Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2255 (31.5.1925)
- Date
- 1925-05-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981340--22932-3010397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Weite» M»rzeri-Ott««z. * Gelle? Wien, Sonntag ... ■'»■»! III ..■■■. ..■ ll.MüüfclM ll| ,| ' Versorgung der neuen Siedlungen 94.629 ägypt. Pfund, Psiauzungen 38.481 äMit. Pfund. Der Rest betrifft die Errichtung von Gebäuden und Darlehen für verschiedene Ameliorationen, die von den Siedlern ausgeführt werden. Die Bolksbank (Knbat Am) in Tel^Üviw hat beschlossen) 5 Prozent ihres jährlichen Gewinnes dem Indischen Nationalfonds, dem BodcnerwcEsforchs der Zionistischen Organisation, zu widmen. Die Tabakpflanzer von Tel-Lbdas haben entsprechend cin>er Anregung der Tabakpflanzerfoderation beschlossen, 1 Prozent ihrer Ernte von 1921 für den Keren Kajemcth zu bestimnlcn. Re Abreise Baron Rothschilds an» PalSftkna. Jerusalem, 28. Mai. (I. T. A.) Baron Edmond de Rothschild, der große Förderer der jüdischen Kolonisation in Palästina, der trotz seines hohen Alters sich noch einmal zu einem Besuch in Palästina entschlossen hat, verließ anl 2 6. M a i das Land, um sich nach P a r i s zu begeben. Am 25. Mai besuchte der Baron die Siedlung der E h a s s i d i m ans Polen in der Nähe von Haifa. Diese Siedlung wurde vor kurzem unter der Leitung des Rabbi von Jablona erbaut. Der Baron drückte seine Bewunderung über das von den Chassidim geschaffene Werk aus und ließ sich mit einzelnen Kolonisten in längere Unterhaltungen ein. Bon dort fuhr Baron Edmond de Rothschild nach der Kolonie N a h a l a l, wo er an die Siedler eine Ansprache hielt, ihnen seine Bewunderung ausdrückte und sie auffordcrte, in ihrer Arbeit >urchzuhalten, Wertvolle Geschenke fllr die Jüdische Rationalbibliothek. Das Archiv der Bnc Mosche. Aus Jerusalem wird uns unterm 26. d. geschrieben: Achad Ha am übergab der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem das gesamte Archiv des Ordens B n e M o s ch e, den er im Jahre 1889 gegründet und während seines siebenjährigen Bestandes geleitet hat. Dieser Orden vereinigte damals die besten Kräfte der nationalen Bewegung und war eine Art Schule für die ki'mftigen Organisationen des Zionismus. Ter Einfluß des Ordens war in den Neunzigerjähren in allen Kreisen der zionistischen Bewegung entscheidend. Das nunmehr der Bibliothek einverleibte Archiv ergänzt die anderen Archive aus der Geschichte der zionistischen Bewegung, welche der Bibliothek einverleibt wurden: Archiv von S m o I e n s k i, U s s i s ch k i n, der Odessaer und der englischen ChoweweZion. Das Archiv der Bne Mosche enthält die Dokumente und den Briefwechsel des Ordens. Es wurde vor seiner Uobergabe durch Achad Haam selbst geordnet "nd der wissenschaftlichen Bearbeitung zugänglich gemacht. Ein Manuskript des Physikers Heinrich' Hertz. * Durch die Bemühungen von Dr. Emil Bernhard Cohn bestinlmt, hat die Witwe des großen Physikers und Begründers der neuen Auffassung der Elektrtzität, Heinrich Hertz, der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem eine sehr wertvolle Handschrift zum Geschenk gemacht, Es handelt sich um die von Heinrich Hertz selbst geschriebene, achtzehn handschriftliche Blatter starke Abhandlung über „Die Bezichungen zwischen den Maxwellschen elektrodynamischen Grundgleichungen und den Gvundgleichungen der gegnerischen Elektrodynamik". Die Abhandlung fällt in das Jahr 1681, als Hertz in Kiel wirkte.' I. Durch Dr. Moffbauers Beste Wirkung, ohne Diätzwang, garantiert unschädlich vom Vdikftgegundheitsiinit bewilligt Nr. 011 Kein Abführmittel Keine 8<hildcfrü*e Depot: Wien, I., Wollzelle 13/5 $fe Fahnen der jüdischen Legionen. Feierliche Uebergabe der jüdischen Regimentsfahnen an die Ls « dotier Grohe