Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2260 (6.6.1925)
- Date
- 1925-06-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Stt. 2060 Wim, Samstag Wiener Mnr^en^eitunn. 0. Juni 1925 Seite 3 Wettere Abstraktion der Mische« Deputierten im Seim. Wege« -er Konzefsionsfrage. — Die Konzeffionsverordnung soll in vierzehn Lagen in Kraft treten. (Ergendienst der „Wiener Morgenzeitung") Warschau, 6. Juni. Vor Beginn der letzten Sitzung LeS polnischen Sejm, aus deren Tagesordnung wieder die Frage der Revision der Monopolkonzessioitttt in Polen stand, begab sich eine Delegation des jüdischen Parlamentskkubs zum Ministerpräsidenten Grabski, dem sie vorschlug, mit Rücksicht darauf, daß die Verovdimng Mer die Monopolkonzessio nen noch nicht völlig aüs- Mrungsreif sei, sie nochmals einem parlamentarischen Ausschuß zu überweisen. Der Ministerpräsident setzte sich mit dem Sejm-Pvästdenten Rataj in Berbindung, worauf die Delegation mit diesem konferierte. Die Verhandlungen hatten kein Ergebnis. Infolgedessen beschloß der Jüdische Klub die Obstruktion, welche er schon in der vorigen Sojmsitzung durchgeführt hatte, ssortzusetzen. Zur HauAsitzuug war der Indische Klub vollzählig erschienen. Deputierter Frostig stellte im Plenum den gleichen Antrag, welchen die Delegation des Jüdischen Klubs dem Ministerpräsidenten vorgeschlagen hatte. Der Antrag, für den bloß die Vertreter der nationalen Minderheiten stimmten, wurde abgelehnt. Das Ergebnis der Abstimmung wurde auf den Bänken des Jüdischen Klubs mit unbeschreiblicher Erveguug ausgenommen. Ein Pultdeckelkouzert, in das sich auch Trompetentöne mischten, setzte ein. Mehrere Abgeordnete wurden zur Ordnung gerufen. Die Obstruktion schuf bei den Rechtsparteien gedrückte Stimmung. Das Referat des Deputierten Polakiewicz, welcher für die sofortige Durchführung des Gesetzes über die Revision der Monopolkonzeffionen eintvat, ging im Darm unter. Die Sitzung wurde unterbrochen und während der Pause fanden in der Obmäunerlkonserenz Verhandlungen statt, um zu einer Einigung zu kommen. Da diese ergebnislos blieben, nahm nach Wiederrvöffnuug der Plenarsitzung der jüdische Abgeordnete Hausner das Wort und gab inr Namen des jüdischen Aubs eine ProtesterMrung ab, worauf sämtliche jüdischen Abgeordneten den Saal verließen. Sodann nahm der Sejm den Antrag Polakie-- imcz' aus unverzügliche Durchführung der Verordnung über die Konzessionsrevilsionen an. In einer Resolution wurde die Forderung ausgesprochen, daß das Ministerium die nötigen Durchführungsverordnungen längstens innerhalb 14 Tagen heraüsgebe. BeniM im Gefängnis. Noch eine Strafe. Budapest, 5. Juni. (Tel.-Komp.) Heute vormittags wurde VemoKy zum ersten Male gestattet, den Besuch seines Verteidigers in der Zelle zu empfangen. Die Unterredung zwischen venieziky und dem Advokaten fand in Gegenwart des Vizepräsidenten der Staatsanwaltschaift statt. Bonirzky erwähnte in ytx Unterredung, daß er seine Haftzeit dazu benützen werde, tot Auftrag der Königin Zita „DaS Weiße Buch" aus denn Ungarischen ins Deutsche zu übersetzen. Dieses Werk enthält eine Darstellung deS letzten Konigsputsches. Der Dudapester Strafgerichtshof hat Benrczky und den Abgeordneten Gaston Gal wegen eines Sabelduells, das sie miteinander im Jahre 1922 ausgefochten hatten, verurteilt, und zwar ersteren zu sechs Tagen, letzteren zu drei Dagen^taatsgefängnis. Beniczky wurde zu der Verhand- >lnng aus dir Untersuchungshaft vorgesührt. Andrafsy will aus sagen. Budapest, 6. Juni. Die Abgeordneten Pakots (Demokrat) und R assay (liberal) haben in Angelegenheit der Einstellung des Blattes „Az Ujsag" eine Interpellation angemeldet, worin sie die Zurückziehung dieser gegen das Gesetz verstoßenden Maßnahme verlangen. Abg. Graf Andrafsy erklärt im „Az Est", daß er von dem Vorgehen Beniczkys keine vorherige Kenntnis hatte. Er werde, wenn er eine gerichtliche Vorladung erhalten sollte, unter Eid alles aus sagen, tvas er über die Angelegenheit wisse. Wie avgevaut wind. Budapest, 5. Juni. (Tel.