Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2248 (24.5.1925)
- Date
- 1925-05-24
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hei ke 8 Wiener Moraenzeitnng 34. Mai IM M. SSO Dien, Tonnt das Lied der Arbeit fangen, und in den Ltadtparl eindrangen. Es kam gegen halb 10 Uhr abends nunmehr zu ernsteren Zusammenstößen, als in der Nähe des Ausganges in der Johannesgasse beide Parteien gegeneinander drängten. Des Publikums auf der Terrasse des Stadtparkrestaurantü bemächtigte sich eine Panik und viele Käste verließen fluchtartig das Lokal. Einige Kellner, welche dadurch materiellen Schaden erlitten, prügelten etliche Hakenkreuzler, deren sie habhaft wurden, durch. Inzwischen waren die Hakenkreuzler von den Sozialdemo kraten gegen die Ringstraße gedrängt worden und so verschob sich der Kampfplatz dorthin. Es kam wiederholt zu großen Lärmszenen und Raufereien. In der Himmelpfortgasse fiel ein Schuß ttitfo wie verlautet, wurden auch in der .Johann esgasft von slü cht eudc n Hakenkreuzler», zwei Schüsse ab gc feuert. Verletzt scheint i nein and zu sein. Die Polizei, welche inzwischen den Stadlpark ge.'äubert und die Eingänge gesperrt hatte, ging nun, nachdem sie Su>kkurs erhalten hatte, gegen die Denwnstranten auf der Ringstraße energisch vor, bildete Formationen und drängte die hakenkreuzlerifcherr Demonstranten gegen fan Schwarzenbergs platz ab. Die Sozialdemokraten, die inzwischen durch Arbeiterwehr aus angreuzerrden Bezirken verstärkt waren, zogen über die Ringstraße, beziehungsweise den Heumarkt ab. Es gelang ihr auch, den Verkehr aus der Ringstraße, welche durch die sich immer mehr ansammelnden erregten Menschenmassen unterbrochen worden war, wieder in Gang zu bringen. Es verlautet, daß ein W a ch e b e a m t e r durch einen Hieb verletzt wurde. Durch Stockhiebe wurden vier Personen verletzt. Die Polizei nahm mehrere Verhaftungen w>r; die Einvernahme der Verhafteten dauert zur Sunde (12 Uhr nachts) noch an. Gegen 11 Uhr abends war die Ordmmg wieder hergestellt. Srobdeutscher Parteitag. Im Saale des Niederösterreichischen Gelverbevereins begann gestern unter dem Vorsitz des Obmannes Dr. W ot a w a die Harlpttagung des großdeutschen Parteitages. Anwesend waren 250 Vertreter der Landesorgan isationen aus allen Bundesländern. Weiters nahnren an den Tagungen teil Vizekanzler Wader und Bundcsminifter Doktor Schürsf. Dr. Mittelmann begrüßte den Parteitag im Namen der deutschen Volkspartei (Berlin). Wir, so erklärte der Redner, beobachten mit dem allergrößten Interesse alle Vorgänge in Deutschösterreich, das wir schon heute als einen Teil des Deutschen Reiches betrachten. Das Recht dazu gibt uns nicht nur die Gemeinsamkeit der Kultur, Sprache und Geschichte, das Recht dazu gibt uns auch die Tatsache, daß der weitaus überwiegende Teil der österreichischen Bevölkerung den Anschluß bewußt will, was insbesondere auch dadurch zum Ausdruck kommt, daß nicht nur die Großdeutschen und die österreichischen Sozialdemokraten, sondern heute auch schon weite Kreise der christlichsozialen Partei Bereinigung mit dem Deutschen Reiche -tvtLnschen. und hat dort begonnen, wo offenbare Ungesetzmäßigkeiten ihm die beste Handhabe Loten. Mit meinem Bekannten aus Djubfa ging ich m die Synagoge von Täbris. Die Täbriser Kchilla selbst ist ganz klein, man trifft dort aber fast immer fremde Juden aus Kurdistan und dem südlicheren Persien. . Bon außen unterschied sich diese persische Synagoge in nichts von allen anderen persischen Häusern. (Wie auch die schiitischen Moscheen, die kein Minarett kennen, sehr unaussällig sind.) Durch eine Pforte iu der hohen Umfassungsmauer gelangt man in einen Hof, in dessen Mitte ein typisches persisches Wohnhaus steht. Für ein besonderes Synagogengebäude ist die Gemeinde »vohl zu klein. Wir traten in ein Vorzimmer