Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2261 (7.6.1925)
- Date
- 1925-06-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. WM Wien, Sonn'kciH Wiener Moraenreikung. 7. Tvittti 1926 Seile 3 Herbert Otto D Co. Interessenvertretung der fnflatfonsgeschädigten Grundbesitzer und Hypothekengläubiger Berlin W 9, Linkstrasse 11 »- 1095 Bank-Konto: Berlin Sparkasse der Stadt Berlin, Giro Kasse 2, Linkstrasse 7—8 Telephon: Lützow 3744, Kurfürst 9755 Bor der Lösung der belgischen Krise. Brüssel, 6. Juni. (Havas.) Das neue Kabinett dürfte aus fünf Katholiken und fünf Sozialisten bestehen. Das elfte Portefeuille, für Landesverteidigung, dürfte ein höherer Offizier, ein Parteigänger der Liberalen, erhalten. Das Kabinett wird wahrscheinlich folgendermaßen zusammengesetzt sein: Ministerpräsident und Bolkswirtschaftsminister P o u l l e t, Finanzminister I a n f s e n, Kolonienminister Car ton, LandwirtschaftsMinister de Kiedekerke, Justiz min ister T s ch o f f e u. Die sozialistischen Minister wären die folgenden: Außenminister BanderveIde, Minister für Wissenschaften und Künste Brächet, Industrie- und Avbeitsminister W a u t e r s, E-isenbahnmiinister A n s e e l e, Innenminister S o u >d a n. Ae gleitenden Getreidezölle in der Tschechoslowakei. . Die Sozialdemokraten wollen aus der Koalitton austreten. Prag, 5. Juni (Tschecho-slow. Pr.-Bur.) Das heutige Amtsblatt veröffentlicht eine Verordnung über die Neuregelung der NahrungsMittelzölle. Die Verordnung besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil betrifft die vorläufige Regelung der Handelsbszieihungen mit dem Ausland und führt die Zölle des altenösterreichischenZolltarifes vom 13. Februar 1906 den sechsfachen Koeffizienten ein. Der zweite Teil der Regierungsvevordnmvg. setzt gleichzeitig die im ersten Teil festgesetzten Zölle herab und regelt sie nach folgender gleitenden Skala: Weizen über 180 K. ist zollfrei, bei einem Preise von 160 bis 180 K. wird ein Zoll von 12,60 K., bei einem Preise von 135 bis 160 K, von 18,90 St eingeholben. Bei einem Preis bis zu 135 K. ist ein Zoll von 125,25 K., immer für 100 Kilogramm, eingeführt. Roggen bleibt bei einem Preise über 150 K. zollfrei. Bei einem Preise von 125 bis 150 K. wird ein Zoll von 11,60 K., bei einem Preise von 100 bis 125 K. ein Zoll von 17,40 K., bei einenr' Preise unter 100 K. ein Zoll von 23,20 K. eingefülhrt. Der Me hl zoll richtet sich nach dem Weizenzoll. Bei Fetten wird bei einem Preise von über 1160 K. kein Zoll eingehoben. Sollte der Preis der Fette auf 1050 K. sinken, dann tritt ein Zoll von 540 K. für den Kubikzentner in Geltung. Bei einem Sinken der Preise unter 1050 K. gilt ein Zoll von 90 K. Die Verordnung trägt die Unterschriften aller Minister, außer den Sozialdemokraten, die ihre Portefeuilles zur Verfügung gest ellt Hab en. Zionisten! Der 14. Zionistenkongretz tagt in Wien. Wir wollen die Delegierten der Zionistischen Weltorganisation in der Stadt Theodor Herzls mit dem Bewutztfctit begrüßen, unsere zionistischen P f l i cht e n erfüllt zu haben. Erste Pflicht des organisierten Zionisten ist die Steuerleistung für das wichtigste Finanzin st ru ment des Aufbaues, den Keren Hajessod. Das erfreuliche Steigen der Einwanderungsziffer auf 3000 Köpfe im Monat erhöht unsere Verantwortung, denn das Jmmigrationsbndget reicht — wie wir euch mit gesondertem, ausführlichem Rundschreiben mitgeteilt haben — bei weitem nicht mehr aus und es ist die Gefahr, daß die Einwanderung gedrosselt werden mutz, weil die