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Wiener Morgenzeitung · 1925-05-29 · Heft 2253 (29.5.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2253 (29.5.1925)
Date
1925-05-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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j^KCi 3Ä9 Wiener Morgenzeituna. 29. Mar 19S6 'ion Lrnhet Ln Paris am 27. Juni -statt. Amundsen. WMö SkaHriW. — Hilfsexpedition aus Norwegen und Amerika. OAd, 26. Mai. (Tsl.-Komp.) Aus Spitzbergen wird Wchailtenb gutes Weiter vom Polarkreis gemckdet. Trotzdem ist auch am gestrigen Tage keinerleiLebenszeichen van Amundsen eingetroffen. Mit lebhafter Erleichterung ist von der Mannschaft der zmückgekchrten Schiffe ,-Fvom" und ,Hobby" die Nachricht cmfgmammen worden, daß die norwegische Regierung so rasch als möglich eine H i >l f s e x p e d i t i o n -organisieren und ein Kriegsschiff mit zwei Flugzeugen nach Spitzbergen schicken werde. Eine Sammlung füv die amerikanische Hilfsexpedition. New-Zork, 28. Mai. (Tel.-Komp.) Das Hilfskomitee für Amundsen hat am ersten Tag der öffentlichen Sammlung 4M.000 Dollar znsammengobracht. Samstag werden d r e i F l i e g e r, darunter der Weltflreger Smith, an Bord des Dampfers „Navaria" nach Spitzbergen reisen, um von dort im Flugzeug auf die Suche nach A m u n d s e n $\t gehen. Optimismus. Oslo, 26. Ntai. (Tel.-Komp.) Nach einem heute nachmittags 2 Uhr .van der ,/Fram" eingetvossenen Fuukfprnch besteht keinerlei Ursache zu Besorgnissen über das Schicksal Amundsens. Bmiczktzs Amtsgeheimnis. Die Namen der ungarischen Journalistenmörder. Budapest, 28. Mai. Der ehemalige Minister des Innern Edmund B e n i e z k y hatte seinerzeit erklärt, daß er über die Ermordung der sozialdemokratischen Journalisten Somoghi und Bacso nur dann aussagen werde, wenn er von der Verpflichtung zur Wahrung des Amtsgeheimnisses enthoben würde. Wie -mm ,/Esti Kurier" von kompetenter Stelle erfährt, ist diese Enthebung erfolgt und Beniczky hat vom Honvedgevicht für den 6. Juni eine Vorladung erhalten. Die Urteile gegen die Budapester Pombenattentäter aufgehoben. Budapest, 28. Mai. Die Königliche Tafel hat heute beit Beschluß verkündet, wonach das Bew e isverfahren i« Angelegenheit des Bom >benattentates gegen den Ellsabethstädter Klub zu ergänzen ist. Jas sanierte Horthh-llngarn. Eine grauenvolle Statistik. In der ungarischen MtionwldechumnLung unterzog der Abgeordnete Johann Baroß die Ergebnisse der!u n g a r r s Heu Sanierung einer scharfen Kritik. Die sozialpolitische Bilanz des ersten Samerungsjahres ist überaus traurig. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter ist in Ungarn um 30 Prazerrt, in Budapest allein nur 60 Prozent Fnriickgogangen. Wenn man auch die Fämilienaugchörigen der Arbeitslosen mitvechn-et, sind in Budapest und Ümgekbung allein 260.000 Mensche n o h it e Brot u nt d Verdicnst. Der Rückgang de r industriellen Produktion ist ans 46 Prozent zu veranschlagen. Die Zahl der Arbeitslosen im Baugewerbe beträgt 90 Prozent. Der Frachtenverkehr auf den Eisenbahnen ist ständig im Rückgang. Der Abgeordnete Baroß entwarf sodann ein Bild freä allgemeinen Elends in Ungarn. Im erstell Jahr des Sanievungsw-erLes ist die Zahl der Selb st m o r d e in Budapest nur 60 Prozent gestiegen. Dieser Prozentsatz wird für das Halbjahr 1926 noch größer sein. Im ersten Saniernngsjahr haben sich in Bndapcist täglich durchschnittlich zwei Menschen das Leben genommen, und ztvar in der erdrückenden Mehrheit der Fälle aus wirtschaftlichen Motiven. Die Kindersterblichkeit und die Zähl der Totgeburten sind in der letzten Zeit um 20 Prozent e-mporgeschnellt. In Ungarn werden