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Wiener Morgenzeitung · 1925-06-14 · Heft 2268 (14.6.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2268 (14.6.1925)
Date
1925-06-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 1 Men, Sonntag_ JPIELBXLLE. Gummimäntel, Gummis huhe und Gummiwaren aller Art zu Fabriksoreisen! SPIRMANN & KOROWITZ Wien, Ii Bez., Taboretrasse Nr. 11b — Telephon Nr. 47-0-86 Saagwill liquidiert. —y. Wien, 14. Juni. Die Jewifh Territorial Organisation stellt ihre Tätigkeit ein. Die genauesten Kenner des jüdischen öffentlichen Lebens wären in Verlegenheit gekommen, hätten sie in den letzten Jahren Auskunft darüber geben müssen, wie diese Tätigkeit sich geäußert hktt. Vor zwanzig Jahren, nach der Ablehnung des Uganda-Planes durch den sechsten Zionistenkongreß, war von dem großen anglo-Mischen Dichter Israel Zangwill diese Vereinigung gebiDet worden, die sich Organisation nannte, ohne es zu sein. Eine Organisation ist die Zusammenfassung von Kräften auf ein bestimmtes, scharf definiertes, positives Ziel. Die I. T. O., wie sie gewöhnlich genannt wurde, ist das nicht gewesen. Sie hat es niemals versuchen können, den Willen von Massen organisatorisch und zielbewußt zu erfassen, zu bilden und zu lenken. Sie hat auch deshalb zu keiner Zeit im jüdischen Leben eine nennenswerte Rolle gespielt und sic hat es auch nie erreichen können, auf die politische Phantasie zu wirken. Ein Verein warmherziger Männer, die vom Zionismus her kamen und durch ihn die ungeheuerliche physische und psychische Not des Judentums politisch zu wiirdigen gelernt hatten, fehlte der I. T. O. das Element, das den Inhalt des Zionismus bildet und ihm qjslein das Vertrauen der jüdischen Massen sichert: Das nationale Bekenntnis, die Auffassung des Judentums als eine in Ost und West einheitliche Nation, die ihr volles Recht als Angehöriger der Völkerfamilie fordert. Die I. T. O. ist ein seelenloses Experiment gewesen, ein dürrer, armer Ghettotraum. Ihre Versuche waren zur Unfruchtbarkeit geboren, hatten kein inneres Leben und mußten ins Leere stoßen, weil neben ihnen die gewaltige Regenerationsarbeit des Zionismus den Kontrast zu stark erscheinen ließ. In der wehmütigresignierten Mschiedsrede hat dies Zangwill, dessen Namen das ganze Judentum mit Ehrerbi^ung nennt, selbst betont. Er hat einen Rechenschaftsbe^ht erstattet, der gerade heute viel zu denken gibt. Gemeinsam mit gleichartigen Vereinigungen hat die I. T. O. Land gesucht, in Angola, in Angra Pequena, auf Zypern — mit dem Ergebnis, daß sie der geographischen Wissenschaft schätzenswerte Bereicherung brachte. Sie hat sich nach dem Stande des jüdischen Kolonisationswerkes in Rußland erkundigt, von Tschitscherin keine Antwort erhalten, dagegen von. dem: ukrainischen Staatschef erfahren, daß an eine Masche Republik nicht' gedacht werde. Doch bestünde Aussicht, daß in den nächsten zwei Jahren eine größere Judensiedelung in der Krim entstehen könne/ dies aber nur dann, wenn die amerikanische Judenschaft mithelfen würde. Da die Einstellung der amerikanischen Judenschaft zur bolschewikischen Idee zur Genüge bekannt ist, so darf man diese Aussichten nicht weiter ernst nehmen. Die Frage von Judenland und Juderwolk ist keine Kolonisationsfrage. Ware sie das, so hätte die Gruppe Zangwills doch mehr erreichen muffen. In ihrem Schicksal erkennen wir die Sterilttät der Philanthropie. Sie sieht jüdische Einzelmenschen und will ihnen helfen. Sic erkennt Wohl, daß ihr Leid aus der abnormalen Lage des Judentums fließt, aber sie zieht nicht