Eingänge des Keren Hajessod zu gering sind. Die außerhalb des Zionismus stehende palästinafreundliche Judenschaft mutz durch intensive, stets gesteigerte Werbearbeit von Mann zu Mann für den Keren Hajessod gewonnen werden. Die in den Bezirkssektionen, Ortsgruppen und Sonderverbänden erfaßten Zionisten aber haben ihre Steuer im Sinne des historischen Maasserprinzips selbsttätig zu leisten und dürfen nicht dulden, daß unsere PropagandakräftefiirdieAusbringungzionistischer Keren - Hajessod - Leistungen verschwendet werden. Zionisten! Sorget dafür, daß die österreichische Judenschaft noch vor der Eröffnungssitzung des 14. Zionistenkongrefses mit einer ansehnlichen Quote an dem Gesamtergebnis des Keren Hajessod beteiligt ist und erfüllet unverzüglich, freiwillig, ohne weitere Mahnungen und Erinnerungen abzuwarten, eure K e r e n-H a j e s s o d- Pflicht! Das Zionistische Landes- Die österreichische Kerenkomrtee. Hajessod-Kommission. Der Präsident: Der Präsident: ^r. Jakob Ehrlich. Oberrabbiner Doktor C. H. Chajes. Dir. Siegmund E p l c r. Dr. I. L ö w e n h e r z. Dr. L. Goldhammer. Ludwig B a t o. Dr. Otto A b e l e s. Dr. N. M. G e l b e r. An Zwischenfall am Grabe des Simeon Hazadif. Ein Mißgriff der palästinensischen Polizei. Jerusalem, 6. Juni. (I. T. A.) Am ersten Tage nach dem Schewuoth-Fcst versammelten sich der Tradition gemäß mehrere tausend Juden zu einer Andacht am Grabe des S i m e o n H a z a d i k. Eine Gruppe von Juden stieß in der Extase die Rufe aus: „Samuel ist unser Vater, Palästina unser Vaterland! Lang lebe Balfour!" Die überwachende Polizei glaubte anscheinend, es handle sich um eine D e nr o n st r a t i o n und forderte die Menge zum Auseinandergehen auf. Als die Menge dem Befehl nicht sofort Folge leistete, trieb die Polizei sie mit G e w a l t auseinander, wobei mehrere Juden mißhandelt wurden. Unter der Judenheit Palästinas herrscht wegen dieses Vorgehens der Polizei große Erregung. gpaaaaaaaaaaaaaaaaaa nninmiiiiiiiii g THERMALBAD! VÖSLAU Inmitten ausgedehnter Föhrenwaldungen, windgeschützt, staubfrei u. sonnig RADIOAKTIVE THERMEN die gleichen Heilerfolge wie Gastein. besonders günstig für Herzerkrankungen, Nervenleiden, Frauenleiden, gichtische Erscheinungen und Verdauungsstörungen 5111 Pensionen und Hotels erstrangigen Instituten bis zu den billigsten von B ■ IBI Prospekte und Auskünfte bereitwilligst durch die Kurkommisston Vöslau Süden Wolf in Warschau. Unterredung mit dem Obmann des Jüdischen Parlamentsklubs. Warschau, 6. Juni. Die von Mr. Lucien Wolf erbetene Zusammenkunft mit dem Präsidenten des Jüdischen Parlamentsklubs Dr. R e i ch hat nunmehr stattgefunden. Bei der Konferenz Ivar auch der Abg. Dr. Thon zugegen. Mr. Wolf beklagte sich zunächst über das Verhalten der jüdischen Presse ihm gegenüber. Dann erklärte er, er stelle sich vollständig der j ü d i f ch e n parlamentari s ch e n Repräsentanz zur Verfügung. Bon den polnischen Regiernngskreisen habe er lediglich mit dem Außenminister Skrzynski gesprochen. Sein Besuch bei dem Abgeordneten Diamond sei privater Natur auf Grund alter Bekanntschaft ans London gewesen, seine Unterredungen mit dem polnischen Deputierten Stronski und ZdziechowE hätten rein informativen Charakter getragen. Im weiteren Verlaus der Unterredung »informierte sich Mr. Wolf über die letzten Ereignisse im polnischen Parlament, wo der Jüdische Klub bekanntlich in die technische Obstruktion eingetreten ivar, und über die Konzesfionsverordnulig, welche die Ursache der Obstruktion ist. Er drückte auch seine Verwunderung darüber aus, daß der Benützung der jüdischen Sprache bei Versammlungen von seiten der Behörden S ch w i e r i g k e »i t e n bereitet werden, wo doch nach den internationalen Verträgen die nationalen Minderheiten das Recht aus Benützung ihrer Sprache haben. Schließlich wurde vereinbart, daß vor der Abreise Wolfs noch eine Konferenz mit dem P r ä s i d i ,u m des Jüdischen Parlamentsklubs stattsinden solle. ' Dar Schachturnier in Marienbad. Morienbad, 6. Juni. (T. P.