-Komp.) Der Abgeordnete der Äanidwirtopartei Franz Neubauer wurde zum Politischen Staatssekretär im Ju stizm i n ister i nm, der Abgeordnete der Regierungspartei Koloman Ehn zum Politischen Staatssekretär im Volkswohlfahrtsministerium ernannt. In politischen Kreisen erweckt es Befremden, daß in einer Zelt des allgemeinen Beamteualbbaues die Negierung die Gelegercheit wahrnimmt, ihren Parteianhängern gänzlich überflüssige Staatssekretärsposten zuMlschanzen. Ser Wetterwinkel. Neue Unruhen in Albanien. Belgrad, 5. Jluui. (Tel.-Komp.) Wie aus Tirana gemeldet wird, sind nunmehr in Nordalbanien schwere Unruhen ausgebrochen, nachdem es der Regleru>ng gelungen ist, die Unruhen in Südalbanien M unterdrücken. Die Lage wird als ernst bezeichnet. Die Regierung Hai alle Wehrfähigelt zwischen 25 und 30 Jahren zu den Waffen gerufen. Zahlreiche Flüchtlinge haben die jugoslawische Grenze überschritten. _ Lefterreich vor dem Völkerbund. Finanzminister Ah rer nach Genf abgereist. Finanzminister Dr. Ahr er ist (wie wir gestern bereits berichteten . . . D. Red.) vom Präsidenten des Finanzkomitees des Völkerbundes, t e r M e u l e n, eingeladen worden, sich an den Beratungen des Finanzkomitees zu'beteiligen. Dieser Einladung Folge leistend, hat sich der Bundes minister für Finanzen gestern abends nach Genf begeben. In seiner Begleitung befinden sich Minister a. D. Dr. Grimm, Sektionschef Dr. Ioas und Sektionsrat Dr. Lederer. Die Entscheidung Mer den klektrifizierungskredit ans Sonntag verschoben. Genf, 5. Juni. Heute fanden vor- und nachmittags Sitzungen des Finanzkomitees statt, in denen die Frage der Elektrifizierung der österreichischen Bundesbahnen besprochen wurde. In der Vormittagssitzung, die von t e r M e u l e n geleitet wurde, legte Präsident G ü n t h e r den gegenwärtigen uniKfliiniiifiiaiiiiiaiiiiiiiiaiiiiiii § THERMALBAD | VOSLAU 2 Inmitten ausgedehnter » Föhrenwaldungen, windgescnützt, staubfrei u. sonnig I I i s 8 RADIOAKTIVE THERMEN die gleichen Heilerfolge wie Qastein, besonders günstig für Herzerkrankungen, Nervenleiden, Frauenleiden, gichtische Erscheinungen und Verdauungsstörungen 5111 Pensionen und Hotels von erstrangigen Instituten bis zu den billigsten S Prospekte und Auskünfte ■ bereitwilligst durch die Kurkommission Vöilau SBBBBBBBBBBBBBflflBBBBBBflflBBBBflBBBBflBI Stand und die Entwicklung der Bundesbahnen dar und beantwortete die an ihn gestellten Fragen. Präsident Günther brachte die Ueberzeugung zum Ausdruck, daß das Gleichgewicht im Budget der Bundesbahnen, besten Herstellung durch die Erhöhung durch die Personalausgaben verzögert wurde, in naher Zukunft möglich sein werde. In der Nachmittagssitzung, in her Dubais den Vorsitz führte, gab Präsident Günther eine Uebersicht über das Projekt der Elektrifizierung in technischer und finanzieller Hinsicht. Seine Darstellung gipfelte darin, daß die Kosten des elektrischen Betriebes auch schon während der Dauer der Verzinsung und Amortisation der Aula,gekoster: nicht höher als die des Betriebes mit Kohlen seien. Bei zunehmendem Verkehr, besonders aber nach vollzogener Amortisierung, ergebe sich naturgemäß eine außerordentlich weitgehende Ersparnis im Betrieb. An der Debatte beteiligten sich fast sämtliche anwesenden Vertreter der verschiedenen Staaten. Die Verhandlung wurde hierauf auf Sonntag vertagt. An dieser nächsten