die Funken von einem brennenden «Holzscheit, das mau schüttelt. Dem Genie in aufgeregtem Zustand läßt sich nicht gebieten; unbewußt entströmen die schönsten Verse und die höchsten Ideen, unwillkürlich entspringen dem Geiste die wunderbarsten Dichtungen, die erhabensten Gedanken und die prophetischen Reden. Genie ist dann auch, wenn man es so 'U-ennon will, eine höhere Gnade; erziehen läßt sich Genie nicht. Die Erziehung kann den Bären das Tanzen lehren, sagt Helvetius, aber einen genialen Menschen zu schaffen, das vermag die Erziehung nicht. Um es abermals morgensternisch auszudrücken: das Rasen der Moleküle kann man nicht anerziehen, das muß einem angeboren sein. Lombroso erklärt, das Genie sei erblich. (Auch im Talmud finden wir «die Ansicht vertreten, daß sich geistige Fähigkeiten von den Eltern auf die «Kinder vererben. Der Talmud empfiehlt, nmn solle nie das ^Handwerk der Väter" um ein anderes vertausche», denn zu dem Handwerk, mit dem die Väter sich beschäftigen, bringe «ntan von Geburt gewisse FähigMen Und Anlagen mit. Ebenso deckt sich mit der Aufchannng Lom'brosos der talmudrsche Ausspruch: „Die Gelehvsamikoit kehrt inrmer wieder in ihre alte Herberge ein." Ganz in demselben Sinn ist auch der Satz ausßusaffen, der sich im Traktat Baba mezia P. 85 findet: ,Mer selbst ein Gelehrter und deffen Sohn ein Gelehrter ist, von deffen Nachkommen lveicht die Gelehrsamkeit nicht.") Ganz besonders gehe die «musikalische Begabung von den Eltern auf die Kinder über. So hatten Pa lestri na, Benda, Hiller, Mozart und Eichhorn sämtlich .musikalisch sehr begabte Kinder. Die ^Familie Bach schenkte der Welt acht Generationen von Musikern, von denen sich siebenu-ndfünszig nicht wenig hervortaten. Unter den Dichter,» befindet sich Aeschylos, der zwei Söhne und zwei Enkel hatte, die ebenfalls Dichter waren; Swift war Dudens Neffe; Torquato Daffo war der Sohn des Bernardo Taffo; Ariosts Bruder und Neffe waren Dichter; Corneille, Raein« waren die Bäter oder Großväter nicht unbedeutender Dichter. Di« Liste genialer Familien ist sehr groß. Lombroso hat hierüber ein reiches Material in seinen Werken veröffentlicht. Durch Dr. Hoffbauiri Beste Wirkung, ohne Diätzwang, garantiert unschädlich Vom Volksgesundheitsamt bewilligt (Nr.Dil) K«in *bfUhrmltt«l K«ln« Schilddrüse Depot: APOTHEKE „ZUMRÖMISCHEN KAISER4 WIEN, I. WOLLZE1LE 19/5 einem J.-T.-Q.-Äand gehemmt. Trotzdem iväreu Erfolge erzielt worden, wenn ein jüngerer Mensch die Bewegung geleitet hätte. Meine Aerzte drängten darauf, daß ich meine Tätigkeit auf ein Minimum reduziere. Zangwill schloß: Als wir cingesehen, daß unser Plan fehlschlug, Lachten wir daran, den Ueberschuß anderen Körperschaften «mit Ähnlichen Zielen zu widmen. Seit 1905, da die zionistische Majorität die Gelegenheit eines autonomen jüdischen Territoriums so unbekümmert zurückgewiesen hatte, waren Mehrere der besten Juden der Welt in unseren Reihen tätig, keiner erhielt je eine pekuniäre oder persönliche Entschädigung. Die Opposition gegen den Versuch einer großzügigen Behandlung der jüdischen, Frage hat aber unsere Arbeit gebrochen. Dennoch wirkten wir auf den politischen Zionismus, wie auf «die Entstehung des russischen Kolonisationsplaues. Wir studierten die Möglichkeiten jedes unentwickelten Laude» verhandelten mit einer Anzahl