Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2254 (30.5.1925)
- Date
- 1925-05-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«feite 2 Wie», Samita- WSlttitt Morgenzettims. > v' 30. Mai im Aufmarsch im Mödlinger Arbeiterquartiec, wo der bereits schwer verwundete Mütter als Sozffuv noch geschleift wurde. Dann kamen die Hochschulkrawalle. Eine Studentin, keine Jüdin, wurde bei den Haaren gerissen und über die Stiegen geworfen. Ein deutscher Student, der sich den Lärm im Zeichensaal verbat, ivuvde auf einen Lisch geworfen und verprügelt. Ein Student wurde angefallen, weil er — das ist sein einziges Verbrechen — der Sohn des ermordeten Schriftstellers Bettauer ist. Solche Ekelszenen gab es in Menge, mtfc die „Reichspost", das Organ der Partei der staatserhaltenden Ordnung, das Blatt der Regierungspartei, führte Schuhplattlertänze aus mid drohte dem Bundeskanzler, er werde mit seiner Aktion allein auf weiter Flur bleiben! In derselben Woche hatte dieses Blatt bitterlich geweint, perl Italiener am Brenner einen Fürstbischof schief angesehen hatten. Was hier in Oesterreich an legalen und illegalen Rechtsbeugungen täglich praktiziert wird, das wirkt automatisch vom Ausland her auf den Staat und seine Bevölkerung zurück. Der Faszismus, der hier üppig floriert, hat bereits den Erfolg gezeitigt, daß Wien als Kommunistenzentrale in Men Ruf gekommen ist. Man unterscheidet draußen nicht so genau: Hier wird geschossen und geprügelt, unverantwortliche Elemente mengen sich in die Staatsgeschäfte und wollen ihr Mordprogramm zur vollen Geltung bringen. Sie haben hohe Schützer und ihr Rechtsbolschewismus ist nur durch seine volkswirtschaftliche Ahnungslosigkeit von dem verschieden, was der Linksbolschewismus anstrebt. Die Bewegung hat mit dem antisemitischen Schlagwort begonnen. Sie geht aber jetzt schon darüber hinaus und enthüllt die volle Ohnmacht der regierenden Kreise, die mrr mehr ein Kompromißdasein fuhren. Das ist vor der Genfer Konferenz an den Tag gekommen. Armes Oesterreich! _ Ser neue Sberkommifför. Die Aufnahme der Ernennung Lor^ Plumers. Jerusalem, 26. Mai. (I. T. A.) Die Aieldung von der Ernennung Lord Plumers tzmn 'Obevko-mamM von Palästina hat in den Jerusalemer Kreise n «ine gute Aufnahme gefunden. Lord Plumer wird als eine starke Persönlichkeit -betrachtet, von dem eine energische Stellungnahme gegenüber allen JntrrgenundAgititi orten, die den Aufbau Palästinas hemmen, zu erwarten ist. Mehrere Offiziere, die jetzt in Palästina Dienst tun, kennen Lord Plumer persönlich sehr gut. Der Leiter des politischen Bureaus der Zionistischen Exekutive in Palästina, Kolonel F. H. K i s ch, diente in der zweiten Armee unter Lord Plumers Befehl. Alle, die -den neuen Oberkommissär von früher kennen, stimmen in den, Urteil überein, daß er eine Persönlichkeit sei, die allen «rit ihr iu Berührung Kommenden Vertrauen einflößt. Er war der beliebteste General der britischen Armee und nicht weniger beliebt auch unter den ftanzaftschen Truppen, die er kommandierte. Er hat nie vor Schwierigkeiten zurückgeschreckt. In maßgebenden Kreisen Jerusalems gibt man der Uciberzeugung Ausdruck, daß Lord Plumer den Posten in Palästina nicht angenonrmen hätte, -tvenn ihm nicht die komplizierten Verhältnisse im Lande voWommen vertraut gewesen wären. Die hebräische Presse äußert sich dahin, daß die Ernennung Lord Plumers vor allem bedeutet, daß die strategische Bedeutung Palästinas immer mehr anerkannt tvird. Wahrscheinlich wird Lord Plumer die Sicher heitsmaßnahnren Großbritanniens im gesamten mittleren Osten von Palästina aus organisieren. Das Organ des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem, „Rakib Sion", drückt den Wunsch aus, daß Lord Plumer das v 0 n Sir Herb