und geriet»» — in einen Harem! Aus dem Boden deS völlig leeren Raumes Hockten etwa zehn Frauen, die alle nach persischer Art gekleidet und verschleiert waren. Sie hockten dort genau so, wie ich die mohammedanischen Frauen im Straßenstaub vor den Moscheen hatte hocken sehen; auSgeschlosien vom eigentlichen Gottesdienst, im .Bannkreis deS Kultus gleichsam nur geduldet. Diese Assimilation ist eigenartig und wirkt auf den europäischen Juden außerordentlich befrentdend. In der Tat haben sich die persischen Juden dem mngobenden JSlam weitgehend assimiliert. Es kommen Mchrchen vor, und die Stellung der Frau scheint nicht nur in Aeußerlichkeiten, wie der Kleidung, der Landessitte angepaßt. Obwohl meine Täbriser Freunde mehr europäisch als orientalisch lebten und mehrfach in Europa gewesen waren, habe ich nie ihre Frauen ober erwachsenen Töchter zu Gesicht bekommen. Das SeÄsamfte ist, daß diese Angsleichung sich bei den persischen Juden bis jetzt erhalten hat, während die Armenier, die noch vor fünfzig Jahren den gleichen Lebensstil hatten, 'heute absolut europäisiert find. Die Ursache dessen mögen di« zahlreichen Missionen sein, die, insbesondere Von Amerika aus, in Persien gegründet wurden. Der Gottesdienst ist von dom in Europa üblichen wenig verschieden; die Aussprache des Hebräischen aber ist schwer verständlich. Beim Aufrufen lesen diejenigen, die man chren 'will, die betreffende Parschah selbst vor. In einige Verlegenheit kam ich dadurch, daß alle übrigen Anwesenden beim Be- 'treten des Betraumes die Schuhe ausgezogen höVen — ebenfalls em von de» Mohammedanern entnommener Brauch. Ich 'trug unMcklicher Weise Reithosen und Reitstiefel und koimte so dem „Minhag hamakom" nicht folgen, ohne die .Würde des 'Ortes noch mehr zu verletzen. Die Besucher des Gottesdienstes waren $rai Terl tzerüsch Gaitanschirme, Gartenmöbel nur eigene Erseagung für' Kaffeehäoasr, Siaitorlon, Landhäuser Spezial*Preis Anstellungen Gesonderte Gartenmöbel-Abteilung Reichhaltige Auswahl in allen Stilarten Erste und älteste Patent-Möbel-Fabrik R. JAEKELS Nachf. Ges.m.b.H. Wien, VI. Marlahllferstr. Nr. 11 A'bg. Dr. Prunar (Mtglied des tschechischen Abgeordnetenhauses) verweist auf die Gemeinsamkeit der Politik der deutschen Nationalpartvi in der Ts che cho-Slowake i und der Großdeutschen irr Oesterreich, die den Staat, in dem sie zu leben gezwungen sind, beide nicht gewollt haben. Redner hofft, daß der Tag kommen wird, an den, Deutschösterreich nnd das deutsche Volk m der Tschecho-Slotvakei gemein» sa m ihren Weg ins deutsche Vaterhaus antretelr toerderr. Sollte Dentschösterreich früher diesen Weg gehen, so wird es sicherlich als W e g b e r e i 1 c r für das übrige Deutschtum o-ustreten. Sie Völkerbundexpertise. Der Generalsekretär des Völkerbundes, Herr Drumm o n d, hat dem österreichischen Vertreter in Genf in einer Note mitgetri-lt, daß die von Oesterreich angestrebte Expertise' über die tvirtschaftliche Lage der Republik die Zustimmung aller im österreichischen Komitee vertretenen Staaten gefunden hat. Diese Staaten haben die Anordnungen für die einleitenden Maßnahmen und die Auswahl der Sachverständigen vorigenonnnen und beabsichtigen, die letzten Details zu Beginn des Monats I u n i zu regeln. Aus diesem Schreiben des Generalsekretärs kann man schließen, daß die Untersuchung noch vor Mi tte Juni beginnen wird. gekleidet, zum Teil trugen sie schlecht geschnittene europäische Anzüge, aber keine weiße Wäsche. Alle trugen die ,Mla", eine schwarze kleine Kappe. Sehr verwundert war ich, in der Synagoge ein paar Gestalten wiederzufinden, die ich auf der Straße schon e-in Paarmal bewundert hatte. Es waren ein paar hochgÄvachsene alte Männer mit stolzen Gesichtern und würdevollen »veißen Bärten. Sie waren absolut orientalisch gekleidet, ritten auf sehr