Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2263 (9.6.1925)
- Date
- 1925-06-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981348--23012-3010485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wiener MokgerrzeltrrUO s. Mn'r IMS M« G0M' Ar« OMe r Men> MmKsg konischen Gelddeutel, die japanische Flotte, die russiche Eisthcorie fürchten, und daß alle gemeinsam vor lauter Angst, Hysterie und Mißtrauen immer tiefer in die Lüge der Demagogie fallen. Sie tun oder planen gegeneinander alles Böse und sind dann höchlichst verärgert, wenn ihr gutes Beispiel in China oder in Afrika böse Sitten verdirbt. In Europa hat sich der Haß gegen Minoritäten eine wohlumhegte Heimstätte geschaffen. Aber wenn ihm an den schwachen Punkten seiner Front das gleiche Empfinden antwortet, dann — Bauer, das ist etwas anderes! Da teilt das Pariser katholisch-klerikale Blatt „La Croix" in aufgeregtestem Tone mit, daß in zahlreichen Städten Chinas. von Studenten verfaßte Plakate angeschlagen seien, die offen zur Ausrottung der Missionäre auffordern.- In dem Anschlag heißt es: „Wir wollen diese Teufel, die Söhne der Religion, nicht bei uns.. Nun wird in dem Anschlag gesagt, daß die christlichen Missionäre im Grunde nur ein Ziel verfolgt hätten, nämlich das Land zu erobern.. „Unser Programm ist folgendes: Zu Weihnachten versammeln sich katholische Missionäre, protestantische Prediger, Katechisten und Adepten in Menge. Was tun? Diese gute Gelegenheit benützen, um alle auszurotten! Wir müssen alle unsere Brüder, die Chinesen, aufrufen zur Vernichtung der Verkündiger des Christentums. Dieser Plan muß allgemein bekannt gemacht und daher in den Zeitungen veröfsentlicht^und au den frcquentiertesten Straßen und Plätzen der Städte angeschlagen werden. Die öffentliche Meinung muß durch Versammlungen, Flugschriften und Enqueten über die verruchten Taten der Missionäre aufgeklärt lverden." Der Berichterstatter der „Croix" fügt hinzu: „Wir glauben nicht, daß die Verfasser dieses Anschlages, die Studenten, fähig sind, diese Drohungen;u verwirklichen; aber die unwissende Menge, die sie überall liest, könnte eines Tages den Ratschlägen folgen. Und was soll man von den Mandarinen sagen, die solche Aufforderungen zu Gewalt und Mord ruhig . verteilen und anschlagen lassen!" Wir kennen die Weise, wir kennen den Text. Man ersetze überall die auf das Christentum, auf die Missionäre gemünzten Stellen durch die uns wohlbekannten Ausrufe wider die Juden.' Es ist gar nicht notwendig, aen übrigen Text zu ändern. Sind das dann nicht die in den europäischen Zentren der Kultur und Unkultur prangenden Pogromaufrufe? Dieser von „La Croix" zitierte Anschlag könnte ohneweiters am Tor der Wiener- Technik zu lesen sein oder irgend eine schöne Proskriptionsliste einleiten. Was soll man — so klagt das fromme Pariser Blatt — von den Mandarinen sagen, die solche Aufforderungen zu Gewalt und Mord ruhig verteilen und anschlagen lassen? Ja, was soll man sagen? Daß Derartiges nicht bloß in China möglich ist. Es gibt auch anderwärts Studenten und Mandarinen. Wrm in Aufruhr. Kämpfe bei Kanton und Nanking. Kanton, 8. Juni. (Reuter.) Die Iünnangener a l c Hang s z j i n und Lautschunwan, die sich als Anhänger der Ideen Sn nhatsens bezeichnen, forderten die Behörden auf, die Truppenbewegungen in den östlichen und westlichen Flußbezirken eenzustellen. Die Behörden erklärten -daraufhin beide Generale -für a b g e f e tz 1 und ernannten den General Tschupeito zum stellvertretenden Führer der Jünnan-Streitkräfte. Dangsiit.in 'beantwortete diese Ällaßnaihme der Behörden mit einer Besetzung der Residenz-des Gouverneurs, der Telegraphen- und ^elephonämter und der elektrischen Licht- und Kraftwerke. Die Telegraphenlinien nach Hongt o n g wurden durchschnitten. Hierauf erösfneten die Truppen der Garnison