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Wiener Morgenzeitung · 1925-05-27 · Heft 2251 (27.5.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2251 (27.5.1925)
Date
1925-05-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wen, Mittwoch Wiener Movsienzeitung 27. Mai 1925 Sd. SM; »er Prozeß Stricker vor den / Geschwornen. (S&f Wasfemneeting im Hotel Continental. Die Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt veranstaliLete Montag im Festsaale des Hotels Continental ein Massenmeeting unter der Devise „Der Prozeß ..Stricker vor den Geschworneu". Als Redner toaten der Verteidiger Robert Strickers, Gemeinderat Dr. Plaschkes, und der Vizepräsident der Wiener Eultusgemeinde, Dr. Josef L ö w e n h e r z, angeknndigt. In seiner Begrüßungsansprache hob der Vorsitzende, Herr David Nebenzahl, die überaus große Bedeutung, die . dieser Prozeß für das gesamte Judentum habe, hervor. Von den zahlreichen Anwesenden lebhaft akklamiert, begann nun Dr. Plaschkes seine Rede. Einleitend führte er aus, er wolle hauptsächlich die Folgen dieses Prozesses für die Wiener Judenheit beleuchten. Gerade jetzt erleben wir Tage, in denen der Hakcnkreuzterror die frechsten Triumphe feiert. Die Hakenkreuzlcr bringen den Mut auf, wehrlose jüdische Spaziergänger im Stadtpark anzufallen, ohne daß sie dafür ernstlich zur Rechenschaft gezogen werden. Wir haben in Oesterreich nur zwei Dinge, deren wir uns nicht zu schämen brauchen und die zu schützen wir- Juden uns als Ehre anrechnen. Das ist die Wiener Polizei und die österreichischen Gerichte. Wohl kommen auch bei unseren Gerichten Urteilssprüchc vor, die Empörung erregen müssen, wie ein Urteil vor dein Jugendgericht, wodurch Hakenkreuzbubcn, die wehrlose jüdische Passanten mit Füßen traten, f r e i g e s p r o ch e n wurden, oder das berühmte Urteil des G r e i n e r Richters und die Urteilsbegründung des Bezirksrichters N e u d e ck, der das ganze Judentum beleidigte und dessentwegen Robert Stricker über höhere Weisung vor die Geschwornen zitiert wurde. Es steht uns ferne, irgend jemandem seine antisemitische Gesinnung raubett zu wollen, aber ein Richter darf in Ausübung seines Amtes seinem Antisemitismus nicht Ausdruck geben. Mir wurde von einem hakenkreuzlerischcn, subalternen Beamten des Finanzministeriums vorgeworfen, daß ich bei Ausübung meines Berufes einen Zionsstern trage. Darauf habe ich nur zu erwidern, daß ich kein öffentlicher Beamter bin und daß der Zionsstern kein Abzeichen des blindwütenden Hasses und Mordens, sondern ein Friedensshmbol ist. Nicht bei den kleinen Beamten muß die Säuberung einsetzen, sondern bei unseren hohen und höchsten Beamten. Der Staatsanwalt stellte Robert Stricker wegen Aufreizung gegen ein richterliches Urteil unter Anklage. Auf meine Einwendung, daß auch andere Zeitungen sich Kritik über Urteile erlaubt haben und nicht angeklagt wurden, antwortete der Staatsanwalt, daß man eben mit der „W i e n e r M o r g e n z e i t u n g" beginnen werde. Und was für riu klägliches Bild bot der Herr Bezirksrichter Neudeck im Gerichtssaal! Unter der Fragestellung wurde er förmlich zerzaust. Er und seine Kollegen werden es sich wohl überlegen, durch solche Urteilsbegründungen unsere jüdische Presse und den jüdischen Volksmann Robert Stricker herauszufordern! Sie werden sich hüten, noch einmal das gesamte Judentum zu verhöhnen und zu verunglimpfen, weil sie wissen, daß wir das, was wir einmal getan haben, immer wiederholen werden, nämlich die frechen Gesellen gehörig an den Pranger zu stellen. Wir haben im Gerichtssaal turntet wieder betont, daß wir mit der wirklich widrigen Handlungsweise eines einzelnen nicht identifiziert werden wollett. Wetttt ein Jude eine Lumperei begeht, so darf nicht das ganze Judentunt dafür büßen. Sechs von beit zwölf Geschwornen, von denen man nach einer sorgfältigen Auslese durch den Staatsanwalt wahrlich nicht sagen konnte, daß sie etwas