Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2255 (31.5.1925)
- Date
- 1925-05-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Ur. 8888 Men, Sonnig PolizeiprSstdent Schober über feine Amerttareife. Ger Pollzeipräs8>eut De. Schober, welcher öon ferner Sieiife zum dritten internationalen Polizeikongreß in New-Z)ork zurückgekehrt ist, envpfmg gestern Vertreter der Presse, um ihnen über ihr Ersuchen MittoilU'Ngen über feine Reise zu machen. Den interessanten Darlogmrgen des Polizeipräsidenten ist zu entnehmen, daß Scholber, aus dessen Anwesenheit aus dem 5kongreß besonderer Wert geleigt wurde, als Gast der St ad t N ew -Aork in Amerika weilte. Es habe m NöW-AorL nachhaltigen Eindruck gemacht, daß jemand b'.n- Lrm, der nichts verlang!; der Polizeipräsident, welcher über Einladung seines New-Dorker Kollegen Mr. Enright nach New-Dovk kam, halbe es für seine Ausgabe gehalten, beim PolizeAmigreß und auch sonst die Oosfentlichkeit aufzukläre«, was Men und Oesterreich ist. Der Polizeikongreß in New-Aovk, der in kolossaler Ausmachung tagte, habe Meigt, daß die Tätigkeit der Wiener Pol^ei als einer Hüterin des Gesetzes und der Ordnung richtig eingeschätzt werde. Aus dem Kongreß habe Schober eine Reihe von Referaten, darunter eines über die internationale Zusammenarbeit der Polizeibehörden gehalten. Die Konferenz habe sich auch bei Behandlung der Frage über die Identisizierung von Personen au>f ein einheitliches System, das in Wien und London benützt werde, geeinigt. Beim Kongreß sei auch Gelegenheit gewesen, äußerst gelungene Proben der Fernphotogvaphien van Bildern aus lvvitoste Distanz zu machen. Werdrngs stellt sich der Apparat für diese Fernphotogvaphren auf 36.000 Dollar, so daß sie nicht einmal die Now-Aorker Polizei! ornführen könne, geschweige denn der Polizeipräsident von Wien, der sich allmonatlich Milliardenab,striche von fernem Budget gefallen lassen muß. Die Verkehrssysteme in Rew-Vork und' anderen Großstädten Amerikas und auch Englands, welche auf dem Kongreß ausführlich behandelt wurden, passen Nicht ans unsere Verhältnisse, da der Verkehr im Vergleich zu unserem gigantisch ist. In Neüv-Aork ist er mechanisch geregelt, was bei uns unmöglich wäre. Rote Signale gebieten im Straßenverkehr Halt, grüne gestatten die Weiterfahrt; sie stehen auf kaum mannshohen Kasten. Die Verkehrspolizisten regeln den Verkehr in einer Richtung jeweils von fünf zu fünf Minuten. I« Nöw- Aork gibt es auch Signalapparate, die es ermöglichen^ Polizeiposten auf exponierten Stellen Mitteilungen von der Zentrale zu geben; sie können auch von Passanten zur Verständigung von Polizeiposten verwendet werden. Bei Nacht sind in den Straßen Verkehrslichter aufgestellt, die dem Chauffeur -Pferdefuhrwerk gilbt es in New-York wicht) sagen, ob er sich rechts oder links zu halten habe. Mit Signalen wach der Zentralstation können die Polizisten auch ihre Meldungen erstatten, so daß die Schreiberei der vielen Meldungen Leim Einrücken vom Straßendienste für die Polizisten entfällt. Der Polizeipräsident beantwortete dann eine Reihe von Fragen, welche die Pressevertreter an ihn stellten. Mf die Frage unseres Redakteurs, in welcher Weise in den von den Einwanderern und fremden Nationalitäten bewohnten Stadtvierteln der Umgangssprache dieser 'Kreise von der Polizei Rechnung getragen wird, teilte Präsident Schober mit, daß-er sowohl das Judenviertel als auch das Viertel der Italiener und Chinesen besucht habe und daß in diesen Stadtteilen Polizisten Dienst machen, die die Umgangssprache der Bewohner dieser Bezirke beherrschen oder erlernt haben. Ueber Befragen erzählte der Polizeipräsident auch, wie ihm die Ehrensahne der Stadt New-Yorlk und der Orden of Merkte in Gold überreicht wurde. „Der Mensch ist ein organisches, von innen nach außen