die Konsequenz, die Judenfrage als ein politisches PrMem zu behandeln, bei deffen Lösung Geld nur eine sekundäre Rolle spielt. Um die Menschen handelt es sich, um die Weckung ihrer geisttgen und seelischen Energien, um Bekenntnis und Opfer. Der Zionismus ist der revolutionäre Protest gegen die Schmach des Exils. Die Philanthropie, wie sie sich in der I. T. O., im Hilfsverein der deutschen Juden, in der Alliance und in noch einigen Körperschaften repräsenttevt, will Einzelschicksale retten. Sie glaubt, daß sich das jüdische Problem in eine Anzahl territorialer Atome auflösen und zur Aufsaugung bringen läßt. Die jüdische Geschichte beweist auf jeder Seite, wie unwahr dieser Glaube ist. Das Mische Volk will keine Philanthropie, es will die nationale Befreiung, es will als Ganzes auf die geschloffene Basis der nationalen Weiterentwicklung treten. Der Zionismus ist der politische Ausdruck dieses Strebens, er ist das Judentum selbst. Die Zionistische Organisation wirkt im Sinne der Mischen Tradition, die sich niemals vom jüdischen Vaterland losgelöst hat. Der zionistische Gedanke ist von den Mischen Massen ausgenommen worden, weil er ihrem Sehnen entspricht. Jede andere Art der Lösung ist abgelehnt worden. Uno wenn es auch wahr ist, daß Völkerbundmandat und Balfour- Detlaration in ihrer Durchführung unseren Forderungen nicht entsprechen, ja sogar unseren schärfsten Widerspruch herausfordern, so beweist das noch nichts gegen die innere Wahrheit des Zionismus. Heute, nach kaum fünf Jahren der systematischen Arbeit, kann man inmitten einer fast kosmischen Revolution der Politik und Wirtschaft kaum ein abschließendes Urteil fällen. Aber vielleicht stünde es besser um.das Mische Volk und das jüdische Land, wenn die Männer um Zangwill und Zangwill selbst ihre wertvolle Energie zu uns gebracht hätten, statt sie nutzlos zu vertun. __Wiener MsrAenzeftirnO. Es hat eine Zeit gegeben, in der alle assimilatorischen Elemente Zangwill mit ihrer Sympathie verfolgten. Sic erblickten in ihm den Mann, der der wachsenden Werbekraft der zionistischen Idee das Terrain mit Erfolg streitig machen werde. Diese Hoffnungen hat Zangwill nicht erfüllt. Er ist der nationale Politiker geblieben und hat die Basis der jüdischen Autonomie nicht verlassen. Die Kreise, die kein nationales Judentum, kein in Erez Israel sich konzentrierendes jüdisches Volk wollen, die die Einheit des Judentums leugnen, haben sich in der Folge von Zängwill abgewendet. Ihr jüdisches Empfinden steht und schwankt je nach'der politischen Konjunktur. Zangwill hat ihre Unverläßlichkeit erfahren und er liquidiert. Wir gehen unseren Weg weiter. Das Judentum, hat Nordau gesagt, wird zionisttsch sein oder es wird nicht sein. Ler neue Sberkommissör von ßrez Israel. Amerikanische Prefsestimmen zur Ernennung Plumers. U°.: *4 & > Aus New - Iork wird uns geschrieben: Die Ernennung Plumers zum High-Commissioner wird von der Preffe mit gemischten Gefühlen ausgenommen. ,Jewifh Morning Journal" glaubt, daß Plumer als Nichtjude vielleicht mehr werde tun können, als ein Mischer Beamter, der immer fürchtet, der Parteinahme 'berichtigt zu werden. Das misrachischc „Tagblatt" aber klagt über den „süßen Traum" eines jüdischen Oberhauptes in Jerusalem, der verflogen sei. Der sozialistische „ Dorwärts" sagt, daß nach der letzten Erklärung an die Araber seitens des englischen Kriegsamtssekretärs kein High-Eommissioncr mehr als Samuel tun könne, aber niemand könne auch weniger tun, als es selibst Samuel getan hat. Die Balfour-Deklaration sei schon auf die kutturelle