Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2261 (7.6.1925)
- Date
- 1925-06-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Wien, Sonntag Wiener Moraeitzertirng. j Seit« 4 Mataja in Senf. Konferenzen mit Benesch. Genf, 0. Juni. Der tschecho-slowakische Minister des Neu gern Dr. B e n e s ch hat henk den Bundcsminister für auswärtige Angelegenheiten Dr. Mataja z,M Frühstück cingeladen. Die B e s p r e ch n n g der Heiden Staatsmänner mußte nm 3 Nhr nachmittags unterbrochen Jücrbcn, weil Minister Dr. Benesch als Präsident der internationalen ArbeitSkonftretH der Nachmittagssitzung beiwohnen mußte. Tie Besprechung tvurde um 8 Nhr abends fortgesetzt und dauerte bis nach 10 Uhr. Den Gegenstand der Unterredung bildete vornehmlich die vom Rat des Völkerbundes beschlossene Expertise und im Zusammenhang danrit die wirtschaftliche Lage Oesterreichs. Dr. Mataja wies namentlich auf die Kapitalsknappheit und auf den Mangel von Absatzgebieten hin. Dr. Benesch betonte, daß die bevorstohende Expertise sich in aller Freiheit entfalten müsse, um den Dingen auf den Grund gehen zu könnetv, eine These, der Dr. Mataja vollkommen steipflichtetc. Auch die von der österreichischen Arbeiterkammer eingelcitcte Arbeitsaktion wurde in eingehender Weise erörtert. FinaNM!nister Dr. A h r e r mu den .sperren seines Ministeriums ist heute abends hier cingetroffen. Morgen vormittags tagt daS Finanztomitec, um in fortgesetzter Beratung die Frage der Elektrifizierung der Bundesbahnen zu erörtern. Adinister Dr. Mataja hatte ferner eine längere Besprechung mit Minister Bordonaro. Am Nachmittag stattete Dr. Mataja dem Direktor des internationalen Arbeitsamtes Albert T h o m a s einen Besuch ab, bei dem er die Denkschrift der Arbeitcrkammer besprach. Anschließend daralt hatte er nucf) eilte Unterredung mit Nationalrat H u e b e r. Weiter besuchte Dr. Mataja heute den Generalsekretär des Völkerbundes Drummond und dessen Stellvertreter Avenol. Statt tcv Meuten — Dubois. Genf, 6. Juni. Dubois ist zum Präsidenten des Finanzkomitees gewählt worden, ein Amt, dos bisher l c r M c u l e n innchatte. Oesterreich auf der Tagesordnung. Genf, 6. Juni. Soeben wird die Tagesordnung des am Montag zusammentrctendcn Völkcrbundrates ausgegeben. Auf der Tagesordnung befindet sich die ö st e r r e i ch i s ch e Frage als einer der Hauptpunkte mit der dreifachen Unterteilung: Wirtschaftsenquetc, Bericht des G e n c r a l k o m m i s s ä r s und Bericht des Finanz k o m i t e e s. * Das Generalkonsulat der tschecho-slowakifchen Republik in Wien teilt mit, daß in der Sommerzeit ab 8. d. oer Paß- und B i s a - B e s ch a f f u n g s d i e n st folgender« -maßen organisiert ist: Bor allem existieren die eigenen Paßstellen. und zwar: Nr. 1 in Wien, 13. Bez., Penzingerstraße Nr. 11-13, und Nr. 2 in Wien, 3. Bez., Vordere Zollamtsstraße 6, wo der Partcienvevkehr an Wochentagen in der Zeit voll 7 Uhr 30 Min bis 14 Uhr ftattfinbet; an Sonn» und Feiertagen wird lediglich in der Paßstelle Nr. 1 in der Zeit von 3 bis 12 Uhr amtiert, wobei nur Visa für unaufschiebbare Reisen, wie zum Beispiel in Todes- und Erkrankungsfällen, ereilt tvcrden. Außerdem werden zwei Sammelstellen für die Bestbaffung von tschecho-slowakifchen Sichvernrerken errichtet werde,:, und zwar die Sammelstelle des Tscheche slotvakischcn Berkchrsbnreaus, Wien 1. Bez., Getreidemarkt (9 Uhr bis halb 1 Uhr und halb 3 Uhr bis 5 Uhr), und die Sammelstelle der Tschecho-siowakischen Handelskammer im Palais der Zivnostenska Banka in Wien, 1. Bez., Herrengasse 12. (8 Uhr bis halb 3 Uhr); die in diesen Sammelstellen abgegebenen Passe können von den Parteien am folgenden Tage abgeholt werden. Das Generalkonsulat macht neuerdings aufmerksam. daß sich die Reisenden angssichts des zu erwartenden großen