wachsendes Geschöpf, und die Erziehung dient nur dazu, seine Enwicklung und Ausbildung zu leiten. Die von außen kommende Hilfe aber ist eine mechanische und gering im Vergleich zu den Offenbarungen, die die Natur selbst in uns bewirkt. Was wir auf solche Weise lernen und erkennen, ergötzt uns bei seiner Betätigung und schafft einen dauernden Nutzen. Das wahrhaft Sittliche entspringt in der Tiefe der eigenen Seele und dringt von dort nach außen vor." Nach Kant hat das moralische Gesetz in der Vernunft seinen Sitz und Ursprung, und zwar ist es in der gemeinsten Menfchenvernunft ebenso vorhanden wie in der im höchsten Maße spekulativen. Hegel ist der Ansicht, das Gewissen drücke die absolute Berechtigung des subjektiven Bewußtseins aus, aus sich selbst zu wissen, was Recht und Pflicht ist. Fichte geht so weit, dem Gewissen jede Möglichkeit einer Irrung abzusprechen. Dagegen sieht Paul Ree im Gewissen nur ein rein künstliches Erzeugnis der Geschichte, eine konventionelle Lüge, die die Rücksicht auf das Nützliche und Schädliche hervorgerufen hat. Nun ist es ja allerdings tvahr, daß zu verschiedenen Zeiten bei verschiedenen Völkerschaften auf verschiedenen Kulturstufen der Gewissensbegriff verschieden war. Bei den Völkern des Altertums konnte sich die Blutrache mit ihrem Rechtsgefühl noch gut vertragen. Den Henkersknechten Albas und Torquemadas war es heilige Gewissenssache, die Ketzer auf den Scheiterhaufen zu verbrennen. Bei manchen ostafrikanischen Stämmen, bei den Sudanesen, bei den Bewohnern Wahabis gilt Mord und Blutvergießen als ruhmvolle Handlung. Andererseits ist die Tatsache beachtenswert, daß alle diese Menschen und Völkerschaften den von ihnen verübten Scheußlichkeiten die Bezeichnungen gut, vornehm, tugendhaft, ruhmvoll, gottgefällig beilegen. Irgend ein innerer Drang treibt sie dazu, von der Tugend den Mantel zu borgen, um darein das Laster zu hüllen. Sie tun das Böse diesseits von Gut und Böse, jedoch im Namen des Guten. Sie verwechseln die Begriffe, wie das Kjnd die Farben. Wie««» 31. Mai 1985 Seite 5 ll.f Taborsftraße 48 Telephon 47-1-79 Sensationeller SonioenuareR-lfsrkaif Crepe de chine Crepe Marocaine Marquisette Eponge Waschstoffe aller Art für Sommerkleider Ungemein reichhaltige Auswahl Neueste Dessins, glatt, und bedrackt Alle Farben n. Breiten. Ferner Batiste, Opale etc. für Wäsche und Blusen, Badeanzüge, Schwimmtrikots, Bademäntel, Frottierhandtücher, Strumpf- und Wirkwaren, Leinenu. Weisswaren, Damen- und Herrenwäsche, Regenmäntel, Vorhänge, Teppiche, Bettdecken etc, etc. 1074 zu ausserordentlich billigen Preisen! Besichtigen Sie die Schaufenster und die sehenswerte Innendekoration (am Sonntag) und überzeugen Sie sich von der Konkurrenzlosigkeit unserer Angebote in Qualität und Preis! Dreißig Schilling. Werter Unbekannter! Nehmen Sie vor allem meinen Dank für die dveihuuderttausend Kronen, die Sie mir aulf dem Weg über die Verwaltung der „Wiener Morgeuzeitiung" gesendet haben. Sie haben mir Ihre Adresse nicht 'bekanntgegeben. Nur die Widmung, „Anläßlich eines 70. Geburtstages" stand dabei und sine Name war für Schriftdeuter zu entziffern, der — verzechen Sie — gewissermaßen ein Gattungsname -ist und ohne Vorname und Adresse wirklich keinen Anhaltspunkt zur Auffindung eines Spenders bieten kann. Also bleibt mir nichts übrig, als -Ihnen aujf diesem Wege Rechenschaft über die Verwendung des Geldes zu erstatten und zu erzählen, wie es mir mit der Verteilung ergangen ist. W ivar gerade vor den Feiertagen und Sie können sich vielleicht vorstellen, wie sehr mir die unerwartete Zubuße gelegen fom. Dreihunderttausend Kronen — es war ja schließlich doch ein hübsches Stück Geld, und da es ein „Extra" bedeutete, war es eigentlich doppelt soviel. Tvrunrphierend läutete ich Freund Max 'aus dem