Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2265 (11.6.1925)
- Date
- 1925-06-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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' Nr. S06ö - Wien, Donnerstag n. Die Zugteilnchmer sangen und riefen: „Es lebe nrnfet ■>teziv Menachem"J „Es lebe Balsour!" Balforrr — das „rote Tuch" für die Araber! Und die berittenen a rab isch e n Polizisten sprengten in den Zug und schlugen mit Knüppeln auf die Juden ein, von welchen mehrere schwer verletzt wurden. In Jerusalem herrscht über diesen Fall höchste Bestürzung und Entrüstung. Chiefrabbi Kuk u-nb Jakob Meir haben sofort einen energischen schriftlichen Protest an den High Commissioner ^Herbert Samuel gerichtet. So bedauerlich dieser Uebergriff der arabischen Polizisten ist, hat er doch seine guten Folgen, denn damit ist die Lösung der Polizistensrage in Jerusalem zur brennendsten Wktualitat geworden, die nun auch auf die Regelung der Zustände bei der Munizipalität Jerusalems hinübergreift. Die Juden Jerusalems, ohne Unterschied der Partei, vereinigen sich zu einer gemeinsamen Aktion, um die Besetzung der Amts- und Dienststellen bei den städtischen Uemtern und der Polizei mit Juden dem Zahlenverhältnis der jüdischen Bevölkerung entsprechend durchzusetzen. Ein zweiter Llbschnitt folgt. Ser 14. zionistenkongreß. Attsstellungen und Verkoufsftände. Die Kongreßleitmtg hat sämtliche Verkaufs- und Ausstellungsräume im Kongreßgebäude (Konzert-Haus) der Austro-Pälestine Trading Agency, Wien, 1. 2k;., Rudolfsplatz 6, übergeben, die demgemäß als Generalmietevin gegenüber dem Kongreßbureau auftritt. Von diesen Räumen wird ein für sich vollkommen abgeschlossener Teil für den- P a lä st inap avi Ilo n Verwendung Sjnden. Der Palästmapavrllon wird folgendes enthalten: 1. Palästina in Bildern, die das neuentstandene Leben veranschaulichen werden. 2. Palästina in Ziffern und Diagrammen. 8. Die Anfänge der palästinensischen Industrie. 4. Rchstoffe. 6. Schulwesen, kulturelle Einrichtungen usw. 6. iKunstgewerbe, Bezalell usw. i Die restlichen Räume und Plätze des Kongreßgjebäudes mit Ansnahnrie der Beratungs- und Verhandlungssäle sind bestimmt für Cafes, Restaurants, Büfetts, Buchausstellung sowie Berkaufsstände für Wiener Kaufleute und Jnd u st r i e l l e, die unter dem großen Kongreßpublikum zahlreiche Abnchmer finden werden, Ms Anwärter für die Stände, für die durchaus mäßige Preise vorausgeschen sind, kommen in erster Reihe Gesinnungsgenossen in Betracht, doch soll jedem legitimierten österreichischen Kaufmann die Gelegenheit zur Erlangung eines Standes geboten tverden. Was die Büfetts betrifft, so werden einige Räume für diesen Zweck vergeben werden, so daß in jedem Stockwerk ein separates Büfett eingerichtet werden wird. Für die Berkaufsstände ist ein Raum von mehreren hundert Quadratmetern reserviert, in dom etwa hundert geschmackvoll ausgestattete Stände Platz finden können. ' Besondere Aufmerksamkeit wird der Anbringung von Vitrinen an den Wänden Zngewendet werden, in diesen soll das österreichische Kunstgewerbe dem Publikum zur Schau gestellt worden. Infolge borailssichtlichen Raummangels wird einzelnen österreichischen Firmen Gelegenheit geboten werden, für ihre Oeschäftsreklame künstlerisch ausgesührte Plakate und Ankündigungen zu verwenden. Alle aus diese Angelegenheit Bezug habende Anfragen und Offerten sind zu richten an: Austro-Palestine Trading Ugench, Wien, 1. Bez., Rudolfsplatz 6. -r? Das Bureau des 14. Zionistischen Kongresses teilt mit: Sämtliche Bewerber mn Steller werden auf diesem Wege aufmerksam