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Wiener Morgenzeitung · 1925-05-24 · Heft 2248 (24.5.1925) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2248 (24.5.1925)
Date
1925-05-24
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2m 04. Mai 19SS Men, Smurkg-—Wle«'«- MoegrmettE «MH! Die Herrschaft des Revolvers. Weitere Lerhaftnngen and Schliigereien in Mödling. — Schwere Zusammenstöße im Meuer Stadtpark. Die Untersuchung des Wiener Sichcrheiisbureaüs Lvuvde gestern fortgesetzt. Es sind bisher die meisten Mitglieder des Bundes Rheinland, darunter auch mehrere Frauen, eruiert. Ztvei Personen wurden verhaftet. Borgeistern fand in Mödling in der Brunner Brauerei aus Anlaß der halenlreuzlerischen Exzesse eine Protest- Versammlung des Republikanischen Schutzbundes der sozialdemokratischen Bezi-rksorganisation statt. Zur gleichen Zeit kam es in der Nähe des Bahnhofes, wieder auf der Eisenbahnbrückc, 'neuerlich zu Schlägereien, bei denen zwei junge Leute, der Student der Dechnik im vierten Semester Schüller, und ein häkenkreuzleri scher Bahndiener namens Schulz, schwerere Verletzungen davontrugen, die ihre Eiulieferung ins Spital nötig machten, während weitere drei Personell, und zwar Angehörige der sozialdemokratischen Partei, Verletzungen davonirugen, die bloß ambulatorisch »behandelt wurden. Nach Mitteilung der Arbeiterzeitung" hat Schüller einen sozialdemokratischen Ordner mit einenl Stilett in die Hand gestochen. Der für gestern angesetzte Rhemlandkommers der deutschnationalen Verbindung Gochia in Mödling sowie der Farbenrummel wurden behördlich untersagt. Die Frontkämpfer. An dem geistern nachmittags ftattfindenden Leichenbegängnis des Großadmirals Anton Haus wollten auch Mitglieder der Frontkämpfervereinigung in ihrer Uniform und in geschloffenen Formatioue»t teilnehmen. Dies wurde von der Wiener Polizeidireiktion im Interesse der öffentlichen! Ruhe und Ordnung u n t e r s a g t. Me Leichenfeier Wr Müller. Heute nachmittags. — Arbeiterspalier von Mödling bis Wien. — Aufbietung der gesamten sozialdemokratischen Ordnerschaft. ' Me die Korrespondenz Herwei berichtet, findet heute um 4 Uhr nachmittags das Leichenbegängnis des seinen Verwundungen erlegenen sozialdemokratischen Gemeinde-- rates Müller statt. Die Leichenfeier wird sich zu einer großen Trauerkundgebung der Arbeiterschaft W i e n s und des Industriegebietes bis Mödling gestalten. Der Leichnam des Verstorbenen ist nn Heim der Mödlinger Kinderfreundc anfgebahrt und wird nach einer Tranerfeier beim Mödlinger Arbeiterheim bis znm Stadtausgang getragen. Hierauf wirsich der Kondukt in langsamer Fahrt nach Wien bewegen. Die Arbeiterschaft der Jnidustrieorte bis Mödling rückt mit Fahne« aus und wird bis Wien ein Spalier bilden. Der Leichenkondukt geht dann bis zum Favoritener Arbeiterheim und von dort über die Laxenburgerstraße, Zwvovitenfttahe, Wiedner Hauptstraße, verlängerte Kärntnerstraße über den Ring, Schwarzenbergplatz, Rennweg und Simmeringer Hauptstraße znm Krematorium, wo nach eine« kurzen Leichenfeier die Einäscherung erfolgt.! .1 Auch in Wien wird die Arbeiterschaft mit Fahnen ansrücken und in allen Straßen, durch welche sich der Kondukt bewegt, Spalier bilden. Zur Ausrechterhaltung der Ordnung wird die Ordnerschast von ganz Wien aufgeboten. Bor Benefch' Besuch. Vorbereitungen der Hakenkreuzler. Die „Arbeiterzeitung" veröffentlicht die folgende Weisungder nationa,lsozialistischen Partei: Streng vertrank i ch! An die Wiener Ortsparteifü'hrer! Wie Sie bereits