Andranges in ihrem eigenen Interesse ihre Pässe und Bisa chebaldigst beschaffen mögen. Blau ist daher auch die Farbe, die als Schutzmittel gegen den „bösen Blick" dienen soll. Auch ein Aluminiumamulctt wird als Schutzmittel gegen eilt „böses Auge" verwendet, doch muß ein solches Amulett mit der Zahl drei in Verbindung sein: dreieckig, pyramidenförmig oder drei Nlit einander verbundene Stücke. Oft wird auch die Abbildung des Auges verschiedener Kamelarten benützt. Besonders Aengstliche bedienen sich aller erwähnten Amulette zusammen. Auch die Pslanzentvelt, Blätter und Reisig verschiedener Bäume müssen als Schutzmittel herhalten. Glaubt man, daß ein Kind infolge eines „bösen Blickes" erkrankt ist, so wird es „beräuchert". Dazu wird Alaun, Salz und irgend etwas, was von der Person mit dem „bösen Auge" stainmt, — ein Stück von seinem Kleid, seinem Haar, seinen Nägeln usw. — als Räucherungsmittel verwendet. Sind diese Dinge nicht zu haben, so begnügt man sich mit ein wenig Erde, über die die „schädliche Person" geschritten ist. Während der Beräucherung werden verschiedene Sprüche hergesagt, in denen Gott, die Engel und Propheten um Hilfe gegen die Wirkungen des „bösen Blickes" angefleht werden. Außer dem „bösen Ailge" spielt auch die „böse Seele" eine Rolle im Aberglauben. Als Schutzmittel gegen die „böse Seele" dient eine Hand aus Glas, Kristall, Perlen, Perlmutter, Porzellan usw. Auf vielen Haustüren findet man deshalb die Abbildung mehrerer Hände. Roch bis vor kurzem fehlte in diesen Volttkreisen jeder Glaube an die Hilfe der Medizin. Erst in der letzten Zeit dringt allmählich moderner Geist auch in die Reihen dieser in Aberglauben erzogenen Menschen. Aber auch jetzt noch gelingt es dem Arzt nur sehr schwer, den Patienten die Amulette wegzunehmcn, weil die Bevölkerung von dem Glauben durchdrungen ist, daß die Krankheit sich dadurch verschlimmert." 7. Juni 1985 Nr. Sitte Berzweiflungsdemonftratioit der Kriegsopfer. Invalide lege» sich aufs Strabenbahngelelfe. - Abtranspott mit Aettungs« und Schnbwagen Rach einer Jnvalidcnversatntnlttng tu der Josefstadt, in der die Einstellung arbeitsloser Kriegsbeschädigten in Privatbetrieben, beim Bund und bei den Gemeinden verlangt wurde, kam cs gestern nachmittags zu aufregenden Szenen vor dem Parlament. Nach der Versammlung zogen die Invaliden die Florian igasse hinunter. Voran fuhr ein vollständig gelähmter Kricgsinvalide in einem Wägelchen. Ein anderer, der einen Nervcnanfall erlitt, mußte ans ein Fahrzeug anfgcladen werden. Im Zuge humpelten zahlreiche Prothesenträger. Als die etwa 3 00 Invaliden und K r i e g c r w i t w e n beim Landcsgcrichtsgebäude ankamen und dort einen großen Kordon Wachleute stehen sahen, bemächtigte sich ihrer große Aufregung und stürmische Pfuirufe wurden laut. Der Zug bewegte sich dann langsam über den Rathünsplatz zum Ring bis zmn Parlament. Als er nach halst 6 Uhr beim Parlament anlangte und die Invaliden sich auf die Stufen der Parlamentsrampe setzen wollten, verhinderte dies die dort aufgestellte Wache. Daraufhin wurde die Parole ausgegeben, die S t r a ß e n b a h n g e l e i s 'e z n besetzen. Die Invaliden leisteten diesem Rufe sofort Folge und legten sich auf die Strahenbayngelerfe. Die Straßenbahnwagen konnten nicht weiter fahren und binnen kurzer Zeit war der ganze Verkehr auf der Ringstraße lahmgelcgt. Einige Wachleute versuchten nun die Invaliden zu bewegen, die Straßenstühngeleise zu verlassen, riefen aber dadurch stürmische Proteste hervor. Die Invaliden nahmen ihre Prothesen herunter und schwangen sie erregt in der Luft, einige Schwerinvalide bekamen N e rv c n- und e p ilep t i sch c An sä lle und mußten w c g g e t r a g e n werden. Frauen von Kricgsinvaliden und Kriegcrwitwen schrien erregt und wollten den