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Wiener Morgenzeitung · 1925-05-23 · Heft 2247 (23.5.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2247 (23.5.1925)
Date
1925-05-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wiener Morgenzekturrg. 23. Mai 1925 HoUandiiraite 14 der wirtschaftlichen Situation Oesterreichs gesucht werden. Das ist das einzige praktische und verwendbare Resultat dieser Debatte und daiitit tritt auch der Gcdanke der wirtschaftlichen Annäherung der Donanrepublik an ein größeres Wirtschaftsgebiet wieder tit den Vordergrund. Ob man dies ans Italien oder auf die kleine Entente bezieht, stets zeigt sich, daß der Zusammenschluß der Zwcrggcbiete zu einem. einheitlichen Organismus in der politischen Vorstellung immer wieder autaucht. Die Dvnaufoderation wird dementiert, die Zollunion gleichfalls. Es muß für den Kern des Gedankens eine andere Form gefurrden werden, und die bevorstehende Berhandlrmg des Völkerbundes wird sich mit dieser Frage in irgend einer Weife zu befassen haben. Es ist freilich wenig verlockend, in ein engeres Verhältnis zu diesem Staate zu treten, der innenpolitisch durch die Existenz bewasfrteter Banden aufs äußerste bedroht ist. Es besteht ein Zustand, der sich kaum länger halten könnte, wenn die Behörden einfach das Gesetz anwenden. Wir haben in Oesterreich außer der Wehrmacht noch eine, wie sich zeigt, sehr starke belvaffnete Organisation, deren einziges Programm der Bürgerkrieg und der Mord ist. Die Gefechtsliste wächst beunruhigend an und es ist, von vereinzelten Fällen abgesehen, nunmehr schon das viertemal der Fall, daß .Kriegshandlungen in größerem Format vorgenommcn tvurden: Exelberg, Spillern, Korneuburg, Mödling. Dieses Problem besteht nur infolge der Verwilderung der politischen Moral, infolge der''Angst der Behörden vor dem Terror und infolge der Lässigkeit der großen Parteien, der Christlichsozialen und der Sozialdemokraten, die die Gefährdung des Staates nicht sehen wollen. Wir sind so weit gekommen, daß die Hakenkreuzverbände ganz offen ein System der Repressalien betreiben. Erst wird die Technik für jüdische Studenten als Repressalie gesperrt (der Rektor hat noch keine Untersuchung durchgeführt), dann wird in Mödling als Repressalie ein förmlicher Sturmangriff auf eine wehrlose Menge unternommen. Der Minister eines Nachbarstaates wird mit Demonstrationen bedroht, auf den Straßenplakaten der Judenmord gepredigt. Wir sind auf das Niveau Ungarns gekommen und teilen seine Behandlung. Oesterreich ist isoliert lind wird cs bleiben, solange hier das geltende Gesetz als ein Fetzen Papier betrachtet wird. _ Ser Garantrevatt. Oesterreich bleibt selbständig. London. 22. Mai. (Tel.-Komp.) Wie „Daily Telegraph" erfährt, hat 'das englische Außenministerium die Stellungnahme der englischen Regierung zu den deutschen Sicherheitsvorschlägen in einem Memorandum festgelegt, das nach folgenden Gesichtspunkten gegliedert sei: England stimmt dem Eintritt Deutschlands in den V ö l ke r b u n d mit gleichen Rechten und Pflichten zu, sobald es seine Vertragsverpflichtungen, die sich auf die Westgrenzen beziehen, durchgeführt habe. Der Sicherheitsverrrag dürste in bezug auf die deutsche Ost- und S ü d g r c n z e keine Aenderung des Versailler Vertrages vornehmen. Andererseits verpflichtet sich England, keine Atlianceverpflichtimigen für den Fall eines Krieges in Europa cinzugehen. England stimmt ferner einer Abänderung der B c st i m nt u u 0 c u des Versailler Vertrages über den Status O e st c r r e i ch s ni cht zu und will int besonderen von einem Anschluß Oesterreichs an Deutschland nichts w i s s e ii. Der wichtigste Punkt sei die Frage, welche Stellung England in einem Kriege zwischen Deutschland und einem östlichen Alliierten Frankreichs einnehmen würde, insbesondere die Frage, ob Frankreich das Recht hätte, in diesem Falle in das Rheinland einzumarschieren, um seinen östlichen Alliierten beizustehen. Diese Frage werfe sich besonders deshalb auf, weil in allen zukünftigen Sicherheits- Verträgen das Rheinland entmilitarisiert werden dürfte. Marschall French gestorben. London, 22. Mai. (Reuter.) Feldmarschall F r c n ch ist fl eft ov ticit. (French, der sich im Biirenkrieg als Kommandant der englischen Kavallerie ausgezKchnet hatte, wurde, als im Weltkrieg England an die Seite Frankreichs trat, Befehlshaber des sogenannten englischen Hilsstorps, das an der französischen Küste landete und den äußersten linken Flügel der französischen Armeen deckte, jedoch anfänglich mit wenig Glück kämpfte. Er hat dann durch die gegen den Willen des Königs der Belgier vorgenommene Durchstechung der Deiche bei Mern die deutschen Operationen zum Äe-Hen gebracht. Später wurde