Sitzung -wird bereits Finanzminister Dr. Ähre r teilnehmen. Das österreichische Komitee wird Montag nachmittags unter dem Vorsitz Chamberlains zusammentreten * Die Wiener Polizei als Ausstellerin. Vom 7. bis 21. d. -findet in Karlsruhe eine große internationale polytechnische Ausstellung statt, die ein geschlossenes Bild der neuzeitlichen Polizeitechnik geben wird. Die Ausstellung, die vom badischen Landespolizeiamt veranstaltet wird, wird das geifamte Gebiet der Polizei, einschließlich der Gendarmerie, umfassen. Wie wir erfahren, wird sich auch die Wiener Polizeidirektion als Ausstellerin beteiligen. * Das Wetter. Die gestrige Movgentempevatur war etwas höher als vorgestern, blieb über unter 16 Grad, im Gebirge unter 10 Grad. Die kühle Nordströmung dauert an. Die Wetterlage ist wenig geändert. Eine größere Störung ist noch nicht zu befürchten. Die Voraussage meldet: Schön Wetter andauernd, ein bißchen wärmer. Zum Schutze gegen Ansteckungen Bestes Schutz- und Desinfektionsmittel für Frauen Beseitigt üble Gerüche Wusefemt Gegen übermässig' Schweissbildung Als Zusatz zu Bädern Angenehm riechend Nur in edelgrünen Originalflaschen Thomas Mann. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag. Heute vollendet einer der kultiviertesten und repräsentativsten Schriftsteller Deutschlands ein halbes Jahrhundert Leben. Der Sproßt einer Lübecker Großkaufmanusfamilie hat in seinem literarischen Schaffen mit meisterhafter artistischer Vollendung das Bild des deutschen Bürgertums von 1870, dem Geburtsjahre Großdeutschlands, bis zur Jahrhundertwende gezeichnet. Das erste große Werk, mit dem Thoums Mann, 26jährig, berühmt wurde, „Die Buddenbrooks", ist Grundmotiv des Schaffens Manns geblieben. In diesem Buch, das ga.r viele familiengeschichMche Züge des Lübeckscher: Stammhauses der Manu enthält, ist mit eindringlichster Genauigkeit das Bürgertn-m der deutschen Elnheitsgvündevjahre geschildert, das Bild jenes Typs des „ehrbaren Kaufmannes", der aus den sogenannten reellen Geschäften reichlichen Gewinn zog, sich von „Profitgierigen Halsabschneidern und Spekulanten" fernhielt, dessen Sinnen und Trachten auf eine vernünftige vevmögenmehrende Heirat seiner Kinder, dessen Ehrgeiz in lokaler Beschränkung auf Stadtrat und Senat gerichtet tvar, und dem sozialer Sinn eine Art Gegengabe für den Weihrauch .patriarchalischen Opserdienstes seiner „Untergebenen" bedeutete. Die Großväter der Krupp, Stinues, Thyssen, die heute Deutschlands Nationalvermögen zur Hälfte au sich gerissen haben, sind in Thomas Manns erstem großen Nonum mit dem Blick des Wissenden, des Abkömmlings ihrer Kaste, gesehen und mit einer von leiser Ironie durchtränkten, geradezu unheimlichen stilistischen Meisterschaft in ein Buch Projiziert. Manu fühlte, daß hinter dieser Ehrbarkeit ettvas nicht in Ordnung war and sein allezeit wacher Instinkt des artistischen Bildners gab ihm den Spürsinn dafür, daß hinter dieser Ehrbarkeit ein gelvaltiges Stück Verbrechertum steckt, jenes Verbrechertum, tvelches die befähigten Mitglieder jener deutschen mitielbürgerlicher: Klasse in die Sphäre des gewaltigen Großunternehmers und seiner zentrifugalen Absplitterung, des Hochstapler- und Weltpolitikerwesens führte, jenen Geist der wilhelminischen Aera schaffend, dessen verbrecherische, hochstaplevische und damit verbundene weltpolitische Neigung die Katastrophe vo>n 1914 heraufbeschworen hat. Das, was Mann spürte, suchte er nun in zwei Werken zu gestalten, in dem Roman „Königliche Hoheit" und in dem Fragment „Erlebnisse des Hochstaplers Felix Krull". Beide Werke geben nur Ansätze, nur Skizzen zu jenem Zeitbild, das sie schildern wollen. Mann ist zu sehr der Mhnönfphäre, die