Autonomie der Kehillotih in Palästina herabgesunken. ,-N e w 3) o r k Times" läßt sich aus London fee* richten, daß der Sinn der Rede Lloyd Georges -in London die Warnung an die Juden war, von dem Gedanken, der Verdrängung der Araber aus Palästina abzusehen. Die jüdische Presse bezeichne die Rede Lloyd George's als einen großen Erfolg. Unausgesprochensei aber die Beklemmung über den Gedanken, daß das heilige Land zum „militärischen Zentrum" ernannt wurde. Wir hatten gehofft, daß die Bibelstelle: „Kein Schwert wird fürder durch das Land durchziehen" ein unumgängliches Postulat des Zionismus bilden werde. Die Neutralität Ercz Israels ist doch das geringste, das wir verlangen können. Wird der kommende Zionistenkongreß nicht wenigstens den Mut ausbringtn, diese Forderung zu stellen? Herbert Samuels Abschied. Jerusalem, 12. Juni. (I. T. A.) Aus Anlaß des Scheidens Sir Herbert Samuels veranstalten der Waad Leumi und die Palästinensisch-zionistische Exekutive.einen Empfang, der am 16. Juni stattfinden wird. Wie die Palästinensische Telegraphenagentur erfährt, wird Sir Herbert S a in n e l an diesen: Abend im Rahmen einer Uebersicht über die letzten fünf Jahre seiner Amtstätigkeit als Leiter der britischen Administration im Lande sehr wichtige Erklärungen abg-eben. Die Geschäftsmöglichkeiten in Palästina, j , Eine Rede Sir Alfred Monds. Am 8. Juni fand in London unter d?m Vorsitz. Sir Alfred Monds die dritte Generalversammlung des Economic Board for Palestine (Rat für Palästina- Wirtschaft) statt. Nach Erstattung des Jahresberichtes führte <Är Alfred Mond in einer längeren Rede aus: Jeder, der die Verhältnisse kennt, Iverde mit ihm über- | 14. Juni 1926_ Nr. 2866 einstimmen, daß in Palästina nach jeder Richtung eine große Entwicklung vor sich gegangen ist. Während seiner letzten Anwesenheit im Lande habe er seine Aufmerksamkeit besonders -der Wirtschaftslage gewidmet. Die Aufhebung des Grenzzolles zwischen . Paläst i n a u n d S y r -t c it hat eine wohltätige Wirkung ausgeübt. Heute bilden diese beiden Länder eine Wirtschaftlichc Einheit; ein Importzoll schützt ihre Eigenproduktion. Auf diese Weise wurde der palästinensische Markt, der sich früher auf Hunberttausende beschränkte, auf drei Millionen Personen ausgedehnt. Di« Industrie blühte auf, ein Beispiel dafür ist, daß i« kurzer Zeit allein in Tel-Awiw 120 Fabriken entstanden sind. Sir Alfred Mond gab einen Ueberblick über dir einzelnen Industrien Palästinas und kam zu dem Schluß, daß die in Palästina investierten Kapitalien weit bessert Erträgnisse bringen als in Kanada, Amerika oder Südafrika. Jede neue Industrie in Palästina gibt Raum ff» Hilfsindustrien. Als zum Beispiel Rnthcnberg seine Elcktrifizierungsarbeiteu begonnen hatte, mußte jede Leiter eingeführt werden, jetzt kann Aehnliches nicht mehi Vorkommen. Die ägyptischen Pauken haben die Lage bereits erkannt und bringen Kapitalien nach Palästina. Wenn Juden nicht ihr Geld i n Pa läst i n a i n v e st i e r e n, f o werden d i e Länder de; M.ittlc,lmeeres dies allc-in besorgen; die gute Gelegenheit wird sich nicht wiederholen. Dies wird aber ein Armutszeugnis für den finanziellen Instinkt der Juden bedeuten. Die Bauten in Tel-Awiw könnten mit einer Million Pfund Sterling, belehnt werden, wodurch totes Kapital in lebendes verwandelt werden könnte. Die britische Regierung tue gut daran, wenn sie sich beeilt, einen großen Hafen in Haifa zn 'bauen. Ich bin nicht sanguinisch, setzte Sir Alfted Mond fort, aber ich bin überzeugt, daß der Ruthenbergsche Plan auf gesündester Grundlage ruht. Ruthenbergs Kraftanlage ist glänzend im Entwurf, künstlerisch in der Form und praktisch vollkommen. Sie ist auch billig und leistungsfähig. Um Ruthenbergs Plan auf die Höhe feiner Leistung zu bringen, ist ein Kapital von 750.000 bis 1,OOOjOO(! Pfund erforderlich. Dann wird Palästina eine Iraftversorgung besitzen, die Menschen, Arbeit und Kapital von außen anziehen wird.