Ohnmächtigen zu Hilfe eilen, die sich auf den Stcinfließen wälzten. Dazwischen hörte man Rufe „Wasser", „Wasser", „Rettungsgesellschaft". Wiederholt forderte die Polizei die Invaliden auf, die Straßcnbahngcleisc zu verlassen, doch diese riefen „S a g c n S i e, d i e R c g i c r u n g soll k v in ttt e n". EiU Teilnehmer der Demonstration schwang sich auf die Plattform eines Straßenbahnwagens und wollte die Invaliden aufsordern, die Fahrbahn zu verlassen. Stürmische EntrüstungSrufc erschollen und der Redner wurde vom Wagen h e r u n t e r g e r i s s e n. Hierauf begab sich eine Abordnung von fünf Mitgliedern der Komitees der arbeitslosen Kriegsbeschädigten unter Führung des Sekretärs Wolfmüller ins Mmisterlmu für soziale Verwaltung. Nach kaum einer halben Stunde kam die Abordnung mit dem Bescheid zurück, daß Minister Dr. R e s ch im Amte nicht zu treffen war. Sektionschef Hock nahm tvohl die Wünsche der Abordnung entgegen, doch konnte er keinerlei Zusage machen. Die Abordnung habe im Bundeskanzleramt Bundeskanzler Dr. R a m e k nicht angetroffen. Diese Mitteilungen wurden mit neuerlichen st ü r m i s ch e n Pfuirufen ausgenommen. Mittlerweile wurden die Straßenbahnwagen von der Ringstraße tvcgdirigicrt, der Ring wurde bei der Bellaria und beim Burgthcater abgesperrt und ein Teil der Demonstranten abgedrängt. Nach halb 7 Uhr kamen plötzlich zwei Rettungswagen und drei Schubwagen angcfahrcn. Die Schweriuvalidcn, die Anfälle erlitten hatten, tvurdcn in die Rettungswagen gebracht, während die anderen Invaliden, die auf den Straßenbahngeleisen lagen und diese nicht verlassen wollten, in die Schubw a g c n verladen wurden. Hiebei kam cs n e lt c rdings z u st ü r m i s ch c n A u s e i n a n d e r s e tz u ng e n zwischen den Invaliden und d e r P o l izei. Ter Kommunist Markus des Zentralarbeitslosenkomitccs 'wurde verhaftet und von vier Wachleuten abgeführt- Die Wache räumte die ganze Ringstraßc, wobei noch einige Verhaftungen vorgenommcn wurden. Die übrigen Invaliden zogen nun in ihr Verbandsheim in die Lerchenfclderstraße, wo eine neuerliche Protest- Versammlung stattfand. Es erfolgten dann Interventionen bei der Polizei, worauf die Versicherung gegeben wurdet daß die verhafteten Invaliden frei gelassen werden. Verhaftet tvurdcn die Invaliden Paar, Rausch er, Schostal, Mclchik und Sch trat o, durchwegs S ch w e r i n v a l i d e, dem M e l ch i k fehlen sogar beide Füße. Die übrigen Invaliden wurden in die Jnvalidenheime und ihre Wohnungen mit Autos geschafft. . vurcd Dr. Hoffbauers Beste Wirkung, ohne Diätzwaug, garantiert unschädlich Vom VolksgesundheltBamt bewilligt (Nr. 911) Kein Abführmittel Keine Schilddrüse Depot: APOTHEKE „ZUMRÖMISCHEN KAISER" WIEN, I. WOLLZEILE 13/5 Wiederaufnahme des Prufcha- Prozeffes. Gestern vormittags haben die Beratungen des Bierersenats des Wiener Landesgerichtes unter Vorsitz des Präsidenken Hofrat Dr. A l t m a n n für das Wiederaufnahmsgesuch begonnen, das von Dr. Richard Preßburger namens der wegen Ermordung der Marie Eberl zu 16.1 a h r e n s ch w e r e n K e r k e rs verurteilten Franziska Pruscha eiugebracht worden ist. Dem Senat gehörten an: Hofrat Dr. Wessely, Hvfrat Dr. Czerny, und der Untersuchungsrichter Landcsgerichtsrat Doktor Müller. Das Referat war außerordentlich umfangreich. Nach 12 st ü n d i g e r B e r a t u n g, um viertellO Uhr abends, verließen die Mitglieder des Viercrsenates ganz erschöpft den großen Saal im Straflandesgericht 1. Wie wir erfahren, wurde dem Wiederanfnahmsansuchen des Verteidigers Dr. Preßburger Folge gegeben. Dem Staatsanwalt steht das B es ch w e r d e r e ch t an das Oberlandesgericht zu, von dem er bisher allerdings keinen Gebrauch gemacht hat. Die Rechtsfolgen erwachsen, bis der Beschluß in Rechtskraft getreten ist. Daun tvird