Synagoge. Aus London berichtet I. T. A.: Am 21. Mai wurden die Regimentsfahnen der 93., 3V. und 40. Königlichen Füsilierregimenter (Jüdische Regimenter) vom Bureau der Z i o n i st i s ch e n Organisation, wo sie bisher aufbewahrt worden waren, in feierlichem Zuge nach der Großen Synagoge zur endgültigen Aufbewahrung überführt. Die jüdischen Ex-Legionäre und die Fcstgäste versammelten sich zunächst vor dem Bureau der Zionistischen Organisation, wo Oberst F. D. Samuel den Befehl über die Ex-Legionäre übernahm. Dann begann der feierliche Zug durch die Straßen Londons nach der Großen Synagoge unter Ehrengeleit des dritten Londoner Königlichen Füsilierregiments, dessen Kapelle britische und jüdische Marsche und Lieder intonierte. Die Fahnen der 38er und 39er Füsiliere werden endgültig in der Großen Synagoge verbleiben, während die Fahne des 40. Regiments mit Erlaubnis des Königs zu eineni späteren Zeitpunkt nach Jerusalem überführt werden wird. In der Synagoge fanden sich unter anderen noch ein: Generalmajor Sir Reginald P i n n e y von den Königlichen Füsilieren, Generäl G. G. D o n a l d (früher Oberst der Königlichen Füsiliere), der Oberrabbiner des britischen Reiches, Dr. Hertz, Dr. Ch. W c i z m a n n und W. Jabot insky. Im Verlauf des Gottesdienstes trugen die Ex-Legionäre die Fahnen zur Bundeslade hin. Oberst Samuel übergab sie formell der Obhut des Predigers Rabbi Michael, des früheren Feldkaplans der jüdischen Legionen, und sagte in seiner Ansprache, man fände keinen besseren Ort für die Aufbewahrung dieser Zeichen patriotischerPflichterfÜllung. Hierauf hielt der Oberrabbiner des britischen Reiches, Dr. Hertz, eine längere Ansprache, in der er ausführte, es sei das erstemal in der britischen Geschichte, daß Regimentsfahnen in eine Synagoge gebracht werden. Jabotinsky war es, der Lord Derby den Plan der Aufstellung jüdischer Legionen zwecks Befreiung des heiligen Landes von den Türken vorgelegt hat. Die englische Regierung begrüßte den Gedanken, die Juden an der Befreiung Palästinas ieilnehmen zu lassen. Schon damals beschäftigte sich die Regierung ernstlich mit dem jüdischen Problem und schritt im Jahre 1917 zur Bekanntgabe der Balfour-Deklaration. Großbritan- 31. Mai 19S5 Nr. 2286 --- -—.— - -- 1- ---i.- - - —- -. ttteu wußte, daß die Juden zu den großen, käwpfesm u t i g e tt Rassen der Geschichte gehörten. Bevor noch die Konskriptionslisten aufgelegt wurden, hatten sich bereits 1 0.0 0 0 Juden in die B o r l i st e n eintragcn lassen; ihre Anzahl in der britischen Armee betrug aber das Bierfache dieser Zahl. Die Juden kämpften und fielen zu Land, zur See, unter der See und in der Luft. In den jüdischen Legionen kämpften 6500Männer, einschließlich 18 00 amerikanischer und 1200 palästinensischer Juden. Generale wir Lord A l l e n b y und Sir E. W. C l a y t o n äußerten sich voll Lobes über die Leistungen besonders der palästinensischen Soldaten. Mehrere dieser Soldaten blieben auch nach dem Kriege in P a l ä st i n a und widmen jetzt ihre besten Kräfte deni Wiederaufbau des neuen Judäa. Nach dem Gottsdienst begaben sich die Ex-Legionare nach dem Militärlager Camperdown, wo Generalmajor Pinney an sie eine Ansprache hielt und sagte, er werde dem König über den Verlauf der eindrucksvollen Feier berichten. Aus P a l ä st i n a und allenTeilenderWel^ liefen Begrüßungötel eg ramme ein. Frankfurter Wische Altertümer. Im letzten Monat veranstaltete das Frankfurter Museum für jüdische Altertümer, unterstützt durch Lcchgaben aus Stadien autb Privakbüsitz, eine Ausstellung, die den Versuch mach:, die Entwicklung der jüdischen Gemeinde von ihrem Deginn bis ins 19. Jchchnndert, soweit dieses durch AnschannngZmaterial möglich ist, darizustellen. Diese Ausstellung, welche von dom Kunsthistoriker Erich Töplitz