schönen Pferden und trugen im Gürtel jenes kleine Arsenal von -Handfeuerwaffen und Dolchen, die jeder Bergbewohner dort mit sich führt. Ich hielt sie für Kuvdenfürsten, jetzt, fand ich sie wieder mit dem Dallis überm Kopf und erfnhr, daß es jüdische Katrflente aus Utmia waren. Bon Mordechai und Esther ist in Persien nicht mehr viel zu erfahren. Zwar gibt es heute noch mehrere Orte im Lande, die „Schuscha" heißen, aber sie bergen keine Erinnerungen mehr. In Hamada» soll sich das Grabmal der beiden befinden. Mer es ist kaum anzunchmen, 'daß das mehr ist als «ine Legende. An der Grenze Persiens, aber schon auf russischem Boden, liegt der Ararat, einer der schönsten und cindruckvollsten Gipfel der Welt. Man begreift, warum die Bibel just aus diesem Bevgriesen, der sich frei aus der Ebene erhebt, die Arche NöahS landen ließ. In -den armenischen Klöstern ringsherum werden zahlreiche ,-Splitter" dieser Vorläuferin moderner Schiffahrt verehrt. Aber nachdem jüngst ein Flugzeug über 'den Berg hinweggeslogen ist, ohne etwas zu bemerken, muß die Hoffnung wohl allsgegeben werden, die Arche NoahS je in einem Museum aufstellen zu können. 8. Rußland. Zu Rauschhaschonoh kam ich nach Tiflis, der Hauptstadt der Föderierten Sowjetrepubliken des Kaukasus. Es war unmittelbar nach dem unglückseligen georgischen Aufstand, am Tage vor meiner Ankunft hatten Erschießungen' stattgefunden und Pie Stimmung war sehr erregt. Unter solchen Umständen warnt« man mich, die Synagoge zu «besuchen, da die Dschoka sehr scharf vorgehe und ich aus dem nichtigsten Anlaß Unannehmlichkeiten haben könnte. Trotzdem ging ich hin und verabredete nur vorher mit dem deutschen Konsul, -bajj er mir nachforschen solle, wenn ich mich nach einer 'bestimmten Frist nicht wieder gemeldet habe. . ' Schon am Tage vorher hatte ich in denr herrlichere Stadtpark zwei Juden kennengelerut, die auf der gleichen Bank saßen wie ich und beratschlagten, wie sie aus Rußland fortkönnten. Als ich sie auf jiddisch anredehez, waren sie vor Angst Matal«, Reve über die KammmUfteaMttale Moskau, 23. Mai. (Muss. T.-AJ Di« offiziost „Jswcstia" kommentiert die Rede des österreichischen Bundesministers des Aeußern Dr. Mataja und stellt fn der Rede des italienischen Ministerpräsidenten gegenüber, Das Blatt bemerkt, während Dr. Mataja der Smvfeb regiernng unüberlegte, durch Tatsachen nicht bekväjf. tigte Vorwürfe mache, erklärt Mussolini, der wohl keinerlei Sympathien für den Kommunismus verdächtig sei, daß Italien den Politischen und Handelsvertretern der Sowjetregicrung keinerlei Bor. w ü r f c machen könne, da deren Verhalten vollkommen korrekt sei. Die italienische Regierung, di« auf außenpolitischem Gebiet freie Hand habe und weder unter fremden Einflüssen noch fremdem Druck stehe, könne sich den Luxus erlauben, die Wahrheit aus« z u s p r e ch e n und die Legende von angeblichen Moskauer Intrigen zu zerstören. Im Leitartikel der ,/L k o n o m r t s ch e s k a j o Schis u" tofob ausgeführt, die öffentliche Meinung der Sowjetunion «könne an den unerhörten A e u ß er u n g e n des österreichischen Außenministers Doktor Mataja nicht gleichgültig vovübevgeherr. Sie interessiere sich tvenig für seine Sympathien oder Antipathien gegenüber dein Kommunismus, doch habe sie das Recht zu fordenn, daß der Außenminister einer Regierung, die freundschaftliche Beziehungen zur Sowjetrcgicrung Pflege, zur Ordnung gerufen werde, was um so notwendiger sei, als die Beziehungen zwischen den österreichischen und den sowjetiftischen Geschäftskreisen sich chon seit langem sehr er folg re ich gestaltet haben und in einem -weiteren Erstarken begriffen seien. Sie sieben Genfer Gesetze. Sozialdemokratische Einwände. Gestern nachnviitags hielt der Verband -der soziadenwkratischen Mgeordneten und Bundcsräte eine genreinsame