Regierungen und lieferten der Wiffenschast wertvolle Berichte über Cyrenaiea und Angola. Unsere Existenz m\ keineswegs vergeblich. Allen Herren des Rates gebührt Dank, insbesondere .Herrn Dr. Joche!man, der von Rußland aus die G a Iv ö sto n - Expedition geleitet hatte, dem Schatzmeister Dr. Meyer Nathan-und Herrn M. A. Spiel «mau. Entschuldigen Sie die Abweseuheit einer Anzahl Herren, die im Ausland weilen, so der .Herren I. Anerbach, Dr. Iochelman, A. M. L. Laugdon, E. H. Langdon, Klement Salaman, I. Solomon, Marion Spielman und Lucien Wolf. Au der Debatte beteiligten sich N. M. Kisch, Herwald, M. A. Spielman, Dr. M. D. Eder. Zangwill schlug vor, von der vorhandenen Summe 100 Pfund Mr die geplante Marmorek-Garienstadt in Palästina und «den Rest, einem Chvenkomitee zu widmen, tvelches die J.-T.-O.-Ärbeit in einem ihrer Zweige fortsetzen soll. Der Vorschlag wurde angenommen, ebenso der Vorschlag Dr. Ebers, daß das Archiv und die Publikationen der I. T. O. «der Bibliothek der Jerusalemer Universität übergeben werden sollen. Zangwill schloß die Diskussion mit «der Zitierung des Verses von Browning ab: „Nicht das Fehlen des Zieles aber die Kleinheit des Zieles ist zu tadeln." Reue Schwierigkeiten de» Kabinett» Paiukeve. I« der Wahlrechisfrage. Paris, 13. Juni. (Dcl.-Komp.) Die Wrhlrcchtslommiffion der Kammer hat gestern einen Vorschlag a b g clehnt, wonach bei den Kammerwahlen wieder «das Arron- «diflementsshstem eingeführt werden soll, und 'hat dagegen einen Antrag des Sozialisten Renan de l mit 18 gegen 12 Stimmen angenommen, der die Beibehaltung und Ausgestaltung des V e r h ä l t n r s «w a h l v e r f a h r e n s empfielt. Da die Regierung bekanntlich für das Ärrandissementssystem eintvitt, besteht nun zwischen der TLahlrechts « kommiffion und der Regierung ein Gegensatz, der um so verhängnisvoller werden kann, als die sozialistischen Mitglieder der Kommiffion gegen die Regierung gestimmt haben, __ Eit italienische Spposttio» lehrt in» Parlament zurück. Rom, 13. Juni. (Del.-Komp.) Der Vollzugsausschuß der a v e n t i n i s ch e n Opposition hat nach dreitägigen Auseinandersetzungen heute «die Rückkehr in die Kammer beschl«ossen. Die Absonderung der aventinischen Opposition hat somit genau ein Jahr gedauert. An den Verhandlungen nahmen alle Führer «der Oppositionsparteien teil. Man nimmt an, daß der Beschluß des Bollzugsausfchnsses nächste Woche von «den einzelnen Fraktionen des oppositionellen Blocks ratifiziert werden wird. Eine Konzentvationsvegierung'k Rom, 13. Juni. (Tel.-Komp.) Es verlautet, daß der König den oppositionellen Parteiführern, die bei ihm in Audienz erschienen, die Bildung einer Kon«zentrationsregierung «vorgeschlagen habe, die bis zum Herbst die Geschäfte führen soll, worauf Neuwah-len ausgeschrieben werden würden. dar Wische Privatschulwesen in RnmSnien. - Bukarest, 10. Juni. (I. T. A.) Die^ halboffiziöse Agentur Rador teilt mit: Das Gesetz über Privatschulunterricht soll erst in der nächsten Seffion behandelt werden. Dieses Gesetz soll zwei wichtige Aenderungen erfahren, und zwar dahin, daß konfessionelle Schulen von Nichtrumänen auch Schüler anderer Konfessionen werden aufnehmen dürfen. Weiter sollen die jüdischen S ch ul e n, «die heute die h e h r ä t s ch e U n t e rr i ch t s f p r a ch e haben, diese hehaltert.