süßesten Mch- Mittagsschläfchen wach und erzählte ihm, tvas mir widerfahren. Max grinste diabolisch durch das Telephon und begann mir die Tiefe seiner „schweren Fälle" vorzutragen: Der Lungenkranke mit den fünf Kindern, der Kriegsblinde, die KveMeidende ... Ich blieb hart und evMvte ihm, ein ^siebzigster Geburtstag" müsse irr erster Linke den Alten zufallen. Hingegen versprach ich großmütig, ihm zukommen zu lassen, was mir übrigbleiben ivürde. Mein kluger Freund äußerte i»ch ettvas skeptisch über diese Chance. Er hatte entschieden eine Ahnung wie mein Rundgang ablaufen lvürde. Ich hingegen trabte ahnungslos, fröhlichen Akutes den Weg zur Aelteften von meinen ständigen Kundschaften". Die Mutter Gliauber hat ihre 81 Jahre auf dem Rücken, und wenn dieser Rücken Mch gebeugt ist, ihr Sinn ist gerade und aufrecht geblieben. Sie sicht es so gelassen ein, daß es ihr schlecht gehen muß. Jedesmal, wenn ich diese schlichte Ergebung irr ein furchtbares Geschick, in das Elend einsamer!, hilflosen Alterns mit ansehe, glaube ich, ich müßte sie zu Wut und Gnüpömng aNfveizen. Aber es gcht nicht. Die Mutter Glauber lächelt nur. Ihr Mann ist gestorben, ihre Kinder sind gelstorben, sie kann seit zwei Jahren die schiveren Haushaltsavbe'iten nicht mehr bestreiten und findet seit dem letzten Winter vft genug auch die leichten schwer — warum sollte sie also nicht hungern? )Es ist nur logisch, daß sie mitunter ohrre Abendessen schlafen geht, und die alte Frau gehört nicht zu den Menschen, die sich der Logik von Tatsachen entziehen. Uebüitzens hatte sie nur bei meinem letzten Besuch strahlenden Auges imtg«et«eilt, daß sie jetzt jeden Dag von einem WuSspeifungsvevein ein Mittagessen bekommt. Joden Tag eine warme Suppe — welches Glück, welches ftounettö* werte Glück! Da mir bekannt war, daß es noch fortdauerte, stieg ich mit größerer Ruhe als sonst zu der Alten hinauf. Um so rnehr, als ich ja den Schatz in meinem Täschchen 'wußte. In der Kammer, die die Frau nrit einem mürrischen, grobschlächtigen ,-Bettgeher" teilt und die Wohn-, Schlaf-, Speisezimmer und Küche bedeutet, sitzt das Mütterchen ga.nz zusammengekrümmt neben dem Küchentwfch, stiert vor sich hin und murmelt auf meine Frage nach ihrem Ergehen nur: „Hundertv'ierzigtau fcutb, hundertvierzigtausend . . Langsam kommt sie zu sich und erzählt -mir auf viele Fragen eine Geschichte von dem verruchten Schuster, der für eine Reparatur diese WahnsinuHmume gefordert hatte. Sie wollte die Schuhe nur „ein bißchen zusammengeflickt" und er «hatte sich des Falles allzu innig angenommen. Natürlich hatte die Alte in Unkenntnis des Goldwertes «mit zehn-, höchstens zwanzigtausend gerechnet. Daher der Jammer und die Fassungslosigkeit. Als ich ihr das Gold hinlegte, schwor die Alte heilige Eide, sie würde dom Schuster schon noch den Standpunkt klarmachen, und was sie ihm abjagen könnte, wollte sie mir getreulich wieder bringen. Ich zweifle nicht daran, daß «besagter Schuster damals keinen angenehmen Abend gehabt hat. Aber da ich nichts zurückbekommon 'habe, zweifle ich noch weniger daran, daß die Alte die Rechnung bei Heller und Pfennig bezahlen mußte. Uebrigems gab ich mich schon damals keinen Illusionen hin und trat meinen Wog Zn den „beiden Großmüttern" schon etwas herabge stimmt an. «Genau genommen - ist ja nur eine von den alten Schwestern die „richtige" Großmutter des kleinen Jungen. Aber da sie beide mit gleicher Liebe um ihn bemüht sind und der kleine Mann kein Freund von spitzfindigen Unterscheidungen ist, müssen sie sich in den Titel teilen. Merklvürdigerwelse gibt es trotzdom keine Eifevfüchteloien. Se häben eben „andere Sorgen", die beiden Schwestern, Unter anderem die, wie man von einer winzigen Gnadongabeupension, die die Witwe. bezieht, zwei Erwachsene und ein Kind erhält. Außer