Sitzunc -mit den sozialdemokratischen Mitgliedern «der Landesregilerungen um zu den sieben Gesetzentwürfen Stellung zu nehmen, die vor «der Bundesregierung Freitag dem Nationalrat vvrgelegt wur- >deu. Nach einer eingehenden Debatte wurde festgestellt, daß dir Gesetzentwürfe voll schwerer Mängel und Unklar, h c i i e n sind. In erster Linie beschloß die Konferenz, nicht zuzulassen, daß die Zuständigkeit des Bundes zur Gesetzgebung u,vd Vollziehung in allen Angelegenheiten der A r lb e i t e r v e r. sicherung geschmälert werde. Was die Aenderung der Verwaltu>n,gsorganisat i o n anbelangt, so erscheint als der schwerste Mangel, daß di- Stellung des Landeshauptmannes noch verstärkt wer> den soll. Eine schrankenlose Diktatur der Landeshauptleute iß für die Partei unannehmbar. Insbesondere muß das Recht -der Beamtenernennung und der Besetzung der Dienstpoften ein« Sache -der Landesregierung und nicht des Landeshauptmannes werden. Weiter läßt die Regierungsvorlage dite künftige recht« liche Stellung der Bundesangestellte« in den Län dern völlig unklar. Selbst wenn durch wesentliche Abönderungen diese Entwürfe annehmbar würden, muß die Partei die Forderung er- -hoben, daß zugleich mit diesen Gesetzen eiin Jnkonupa-tiib'Mäts. am liebsten weggelaufen, erst als ich ihnen meinen Paß zeigte glaubten sie mir, daß ich kein Agent der Dscheka sei. Nach diese? Begegnung hatte ich angenommen, daß die Tifliser Judenschaf sehr bedrückt sei. Um so erstaunter war ich, die Synagog brechend voll zu finden und rings «um sie herum ein richtigej „Jrwenviertel" mit russischen, kaukasischen «und tatarische, Juden in den «buntesten Trachten. Unzählige Kinder überall! Um mich bildete sich im Dorhof zur Synagoge bald eit dichter Kreis, der nach dem Leben der «deutschen Juden fragte Bis ein Schutzmann erschien nnd den HMfen auseinande, jagte. Im Judenviertel sah ich überall handschriftliche Plakat, in hebräischer Schrift, die ich nicht zu losen vermochte. Späte, erfuhr ich, daß es Einladungen zu einer Aufführung in — altpersischer Sprache waren, ein Idiom, das dort also wohl i» weiteren jüdischen Kreisen «och verstanden wird, , . Hs Auf «der langen Fahrt quer durch Rußland habe ich weny Jüdisches gesehen und gehört, die Reise ging zu schnell und ohn, Gelegenheit, viel zu beobachten. Lebhaft in Gvinnermyg geblieben ist mir nur ein Gespräch mit einem höheren Soivje!. beamten über den Zionisnms, dessen Organisation in Rußlanl nur illegal arbeiten kann. Er sagte etwa: ,Mir haben -gegen den Zionismus im Grunde nur eine« einzuwenden: daß seine russischen Anhänger nach Paläst in« wollen. Sie könnten alles, was sie wünschen, bei «uns haben Wir kennen in unserer Politik keine Unterdrückung „natio naler Minderheiten". Wir haben in Rußland eine Tatarenro publik, eine Republik der Serzchenzen, der Wolgadeutschen, de, Armenier — warum sollte es bei uns keine JüdenrepMit geben? Wenn sie nur kommunistisch ist, werden wir uns »ich darum kümmern, ob man dort hebräisch spricht oder ruffiscs oder jiddisch. Mer daß unsere Zionisten dafür Propagand« machen, nach Palästina zu gehen und «den englischen Jm'po rialisnmS zu stärken, -das können wir nicht gestatten." In der Tat hat man von Plänen gesprochen, in «de, Ukraine oder der Krim solche geschlossen« jüdische Siedlunge, mit kultureller Autonomie (im Rahmen «des kom-munistrsche, Systems natürlich) zu schaffen. Sie scheiterten bisher wohl ii der Hauptsache am Geldmangel. Denn daß die reichen amm kanischen Juden ihre Dollarspeniden würde«, um die russische» Juden möglichst stark dem Sowjetstaat einzugliodern, war nich zu «warten. Und mein Schneider im Park von Tiflis halt, schon recht mit seiner tiefsinnigen Sentenz am Schlüsse unser« -Unterredung über jüdisches Leben «« Rußland und Eurvpq -M« Mt üherav ebe n im GoluS. " 8830