aus den Zeitungen erfahren -haben dürften, soll der tschechische Außenminister Benefch in der letzten Maiwoche nach Wien kommen. Was Benefch für uns Deutsche ist, braucht wohl nicht gesagt werden, wir fühlen uns daher verpflichtet, ihm einen w ü r-> d i g e n Empfang zu bereiten. Zur Durchführung der Angelegeniheit ergehen folgende Weisungen: Sämtliche Ortsparteien berufen für den Tag der Ankunft einen außerordentlich e u SPre ch abend ein. Briefumschläge schon heute vovbereiten. Dieser ist nach kurzer Dauer abzubrechen, die Mitglieder sind, jedes einzeln für sich, nicht in öffentlicher Rede, dahin zu unterrichten, daß sie sich mit der Straßenbahn in Meinen Gruppen zum Ballhausplatz zu begeben haben. Die Abfahrt ist derart einzuvichten, daß die Leute ungefähr in der Zeit zwischen dreivievtel 9 und 9 Uhr 10 Min. auf. der Ringstraße eintreffen. Um viertel 10 Uhr ertönen drei Pfiffe (Sirenenpfeife), worauf sich alles auf dem Ballhausplatz f a m m e l t. Es. ist unbedingt darauf zu ächten, daß die Polizei nicht vorzeitig von dem Plan unterrichtet wird. Daher auf der Einladung einen S ch e i n v o r w a n d und bei der Mitteilung an die Mitglieder Achtung auf Kriminalbeamte. Die Fahrt in die Stadt muß in unauffälligen Gruppen erfolgen. Auf dem BMHauspilatz sMst darlf niemand warten. i i Schlanke,llraziöseFigur erzielen Sie durch Gebrauch von Dr. Haftdauer« Sntfettungstabletten. Diese sind vonbester Wirkung, angenehmem Geschmack und Völlig unschädliltz. Kein Diätzwang oder Aenderung der Lebensweise, prompte Gewichtsabnahme. Vom VolksgesundhettSamt genehmigt. Keine Schilddrüse. «ein Abführmittel. Depot: Apotheke „zum römischen Kaiser« Wie», I.» Wollzeile 13. r Mergelten* unter Aufsicht des H berrabblners 5. Fürst: H Zur Herstellung von Suppen mit und ohne Einlagen, zur Verbesserung von Suppen, Saucen und Gemüsen Nach der Sammlung werden weiter e W e ssu n g e n ausgageben werden. Mit treudeutfch'em Gruß für die Dandesleitung: Haubenberger. ' ' Die „Deutsche Arbeiterpresse" plaudert an der Spitze des Blattes: ,/Jn den völkischen Kreisen Wiens ist maurührig am Werk, dieses für Wien so überaus ehrende Ereignis nicht ohne entsprechenden Aufpntz von dieser Seite vorübevgehon zu lassen. Das Nähere i ft n a t ü r I i d» Fabriksg ehe imn i s." Der „Spazkergaug" der Hakenkreuzler i« Stadtpark. Das nationalsozialistische Wochenblatt hatte in seiner gestrigen Ausgabe ein provozierendes Inserat veröffentlicht, indem die Wiener Hakenkreuzler aufgefordert wurden, sich voll gestern ab, jeden Samstag abend im Stadtpark beim Konzert zu treffen. Gegen halb 7 Uhr abends begannen etwa 80 bis 100 stockbewehrte jugendliche Hakenkreuzler ihre Promenade vor dem Musikpavillon im Stadtpark. Unter ihnen bemerkte man zahlreiche Wehrmänner in Uniform. Während dieses etwa zwei Stunden dauernden Spazierganges der Burschen, die antisemitische Schmährufe ausstießen, kam es abgesehen von einigen kleinen Wortplänkeleien, die dadurch hervorgerufen waren, daß einige Hakenkreuzler in Uniform in aufdringlicher Weise ihre 'Parteiblätter kolportierten, zu keinem Zwischenfall. Inzwischen hatten sich in der Umgebung des Stadt- Parkes zahlreiche Sozialdemokraten angesammelt, die. ,-Hörou Sie, ich arbeite hier mit einer Tlnzahl Ka-uiflouten fiittt Basar. Ich bringe ihnen ausländische Kunden, spicke den Dolmetscher -und erhalte eine Provision. An Ihnen will ich iseNblstvevstüMich nichts verdien«)*, und üvenn die -anderen Herren ihre Freunde find, an denen auch nichts. Achten Sie ans