ert SamuelglÄbte noble System weiter verfolgen möge. Das Organ der arabischen Nation«lpartei, „Dlevat al Sherk", hofft, daß Lord Plumer sich großer Härte endhallten und der arabischen Sache Sympathie entgegen bringen wird. . Die englische Presse. London, 28. Mai. (I. T. A.) Die antizionistische „Toily Mail" läßt sich von ihrem Jerusalemer Korrespondenten berichten: Die britische Gemeinde in Alästina hat die Nachricht von der Ernennung Lord Plumers zum Obertommisfär mit Enthusiasmus ausgenommen. Man erwartet von dieser Tatsache eine Hebung des im Osten gesunkenen britischen Prestiges und eine Modifizierung -der bisherigen i ionistischeu Politi k. Die Araber drücken ihre Befriedigung über die Ernennung eines Nichtjuden aus, wahrend die Juden sich jeder Stellungnahme enthalten. Die Tatsache, daß das Oberkommissariat einem hervorragenden Soldaten änvertraut ist, bringt »km in Zusammenhang mit der wichtigen strategischen Position Palästinas und glaubt, daß die gesamten britischen Kräfte im nahen und mittleren Osten unter Lord Plumers Befehl stehen werden. Die Politik Sir .Herbert »Samuels, die darauf eingestellt war, allen Parteien zu gefallen, 'hat dem britischen Prestige, das schon durch die zionistische Politik einen ernsten Stotz erlitten hot, sehr geschadet. „T i m e s" bvirlgen ebenfalls eilten Bericht ihres Jerusalemer Korrespondenten, in welchem festgestellt wird, daß die Ernennung Lord Plumers zwar unerwartet gekommen, aber meist günstig aufgenon tuten worden -ist. Die arabische Gemeinschaft steht unter dem Eindruck des großen Ansehens dös? WWW -Oberkornm-Mrs und, Holten ditraue 14 empfindet Genugtuung, daß nicht lvieder ein Jude an' diesen Pasten berufen wurde. In gewissen jüdischen Kreisen herrscht E n t t ä u s ch u n g über den Bruch der ,-Tradition" eines Mischen Oberkamlnissärs. Warm begrüßt -wurde die Ernennung von der britischen Gemeinschaf t. Die allgemeine Empfindung ist, daß man mit der Berufung Lord Plumers autf einen politischen Frieden im Lande hinzielt. Sir Herbett Sa-mueis Regime zeichnete sich durch eine große politische Umsicht aus; düs politische Gleichgewicht wurde stabiWett, die Balsour-Episode Jtxw nur ein unbedeutender, störender Faktor. Als Sir Herbert Samuel ins Land tont, waren die arabischen ölcirgste und die jüdischen Evlvartungen in einem Zustand gefährlicher Uebettreibung; daick Sir .Herbert Samuels Geduld und Toleranz, sowie seiner vollendeten Redlichkeit und diplomatischen Schmiegsamkeit wurden diese Stimmungen gemäßigt. Man hofft, daß die Ernennung Lord Plumers sowohl dem britischen Prestige dienen, als auch die Fortsetzung von Sir Herberts erfolgreicher und mäßigender Politik bedeuten wird. „Observer" schreibt: Sir Herbert Samuel tritt von seinem Posten zurück mit dem Prestige eines Mannes, der durch Geduld, Redlichkeit, Emsigkeit und hohe Gesinnung jede Kritik enttvaffnet «hat. Er hat die britische Politik im heiligen Lande stabilisiert und ein Regierungsshistem. befestigt; all das wird nun Lord Plumer zugute kommen. Der Sprecher des Unterhauses, Mr. T. P. O'Eonn 0 r schreibt in „Sundah Times", es gebühre dem zurücktretenden Oberkommissär ein hoher Tribut der Achtung. In Anbetracht der scharfen Differenzen in Palästina lag eine Gefahr darin, einen Angehörigen seiner Nation nach Palästina zu entsenden, man hatte aber zu Sir Herbett ein unermeßliches und sehr begründetes Vertrauen. Gr hat seinen Ruf als großer Politiker, großer Administrator und großer Ehrenmann befestigt. Das Unterhaus-Mitglied Captain Fox er of t schreibt in einem Brief an die antizionistische ,Moming Post", Lord Plumers Ernennung habe den ersten» Wunsch, daß >Är Herbert Samuel durch «inen Engländer ohne zionistische Voreingenommenheit ersetzt