von K a n t o n das Feuer auf die Iünnanlente. Der Kampf begann gestern nachmittags. Es kam zu einem Gefecht bei den Kan ton er Zementwerken. Beide Par- :eie,r errichteten Barrikaden. Die Jünnanleute stehet», hart vor den Barrikaden der Kantonlente in Hönau. Alle Kanonenboote der K a n t o n l e u r e dampften den Fluß aufwärts in die Gegend der ausländischen Konzessionen in S ch a m e e n a b unb feuerten auf die Kaianlagen. Beiderseits des Flusses wurde geschossen. Alle Dampfer aus Hongkong gingen während des Gefechtes in See. Aufruhr im Konzcsfionsgebiet bei Nanking. Lorrdon, 7. Juni. Das Reuterfche Bureau meldet aus" Schanghai, der britische Generalkonsul in Tschin kräng bei ')i auking telegraphierte gestern: „A u f r u h r i m K o u z e s s io n sg e b i e t. K a n n d i c Flotte Hilfe schicken?" Aus späteren Meldungen geht hervor, daß aufrührerische Studenten drei Häuser im KouzessiouSgcbier zerstörten. Truppen mußten zur Wiederherstellung der Ordnung aufgebotcn werden. In der Nacht gestaltete nch die Lage wieder e r n st. Japanische Schiffe. London, 8. Juni. (Tel.-Komp.) Wie au» L : : a gemeldet wird, hat die japanische Regierung vier Zerstörevboote nach Schanghai und zwei nach Kanton gesandt. Jüdische Hochschulkurse in Wien. Ter j.n d i s ch e HochschulauSs chuß bat gemäß dem Aufträge des letzten Delegiertentages des Gesamtverbandes Z n d ä a in seiner gestrigen Sitzung b schlossen, iu der 3 tu ei* len Hälfte des HM 0 it a t o 'H n g u ft d. I. eine 2 0 >nmerschule zu ucrnnftatieii. Programme imb Prospekte werden demnächst herauSgegebem Sie Zusammenkunft Briandßhamberlain. Gin Einvernehmen über die Sicherheitsakte erzielt. (Eigcndkenst der „Wiener Morgenzeitung") Genf, 8. Juni. Die zur Teilnahme an den Beratungen des Komitees hier cingctroffeuen Außenminister Errglands und Frankreichs, Cha mbe rlain und Briand, hatten gestern die erste Zusammenkunft gehabt. Das Zusamnrentreffen der beiden Staatsmäunner galt einer Besprechung der deutschen Entwaffnungsnote und des Sichcrheitspaktes und vollzog sich unter allen Anzeichen einer Politischelt Sensation. Die Besprechungen der beiden Minister wurden hellte fortgesetzt. Chambcrlain ülberrcichte Briand die englische Antwort auf die in der vorigen Woche überreichte französische Note in Sachen -des Sicherheitspaktes. Briand übermittelte die Note sofort -nach Paris. Es fand sodann eine neuerliche Aussprache -der beiden Staatsminister statt, bei der es zu einer vollständigen E i n i g u n g Mer die in der Frage des Sicherheit Spaltes zu überreichende A n t w 0 r t a n D e u t s ch l a n -d kam. Briand kehrt bereits M i t t-w 0 ch nach Paris zurück. Die Note an Deutschland wird, wie Briand in einer Pressekonferenz, die er g e tu c i n s a m mit C h a mbcrlain abhielt, erklärte, in sthr kurzer Zeit, vielleicht schon in zlvei bis drei Tagen, ltach Berlin abgehen. Erliege die beste Hoffnung, daß man auf Grundlage dieser Note m i t Be r li n zu einem Ginvevständnis komnien werde. Briand erklärte noch auf eine Frage, es hätte niemals der geringste Zweifel darüber bestanden, daß Deutsch- I a n d in den Völkerbund e i n t r e t e n könne, wenn c's dies wünsche, und er hoffe, daß cs bald durch seine Gegenwart das Genfer Milieu verschönern werde. Bezüglich der Teilnahme Italiens, Polens und der Tscheche-Slowakei an dem Sicherhcitsvertrag erklärte Briand. daß diese Staaten natürlich ein hervorragendes Friedensint «resse daran 'hätten, daß der Pakt zustande konunt. C h a -in b e r l a i n erklärte sich mit don Ausführungen Briands einversta nden. Der Inhalt des englisch-französischen Abkommens. Paris, 8. Juni. Die Agence .Havas meldet aus Genf: Das nunmehr vollständige Einvernehmen zwischen Frankreich, England und Belgien enthält den formellen Entschluß Großbritanniens, die durch den Versailler