- -Dir Alfred Mond schloß: .Die Ernennung des Kolonel Dymes zum Oberseikretär von- Palästina sei sehr zu begrüßen, er ist ein sehr fähiger Administrator, von seiner Arbeit ist ein großer Erfolg zu erhoffen. Die britischen Juden halten es für ihre Pflicht, der Entwicklung Palästinas -vorwärt's zu helfen. Die Ausnützung der M i n e ratsch ätz e> des T.o ten Meeres sowie die Möglichkeiten der Ölversorgung sind Aufgaben der nähen Zukunft. Sir H. B. Cohen und Leutnant Kolonel H. I. Solo >m vn wurden zu MiMedern des Exekutivkomitees wiedergewählt' der Jahresbeitrag wurde auf 20 Pfun> festgesetzt. Die Aguderh. Das Hauptbureau der Agu-daS Jisroel teilt -mit: ^lu-f Grund »der Londoner Beschlüsse findet zur Regelung, der Gemeindegesetzfrage in -Palästina am 30. Juni >: n Wien eine Sitzung der -von der Zionistischen Organ isat-ion -und der Agudah ernannten- 'Kommissionen statt. -«fiel« muß «ach Basra?! (Eigenbericht der „Wiener. Movgenzeitmrg".) I Jerusalem, 12. Juni. Wie ein arabisches Blatt iuiffcis, I will, habe die britische Regierung den Exkönig von Hedschas I Hussein (seinen Titel hat jetzt sein Sohn Ali inne, tvährcnd! der größte Teil des Gebietes von Hedschas, einschließlich der heiligen Stadt Mekka, von den Truppen des Wahäbitenfürsten I b n Saud besetzt ist. — Die Red.) aufgefordert, binnen drei Wochen Akaba und Maan zu verlassen und nach Basra zu übersiedeln, da Akaba sonst von den Wahnfeiten angegriffen toürdc. Das Blatt behauptet ferner, das; der tvichtige Eisenbahnknotenpunkt Akaba (von wo auch die projektierte Eisenbahnlinie durch die Wüste nach Basra ausgehen wird) zu Transjordanien geschlagen werden soll. * Die Meldung des arabischen Blattes ist in der Fornr, wie sie gebracht wird, nicht ganz richtig. Exkönig Hussein hat mit Erlaubnis Englands eilt Asyl in Transjordanien Ierhalten, wo sein Sohn Emir.Abdullah Regent ish und hält sich in der Hauptstadt Transjordaniens Amman ans. Es ist wahrscheinlich, daß er von England aufgefordert wurde, Transjordanien zn verlassen, da die Rüstungen, welche Hussein und sein Sohn Abdullah in Transjordanien betreiben, wo sogar die Landesbevölkernng für deir Kampf Husseins nm den Hedschas gepreßt wird, Englands Unzufriedenheit erregt haben. Die Einverleibilng der wichtigen Eisenbahnstation Akaba in das transjordanische Berwoltnngsgebiet dürfte im Zusammenhang mit der voll England beabsichtigten grundlegenden Aendernng in der Verwaltung Transjordanie ns erfolgen, die umso dringender ist, da die Regentschaft des Emir Abdullah dem Lande schweren Schaden zngefügt hat. Die Unsicherheit in Transjordanien nimmt von Tag;u Tag zu und der Regent sangt das Land aus. Die bedrohliche Röhe der nach dem Sieg über Hussein vorgedrnngenen Wahabitentrnppen nötigt England auch ans militärischen Gründen, in Transjordanien eine straffere Verwaltung einznführen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß gerade jetzt, nach der Ernennung des Generals Plumer zum Oberkommissär von Palästina, der ursprüngliche Zustand — Vereinigung der transjordanischen mit der palästinensischen Verwaltung — wieder hergestellt wird. t

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