seine „Buddenbrooks" schildern, verwachsen, als daß bei der Schilderung der Enkelsphäre mehr herauskäme als die — allerdings kaum von einen: zweiten deutschen Schriftsteller erreichte — mit immer neuen, überraschenden Finessen anfwarteude Erzählevgeschicktichkeit, ErzählevkunstfertigVeit, der, um echte Kunst der epischen Gestaltung zu sein, wie sie es be-' (wunde vunigswindig geschickt glauben macht, nur eines fehlt: die seelische Wärme. Eine eigenartige Kühle weht ans diesen Büchern entgegen, deren Forn: höchste KüNstlerschast zeigt in der Art, Gedanken in Stimmung -umzusetzen, deren Sprache von geradezu verblüffender Geschmeidigkeit, deren Stil von feinster Musikalität durchwebt ist. Das mag auch die Ursache sein, daß Thomas Manu nach den: Fragment gebliebenen „Krull" lange keinen Versuch inachte, eine Epoche episch zu erfassen. Seine als künstlerische Kabinettstücke zu wertenden Erzählungen, die Geschichte von „Tonio Kröger" den Literaten, das Bildchen ,^Herr und Hund", iu höchster Vollendung ferner „Der Tod in: Venedig", die in der Komposition geradezu meisterhafte Novelle, die irgend wie die Züge altgoethischen großen Könnens (zu den: allerdings dann: und wann eine ungeheure Kunst trat) trägt, endlich der weitschweifige Bildungsroman „Der Zauberberg", der den: artistisch gequälter: „Tristan" folgte, sind Beispiele dafür, wie Mann immer mehr in: die Schilderung absonderlicher Schicksal' gerät. Die Anziehllttgskraft des außerordentlichen, absonderlichen Schicksals wirkt immer am stärksten bei Künstlern:, denen zu schwaches soziales Ennpsinden es versagt hat, das typische, sozusagen ordentlich.' Schicksal zu schildern, denen es höchstens gestattet ist, Epochen vüÄwirkend, romantisierend zu sehen oder sie aus dem jedem Menschen und insonderheit den deutschen Menschen innewohnenden Stück Gelehrsamkeit heraus zu gestalten, wie es in Manns einziger dramatischer Dichtung „Fiorenza" geschieht, in der die Renaissanceepoche zu einer Art verschwommenen Brldnngsideails wird. Der soziale Defekt ist nun — bis auf wenige Ausuahmen — kennzeichnend für das Wesen deutscher Dichtung, die irgendwie immer aus dem sozialen Kreis hinausdrangt. Vielleicht -darum, weil die vielhundertjährige Erziehung zum Untertan den Deutschen, also auch den deutschen Dichter, immer dazu drängt, nach oben, iu die Sphäre des Nächsthöheren, also Mächtigeren, zu sehen und nicht um sich. Oder aber es :$ das Sich'bescheiden mit der durch die Untertaneuschaift .bedingten sozialen Ausstoßung^ jeder Kunst, die den: Deutschen ausgezwungen wurde, unter den die größten Geister dieses stets groß und schmerzlich schaffenden Volkes litten und lteiden, bis heute leiden, da den Deutsche, auch srei, nie frei sein kann. Das bedingt auch da§ dlpolitische der deutschen Kunst und Dichtung^, die stets ihre Zeit schlecht oder gar -nicht keunlt. Auch Thoums Mauni kennt sie nicht. Seine „Betrachtungen eines Unpolitischen", ivelche ein bürgerliches Humauitätsideal als politisch: Triebkraft ansehen und weder die Seele der Arbeit, noch di« Seele der Maschine und den sie in Belveguug setzender Kapitalismus sehen, sind der beste Beweis. Aber allen Einwänden -um Trotz bleibt eines: de« Klang echter menschlicher Kultiviertheit in Thomas Manns Werk; gerade das seine Empfinden Manns für der Wert harmonischer Zivilisation läßt hofseu, daß in Deutsch, lands Jugend, zu der Dhonms Mann heute als Gereifte: spricht, dieses Empfinden, das durch Unheil und Not verschüttet wurde, wieder wach wird und sich n:it dem Vev einigt, was Deutschland, seinem Schaffen und seiner Kunrs. nottut: der Empfindung si':r die Harmonie menschliche: Kultur. - Wie n. S i egsr! ed> Schmtz,