mit Robert Stricker oder dem Judentum gemein hatten, erklärten, daß er sich durch seine wohl etwas scharfe Kritik keiner Gesetzesübertretung schuldig gemacht habe, und elf von zwölf Geschwornen waren der Ansicht, daß es Pflicht der einzigen jüdischen Zeitung, der „W i e n e r M o r g e n z e i t u n g", war, diesen Artikel aufzunehmen, beim der veranlwortliche Redakteur Jakob Kr aus z wurde mit dieser überwältigenden Mehrheit freigesprvchen. Redner kam sodann auf die Uebergriffe der Hakenkrcuzler auf d e u Wiener H o ch schulen zu sprechen und sprach die Schuld an diesen Uebclständen den höchsten Regierungsstellen und insbesondere dem jetzigen Vizekanzler Wabe r zu, der sich nicht schellt, mit dem Verteidiger des Mörders Rothstock, Dr. Rieh l, in einer Versammlung gciuciufaiu anfzutreten. Wir haben uns verpflichtet gefühlt, unseren Richtcrstand vor Ucbergriffen aus feilten eigenen Reihert zu schützetl, beult wenn Oesterreich nicht-mehr über dieses Palladium verfügt, dann ist es, trotz der Genfer Sanierung, um utts geschehen. Der Staatsanwalt warf dent Oberbaurat Stricker vor, daß er sich ein Auditorium in beit Gerichtssaal bestellt habe, und Stricker erwiderte, daß sein Altditorinllt draußen tu der großen Welt sei. Und was ist die Lehre aus dieseut Prozeß? Sechs von zwölf Geschwornen haben es als richtig erkaltltt, daß das Judentum fick) zu eitler starken Organisation znsammenschließ-'n müsse, um solche Ueberfälle ans seine Ehre uitb Sicherheit abzuwehren. Robert Stricker hat sich in der jüdischen Presse, die rttts, Gott sei Dank, ztlr Verfügung steht, mutig in die Bresche gestellt ttnd die jüdische Ehre mit Erfolg' vertreten, uub dafür sei ihm herzlicher Dartk! Sodann ergriff der Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Josef L ö w e n h e r z, zu einer groß angelegten Rede das Wort, in der er alle brennenden Die billige eisegepäckverächerung Tei. 67-208 im Tuchlaubenhof Fragen, die jetzt das Judentum beschäftigen, eingehend besprach. Robert Stricker, so führte er aus, saß nicht wie ein gewöhnlicher Angeklagter auf der Anklagebank, wie mmt ihn im großen Schwurgerichtssaal immer zu sehen bekommt, demütig, geduckt, nur darauf bedacht, seine Position zu verbessern. Einen Angeklagten wie Robert Stricker hat der große Schwurgcrichtssaal noch nie gesehen. Man wußte wahrlich nicht, wer der Ankläger und wer der Attgeklagte war, so selbstbewußt und siegesgewiß trat Stricker vor den Geschwornen auf. Er hat den Typus des neuen Juden verkörpert, der unerschrocken für seine Rechte käntpft. Und diesen neuen Menschentypus hat die Zionistische Organisation in ihrer 30jährigen, schweren Arbeit geschaffen. Was dieser neue Menschentypus zu leisten imstande ist — nicht in eigennütziger Weise, wie man es den Juden immer vorwirft, sondern ganz ohne Aussicht auf momentanen Erfolg —, das hat die Univ c r s i t ä t s e r ö f f n u n g in Jerusalem vor der ganzen Welt klar bewiesen. Kundgebungen der ganzen zivilisierten Welt haben es bestätigt. Lord Balfour äußerte sich nach einem Besuch der jüdischen Kolonien: „Das jüdische Volk kann stolz darauf seilt, was es geleistet hat." Zum ersten Male hat man einer Leistung des ganzen jüdischen Volkes Lob gespendet. Wenn die Sieger- Mähreud sich alle für die Ruhe im Staate Verantwortlichen bemühen, die gefährliche Erregung in der Bevölkerung zu dämpfen, setzen die Hakenkreuzler und ihre Drahtzieher die auf die Sprengung des Staates abzielende Arbeit fort. An der Universität und an der Hochschule für Welthandel .gab es gestern wieder Krawalle gegen jüdische Studenten, so daß die beiden Anstalten vorübergehend gesperrt werden mußten. Wie wir erfahren, ist unter der völkischen Studentenschaft die P a r o I e ausgegebeu worden, heute um 8 Uhr früh sämtliche Hochschulen zu besetzen, so daß für heute Ausschreitungen größeren Umsanges zu erwarten sind. Ueber den Verlauf des gestrigen Tages wird uns berichtet: Die Zwischenfälle an der Universität wurden angeblich dadurch hervorgerusen, daß ein kommunistischer Student namens Wegener in der Aula eine Rede über die Ermordung des Gemernderates Müller in Mödling halten wollte. Er wurde arg verprügelt und außerdem von den Pedellen in die Rektoratskauzleij gestellt, wo er einem Verhör unterzogen wurde. Geigen ihn wird die Disziplinaruntersuch ung eingelertet. Die Hakenkreuzler benützten diese Gelegenheit, um wieder eilmnal über die jüdischen Studenten herznsallen. Einige wurden auch arg zugevichtet und ein Student mußte sogar von der Rettungsgesellschast abtransportiert werden. Die Kommunisten, denen sich auch sozialdemokratische Studenten anschlossen, sammelten sich nun aus der Rampe und sangen die „Internationale". Nun kam es aus der Rampe zu einer größeren Prügelei, die erst dttrch das Einschreiten der Wache, die seit den vorjährigen Hochschulkrawallen die Rampe als nichtakademischen Boden betreten darf, beendet wurde. Im Verlaufe der Prügelei wurden noch einige sozialdemokratische Studenten iu die Rektoratskanzlei gebracht uud dort einvernommen. Nach 1 Uhr mittags verfügte das Rektorat die Sperre der Universität, diie bis in ibeu Nachmittag hinein aufrecht echalten wurde. Das Haupttor blieb gesperrt und die Studierenden konnten nur durch leinett Nebeneingang in das Haus gelangen. Die Bibliothek stand zttr Benützung offen und die deutsche Stu-dentenschaft hielt uttentwegt Gesaugsübungen ab. In den Abendstunden wurden vom Rektorat zwei Kundgebungen auf dem Haupttore affichicrt. Sie lauten: „Ein Studierender einer anderen Wiener Hochschule hat heute vormittags;ben Versuch unternommen, ,'m der Aula der Universität eine Ansprache zu halten, welche eine Stellunguahttte der Höretichast zu beu jüngsten Vorgängen in Mödling bezwecken sollte. Ein Universitätsattgestellter hat Pflichtgemäß den Stttdierenden an seinem Vorhaben gehindert und ihn dem Rektorat überstellt. Der Sprecher T>attie weder um sie Gestatttlttg angesucht noch hatte er eine solche echalten, da Ansprachen, die sich auf außerakademische Ereignisse politischen Charakters beziehen, nicht gestattet werden. Der Vorfall verattlaßte einett Deil der anwesenden Studierenden, durch ihre Stellungnahme für und gegen die Asicht des Redners die R tthe und Ord n ung <*uf af«* d c m i s ch ic m Boden auf das schwerste zu verletzen. Ich spreche den Schnldtragenden die schärfste Mißbilligung aus und richte an alle StudHerenden die Mahnung, sich aus akademischem Boden von jeder Parteipolitik sernznhalten. Die dent Rektorat aus Aulaß dieser Vorfälle erstatteten D i s z i p l i n a r a n z e i! g e n bilden Gegenstand der Untersuchungen der akademischen Behörden. Der Rektor der Universität: Spe r l." Seit« 8 staatcn rm Weltkrieg daran gegangen sind, dein unbekannt ten Soldaten, der Gut und Blut für sein Vaterland opferte, noch vor den berühmten Heerführern ein Denkmal zu setzen, so müssen auch wir in erster Linie unserer Pioniere in Erez Israel, unserer Chalnzim mit Dankbarkeit gedenken, ohne an btc ungeheuren Arbeiten unserer jüdischen Führer zu vergessen. Die jüdische Solidarität soll nicht erst für Pogromopfer wach werden, sondern sie soll eine Solidarität des Stolzes ttnd der gcttteinsamen Arbeit zum Aufbau unseres Heimatlandes werden! Redner besprach sodann die letzten skandalösen Vorgänge. an den Wiener Hochschttlen ttnd das Eingreifen der Wiener Kultusgemeindc bei der Rcgieruttg. Die Kultusgemeinde ist die berufene Vertreterin der gesanttett jüdischen Bevölkerung, uttd scitdetn sich in der Kultusgetneinde der Einfluß der selbstbewußten Zionisten geltend macht, führt man auch von dort den Behörden gegenüber eine viel selbstbewußtere Sprache. Wir stehen jetzt unmittelbar vor dem 14. zionistischen Kongreß ttnd müssett es uns zur Ehre anrechnen, daß er in Wien tagen wird. Deshalb müssen wir es uns aber auch zttr Pflicht machen, die Zionistische