gemacht, daß weitere Offerten nicht mehr entgegengenommen werden. Eberrso werderr sämtliche Personen, die bis nun Offerten e'mgerieicht haben, ersucht, die schriftliche Erledigung abzuwarten, Mündliche Vorsprachen sind daher zwecklos, Kn Handelsvertrag zwischen Syrien und Rußlnnd. Jerusalem, 9. Juni. Laut Meldungen aus Beirut höben die Verhandlungen, welche die zwei vor: der Mvs^- kaner Regiernng nach Beirut eutsendetetr Delegierten ivegen Abschlusses eines Handelsvertrages zwifchen Rußland und Syrien führten, zu einem positiven Ergebnis geführt, so daß der Vertrag dieser Tage von den Vertretern Rußlands und dem Qberkommissär von Syrien nniterzeichnet lourde. Die vüssiischen Emissäre haben in Beirut bereits ein großes Handel bureau eröffnet und ihre Tätigkeit «damit begonnen, daß sie große Mengen von Erdöl aus Batttmt nach Trablms impvrtii erten. Me internationale Arbeitskonferenz geschloffen. Genf, 10. Juni. (Tel.-Komp.) Die internationale Arbeitskvnferenz hat hellte ihre Tagung mit der Annahme der Konvention über die Arbeitsunfallentschädigung geschlossen. Der Vorsitzende Dr. Be ne sch erklärte in seiner Schi.'.nßrede, daß «die internationalerv Arbeitskonferenzen nicht uatv eine für den sozialen Fortschritt wichtige Institution fci-cir, sondern auch eine hohe Schnle «der Politik und Solidarität und damit eiin geivaltiges I nstrnme-nt d e s W e l t s x i eden 's darstelkn. Wiener M»rnenzert«n«. Sie Verhandlungen zwischen Polen vnd Juden. Leon Reich mit der Wetterführung der Konferenzen betraut. Warschau, 9. Juni. (I. T. A.) Abgeordneter Doktor Leon Reich, der, wie berichtet, vor einigen Tagen seine Stelle als Präsident des jüdischen Parlamentsklubs niedergelegt hatte, hat sich entschlossen, seine Demission z u r ü ck z u z i e h e n, nachdem das Plenum des Par'lamentsklübs und der zionistische Oberrat ihm das Vertrauen votiert haben. Zugleich wurde Dr. Reich b evollmächtigt, die Verhandlungen mit der Regierung fortzufnhre n. Am 5. Juni fand, wie bereits berichtet, die erste Zusammenkunft zwischen dem Ministerpräsidenten G r a b s k i, Außenminister Skrzynski und Lucien Wolf statt. In einenr Gespräch mit dem Warschauer Vertreter der I. T. A. äußerte sich Herr Wolf: Meine Meinung ist, daß die Judenfrage in Polen e i n e gewisse internationale Bedeutung habe. Die Pazifizierung Europas wird gehindert, wenn in Polen 12 bis 14 Prozent der Bevölkerung durch die 60 Prozent ausmachende Mehrheitsbevölkerung bekämpft wird. Die jetzige soziale Lage der Juden in Polen — die politische Lage wollen wir -vorläufig außer acht lassen — ist eine unerträgliche. Der wirtschaftliche Zustand der Juden in Polen ist heute weit schlimmer als vor 21 Jahren, da ich zum ersten Male in Warschau geweilt habe. Ich bin trotzdem optimistisch gestimmt und erwarte, daß die polnisch-jüdischen Verhandlungen gute Resultate bringen werden. Die Lösung des Problems ist nicht leicht und erfordert Geduld und Takt auf beiden Seiten. Ich bin vom guten Willen der polnischen Regierung wie der jüdisch-parlamentarischen Repräsentanz überzeugt, man kann aber jetzt nur von einem guten Anfang sprechen, das Resultat ist im Verlauf der kommenden Jahre zu -erwarten. Wichtig ist die gute psychologische Einstellung. Es ist leider eine Tatsache, daß der Antisemitismus in Polen schon eine Psychose ist. Andererseits leben die Juden in Polen in kompakten Massen. So «kann es nicht weiter gehen. Polen, setzte Herr Wolf fort, hat als Staat große Fortschritte gemacht. Die politische und iwirtschäftliche Konsolidierung schreitet vorwärts, einzig die Lage der jüdischen