dieiser Pension findet das alte Fräulein noch mitunter Gelegenheit, durch kleine Näharbeiten, hauptsächlich Stvümpfcstopfen, ein Paar Groschen zu verdienen, und erhält eine kleine städtische Pfründe. Die uatürlich«en Erhalter des Kleinen fehlen. Der Vater gestorben, die Mutter verschollen, von der Großstadt und ihrem lustigen Leben eingeschluckt. Da das Kind aber darin „fremdgustä-ndig" ist — es ist mir nie gelungen, wirklich klarzustelleu, ob es nach Jassy, Preßburg, Kalschau oder Esseg gehört, ich bin jedesural vor der Flut von Erklävumgen zurückgewichen, die Mf wicht einstürmten —, ist die Frage noch schwieriger. Wovon die drei leben,, woiß ich nicht. Die Großmütter essen sicherlich oft genug nur eine Maggisuppe mit Brot. Aber heute ist's Ernst, denn heute hat der Junge Masern. Man wollte ihn den Frauen „wegnchmen" und ins Spital brin- . gen. Aber sie erklären entschieden, daß -das Kind sterben «werde, wenn es sie nicht sehen könnte, «und daß sie den kleinen David u«m keinen Preis „des Himmels und der Erde" aus denr -Ha«use geben. Ich fand die beiden gerade damit beschäftigt Musterung zu halten, ivas man etwa noch verpfänden könnte. Außer einem zwar gestickten, aber etwas verschlissenen Soidenüberwurjf, die „Mandill'" genannt, und einern Federbett, „Tuchent" genannt, fand sich nichts «Geeignetes. ,/Qmama" die Zweite würde zwar im Winter jämmerlich frieren, abor Medizin, Milch, ein bißchen Gis mußten besorgt werden. Als ich zwölf Schilling auf den Tisch legte, «begannen beide Schwestern zu woinen. Ich weiß nicht, 0b sie wöinten, weil die „Tuchent" im Hause bleiben konnte, oder weil sie voraussahen — wie bald sie doch gehen rnüsse. Gei der alten Frau mit der gelähmten Tochter, ihrenr einzigen Kind, fand ich ,/llles beim alten". Das heißt: die steinerne, die sestgeifvovem Verzweiflung. Solange die Mutter noch irgend eine leise und unbestimmte Hoffnung hegte, das Mädchen einmal noch gehen zu scheu, solange hat sie gejamünert. Jetzt weiß sie, daß es ihr bestimmt ist, wenn sie die Augen für immer schließt, ein 'hilfloses Monschenwrack zurückzulassen. Versucht man sie zu trösten, so lächelt sie nur. Und dann sehne ich die Zeit zurück, da diese alte Frau geklagt, geweint, getobt ha«t. Zum Glück — ein trauriges Glück'— gibt es soviel kleine Sorgen, daß man nicht den ganzen Tag darauf verwenden kann, über die großen nachzugvübeln. Die Kranke ist gewiß nicht anspmchsvoll. Aber die bloße Tatsache, daß «da ein Mensch jahraus, jahrein regungslos in den Kissen liegt, bririgt Ausgaben mit sich, an die gesunde Menschen gar nicht denken. Und da das kranke Mädchen nichts tun kann, als vom Frühstück bis zum Mittagessen, vom Mttagessen bis zum Abendessen darüber Vevnrutungen anznstellen, was es denn ,/geben wird", so ist es verzeihlich, daß kleine Wünsche erwachen. Einnial quält sie die Mutter u>nt Obst, das nächstemal um Senfeier, das driitemal verlangt sie einen Kuchen. Wes bescheidene Forderungen, aber die alte Frau geht innner miit rotgeiveinten Augen herum., weil sie bald das eine, Vaild das andere nicht beschaffen kann. Man bars ja niernanden mehr von den beiden FrMen erzählen. Jeder antwortet mit einem nngodukdigen: „Mein Gott, schon wieder . . Heute ivar gerade festgestellt ivovden, daß die eine Matratze neuerdings ,/durchgelegen" war. Sie mußte zum Tapezierer «wandern. Ich habe die Reparaturkosten zu bezahlen versprochen — fragen Sie mich nicht, wie hoch sie geschätzt wurden. Fragen Sie miich, bitte, noch «weniger, woher ich da's Geld nehmen werde. Ich «habe Vovläfig keine blasse Ahnung. Daß ich mich nachher weder zu den beiden alten Schwestern, noch zu der Nervenkranken, noch zu der Achtzigjährigen geivagt habe, werden Sie gewiß begreifen. Ebenso, daß alles, hviiä 1ff% .CVfctt lllt fkArfeiJi W MlfUittT«.... .