wird, erfüllt. Der zweite Schritt wäre der, daß die Regierung offen erklärt, sie beabsichtige, -den Zionisten; in einem TeilePalästina's ein Heim zu überlassen, jedoch die übrigen Teils der eingeborenen Bevölkerung zu reservieren. Drittens müsse die Regierung die jüdische kErnwgnderung einschränken. Lord Plumer erkrankt. London, 26. Mai. (I. T. A.) Lord Plumer wurde am 24. d. in London erwartet, an welchem Tageer die Pfadfinder-Organisation des Slough-Disiriktes sowie die Sportgvuppen des berühmten Eton-College bei Eröffnung der britischen R e i ch s s p 0 r tk 0 n f e r e n z inspizieren sollte. Lord Plumer schrieb aber, daß er am Erscheinen wegen Krankheit verhindert sei und Generalleittnant Sir Hugh Jendwine mit seiner Vertretung * betraut habe. Sir Hugh Jendwine verlas bei Eröffnung der RsichSkonferonz ein Begrüßungsschreiben Lord Plumers, in welchem dieser seinem Bedauern Ausdruck gibt, daß er dasBetthüten mutz und der Zusammenkunft der Sportler seiner alten Schule nicht lbeiwohnen könne. - . fiin Palöftinaabend bei Fra« d. Sheimd. Berlin, 29. Mai, (I. T. A.) Die frühere volkspafteiliche Reichstagsabgeordnete Fvqu Katharina v. Ohe imb gab in den Raunten ihres Heims am Kurfüvstendamm einen Empfangsabend, um Vertretern der zionistischen Bewegung und Freunden des Palastinaaufbaue's Gelegenheit zu geben, vor einem Kreise hervorragender politischer und wirtschaftlicher Persönlichkeiten die Aufgaben und Ziele des Palästinaaufbaues darzulegen. Der Präsident des deutschen Keren Hajefsod, Direktor Wassermann, hielt einen einleitenden Vortrag, der dttrch detaillierte Mitteilungen des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt B l u menfel d, ergänzt wurde. Die AuMhrultg des neueistetv Paläst'lnafllms illustrierte die Ausführungen der 'beiden Redner. Erschienen ivaren neben zahlreichen Vertretern der Industrie: Reichswehrminister G e ß l e r, Reichs« rnährungsminister Graf K a n i tz, Ministerpräsident Braun, Innenminister Severing, die Botschafter Englands. Italiens, Spaniens, die Gesandten Dänemarks, Hollands, Oesterreichs, Schwedens u. a. m. Anwesend waren auch zahlreiche Abgeordnete säst aller Parteien. * Jüdische Kommunisten fiepen die Taust. AngestchtS der zahlreichen Fälle tirchllcher Taufe jüdischer Kommunisten, -die Christinnen heiraten, erließ der jüdisch-kommunistische Verband,-in Rußland einen Aufruf an seine Mitglieder, in welchent iinicc A usschlußdr 0 hung verboten wird, die Taufe zu nehmen uitb sich kirchlich trauen zu lassen, weil dies dett Kommunismus mehr tt-mproniimert. als weim man bei seinem altert Glauben bleibt. * „Antisemitisches Ha«S." E>'U Leser send.! uns einen -ihm zugekommenen Prospekt dez Gasthofes „Alte Post" (Besitzerin Anna Witwe Dedern) in Mieders im Stubaital. Auf dem Brief ist mit Dchvelbm-aschlne der Hinweis „Antisemmsche- HauS" verzeichnet. Mir teilen dies mit. Sie bulgarischen Säulen. Scharfer Protest Jugoslawiens. Belgrad, 29. Mai. (Tel.-Kontp.) Der jugoslaw is ch e Gesandte in Sofia, Rakic, erschien heute bei dem Ministerpräsidenten Zankow, um gegen neuerliche Einfälle bulgarischer Banden in Jugoslawien zu protestieren. Der Gesandte wies darauf hin, daß in den letzten Dchgen lbei Kratowo, Koeane und S t r u m i c a bulgarische Banden versucht hatten, in jugoslawisches Gebiet einzudringen. Jugoslawien müsse den s ch ä r f st c n -P r 0 t c st dagegen echten, daß die bulgarische Regienlug die Bildung dieser Banden in Bulgarien dulde. BuLgarislche Hä ftlingstrnnSporte. Sofia, 29. Mai. (Tel^Kvutp.) Me erst heute bekannt twurde. sind der gewesene Fmanzminister im Kabinett StambnliiÄ'l, Peter Ja new, und der frühere Präsident des Sovranje, Alexander P otew, aus dem Transport von dem Zenttalgefängnis in Sofia nach KüsteMl vor zehn Tagen getötet worderr. Janotv nnd Potew waren nach dem U-tnsturz vom 9. Juni 1923 verhaftet und zu zehn Jahren Kerkers verurteilt »twrden. Näheres über die Art ihres Todes ist nicht bekannt.