Organisation Oesterreichs durch beit Schekelkauf zu stärken und nufere einzige jüdische Presse, die „Wiener Morgcnzcituttg", zu fördern, die mutig und unerschrocken für die Rechte des jüdischcrt Volkes käittpft. Lebhafter Beifall belohnte die trefflichen Ausführungen der beiden Redner, und der Vorsitzende, Herr Nebenzahl, konnte mit Befriediguttg den moralischen und finanziellen Erfolg dieses jüdischen Massenmeetings konstatieren. Die zweite Kundmachung hat folgenbeu Wortlaut: „Aus Anlaß eittes besonderen Vorfalles mache ich die Studierenden netterlich daraus aufnterksam, daß Versammlungen, ebenso Ansprachen, welcher Art imnter, auf akademischem Boden der Universität n u r nach vorheriger G iy u e h migu n g des Rektorats erfolgen dürfen. Df widerhandcln wird nach bat bestehenden Vorschriften d>^ ziplmär geahndet. Der Rektor der Universität: Sperl? Auch aus der Hochschule für Welthandel kam es gestern zu Zwischenfällen, die ebettsalls zttr S P e r r t dieser Hochschule führten. Die Hakenkreuzler affichierten vorgestern iü einem ihrer Anschlagkästen -einen Brief, der zahlreiche Beleidigungen des ermordeten Mödlinge r G e m e>i n d e r a t e s M ü l Ir enthielt. Die sozialdeiuokratischen Studentett erwirkten, daß dieser Brief vom Rektorat e n t s e r n i wurde. Gestern wollten die Hakenkreuzler Anschläge ähnlichen Inhaltes anbriingen, doch verweigerte ihnen Rektor Hofrat Heiderich die amtliche Signatur. Ebenso verbot & eine in der Aula geplante Versammlung der Hakenkreuzstudenten «und verfügte um halb 11 Uhr die Sperre der Hochschule bi? Z Uhr nachmittags. Die Hakenkreuzler versammelten sich min aus dem der Hochschule benachbarten Sportplatz und da Zusammenstöße mit sozialdemokratischen Studentett, die sich mittlerweile in kleineren Grnppetr gesammelt hattett, zti befürchten waren, trennte Wache die beiden Parteien. Zu größeren Zwischenfällen ist cs hier nicht gekommen. Nachmittags wurde dl' Hochschule für Welthandel wieder eröffnet. Sie Auflösung der Mordformation „Meinland" beantragt. Acht Verhaftungen in Wien ivegr» Mödlinger Exzesse. In der Angelegenheit der Vorfälle in Mödling war* den auch vom Wiener Sicherheitsbureau Erhebungen eingeleitet und hiebei 52 Personen p e r l u st r i e r t und bei ihnen Hausdurchsuchungen vorgenommen. Von diesen Personen wurden die nachstehend Angeführten gestern vom Sicherheitsbureau dem Landesgerichte in Strafsachen cingeliefert: der 24jährtge Privatbeamte Ferdinand Rappel, der 25jährige Student Eduard W e i d h a a s, der 20jährige Wirker Robert Bergner, der 20jährige Privatbeamte Karl N e u h a u s e r, der 22jährige Handelsangesteüte Joses Maurer, der 23jährige Schühoberteilherrichter Franz Wimmer, der 17jährige Praktikant Alois Ullrich und der 18jährige Handelsangestellte Josef K l a d n i k. Außerdem wurde beim Magistrat Wien als politische Landesbehörde die Auflösung des „W e h rverbandesRheinland" wegen Ueberschreitung des statutarischen Wirkungskreises im Sinne des Vereinsgesetzes beantragt und unter einem die T ä t i g k e 11 dieses Verbandes gemäß 8 25, Vereinsgesetz, e i n g e st e 11 t. Das Waffentragen. Beim Laitdeshauptmantt Dr. Bnresch uub baut Butt» deskanzler Dr. Ratnek führte gesteru der Modlitiger Vizebürgcrmieister Lovatschck und eine Anzahl Getnoindcräte Beschwerde über sozialdemokratische Terrorakte. Dr. Bnresch und Dr. Ramek -machten die üblichen Verspvechutrgen. Die G r o ß -d e tt t s ch -e u überreichten darattfhin im Natt'onalrat ei'üe Anfrage, in der sie verlangen, daß der Bundeskanzler 'dent Nationalrat einett Gcsetzetttwurf über eine Novellierung des W a f s e n p a t e tt t s vor lege, der scharfe Bestimmungen gegen 'das tt tt b e f tt g t c W a f f c tt t r a g e tt ettthaltetr soll Der Univerfitätsskandal in Permanenz. Sie Hakenkreuzler wollen heute früh silmtliche Hochschule» besehe». - Sie geftrigen Krawalle

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