mich im, Basar. Ich werde Ihnen zu verstehen geben, ob eine Sache preiswert oder zu teuer -ist. Wer Sie dürfen mich nicht verdaten." So kam es, daß wir im Basar van Konstäntinopsl gut und billig kauften. Die christlichen Herren, waren in der* Meinen ,/Türken" geradezu vernarrt. Am liebsten hätten sie Hn auf die Reife mitgöll-ommen. Einmal kam die Rede ans die „Levantiner" kn Konsiantinvpel. Ein ehemaliger deutscher Haupbmann, der während des Krieges in der Türkei gewetjlen war, schimpft« schr auf alle Nicht türken, besonders auf Gviechel* un-d^ Juden. „Schen Sie", sagte er, „die einzigen anständigen Menlschen, aivit denen Wir hier zu tur* haben, sind doch der alte Schiffskommifsionär und unser kleiner Daud von der Großen Brücke. Me anderen begannen* uns doch nach Strich und Fadvl*." ,Ja", sagte ich, „aber der Kommissionär heißt Moise und Da»ld heißt eigentlich David, und beide sind keine Türken, sondern stzauiolijsche Juden." eCuf dem ganzen, langen Woge von Trapezunt nach Crzevum bin ich lkoinon* amzigen Juden begegnet; ein Urnstand, ans don* man 'leicht einen Rückschluß auf die wirtschaftlichen Berihältnisse dicher Gegend ziehen ika-lM. In der Dal gibt es kann* etwas Oedeves und Verlasseneres als don Osten Kleinaisiens. Erst in Erzerun* selbst begogl*ete ich drei Juden, .und diese Begegnung war wieder rein zufällig und m«rLwürdi-g ge»m-g. Ich hatte «dort auf der Filiale der Banque Ottomane zu tun. Der Direktor war nicht anwesend, und ich mußte in* Bovrann* einige Zeit warten. Hier saßol* zjtoe'l türkische Soldaten — es ist im Orient üblich, Konsulaten, Bank«»* und anderen amtlichen Göbäuden «ine militärische Wache zu stellen. Sie bewirteten mich mit Kaffee mrd Zigaretten imb ich versuchte, mit meillen paar türkischen Brocken «ine Uuterhäbt-Ulg anzuknüpfel*, zimral die Leiden pick intckligenter und sauberer a-ussahen als es bei den itürkischen Solda-ton in* allgemeinen der Fall ist. Sie antwortete»* auch gleich in -gn-tem Französisch. Es stellte sich heraus, daß sie zwei Freullde warell, Inden ans Mrianopel, die ö-etzt ihrer Militärpflicht genügten. Der . eine war Kaufmann, der andere hatte bereits ein paar Semester an der Sorbonne studiert. Sie waren dingezogen worden und hMen mit Hunderten anderen Rekruten den langen Weg durch ganz Kleinasien M* Fuß zu'vückgckegt. J-nsotge ihrer viel höheren Bildung fühlten sie sich sehr vereinsamt. „Und was für Dienst machen Sie hier?" fragte ich, denn das „Wachehallten" im Borraum des Bankdivektors kamrt-e kaum -als militärische Tätigkeit angesehen werden, Die beiden waren in der Armeeapochoke beschäftigt. Keiner von ih**en hatte sich zwar je vorher mit Pharmazeutik 'beschäftigt, aber bei dom antzerordentkichen Mangel an Hilfskräften, die neben Losen und Schreiben wenigstens noch «ine Kleinigkeit von Chemie und Botanik verstanden, war man froh, die beiden in der Apochoke zu haben. Ich weiß nicht, ob man im türikischen Hoer auch schon -eimnakl eine „Jndenstatistik" gemacht hat/ Aber ich mußte guvückdellken an die- Kriegszeiten, wo n*a!n im deutschen Heer auf irgendeinen Posten befohlen wurde, wo ein wenig Grips Vonnötvl* war, um dafür nachträglich als „jüdischer Drückeberger" beschimpft zu werden, Der dritte Jude war der Herr Bankdircktor lsckbst, ein Levantiner französischer Abstanrnrnng, mit glatten Marneren, aber schlecht getauft. Wie alle Renegaten, trug er seinen Patriotisnms -m* Knopfloch und überall sonst zur Schau, wo es aufdrinlgUch und geschmacklos .ist. Seine GlaubenAgenossen in Uniform kllijo-nierte -er. Mal* hätte nicht so weit zu reisen bralt'chon, um dieser Type Ku begeglten. Mtan 'findet sie auch hierzulallde. 