^ Ae Ermordung des bulgarischen Gesandten Laskalo». Das Urteil gegen den Mörder bestätigt. Brüttn, 29. Mai. (Tsch. P.-B.) Der Oberste Gericht. Hof hat heute die Nichtigkeitsbeschwerde des Mazedoniers Jordan Zizonkow, der am 27. Oktober vorigen Jahres wegen Verbrechens des Mordes an dcnt bulgarischen Gesandten Daskalow vom Gofchworncngerichte in Tabor zu 20 Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, verworfen. Zizonkow wurde bekanntlich vom Prager Geschwornengerichte sreigesprochen. Auf Berufung der Staatsanwaltschaft ordnete das OberlandeSgericht in Prag die Mederaufitahme des Prozesses au, de^ von den Geschwornetr in Tabor durchgesührt wurde. Borderettungen für Genf. Der .Hauptausschuß hielt gestern nachmittags unter Vorsitz des Präsidenten M i k l a s eine Sitzung vtb. Bundeskanzler Dr. Ramek berichtete über die Oesterreich betreffende Tagesordnung der im Juni in Genf stattfindenden Sitzung des Rates des Völkerbundes und des Finanz^ komitees und machte Mitteilung, daß im Vordergrund der Beratung die Frage der Freigabe der K r e d i t r e st e der VÄterbundanleihe für die Elektrifizierung der Bundesbahnen und die Frage der von der österreichischen. Regierung angeregten Wirtschaftsexpertise stehen werden. Er kennzeichncte hiebei im allgemeinen die R>> r.x, die die Vertreter der ästerreichisthÄr Regienng ... den Beratungen beobachten weäen. An die Aillsfühtttttgen des Bundeskanzlers schloß sich eine längere Debatte. Die VMreter der sozialdemokratischen Partei lenkten die Aufmerksamkeit dev Regiemng auf die Arbeitslosigkeit und die von der Wiener Arbeiterkammer unterbreiteletr Vorschläge hinsichtlich der Erleichterung des ArbeitÄnarktc's. Bundeskanzler Dr. Ramek erklärte in seinem Schlußwort, daß die Bundesregierung die Anregungen der Parteien, insbesondere aitch die Vorschläge in der Denkschrift der Wiener Arbeiterkammer gewiß würdige und einer eingehendett Prii-fttttg. und Erwägung unterziehen werde. * Sektionschef Dr: Schüller weil! bereits in Genf. Die österreichische Delegatton, bestehend aus dem Außenminister Dr. Mataja, den Ministern a. D. Dr. Grünberger und Dr. Grimm, dem Generaldirektor der Bundesbahnen Dr. Günther und dem Ehef des ElektvlfizierungSwesens der Bundesbahnen. Sektion'schcf Dittes, wird sich unmittelbar nach den beiden Feie'- tagen zur Bölkerhundtagung nach Genf begegoben. Nationalrot. Die nächste Sitzung -des Nati-onalrates findet Donnerslog den 4. Jnm, 3 Uhr nachmittags, statt. Tagesordnung: Goldb ila-nzengesetz, Mnfte Gerichtsentlästungsnovelle. _ Reue Forderungen der Beamten. Eine Denkschrift für Genf. Gestern nachmittags sprach beinr Bmrdeskanzier Dr. Ramek der Vollzugsausschuß des 2üer«AuSschusses vor und überreichte ihm eine Denkschrift über das österreichische Beamtenproblem. Als Lösung des PrM-ems wird unter anderem eine angemessene Erhöhung der Ansätze beig Gehaltsgesetzes fitt*die Mtiven und Ruheständler vorgeschlagen. Als Bedeckung für -den Mohranftvand wird eine Steuer für alt0h0lischc Getränke in Vorschlag geibracht. Die Abordnung »bezeichnete diese Denkschrift als letzten Versuch, durch Verhandlungen eine« Aus- >veg» aus der von Tag zu Tag sich vevschärfenlden loirtchastlicheu Lage der Bundes«ngeistellten zu finden. Die Beamtenschaft ertvarte. daß die Regierung die Denkschrift auch de-u offiziellen Vertretern des Völkerbundes zur Kenntnis bringe. Bundeskanzler Doktor Ramek erwiderte, daß nach seiner Auffassung die Beamtenschaft Wohl leinen Grund habe, sich über die, M beGagen, denn diese habe im diahrnen deS /