der F a l l P r u s ch a wieder in das S t a d i u m d e r B o r u n t e r s u ch n n g gelangen. Die Gründe werden morgen bekannt gegeben. -er Sammeita« der Aettnngrnefellfchaft. Die Straßensammlungen für die Rettungsgesellschaft haben in allen Bezirken großen Erfolg. Bei dem schönen' Wetter machten die musikalischen Umzüge in den Bezirken und ihre Platzmnsiken großes Aufsehen. Besonders bemerkt wurde, daß in den .großen Hotels auch die Fremden tief iu den Sack griffen und einige Millionen spendeten. Der Präsident der Unionbank» Siegmund Bösel, übergab dem Polizeipräsidenten Schober für die Rettungsgesellschüft 3000 Schilling. * Das Weller in Oesterreich ist heiter, am Ostrande der Alpen ist es kühl (Wien hatte gesternt 19 Grad), während es im Westen tvärnier ist. (Innsbruck 27 Grad). Es ist eine leichte Störung des Scl-önivetters in den südlichen Alpen zu erwarten. Voraussage: In den nördlichen Alpenländern Schönwetter noch andauernd, in den südlichen T r ü b u n g. Reue Mel ohne Mittel. Die Regierung, hat nunmehr den Entwurf zur .Fest-, sttzung der ncuc u Am tstitel der. Bundesbeamtett fertiggestellt und stell Organisationen der BundeSangestellten zur Begutachtung und Beratung übermittelt. Die Berorstinmg zählt über 700 Titel auf, darunter sind solche, die in. der vovmärzlichen Zeit gebräuchlich ivaren und auch solche, die dem reichSdeutschen Titelschatz entlehnt wurden. Die bereits am 1. Mai 1024 cutgestellten Beamten ikönnen ihre bisherigen Amtstitel iveiterfühven. Bis, zu einem noch zu bestimmenden Monat des Jahres 1030 können Beamte dem Amtstitel, der ihnen nach der. Amtstitelovdnung auf Grund ihres Dienstpostens Kukommt, die Bezeichnung „w i r kl i ch e r" vorsetzen. Die Titel lauten im höheren Ministe riald i e n st: MimsteriaMmmissär, Minist-erialoderrom-mifför. Miliisterialselkretär, Sektionsrat, Ministerialrat, Sektionschef. Viele der vorgeschlageuen Titel sind ivahre Wortung e t ii «nt c. So soll es im Archivdienst in Hinkunft Oberstaatsarchivräte, im Mbliotheksdienst OberstaatS'bibliotiheksrät e, im Rechnungsdienst Staats re chnungsoberrevidenten, >bei den Psanduttgsbeamteni Vol'lstreckung'Soberakt ua r e, ferner Regieruttgssorstoderkowm i ssä re, G estü t sv e ter i närob e rikommissäre gebett. Die Bezirkshanptleutc Iverdcn iu Hinkunft den Titel RegierungSamtmann, die Leiter der Polizeikommissariate in Wien den Amtstitel Stadthauptmann führen. Neu sind die für verschiedene DienMveige oingefnhrten A k t u a r t i t e l und der Bevölleruiig ivahrscheinlich sehr rinivevstLndlich die ftir beit höheren Hilfsdienst bei der Montanverivaltung vorgeschlagentzn Funktionsdezeichnungeu Hntmann und Oberhutmann. Sie Schauspieler gegen Me Luftbattettsftener. Die fordern die Kommunalisierung von Theatern. Gestern nachts fand im Cafe Dckbner eine SchatGielcr. Versammlung statt, um in der Frage der LustbarkoitLabga^be der Theater gegen Stadtvat Breitner Stellung zu uchmen. Referate erstatteten der Schauspieler Zeisl vom Bühnenverein, der Präsident Stärk und Sekretär Eisler, der mit«, teilte, daß am Mittwoch eine Besprechung der Vertreter der interessierten Organisationen mit dem RathauSroferenten stattfinden werde. Sekretär EiSler empfahl deshalb die vorgelegte Resolution nicht, in der es n. a. heißt: Die Bchauspi,eler stellen seist, daß der Kampf gegen die Äustbavkeitssteuer kein unberechtigter ist. Die Bezeichnung der Moater als LuxuSstätten beweist eine völlig unsoziale Auffassung. Pflicht'der Gemeinde wäre es, die Steuer überhaupt vusiztchciben und die alten Rückstände einzelner Theater zu löschen. Die Gemeinde Men sollte mit gutem Beispiel vorangchen und einige Bühnen^ wie z. B. die Vvlksoper, rommunaVifiet'en. Die Stesolution wurde um Mitternacht gegen die Su.» men des Präsidiums ange-nonnnen.