-B.) Tie vorletzte Runde de» Schachmeisterturniers ergab folgende Resultate: Przepiorka verlor gegen Iates, Rnbinstein gewann gegen Thomas, Sämisch- GrünfekL remis, Michel verlor gegen Janowsky, Tartakower- Marshall remis, Reti verlor gegen Niemzewitsch, Opooenak- Spielmann remis, Haida-Torre remis. Stand: Niemzewitsch 10,5, Rnbinstein 10, Marshall 9,5, Reti, Tartakower und Torre 9, Spielmann 8, Grünfeld 7, Przepiorka 6, Dates 5,5 (2), Qpocenskh 5,5 (1), Thomas 5 (1), Janowsky und Sämisch 5, Michel 3, Haida 2,5. Bottraberglaube in Crer Israel. Uebcr den in Erez Israel herrschenden Volksaberylauben wurde schon viel geschrieben. Ein anerkannter Spezialist auf diesem Gebiete palästinensischer Volkskunde ist unstreitbar der arabische praktische Arzt Dr. Kanaan. Ein europäisch gebildeter Mediziner, der seine Studien in Deutschland absolvierte, später auch eine Deutsche zur Frau nahm, hat sich Dr. Kanaan, als er in seiner Heimat die ärztliche Praxis aufnahm, mit vielem Verständnis dem Studium der verschiedenartigen Erscheinungen des Aberglaubens in der Bevölkerung von Erez Israel gewidmet und seine Wahrnehmungen in einer Anzahl von Aufsätzen und Büchern verarbeitet. Dr. Kanaan ist Besitzer einer sehr wertvollen A m u l e t t e n s a m m l u n g, deren Objekte er seinen Patienten, die diese „Kameoth" als Schutz gegen „bösen Blick" getragen hatten, abgenommen hat. Jüngst erzählte Dr. Kanaan einem jüdischen Journalisten einige Einzelheiten aus seiner Praxis im Zusammenhänge mit dem Aberglauben. „Aberglaube", erklärte der Arzt, „herrscht in den Kreisen aller drei in Erez Israel vertretenen religiösen Gemeinschaften, am stärksten jedoch bei den Mohammedanern in den Städten, den Fellachen und Beduinen auf dem flachen Land. Unter den Christen zeigen sich die Griechisch-orthodoxen dem Aberglauben zugänglicher als die Protestanten und Katholiken. Nach den Lehren des Aberglaubens kann jeder Mensch einmal, yrancher aber auch inehrere Male im Leben durch einen „bösen Blick" schädlich auf einen anderen wirken. Alte Männer und Frauen sind in dieser Beziehung schädlicher als junge Personen. Der Blick einer kinderlosen Frau oder eines bartlosen Mannes — lehrt der Aberglaube weiter übt sehr oft eine schädliche Wirkung auf die Umgebung aus. Besonders hüte man sich vor „blauen" Angen und dem Blick von Menschen mit schütteren Borderzähnen. Der „böse Blick" ist oft auch eine hereditäre Belastung und das Volk will Familien kennen, in denen sich das „böse Auge" von Generation zu Generation vererbt hat. Das abergläubische Volk unterscheidet zweierlei Arten des bösen Blicks: den b e w u ß t e n u n d d e n u n b ewußten bösen Blick. So kann zum Beispiel eine Mutter ganz ungewollt ihr Kind mit dem bösen Blick „schlagen", wenn sie cs bewundert, ohne dabei den Namen Gottes dankbar zu nennen. Ein Herrscher vermag sich sogar selbst mit seinem eigenen „bösen Auge" Schaden zuzusügen, wenn er sich seiner unbeschränkten Macht rühmt und. dabei vergißt, dem Herrscher der Welt zu