trefflich zusaimimengcstellt wurde, spiegelt in prägnanter Weise das Löben eines Stückes Judentums auf deutschem Boden wider, * / Neben ältesten, oft mit künstlerischem Geschmack gefertigten Dokumenten und Bullen, von literarischen Denkmälern, wie dem Reisepaß von Ludwig Börne, der großen Zahl Fliegender Blciter, die den Fottmilch-Au>sstand zmn Gegenstand haben, ist eine Reihe von Dokumenten zu erwähnen, so eines aus dem Jahre 1216, das die Frankfurter Bürger „mit jeglichem Schadenersatz nach der Ermordung dar Inden befreit", oder das Gebot Ludwig des Bayern au die StM Frankfurt, die Juden zu schützen, oder auch wieder die Bulle des Papstes Pius des Zweiten, demzufolge die Juden 1462 tu.eilt gesondertes Quartier verwiesen wurden. i . Die Geschichte der Judeugas.se, ihr Schicksal und das Schicksal ihrer Bewohner, die Entwicklung jüdischer' Trachten im Ghetto uud alles danrit Zulfammenlhängende lernen wir kennen. Siegel, SkmlimtasM und Bildnisse berühmter Frankfurter (Jost, M. I. Heß, Creiznach, v. Köuigswarter, Rothschild) beleben .das Ganze. Die Fülle des Ansgostellkn und das hierdurch geschaffene Fluidum historischer Bezichungen macht die Ausstellung Uu einüm Stück Leben, ' Steine Svur non Anumdsen. Oslo, 30. Mai. Die ,Hobby" ist von ihrer EvkundungS-, fahrt zurückgekehrt, nachdem sie Grenze des Packeises.bis zum Längengrad von 80 Grad 23 Sekunden und östlich bis gum Kap Willkomm a'ögesucht Hai, Die Flieger hatte sie jedoch ui cht gesichtet. Die meteorologische Station Spitzbergen meldet Schneetreiben. Das Ginsetzen des schlechten Wetters hat die Expedition veranlaßt, das zweite Schiss an den Rand des Polareises p entsenden, um dort $u Patrons lieren. Das Gewisse». Bon S. Meisels. Der GewisienSbegviff hat in den Jahvhuudevten Menschlichen Denkens mehrfache Formen und Gestalten, Abstufungen und Beziehungen erhalten. In dem weitgehenden Sinne, wie wir ihn heute aufsassen, war er der antiken Wett fremd. Die Alten lhatten vom Gewissen keine rechte Vorstellung und gelbrauchten das Wort in ihren Schriften selten. Weder im Alten Testament, noch in den Evangelien, weder in der Ethik des Aristoteles noch in der Pflichte nilckhre Ciceros wird des Gewissens Erwähnung getan. In den Lehren Platons wie Philos, in den Gesängen Homers, in den Dramen Aeschy'los' ist vom Gewissen nicht die Rede. Mofes kennt es nicht; Jesus baut seine Lehre auf die Liebe und in seiner Bergpredigt erwähnt er das Gewissen nicht. Freilich kannten die Alten die Reue, die nach verübter böser Tat als Begleiterscheinung austretende innere Angst, also das, was man den Gewissensbiß oder das böse Gewissen nennt. Dieses böse Gewissen bedeutete ihnen aber nicht ein Sichverantwortlichfühlen, als vielmehr die Furcht vor der Rache der Götter. Die Griechen litten eine geradezu schauererregende Vorstellung vom 'bösen (Hewifsen; sie personisizierten es in der Gestalt der Erinnyeu, der furchtbar anzuschauenden Weiber mit den Schlangen haaren, den bluttriefenden Augen und den lodernden Fackeln. Shakespeare modernisiert diese antike Auffassung, indem er feinem Gewissensdrama ,Macbeth" das böse Gewissen als Geist Banquos austreten läßt. Mit der Berfeinerung der menschlichen Sitten hat der Ge wissenbegriff sich wesentlich erweitert und im er größere .irreise um sich gezogen. Gemäß den vielen Manifestationen, in 'denen sich das Gewissen kuudgibt, sind ihm die verschiedensten Attribute beigelegt worden. Man kennt ein ruhiges Gewissen, das einem ein sanftes Ruhekissen ist, und ein geplagtes oder richtiger Plagendes Gewissen, dem schon „das [ci[efte im Herzen begangene Unrecht zur Seelenpein wird", und ein stuntpfes Gewissen, das selbst nach der verbrecherischen Tat stumm bleibt. Es gibt Handlungen, von denen wir aüssagen, daß sie in gutem Einvernehmen mit