mehr Särge als Wiegen e r z e n g t. Die Zahl der Erkrankungen an Tuberkulose ist im letzten Jahr um 25 Prozent gestiegen. Die Zahl der Eheschließungen geht in erschreckendem Ausmaß zurück. Während die natürliche BevölkerungSzu- 'nalhme vor dem Kriege auf je 1000 Seelen 13 betrug, be- -trägt sie heute unr noch sechs. Die Bevölkerungszunahme ist also fast um die Hälfte g e r i n g e r geworden. Der Brot- und Fleischverbrauch in Budapest erreicht nur noch 26 bis 30 Prozent des Friedens-Verbrauches. Mitteilungen Sber Genf. Der Ha-uptausfchuß ist für heute nachinittags einberusen. Die Regierung will hier den Parteien Mitteilungen über die bevovstehenden Verhandlungen in Genf machen. Da der Völkerbund rat sich in seiner Junitagung zunächst nur mit der Frage der E i s e u ü a h n a n l e i h e befassen wird, wird in der Hauptausschußsitzung kaum viel Neues mitgeterlt werden können. Die von der Arbeiterkaminer angeregte Aktion zur Ermöglichung einer stärkeren E i >n w a u d e r u n g ö st e r r e i ch i s ch e r A r b c i t sloser in die Veveinigteit Staaten wird wohl auch bei dieser Gelegenheit besprochen werden. Allerdings erscheiut sie wenig aussichtsreich, da die Bereinigten Staaten ihre Ei lUvanderungsgesetzgebu ng lanm iu bent von der Ar-beiterkawmer gewünschten Sinne äbändern w-erden. Seite 8 Der Terror an den Hochschulen. Sine Vorlesung am anatomischen gastitnt gesprengt. - Hakenkreuz!« und Kommunisten. Die Universität war gestern gesperrt. Die Raufereien fanden deshalb auf der Straße stakt und es gab für die in ansehnlicher Stärke ansgevückte Polizeimannschaft viel zu tun. Die Exzesse hüben seit vorgestern an Gefährlichkeit zugenommen. Den Hakenkreuzlern sind die Brüder im MhiliSmüs, die Kommunisten, zu Hilfe gekommen. Beide Parteien balgen sich miteinander herum und beide rufen ihren Snkkurs von der Straße. Gestern konnte man dies wieder genau beobachten. Hakenkreuz und Sowjetstern ist einträchtig am Werk, die Oesfentlichkcit ununterbrochen, in Unruhe zu haltert und die Zerstörung des guten Rufes der ^Hauptstadt zu vollenden. Die jüdischnationale Studentenschaft hat es erkannt, daß ihr Kampf um ihr Recht durch die Einmengung der 'kommunistischen Elemente komprom i t t i e r t wird. Sie bleibt deshalb dem Schauplatz fern und wird den Boden der Legalität nicht verlassen. Die Krawalle begannen gestern unr 11 Uhr vormittags aus der Rampe, die von Völkischen besetzt worden war. In der Allee zogen die sozialdemokratischen und kommunistischen Studenten auf. Zwischen beiden Lagern nahm die Polizei Aufstellung. Im Rathauspar-k hatte eine Versammlung von Kommunisten stattgefunden, die in der Mittagsstunde vor der Universität erschienen. Sie wurden voit den Völkischen durch die Abisiilgung der ,/Wacht am Rhein" begrüßt und antworteten mit der ,/Internationale". Zn Mittag zögert die .Hakenkreuzler zu ihrer Mensa. Sie hatten sich einen kommunistischen Krawall bestellt und in dieser Erwartung die Eingänge mit Sesseln und Bänken verbarrikadiert. Die Polizei verhinderte jedoch alle weiteren Pläne und nahm aus der Adenge, freilich nicht aus 'der hakeulreuzlcrischen, 15 Verhaftungen vor. Unter den Festgeno-mni-enen befänden sich zwei Journalisten, der Berichterstatter des ,/Tag", St rindberg (eilt Sohrt des schwedischen- Dichters), -und der Redakteur der ,/Ar-bdterzeituug", Dr. Leichter, und seine Frau. Ferner wurde der Bibliothekar der Arbeiterkammer, Dr. Fritz B r ü g e l, verhaftet. Sie wurden aus der Polizeidirektion i it Freiheit gesetzt. Im Anatomischen Institut, das nicht gesperrt war, kam es zu ernsten Ruhestörungen. Ein Haufe von .HakeNkveuzlern drang in die Vorlesung Professor