huldigen. Der letztgenannte Aberglaube bezüglich des' Herrschers, dürfte seinen Ursprung in der folgenden Volkslegende haben, deren Held offenbar der König David ist: „Es war einmal ein König, der gleichzeitig prophetische Gaben besaß. Einmal ries der König, sich stolz berühmend aus: „Sehet, wie groß mein Volk ist!" Für diese Rede ereilte ihn bald die Strafe Gottes: in einer Nacht starben hunderttausend Menschen im Lande des hoffärtigen Königs. Und Gott sprach zu ihm: „Dadurch, daß du die Größe deines Volkes so stolz bewundertest, hast du es mit „bösen Augen" geschlagen. Warum gedachtest du nicht meines Namens, um es zu beschützen?" Auch andere Personen, nicht nur die eigene Mutter, sollen sich hüten zu sagen, daß das Kind schön und kräftig sei. „Vor kurzem erst hatte ich einen solchen charakteristischen Fall in meiner Praxis", erzählte Dr. Kanaan. „Ein bekanntes junges Ehepaar hatte ein wohlgeratenes, schönes Kind, auf das besonders die Mutter sehr stolz war. Eine Händlerin, die die Mutter des Kindes mit Gemüse, Geflügel und dergleichen zu versorgen pflegte, verabsäumte es nie, so oft sie das Kind in der Wiege erblickte, sich wie vom Ekel erfaßt, zu schütteln und auszuspucken. Die Mutter war über das Benehmen der Händlerin sehr verwundert und stellte sie darob zur Rede: „Ist mein Kind etwa nicht schön uub gesund?" „Nein", antwortete die Händlerin, „euer Kind ist klein, rot und abstoßend von Gestalt." Zornerfüllt schrie die in ihrem Stolz beleidigte Akitter: „Ich begreife dich nicht. Mein Kind ist schön, stark und munter und nur du findest, daß es schwächlich und häßlich sei. Sieh dir doch das Kind an, wie prächtig blühend es dreinblickt!" „Pst! Ruhig sein!" rief die Händlerin erschreckt aus. „Wie könnt ihr es wagen, so etwas auszusprechen? Ihr könnt das Kind noch mit „bösem Auge" schlagen!" Laut dem Aberglauben bedienen sich böse Menschen bewußt des „bösen Blicks", wenn sie jemandem Schaden zufügen wollen; besonders wenn sie jemanden beneiden. Der Glaube, daß zwei Drittel aller Todesfälle die Folge des „bösen Blicks" seien, lebt nicht nur bei den Fellachen, sondern auch bei den Stadtbewohnern und wird auch von manchen Juden geteilt. Ein „böses Auge" vermag Menschen, Tieren und sogar Mineralien Schaden zuzufügen. In besonderem Maße aber unterliegen der Wirkung kleine schöne Kinder, junge Mädchen, Frauen nach ihrer Verheiratung und hübsche Männer. Der „böse Blick" bewirkt die Erkrankung der Glieder des Menschen, die der schlechte Mensch gerade gerühmt hat. Sagt zum Beispiel ein solcher Mensch: „Wie gesund und dick ist dieses Kind!", so wird das vom „bösen Blick" „geschlagene" Kind krank und mager. Bewundert man die Schönheit einer Braut, wird sie bald mager und reizlos. (Bei den Arabern gehört es zur Schönheit der Frau, daß sie dick sei.) Die Krankheit tritt in der Regel rasch auf. Ans diesem Grunde werden die Kinder schmutzig gehaltün. Als Schutzmittel gegen die Wirkung des „bösen Blicks" werden blaue Perlen und Abbildungen eines Auges verwendet. Insbesondere blaue Perlen in jeder Größe, einzeln oder in ganzen Ketten, als Halsschmuck, Armbänder oder Ohrgehänge getragen, stehen in hohen: Ansehen. Daß gerade der blaue n Perle die Kraft zugeschrieben wird, die schädliche Wirkung des „bösen Blicks" zu bannen, hängt wohl damit zusammen, daß der Orientale der blauen Farbe am häufigsten begegnet. Der Himmel, die Luft, das Wasser sind blau. Die blaue Farbe ist auch die widerstandsfähigste. Die Wände, die Grabsteine werden zumeist blau angestrichen.