Bevölkerung verschlechtert sich immer mehr. Biele ■ «Großmächte sind au einem starken Polen interessiert. Ein Land kann aber nicht stark sein,- wenn in ihm ein, wenn nicht offener, so doch faktischer Bürgerkrieg besteht. Es liegt also nicht allein im Interesse der jüdischen .Bevölkerung,- sondern auch Polens selbst, sowie ganz Europas, wenn die Judenfrage in Polen günstig gelöst wird. Herr Wolf schloß: Ich weile in- Polen als Beoba ch t e r Und' beabsichtige nicht, mich in die inneren polnischen Angelegenheiten einznmischen. Sollte aber meine «Anwesenheit hier milhelfen, daß für die Bevölkerung Polens, insbesondere für die jüdische, bessere Zeilen anfangen, fo wird das für mich Glück und Ehre bedeuten. Die Mrnorititten. Warschau, 9. Juni. i(J. T. A.) Die in Lemberg erscheinenden ukrainischen Zeitungen und das Bromberger Organ der Deutschen Polens iwarnen die jüdischen Vertreter davor, Verhandlungen mit der polnischen Regierung ohne gleichzeitige Teilnahme der Vertreter der anderen Minderheit e n zu führen. Das ukrainische Organ versteigt sich sogar dazu, den Juden die Rache der Ukrainer und der Deutschen anzudrohen. 6fite SpionogeasfSre in Polen. Der Referent der Mobilisierungsabtellung im Eisenbahnministerium verhaftet. Warschau, 9. Juni. Die Polizei hat eine «uifschenerregende Spionageaffäre entdeckt, eine der größten, welche sich jemals in Polen ereignet hat. Ihre Fäden reichen in das K r i e g su n d E i s e n b a h n m i n i st e r i « m. Bisher wurden verhaftet r der Ruffe Iwan Pietrowiez Z u b o w, Frau P a l a t o w a, der Advokatursbeamte Josef C z e ch ow i c z und der Beamte des Eisenbahmninisterimns Panassa, welcher als R e f e r e n t der Mobilisiernngsabt e i l n n g Einsicht in die Gehetmakten hatte. Die Verhaftung kam für Panassa so überraschend, daß er vor Schreck ergraute. Er legte ein umfassendes Geständnis ab und gab zu, daß er G e l d v o m A u s l a n d erhielt. Seine Aussagen haben eine ganze Reihe von Personen schwer belastet. Gin Mische« SMtchen in Weißrußland niedergebrannt. 350 Familien obdachlos. Aus Moskau meldet I. T. A.: Das meist von Juden -bewohnte Städtchen N o w o b i s ch o f f, Distrikt Mohilew in Weißrußland, brannte fast vollständig ab. Ettva 350 jüdische Familien blieben ohne Obdach. Nur 16 jüdische Häuser sind vom Feuer verschont ge- Meben. _11. Juni 1926_ «Sekte > Es spielten sich schreckliche S z e n e n ab. Infolge der Enge der «Gassen waren viele Einwohner in -Gefahr, den Flammen zum Opfer zu fallen. Sie konnten sich nur dadurch retten, -daß sie i n den Fluß s p r a n ~ e n. Das Elend ist sehr groß. Es wurde ein Appell aä' Moskau gerichtet. __ Ser Demonstratianslag in Budapest. Eine sozialdemokratische Geacrikuudgebung. Budapest, 10. Juni. (Tel.-Komp.) Die sozialdemokratische Partei hat beschlossen, morgen Donnerstag einen M a s s e n a u f z n g 3 lt den Gräbern der beiden t f* mordeten „Nepszava"-Redakteur S 0 m 0 gyi und Bacso auf dem Kerepeser Friedhof zu veranstalten. Diese Demonstration wird zu gleicher Zeit mit der Hul-- digungskundgebung der nationalistischen Verbände für den Reichsverweser stattsinden. Die Bemühungen der Regierung, die Ermichenden Ungarn und die übrigen nationalistischen Organisationen von der Kundgebung für Horthy a bzubringen, -sind bisher gescheitert. Die Polizei hat ilmfasseude Vorkehrungen getroffen, um an dem morgigen kritischen Tage Störungen der öffentlichen Ordnung hintanzuhalten. Die gestuite Polizeimaunschaft und das Detektivkorps werden ab 8 Uhr morgens konsigniert sein. Der P e t ö f i - P l a tz, wo morgen die