Tandlers ein, um sie zu sprengen. Da .Hofrat Tandler beurlaubt ist, hielt Assistent Dr. Hafferl die Vorlesung äb. Mitten in seinem Vorträg begannen'die Exzedenteir zu to'ben:„Juden hinaus!" Dr. Haffevl brach sofort die Vorlesung ab. Darauf brachen die Eindringlinge — Techniker und ,/streikende BoderÄultuHudentert" — in die Ba-nkreihen ein und wollten die jüdischen Studenten gewaltsam hinausschleifen. Es folgten schwere Raufe re rem Die jüdischen Studenten drängten die Hakenkreuzler aus de-m Saal und nur das Dazwischentve-ten des Dekans Wassitzki, vor dem die Krawallmacher davoiMesen, vechinderte Weiterungen. Auch am pharmakologisch en Inst ii nt gab es Prügeleien. ' Der Rektor der Universität, Hofrat Sp e rl, erstattete vormittags dem Unterrichtsminister Bericht über die Vorfälle. Die Regierung will für den Fall, als die .Exzesse fortdauern, mit der Schließung des Semesters an allen Wiener Hochschulen Vorgehen. Neuerliche Fuierveutlon des Pröstdium» der Kuttusgrmekude. Ein Memorandum an den Bundeskanzler. Gestern vormittags hat das Präfidium der JsraelitischelL Kultusgemeinde in Wien, bestohend aus den Herren Präsidenten GeneralvbersMbsarzt Prof. Dr. Alois P-ick und den Vizepräsidenten Dr. Jäkob O r nst e i n und Dr. Josef Löwenherz, beim BundeMnzler Doitbor Ramek vorgesprochen und ihm ein Memorandum überreicht. Juv Anschltusse au die Ereignisse^ an der Tech n ischen Hochschule vom 19. d. schilderte das Memorandiun all jene Drangsalierungen, welchen die Mische Studenteuschaft au den Wiener Hochschulen seit der int Jahre 1919 vers!ügten Sperre der Mensa a ca dorrt iea für jüdische Studierende ausgesetzt ist, und weist auf die nnerhörten Besudelungen gegenüber dem Judentum und der jüdischen Stu-denten» schaft hin, die insbesondere durch Anschläge verhöhnender Bilder und beleidigender, gegen die ' Juden gerichteter Aufrufe in der Aula der Universität geübt werden. Als die berufenen Vertreter der Wierter Jndenschast stellen die Pväsidentert dev Kultusgemoinde an den Bundeskanzler das Begehren, dahin zu wirken, daß durch e utspreche ltdc Maß nahmen der Regierung die Wiedecholung dieser rechts- und k u l t u r w i d r i g e n B o r g ä u g e hintangehalten, und daß insbesondere die gesetzliche L e r n f r e i h e i t der jüdischen Studentenschaft durch die akadenti-; sch cit Behörden gesichert werde. Bundeskanzler Dr. Ramek vetficherte, daß er don! beklagenswerten Vorfällen sein volles A u g e u m e r t zuwende, daß er sie verurteile und ihnen mit' allen ihm zur Verfügung stehen den Mit-- teln entgegentreten werde. Eine Beeinträchtigung der staatsgrundgesctzlich gewährleisteten Rechte werde er nicht zu'lassen, da er einen Unterschied zwischen den Staatsbürgern welchen Bekenntnisses immer nicht gelten lassen könne. WaS das Univevsitätsvektorat alles feftftcllt. Vom Rektorat der Wiener Universität wird wit- ,geteilt: Entgegen den in verschiedeneu Tagesblätteru vorn 28. d. gegebenen Darstellttngen, der Universitätshörer Pa rker-B et tau e r sei iu -der Universität gelegentlich -des Vorfalles im staatswissenschastlicheu Senrinar von Studierenden derart mißhandelt worden, daß er blutet e, fast bewußtlos zusammensank und seine Kleider völlig zersetzt waren, ist sestzustellen, daß derselbe nach den gegeit ihn geschehenen Angriffen als einer der Vertreter der sozialistischen Studentenschaft mit dein Rektor verhandelte. Er zeigte hierbei k e i n e r l e i B l u t s p u r e n von Mißhandlungen; anch waren seine Kleider in ta delloser Ordnung. Er gab im Rektorat den Vorfall zu Protokoll und erwähnte, daß er beschimpft und geschlagen worden sei; von Verletzungen oder Blutspuren aber