Vertrag festgesetzte Rhein- "grenze zu garan t i c x c it. England wird jede seitens Deutschland erfolgende Verlegung der die Rhe ingrenze betreffenden territorialen und militärischen Bestimmungen als casus belli an seihen. Um diese Grenze zu garantieren. verpflichtet sich England, Frankreich und Belgien seine gesamten militärischen, See- und Luftstreitkräfte zur Verfügung zu stellen. Hinsichtlich der O ft g r e n z e Deutschlands erklärt England ausdrücklich, daß es den Bestimmungen und Verpflichtungen aus dom Versailler B e r t r a g t r e u bleibe. Die Grenzen Polens und der Tschecho-Slowakei bleiben unter dem Schutze des Bölkerbundpaktes. Daher überläßt England Frankreich die volle Freiheit, seinen allgemeinen, allen Mitgliedern des Völkerbundes gemeinsamen Verpflichtungen diejenige Form zu geben, die ihm im Interesse seiner Verbündeten am besten dünken wird, da naturgemäß jedes Abkommen dom Geilste und dein Buchstaben des Völkerbundpaktes entsprechen muß. Endlich, ivenn seine Alliierten im Osten Gegenstand eines als solchen charakterisierten Angriffes würden, wird Frankreich ermächtigt fein, die entmilitarisierte Rheinzone als Operationsfeld ZN benützen, -NM seinen angegriffenen Verbündeten ZU Hilfe zu kommen. Die Zulassung Deutschlands z u m Völkerbund wird erst au doni Tage erfolgen können, an dem der S i ch e r h e i t spa 'kt in vollständiger Uebereinstinlmung mit den angeführten Bedingungen seitens Deutschlands unterzeichnet sein wird. Die Eröffnungssitzung de» Bölkerbundratrs. Genf, 8. Juni. (Tel.-Komp.) Die 34. Tagung des Bölkerbundrates wurde heute, vormittags halb 12 Uhr, ohne jedes Zeremoniell eröffnet. Den Vorsitz führte Q u rnones de Leon (Spanien). An Stelle von Hymanns, , der bisher noch nicht eingetroffeu ist, nimmt der belgische Minister Nie ll 0 t an den Verhandlungen des Rates teil. Jtt der heutigen Sitzung wurden zunächst eine Reihe von Formalitäten erledigt. Der Völkerbundrat nahm die Vertagung der Frage der griechischen Minderheiten in Konstantinopel und der türkischen Minderheiten in Westthrazien sowie den Bericht des japanischen Delegierten Grasen Jshii über die Erledigung des Streitfalles wegen des griechischen Patriarchen ohne Debatte zur Kenntnis. Auch die deutsch-polnische E i n i ö 11 it g über die Erwerbung der polnischen Staatsangehörigkeit wurde ohne Debatte zur Kenntnis genommen. Eine kurze Debatte gab es dagegen bei der Beratung über den Bericht der K'outrollkommission des Völkerbundbudgets für bas einen Ueberfchuß von 0,4 Millionen Franken aufweist. Nach dem Referat des Berichterstatters richtete der englische Delegierte Chambcrlain eirM I viclbemcrkten Vorstoß gegen die Hygienesekkion des Völkerbundes, die im Jahve 1924 nicht lvenöger als 700.000 Frankeiv und iin folgenden Budgetjahr gar eine Million Franken ausgegben habe. Dies komme daher, daß die Sektion zu viele Ausgaben übernehme, die von den einzelnen Regierungen geleistet werden könnten. Diese Anspielung auf den polnischen Leiter dar Hygienesoktion und auf die im Interesse Polens übernommenen Arbeiten erregte unter den Teilnehmern der Sitzung beträchtliches Aufsehen. Die nächste Sitzung des Rates findet morgen vormittags statt. Auf dar Tagesordnung steht die österreichische Kage. ' v ' -ortbtzr Morde. Das Pavlament davf den Mund nicht auftun. Budapest, 8. Juni. (Tel.