Volksversammlungen der rechtsradikalen Verbände stattfinden, wird von der Polizei besetzt. Ebenso ist Vorsorge getroffen, daß der D e m 0 n «st r at i 0 n s z u g n a ch O f e n sich unter der Eskorte von Polizei zu Fuß durch die Straßen und über die Kettenbrücke bewegen wird. Horthy wird die fünfgliedrige Huldigungsdeputation der Erwachenden Ungarn in Gegenwart eines M i u isters empfangen. Diese Maßnahme erfolgt zu dem Zweck, daß die zu gewärtigende Ansprache des Reichsverwesers an die Deputation durch die Gegenwart eines v e ra n t w 0 r t l i ch e n K a b i n e 1 t s m i t g l i e d e s g cdecktsei. Bevschävfung des Numcvus clrrusus in Ungarn- Budapest, 9. Juni. (I. T. A.) Zwölf jüdische Aerzte, die infolge des Numerus clausus in Ungarn ihre Studien an ausländischen Universitäten absolviert und dort ihre Diplome erhielten, wandten sich an den Senat der B u d a, p e st e r Universität mit dem Ersuchen, unr Nostrisiziernng der Diplome, damit sie die ärztliche Praxis in ihrem Heimatlande Ungarn ausüben können. Entgegen aller bisherigen Uebung, daß ausländische Diplome ilngarischer Staatsbürger sofort zu nostrifizieren feien, beschloß der Senat diesmal mit 15 gegen 2 Stimmen, die Erledigung dieser Gesuche a u f s e ch s Monate zu v e r s ch i e b e n. Dieser Beschluß bedeutet für die jungen Aerzte nicht allein einen materiellen Verlust, sondern auch die Fortdauer einer quälenden Ungewißheit. Der hineingelegte Heikos. Aus Budapest wird berichtet: Die Polizei hat gestern den Jaszladanyer Gutsbesitzer Emmerich I a r v a S wegen großer Kreditbetrügereivn und Hochstapeleien verhaftet. Jarvas hat eine ganze Reihe von Bmtken und Privatpersonen um Beträge, die dem „Magyarorszag" zufolge sechs Milliarden Kronen übersteigen, auf raffinierte Art geschädigt. Unter anderem hat sich Jarvas von zahlreichen Grundbesitzern in Kecskemet,, darunter auch von dem berüchtigten Iwan H e j j a S große Geldbeträge gegen Hingabe von W e ch s e l u .ausgeliehen. Die Wechsel hat er niemals eingelöst. Der Gedenttog der ermordnng Matteottis. Verhältnismäßig ruhiger Verlauf. Rom, 10. Juni. Gemäß den: Verbot des Kammerpräsidenten blieb heute die Kamme r, obwo«hl die Tore geöffnet waren,- vollständig u n b e s u ch t. Zweihundert faszistifche Abgeordnete hielten mittags eine Versammlung im Parteilokale ab, in der F «a r i n a e c i sie aufforderte, im «Senat zu erscheinen, da es hieß, daß die Opposition dort ihre Gedenkfeier für Mntte-otti veranstalten wolle. Dies war aber nicht der Fall. In R 0 nt wie in der P r 0v i n z verlief der Dag ziemlich r u h i g. In R 0 m fanden faszistifche Straßendemonstrationen statt, in Mailand und Neapel kam es zu k l e i n e r e n Z u s a m m e n st ö ß e n, die «hauptsächlich durch den Widerstand gegen den Versand? oppositioneller Zeitungen entstanden waren. Die Opposition beim Könrg von Italien. Rom, 10. Juni. Der König etnpfing heute den Führee der Unionisten, A m e n d 0 l a, und hierauf den Führer der sozialen Demokraten, Fürsten C e s a r e, in Privataudienz. Die beiden oppositionellen Führer sprachen die Huldigung ihrer Gruppen zum Königsftlbiläum aus. Ueber Aufforderung des Königs legten sie ihre Meinung über die politische Lage «dar. Wie verlautet, werde als Vertreter der Popolari morgen der -Abgeordnete G a s p a r r i von: König empfalngen werden. _ Her Kampf um Kanton. London, 10. Juni. (Tel.-Komp.) Nach Meldungen aus Kanton haben die Jünan--Truppen sich der Stadt «bedeutend genähert, fo daß der Fall Kantons umuittelbar bevorstehen dürste. Die Ausländer -ha-ben alle Gebiete um «Kanton aeräumt, ~