sprach er kein Wort. Aus akademischent Boden der Universität ist es während der letzten Tage zu keinen s ch w e r <e n Tätlichkeiten gekommen. Es fanden betderseitige B eschimps-uugen statt und es wurden einzelne Studierende aus der Aula hinausgedrängt. Was außerhalb der Universität, aus den Straßen, sich ereignete, entzieht sich der Kenntnisnahme der akadentischen Behörden. Der akademische Senat wird heute -Freitag zu einer Sitzung zusammeutreten, mit zu beit Vorfällen der letzten Tage Stellung zu nehmen. Zu diesen klugen Feststellungen ist zu Lemerken, daß das Universitätsrektorat anscheiitend keine zwet Sätze zusammenbringen kann, die einander nicht Lügen strafen. -Wenn der Student Parker-Bettauer int Rektorat zu Protokoll gab, er sei im staatAwissenschastliihen Seminar geschlagen worden, wie kann das hochlöbliche Rektorat behaupten, es wären „aus akademischem Boden" nur Beschimpsmtgen vorgekommen? , Auffallende Presseftimmen. Das „Neue Wiener Tagblatt", d c m o >k r a t i s.ch c § Orga n, in seiner Abendausga'be von gestern: „Es läßt sich in dem Rattenschwanz von Ku-ndgebungen und GegenkmidgebimgLN. deren Objekt und Schauplatz die Wiener 'Hochschirlen in den jüngsten I-alhren leider gewesen sind, nicht meihr mit Genauigkeit feststellen, wer als der erste die guten Manieren der Fehde verlassen hat." Die „Reichspost", das Rogieruugsorgan des kreditsuchenden Staates, in ihrer gestrigen Abendausgabe: ,Die Mehrzahl der marxistischen, Ruhestörer sind Polnische Juden, Bulgaren und andere Gäste aus dem Osten." Uäbrigeus finden wir in demselben R o g i e r u n g so r g a n die folgende P-olewik: - - „Natürlich, wenn gegen die Hochschulen aufgehetzt-e Elemente ihr Mütchen an den Besitzlosen, an hungernden Studenten, kühlen und nicht einmal vor Bersucheu, ihnen den Brotikorb noch "höher zu hängen, nein, zu entreiße, t, zuvuckschvecken, dann sind die Angreiiser nnschutdige Lämmer, sckinldig sind i-mmer die anderen, die Uebcrsallenen. die schon durch ihr bloßes Dasein „provozieren"." Wie lvar es also, äls vor drei Jahrendie jüdische Mensa von den Volksgenossen der „Reichspost" geststrmt und demoliert wurde?, ■ -; Sämtliche Wiener Hochschulen geschlossen. Ans Grund einer gestern abends staltgefundenen Beratnng der Wiener Rektor >n sind, wie spät nachts mitgeieilt wird,.Mit Rücksicht auf die jüngsten Ereignisse sämtliche Vorlesungen und Uebungen der Wiener -Hochschulen sowie die Gebäude ges ch l - s s e rr worden. _ Verzögerung der Reform des Heimatrechtes. Der Unterausschuß des Verfasfnngsausschusses zur Beratung -der Verwaltungsresorm erledigte in seiner heutigen Sitzung das B e r w a l t u n g s o n tlastungsgesetz. Der Unterausschuß ging bei der Behandlung dieser umsangreicheu Vorlage von dem Grundsatz aus, daß alles, was nicht unmittelbar dem Zwecke dieses Gesetzes, nämlich der Ve re insa chung der Verwaltung und der Eutlastuitg der Behörden dienlich erscheint, a u s z u s ch e i d e n seil So Wurde insbesondere das Kapitel des Entwurfes, das die R e f o r w d e s H e t m a bs r e ch t e s zum Geigenstande hat, Weggelasse n. Die Regierung tvird eine eigene, Presen Gegenstand betreffende Gesetzesvorlage dm bringen. In der Form, in der das Verwaltungsentlaftuugsgefetz aus dem Unterausschuß hervorgcht, stellt es sich als eine Sammlung von Novellen zu zahlreichen alten Hofdelreten dar, deren Bestimmungerl, insoferue sie nicht mehr zeitgemäß sind, ansgehoben und den Bedürfnissen der Gegenwart derart angepaßt werden, daß sich daraus eine wesentliche B e r e i n f a ch u n g und B e rbillig n n g des Verwaltungsverfahrens ergibt.

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