-Komp.) In der heutigen Sitzung -der Nationalversammlung machte vor Eintritt in die Tagesordnung der Demokrat tische Abgeordnete Josef Pakots neuerlich einen Versuch, die Affäre Beniczkv in Form einer dringlichen Anfrage an die Regierung zur Sprache zu lbvingen. Der den Vorsitz führende Vize Präsident Zsitvah verweigerte ihm jedoch das Wort und auch die Mehrheit des .Hauses stimmte der Maßnahme des Vizepräsidenten zu. Auch der am Schluß der Sitzmrgeingebrachte Antrag, auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung den Antrag Nagy (Kofsuth-Partei) auf Einsetzung eines Nntersuchunigsausschuss-es -über den HörtHy- Mord zu setzen, wurde abgelehnt. Die Debatte über den Antrag der Sozialdonrokraten ivar mit u ngeheuren Lärmszenen verbunden, als der Sozialdcmolkral Kabok auf die Horthy 'belastenden Aussagen Beniczkys zu sprechen konunt. Der Regierungsparteiltt P l a t t h y, der die Linke des .Hauses als Mörder bezeichnet, muß in offener Sitzung A b bitte leiste n. Die Regievung und die Einheitspartei sind fest entschlossen, alle Versuche der Opposition, die Affäre Ben-iczü) im Hause zur Spra^che zu bringen, wenigstens bis zur Rückkehr des Ministerpräsidenten Grasen Bethlen zu vereiteln. Der Präsident des Hauses hat -fämMche Parteiführer heute zu einer vertraulichen Beratung einge-- laden, die in den Abendstunden noch andauevt. Cs verlautet, daß bei dieser Konferenz der stellve-rtretende Ministerpräsident Bass der sozialdemokratischen Partei das formelle Versprechen gegeben hat, die Regievung werde die U n 1 ersuch u n g in der Angelegenheit der Ermordung der „Ne ps zava"-Redakteure mit aller Energie fortsetzen und alles aufbieten, um die Identität der Verbrecher fostz'ulstellen. Dagegen erklärte Minister Bass, daß die Regierung jede. Aktion unterdrücken wird, die dahin zielt, die Affäre BcnicFky aus der Tagesordnung zu halten, Der StaatSVat. Am Schluß der nächsten Sitzung 'des Parlauwnts wollen die Sozialdemokraten ihren Antrag einbringen, der fordert, im Wege einer Verfassung'sändern.ng einen dreigliedrigen Staats rat an die Spitze des Landes zu stellen, der aus dem Ministerpräsidenten, dom Präsidenten der Akademie der Wissenschaften und dem der königlichen Kurie ^bestehen soll. Der sakrosankte Mörderchef. Der JmmunUätsausschuß der Nationätversanuuiuug hat den Abg. Stephan FarFas (Sozialdemokrat) wegen eines don Reichsverwes-er b e l e i d i g e n d e n Z w i s ch e nrufes, de« er in der letzten Sitzung gemacht hatte, von drei Srtzungen des Hauses ausgeschlossen. Die gestrige Nummer der sozialdemokratischen ,>N e p s z a v a" ist wogen eines eine Beleidiguug.de s Reichsverwescrs darstellenden Gedichtes beschlagnahmt -worden. Die Mörder für ihr Oberhaupt. Donnerstag vonnittags werden die nationalen Ver» eine eine große Demonstration für Horthy veranstalten. Die Demonstranten werden sich auf dem Pcftcr Donauufer vor dom Petöfi-Denkmal versammeln und von dort in Viererreihen in die königliche Burg ziehen, um dort dem Reichsvevweser ihre Huldigung darzulbv'mgen. Ae »reine" Verwaltung. Ein neuer riesiger Korruptionsfall in Deutschland. Berlin, 8. Juni. (Tel.-Komp.) Das „Berliner Tageblatt" berichtet über einen R lese übe trug an dom deutschen Reichsnnd deni preußischen Fiskus. Es handelt sich um Schiebungen, Betrügereien und UMerschlcise, deren vier bedeutende Bausirmen in Frankfurt an der Oder, Berlin, Dresden und Züllichau boschuldigt werden und durch die das Reichsärar «und der PreußWe StaatsfiSkus um nicht weniger als 20 M i l l i0 ne n Goldmark geschädigt wurden. In Frankfurt an der Oder wurde der Bauunternchmer Paul Schnlidt, einer der reichsten Männer der Grenzmark, vechastet. Bechaftungen von Reichsbahnbeamten der Diroktion Ost in Jrairkfnrt an der Oder sollen unmittelbar bovorstchen. Die Betrügereien sollen bei den großen Bauten borgekommen sein, die in den Jahren 1921 bis 1924 im Bezirk der Reichsbahndirektion Ost ausgeführt wurden. Im Mitte'lpunikt der Skandalassare steht der Grenzbahnlhof und die Eisenbahner-» siodlung Ne »Ben sichen. Hier sind die Berträge zwischen den Staatsbehörden und den Baufirmen durch Bestechung der verantN'onlichen samten zustandegekonlinen. Es wurden ferner viel höhere Preise und mehr als dreimal so hohe Löhne in Rechmmg gesteK, als tatsächlich ausbezMt wuchen..