2. In Persien. Persisch-Djulfa ist die Eiseltbahn-grer*zstation nach Rnßl-a-tld. Ich wartete dort auf den. ivur Möimall iy der Woche ver- M-vendel* Zug. Dabei lernte ich eben jüdischen Kaustnann aus Däbris kenuel*. Es war i>* größerer Goselllsch-aft und er tvar mir dltrch de** biblische»* Nanven ausgefallen; er hätte aber tvotzdell* auch Arnwnier sein können. Ich sprach ihn hebräisch an und er anttoortete erstaunt, brach äber das Gespräch sofort ab. Als wir später eim»* AugerMick allein waren, riet er uitir, «licht un-uötigevweise meine jüdische Astarnmung zu vorratell. „Als Vertreter eil*er großel* europä-ischvi* Zeiltuug wird »uian Sie überall mif Respekt ontpfangen. Weiß man, daß Sie Jude sind, wird man sich Jhll-en gegenüber allephaud herausuchmen." Er pvopheäeite übrigens fatsch: trotzdem ich mm aus einer gewiffon jommcMstischen Neugierde heraus nie gr* erwähnen unterlließ, daß ich Jude sei, konnte ich nicht beobachten, daß dielst Kenntnis die berühmte persische Höflichkeit auch nur um ckne NuM-ce verminderte. ' Bon dielsM Däbriser Kaufmann erfuhr ich einiges über das Leben der Juden in Nordpersien. Es gelht chnen nicht ausgejprochel* schlecht, besonders in materieller Hinsicht, dlber sie l-elben unter einen* ständigen morÄischen kDvuck, der bis vor kurzer Z-elit ab und zu recht handgreifliche Formen annahm. In -Pers-ien herrscht ein beispickloser religiöser Fanatismus, schon in der mohamlnedanischen BevAkerllllig ibefehden sich eine Reihe von Sckten aufs blutigste, -aber gegenüber den Mchtmohammebanerl*, gleichgültig ob Jude oder Christ, vereinigt alle diese feindlichen Brüder die gemeinsame Verachtung. Noch heute darf in manchen persischen Gegenden kein „Ungläubiger" die Schwelle eines schiitischen Hauses ülbeilschreiten, bei Regenwetter muß sogar ein größerer Äbistand beim Borübevgchen gewahrt bleiben, da Wasser für religiöse VerunreiUigung ein „guter Leiter" ist. - ' Diese rckigiöse Gvundftinwmng zur Basis umsangreichcr Erpressungen au Juden und Armeniern zu machen, blieb den „Saids" voribchalten. Ein ,-Said" ist^ein dirckter dtachkomme Mohammeds, entspricht also etwa einem jüdischen Koheir. Nur daß diese Saids «in autzevordeMich lparalsitäres Dasein führen und sich ausschließlich von ihrer Hevligikeit evnä'hrelk. Ein Said geht seelenvuhig in das Haus eines gewöhnlichen Mohanunedaners und bleibt dort so lange, als es ihn* gefällt. Memand wird es wagen, den „HMge** Manü" von der Schtoelle zu weisen, und das, obwohl man genau weiß, daß weit über die Hälfte aller sogenannten „Saids" gerissene Schwindler sind, für deren körperliche und geistige Epistenz der gute, Mohammed keineswegs verantwortlich gendacht werden kann. Aber es ist natürlich schwer, die echten Kinder des Pvophetel* von den Hochstaplern zu unterscheiden, und so duldet -NM lieber beeide, um des Paradieses sicher zu sein. Di-e Saids nun haben -lange Zeit die Dranigisalievnn-gen von Juden und Armeniern zu -einem sehr lukrativen Geschäft gemacht. Sie fordevten Tribut und wiegelten die Umwohner auf, wenn er Veckveigert tvurde. Seitdem der jetzig« Diktator Persiens, der Sirdar Riza Chan, -am Ruder ist, wurde den S-aids das Handwerk ein-igermaßen .gelegt. Denn diüser -.-persische Napoleon" weiß, daß er den Widerstand der Geistlichkeit brechen muß, um fein« Refovmplän« durchführen zu kölmen,

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