dom Gewissen geschahen sind, und solche, gegen die das Gewissen sich auflehnt. Es gibt auch ein gewissenloses Gewissen, wie es jener Schneider hatte, der aus den Vorwurf, einige Ellen Stoff behalten, zu haben, kurz erwiderte: „Ich mach' mir daraus kein Gewissen, aber eine Hose." Sein Widerpart ist das ängstliche Gewissen, dem die Mücken als Elefanten und die Fliegen als Kürassiere erscheinen. Eine Anekdote erzählt: Es war einmal ein Fischer, der stets, bevor er zur Beichte ging, seiner besseren Ehehälfte eine Tracht Prügel verehrte. Wegen dieses sonderbaren Gehabens von einein Freunde befragt, gab er zur Atttwort: „Bevor ich zur Beichte gehe, betreibe ich in der Regel Gewissenserfvrschung. Wenn ich meine Frau durchprügle, so zählt sie in ihrer Wut mein ganzes Sündenregister auf. Dies itterfe ich mir, und somit kann die Beichte eine vollständige sein." Dieser Fischer hatte ein schlafendes Gewissen, das erst geweckt werden mußte. Hiermit sind die Spielarten des Gewissens noch nicht erschöpft. Der Gewissensbegriff wird auf alle möglichen Gebiete der gedanklichen Tätigkeit übertragen. Man spricht von einem religiösen Gewissen, das das Wort Gottes zuin Richter der Gedanken und dev Sinne des Herzens einsetzt; von einem öffentlichen Gewissen, der Uebereinstiinmung in der Auffassung der Volksntasseu in bezug auf ein öffentliches Ereignis; von einem europäischen Gewissen, einer Art Kontinuität des europäischen Geistes. Man nennt die bindende Norm in der Idee der Wahrheit das ..wissenschaftliche, die zu befolgenden Anordnungen der Gesetze des Schönen das künstlerische Gewissen. Ein deutscher Gelehrter stellt dje These ans vonr politischen Gewissen, worunter er die Uebereinstimmung der Händlurigsw:".- »irr den nationalen Forderungen verstanden bnl" -.fehlt nur noch, den Einklang der Denkungsweise mit den Gesetzen des Denkens als das logische Gewissen zu bezeichnen. Bei alledem ist es schwer zu bestimmen, was eigentlich das Gewissen ist. Ob es ein angeborenes seelisches Vermögen ist, das Gute als gut, das Schlechte als schlecht zu empfinden, oder ob es eine Art Denkgewohnheit und Gefühlsvorstellung ist, eine Folge der Furcht vor der Strafe, das Produkt einer tausendjährigen Erziehung. Sicher ist das Gewissen so alt wie der Mensch. Noch in seinen: urzeitlichen Zustand hat der Mensch ein Gewissen, aber es' ist latent, noch nicht zum Bewußtsein seiner selbst gelangt. Hume, Ferguson, Hutcheson, Adam Smith, Mackintosh äußern übereinstimmend die Ansicht, das Gewissen sei ein angeborenes moralisches Gesetz, das das Tun und Lassen des Menschen bestimmt. Wie wgre es denn sonst möglich gewesen, daß die Menschen trotz ihrer individuellen Neigungen und subjektiven Anschauungen mit einer geradezu Lewundernswertctt Gleichntäßigkeit den Weg gingen, der zur Sittlichkeit führt?. Wenn wir, schreibt Carring, die beiden Tatsachen neben einander halten, nämlich daß wir gewisse Handlungen oder Gesinnungen auf Grund eines eigenartigen untnittelbaren Gefühls unbedingt billigen und deren Gegenteil mißbilligen, ferner daß diese Handlungen oder Gesinnungen, die von diesem Gefühl gebilligt oder mißbilligt werden, zwar bei Völkerschaften verschiedener Kulturstufen in verschiedenen Gesellschaftskreisen und bei einzelnen Gliedern der einzelnen Gesellschaftskreise nicht stets dieselben sind, jedoch eine gewisse, und zwar weitgehende und zunehmende Aehnlichkeit der Beurteilung jener Handlungen innerhalb aller Völker vorhanden ist — wenn wir diese Tatsachen genau erwägen, so müssen wir daraus schließen, daß „eine gleichartige Gewissensanlage allen Menschen gemein sei", daß „das Gewissen auf einer ursprünglichen Anlage in: Menschen beruhe"^ In der ihm eigentümlichen epigrammatischen Schärfe drückt. Ralph Wälde Emerson denselben Gedanken ans: