Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2259 (5.6.1925)
- Date
- 1925-06-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Wien, Freitag Wiener M»r«en-ett»»G. 5. Juni 1885 Ae zionistische Bewegung 1» Bulgarien. Don Leon Cohen (Sofia). Der bekannte Sofioter Rechtsanwalt Leon Cohen übersendet uns den nachstehenden Artikel, in welchem die Tätiqkeit der bulgarischen Zionisten in objektiver Weise gewürdigt wird. Sie datiert seit den ersten Jahren der Organisierung der weltzionistischen Bewegung seitens Theodor HerzlS. Damals schon organisierten sich die in einigen Städten spontan entstandenen Zionistengruppen in eine Föderation der bulgarischen Zionisten. Die höheren Institutionen der Organisation der bulgarischen Zionisten sind folgende: 1. Die Konferenz, die unter den Delegierten der bestehenden örtlichen Organisationen alle zwei Jahre einmal cinbcrufcn wird. 2. Ter höchste Rat der Organisation, in welchem alle Zentralinstitutc, alle größeren Zionistenvereine des Landes vertreten sind und an tvelchem die hervorragenden Vertreter der Bewegung teilnehmen. Er tagt periodisch, gewöhnlich aber zumindest halbjährig. 3. Das Zentralkomitee, welches die politische and administrative Tätigkeit der Organisation leitet. Bis vor kurzem hatte dieses seinen Sitz in Sofia, befindet sich aber derzeit in Philipoppel. 4. Das P a l ä st i n a k o m i t e e mit dem Sitze in Sofia, welchem die Leitung der ganzen Tätigkeit betreffend die Emigration aus Bulgarien nach Palästina obliegt. 5. Das Hauptkommissariat des National f o n d s mit dem Sitze in Philipoppel. 6. Das Hauptdirektorium des Keren H a j e s s o d mit dem Sitze in Rustschuk, dessen Mitglieder ocreinbarungsweise aus Zionisten und Nichtzionisten rekrutiert sind. Zionistische Vereine bestehen fast in jeder Stadt in Bulgarien, wo eine entsprechende Anzahl Juden ansässig ist. In den letzten Jahren wurden in Bulgarien für den Rationalfonds alljährlich zirka 500.000 Lewa gesammelt. Jetzt aber, nach dem Besuche des Führers II ssis ch k i n, wurde die Losung laut, jährlich eine Million Lewa aufzubringen. Für den Keren Hajessod sammelte man in den ersten;wei Jahren nach der Errichtung dieses Fonds rund vier Millionen Lewa jährlich. Während der letzten zwei Jahre,;ufolgc der ziemlich schlechten ökonomischen Lage im Lande, ist man bestrebt, die Jahressammlung auf wenigstens 2,5 Millionen Lewa zu bringen. Schekalim werden in Bulgarien jährlich etwa 8000 plaziert. Für den Goldschekel und zur Unterstützung des politischen Fonds hofft man in diesem Jahre an Spenden rtwa 250 engl. Pfund zu bekommen. Aus Bulgarien emigrieren jährlich nach Palästina :twa 70 bis 80 Familien, von welchen zirka fünfzig dem Armen- und dem Mittelstand, die restlichen dem vermögenden Stand angehören. Mit jedem von Konstantza abgehenden Schiffe fahren außerdem jede dritte Woche etwa 50 Ausflügler nach Palästina. In den letzten Jahren beschäftigte sich die Zionistische Organisation in Bulgarien mit dem Projekt, in Palästina eine landbebauende Kolonie aus bulgarischen Juden zu schaffen, zu tvelchem Zwecke auch bereits drei Millionen Lewa gesammelt wurden. Zufolge gewisser Schwierigkeiten in der Bewilligung des Landstriches seitens des Nationalfonds jedoch ist dieses Projekt noch nicht verwirklicht. Aus diesen: Anlasse herrscht eine gewisse Unzufriedenheit in den zionistischen Streifen. Die Zionistische Organisation in Bulgarien besitzt ein eigenes Presseorgan, die Zeitung „Haschofar", die gleichzeitig in bulgarischer und in spaniolischer Sprache in einer Auflage von 2500 Exemplaren gedruckt wird. Eine kleine Schar begabter junger Zionisten gibt in Sofia außerdem eine unabhängige zionistische Zeitung unter dem Titel „Jüdische Stimme" heraus, in welcher die in der Zeitschrift „Raszwet" („Aufblühen") entwickelten Ideen Jabotynskis und seiner Gruppe behandelt werden. In Vereinen organisiert, gibt es in Bulgarien 2500 Zionisten. In Städten mit zahlreicherer jüdischer Bevölkerung bestehen daneben auch zionistische Frauenvereine, die eine besonders nützliche Tätigkeit zur Vergrößerung des Nationalfonds entfalten. In engster Verbindung mit der Zionistischen Organisation stehen die zionistischen Turnvereine für Jünglinge und Mädchen, die im Verband Makkabi organisiert sind. Eine andere Jugendvereinigung, die bis vor kurzem auf dem Gebiete der jüdischen Kultur und der hebräischen Sprache eine sehr nützliche Tätigkeit unter der Jugend entwiEe, war Jstaderut Iwrit. Jetzt wird dieselbe durch den neu gegründeten Verband Haschomer Hazair ersetzt. Die Zionisten in Bulgarien gründeten schon vor zwanzig Jahren in Rustschuk eine zionistische Bantaktiengesellschast unter den: Namen Jüdische Volksbank, deren anfängliches Stamn:kapitäl von einer Million Lewa auf drei Millionen Lewa erhöht wurde. Nach dem Weltkrieg wurde daun in Sofia eine neue Bank unter dem Namen Bulgaro-Palästina-Bank mit sechs Millionen Lewa Kapital gegründet. Die Zionisten in Bulgarien haben allerdings noch einige kleinere Volksbanken, die nach dem Prinzip des kooperativen Systems entstanden sind. Hier verdient besonders die kooperative Bank Geüla in Sofia hervorgehobeu zu werden, die in: Jahre 19*21 mit 50.000 Lewa Kapital gegründet wurde und kürzlich dasselbe auf 1,25 Millioueu Lewa erhöhte. Sic nahm in ihre Kassen rund zwei Millionen Lewa Spargelder der kleinen jüdischen Bevölkerung aus und entwickelt eine Kreditaktion Das talmudische Recht auf den verschiedenen Stufen seiner Entwicklung mit dem römischen verglichen und dargesteüt von Br. SIMON RUBIN Lektor am Wiener Beth-Hamidrasch 1. Abteilung: Personenrecht. I. Buch: Die Sklaverei. Ein Beitrag zur Lehre von den Menschenrechten im Judentumc Preh S 3.40 Das talmudische Recht als wichtige Srg&nsung des römischen, des Corpus furls. Zum ersten Mal zieht der gelehrte Verfasser eine Parallele zwischen den jüdischen und römischen gesetz- <*» liehen Institutionen Die ersten Kapitel einer umfassenden Darstellung der Jurfsprudens des Judentums! R. Uult-Verlag / Ulen, 1. Belsdimarkt 1 eaaauaaBW-ry'11111111 i«mHO 'IUI 111,111 i>ii in gegenüber der kleinen Existenzen im Ausmaße von jährlich mehreren Millionen Lewa. Die kooperative Gesellschaft Geula besitzt ein großes und wertvolles Haus in Sofia, in welchen: der jüdische Narodcn Don: und sämtliche Kanzleien der nationalen Organisationen der Stadt untergebracht sind. Unter der ganzen etwa 50.000 Seelen zählenden Judenschaft Bulgariens fühlt man den Einfluß des nationalen Gedankens unter dem Banner des Zionismus sehr stark. Die zionistische Bewegung beherrscht die Lage vollkommen. Zum Teil ist dieser Erfolg auch der loyalen Bevölkerung Bulgariens zuzuschreiben, die niemals die nationale Entfaltung der jüdischen Mitbürger gehemmt hat. Man nmß den Zionisten in Bulgarien nur wünschen, daß sie ihre Reihen und Organisationen noch fester Zusammenschlüßen mögen, daß sie die Art finden mögen, wie sich die Verwaltung der jüdischen Gemeinden, die unter ihrer Leitung stehen, noch ersprießlicher gestalten läßt, damit alle Aufgaben der jüdischen Weltkultur richtig und günstig gelöst werden können. Für die hebrgjsche Unlversttöt. Eine Tagung jüdischer Akademiker Berlins. Dieser Tage fand, wir I. T. A. 'berichtet, in Berlin eine Besprechung führender jüdischer Akademiker über die Universität in Jerusalem statt, zu <b-cr ein vorbereitender Ausschuß von führenden Männern der Wissenschaft Einladungen hatte ergehen lassen. Unter den Erschienenen ^bemerkte man von führenden Medizinern die Herren: Prost Dr. I. Israel, Prof. Dr. Citron, Prof. Dr. Eh r m a n n. Prof. Dr. L and a u, Prof. Dr. Rosen st e i::, Geheimrat Ros: n. Von führenden Berliner Juristen waren erschienen die Herren: Senatspräsident Dr. Stern, Geheimer Justizrat Dr. Fuchs, Geheimral T i n: e n d o r f e r und Justizrat Dr. Magnus. Don Vertretern der G c ist es w i's sc n schäfte n waren die Herren Prof. Dr. Gotthold Weil, Rabbiner Dr. Baeck, Prof. Dr. Baneth, Prof. Dr. Schur, Prof. Dr. El bogen erschienen. De:: Vorsitz führte Prof. Dr. Citron. Nach einleitenden Referaten der Herren Rabbiner Doktor Baeck und Prof. Dr. Citron fand eine Aussprache über die Möglichkeiten der Förderung der Universität durch die deutschen Juden und insbesondcvr durch die jüdischen Akademiker in Deutschland statt. Es wurde einstimmig beschlossen, einen Verband jüdischer Akademiker zur F ö r d e r u n g.d e r Universität Jerusalem zu gründen, -der in eine naturwissenschaftliche, medizinische, juristische und geisteswissenschaftliche Sektion zerfallen und der die Universität sowohl durch g e i ft 1 g e Mitarbeit wie durch u: aterielle Werbearbeit unter >den deutschen Inden fördern soll. Zur Durchführung der vorbereitenden Arbeiten wurde ein dreigliedriges Komitee mit dem Rechte der Kooptierung weiterer Mitglieder, bestehend aus den Herren: Rabbiner Doktor Baeck, Prof. Dr. Citron und Justizrat Dr. Magnus, gewählt. 8er Schöpfer der japanischen Berwaltnng. Geheimrat Prof. Dr. Albert Masse gestorben. Dieser Tage ist in Berlin, wie I. T. A. berichtet, Ge'heimer Justizrat Prof. Dr. Albert M os sc in: 79. Lebensjahre gestorben. Er wuvde 1846 als Sohn eines Arztes in Grätz (Provinz Posen) geboren. Nachdem er den Feldzug 1870-71 als Freiwilliger mitgemacht hatte und 1888 Landgerichtsrat in Berlin geworden ivar, hielt er hervorragenden japanischen Staatsmännern, insbesondere dem damaligen Ministerpräsidenten Jto und dem Prinzen I u s h i m i, Vorlesungen über deutsches öffentliches Recht und wuvde als juristischer Beirat des japanis ch e n Kabinetts nach T o >k i o 'berufen, wo er bei >den Vorarbeiten zur Verfassung und den Verhandlungen über die Revision der internationalen Verträge Japans sowie vor allen: bei der Neuregelung der inneren V e r w a l t n n g vier Jahre hindurch tätig war. Die japanischen Gemeinde-, Kreis- und Provinzialordnungen beruhen im wesentlichen auf seinen Entwürfe::. Nach seiner Rückkehr wurde er zum Qberlandesgerichtsrat in Königsberg, später zun: Ehrendoktor und ordentlichen Honorarprofessor ebendort ernannt. Später verlegte er seinen Wohnsitz nach Berlin und ivar I WerbetAbonnentensürdie I! „Wiener Morgeuzeitung"; hier über zehn Jahre lang als unbesoldeter Stadtrat beim Magistrat tätig, bis er 1919 in den Ruhestand trat. Die Beerdigung MosseS fand am 2. d. auf dem alten ' Friedhof der jüdischen Gemeinde in der Schönhauser Allee «statt. _ (atnUIe SlammatUm gestorben. In Paris ist der berühmte Astronom Camille Fl am» marion, 83 Jahre alt, gestorben. Flammarion, der ursprüglich Theologie studierte, wandte sich dann der Astronomie zu; er arbeitete an der Pariser Sternwarte, später richtete er sich m Juvisy bei Paris eine Privatsternwarte ein. Dort stellte er zahlreiche berühmt gewordene Beobachtm^en über den Mars an. Seinen Weltruf verdankt Flammarion seinen zahlreichen populären, mit geistvoller Phantasie geschriebenen astronomischen Schriftelt. Er hat auch viele populäre astronomische Gesellschaften und Privatsternwarten in Frankreich und Amerika beigründet. In den letzten Jahren hat Flammarion auch Schriften über Astrologie und spiritistische Probleme v»»- öffentlicht. ________ Milche elektrische Luftströmung«. Eine geheimnisvolle Gefahr, die dem Flieger droht, hed ihr erstes Opfer gefordert: Be: einem Forschungsflug aus dein Flugplatz in Andover ist 'der englische Flugoffizier F L o w r y, der sich am drahtlosen Funkappavat betätigte, aus rätselhafte Weise durch elektrische Strömungen in der Luft getötet worden. Während der Fahrt »ahn: der Pilot, der das Flugzeug lenkte, plötzlich einet: seltsan:en Geruch wie von verbrennenden: Gummi wahr, als er sich umblickte, sah er aus dem rückwärtigen Teil des Flugzeuges Rauch aufstergcu. Er drosselte den Motor und rief Loivry an, ohr:o eine Antwort zu erhalten. In diesen: Moment sank der Funker wie vom Schlage getrofsen zu Boden. Der Pilot brachte das Flugzeug möglichst schnell zur La::du»:g, doch konnte der herbeigerufene Arzt nur noch den cingetrctenen Tod feststellen. Alle Merkmale sprächet: dafür, daß der Tod infolge einer durch den Körper hindurchgegarrgenen elektrische« Entladung eingetreten ist. Der Körper wies am Kopfe, am rechten Fuß und an einigen Hautstellei: Verfärbungen auf. Nach den: Urteil eines Sachverständigen hat sich aber in dem Flugzeug nichts befunden, was einen Menschen durch elektrischen Schlag hätte töten können. Es besteht nur die einzige Möglichkeit, daß Lowry mit einer elektrischen Strömung der Luft in Berührung gekommen ist. An >der Stelle, wo der Fuß des Funkers geruht hatte, war eine Brandstelle bemerkbar, aber kein Schmelzen irgend welcher Drähte. Es ist dies der erste Fall, daß ei« Mensch ans -diese Weise durch die Elektrizität der Lust getötet worden ist; es soll aber schon einmal ein Apparat auf ähnliche Weise beschädigt worden sein, Sine plötzliche Hltzwelle in Amerika. Berlin, 4. Juni. Nach in New-Oork vorliegenden Meldun.. gen sind durch die H i tz w e l l e, von der die amerikanischen Mittelstaaten heimgesucht wurden, bisher 50 Todesfälle verursacht toorden. In New-Aork betrug die Temperatur 38" Celsius im Schatten. Das ist die h ö ch st e T e m p e r aturseit40 Jahren. In Washington zeigte das Thermometer 43°, in Virginia sogar 46°. Der große Umschwung von der Kalte zur Hitze erfolgte so plötzlich, daß in Chikago zwei Todesfälle infolge derKälte und zwei Todesfälle infolge der Hitze festgestellt wurden „Getaufte und Baldgetaufte." Sind sic veraltet, diese berühmt gewordenen Satiren Bedas, die jetzt als Band der Boheme-Bibliothek neu aufgelegt wurden? Keineswegs, denn sie sind vor allem Kunstwerke. Das Bändchen wimmelt von lobens-vollen Gestalten. Die Tante. Sophie („die 'bereits im zweiten Glied die Familie erzieht, Arlstand lehrt, Klavier spielt, dichtet und französisch unterrichtet, eine Stütze der Moral ist, deutschgesinnt und sozial ist und nur eine Liebe kentrt, die sich Henry Bergsohn nennt") ist eine rund herum scharf hera-usgearbeitete Charakterfigur, der allte Haschel Bondh, zwischen den Zeilen einer Humoreske nur einen Augenblick sichtbar, ist ein Prachtvolles Porträt und das Fräulein Mary, in zwanzig Berszoilen zu unserer Kenntnis gebracht, könnte als Heldin eines dreiaktigen Lustspieles Furore -machen — vorausgesetzt, daß das Luftspiöl annähernd so glückt, wie diese unerhört Prägnanten zlvanzig Verse und daß sich die Darstellerin als fähig erweist, Bedasche Negiebomerkungen zu befolgen, wie etwa diese: „Da machte sie die Nase ertg und wiegte sich im Hüftgelenk" . . . Sind sie überholt, diese kräftigen, ju-ngen, mutigen Kampfgedichte? Sind es heule bloß Luschiebe, weil, soweit das Auge reicht, längst niedergesäbelt ist, ivas einist Beda traf? Dem Himmel sei's geklagt — keineswegs. Die „Tauflvasserköpfe" sind noch nicht alle, der „Paprika-Heros" gedeiht noch, der rote Schmock geht um und — ,/^ott! Wie sah der Jur^e aus! Weißer Stürmer, Sanrmetflaus" — vor kurzen Wochen begegnete ich dem Jüngling, just bei der Feier der jüdischer: Studenten anläßlich der Eröffnung der hebräischen Universität. „Das hat uns noch gefehlt, oh DesireK . . zitierte ich eines der geflügelten Beda- Worte. Karl Josef hat eilten neuen Umschlag gezeichnet, Göndör streute gelungene Textvignetten ein, Fritz Grünbaum steuerte eine Biblio- und Biographie ein (Verzeihung, sie fügt sich nicht glücklich in diesen Rahmen), die besten, witzigsten, zutrefsendsteu Beda-Satiren von damals sind in dem sehr willikonrmenen Bändchen vereinig! und die jüdischen Leser werden auf den: Weg vom „Ampezzoial" über „Die Nase des Ladislaus" bis zur ,MttliKeu Selrua" Träne» €u V