French Liberkommandierender der englischen Streitkräste. Rach dem Krieg gehörte er als ständiges Mitglnd dem Obersten Rat an. Sein Gutachten über die M a n d a t s g e b i e t e im nahen Osten war maßgebend für die Konferenz in San Remo, ivelche bekanntlich auch die Balfour-Deklaration bezüglich des Mischen Nationacheims in Erez Israel international cmen (amte. «*» Me Red.) " Kr. M7 Dar Gefecht in der Rordpolftraße. Ser Hakenkreninnfmarsch in Mödling. Die Vorfälle, deren Schauplatz das Arbeiterviertel von Mödling in der Nacht auf Donnerstag luar, sind in ihren Einzelheiten noch ziemlich unaufgeklärt. Ini großen und ganzen ist aber die Angelegenheit vollkommen klar, so klar, wie alle ihre Vorgänger, die bereits eine stattliche Lifte bilden. Die mit Stahlhelmen, Bajonetten und Feldspaten ausgerüstete ii a t i o na lsoz ia list i s che F o r m atioii war am E i chkog e l bei einer Feier gewesen — nach einer Version bei einer Totenstier, nach einer anderen bei einer Hindenburg-Feier. Sic marschierte von dort statt nach dem zunächst gelegenen G ii nt poIdsk.irchc it nach Mödling. Dort wurde ein Teil nach Wien cinivaggonievt, nachdem in der Elisabethstraße eine Defilierung vor dem Frontkämpstrobersten Hiltl stattgesunden hatte. Da dieser Oberst von einigen bisher nicht eriiierbaren Personen, weil er zu schnell fuhr, voin Motorrad herabgeworfen tvordeu tvar, tvurde eine Abteilung zu einem Rachozng über die Ei senbahn brücke nach F ü n f h a üs, der Arbeitersiedlung, angesetzt. In der schlecht beleuchteten Gegend kam es nun zu einer Rauferei und im Anschluß daran zu einem Salvenfeuer der Hakenkrenzler. Was den un mit leitbaren Anlaß zu dem Zusammenstoß bildete, ist noch dunkel. Der hiebei schwer verwundete Gemeinderat Müller, Vovmeister der Schuhfabrik Beka, ist gestern gestorben, die sonstigen Zeugen des Vorfalles flüchteten und konnten bisher nicht einvernommcn werden. Doch ist festgeistellt, daß die . von der Nordpolstraße zur Ma nag e ttag affe Ge im Hyrtlschcn Knabe iNvaiseirhans) vorbeimarschierende Truppe 200 Mann stark tvar und unter Kommando des Wiener Autogaragenbesitzers S t e i n g r n b e r, eines gebürtigen Modlimgers, stand. Steingruber ist d^r'Scchn eines Rittmeisters und legte sich den Titel eines Oberleutnants bei, obztvar er nur EinMrig-Freiwilliger- Infan-terist toar und i m Hinterland H ilfsd i c n st c g e L e i st 11 hat. Dieser Frontkämpfer scheint mit einigen Arbeitern in Streit geraten zu sein. Plötzlich gab er das Kommando: 1 „Links Front, Sturm! Reserven vor! Schützen schießen!" In der Feuersalve, die nun folgte, sank er selbst, von einem Schuß s ch w e r verletzt, zusammen. Das zweite Opfer war Gemeinderat Müller, der eine Schuß- Verletzung, vier Stiche und Prngelschläge — alle von rücktoärts — erhielt und, schon auf dem Böden liegend, furcht- 'bar zugerichtet tvurde. Die .HakeNkreuzler schleiften ihn durch die dunkle Straß«, brachen ihm den rechten Arm und schnitten ihm einen ’■ Daumen Weg. Diese Gefechtsformation war der Bund „R h e i lila nd" aus Wien, der Nachfolger der angeblich im Vorjahre aufgelösten Roßbach-Truppe. Von seiten der bisher einvernommenen Mitglieder dieses Verbandes wird erzählt, daß auf der Brücke e i it M a n n . m'i t einer w e i ß e n S ch ü r z e auf sie geschossen habe. Was a>ber diese Leute bei der Brücke, die sich schon allseits vom Bahnhof gegenüber dem Brunner Brauereigaschaus befindet, zu suchen hatten, ist nicht aufgehellt. Der Bahnhof liegt v o r der Brücke. Rebereinstimmend wird erzählt, daß zur Zeit des Aufmarsches der .Hakenkreuzler die Straßen bereits leer tvaren und daß Peine Provokation von sozialdemokratischer Seite erfolgt ist. Die.Hakenkreuzler Chatten vor ihrer Feier der BczirkÄhauptmann-schaft die Zusage gegeben, in vollster Ruhe zmn Bahnhof zu mauschieren und jeden Konflikt zu vermeiden. Wie sie ihr Wort gehalten haben, zeigt ihr Ma r sch über d i e Brücke. Sie haben in der dunklen Straße wie toll geschossen. Es konnten fünfzig Schnßmerkmale an den Häusern -und an den. K a st a n?i e nid ä u m eil konstatiert werden -und etwa vierzig a u sg e s cho sse n e H ü l s e n tvurden gesunden und hei der Bestrkshauptmannschast hinterlegt. Müller geftätbeu. Allgemeine Arbeitseinstellung in Mödling. Aus Mödling wird uns berichtet: Der in der Nacht auf Donnerstag schwer verwundete Gemeinderat Müller ist gestern nachmittags im Mödlinger Krankenhaus g estorben. Er sollte operiert werden, erwachte aber nicht mehr aus der Narkose. Die Nachricht von seinem Tode verstärkte noch die tiefe Erregung, in der sich die Stadt seit Donnerstag befindet. In allen Fabriken und Betrieben legten die Arbeiter nach einer Verständigung der Arbeitgeber die Arbeit nieder und zogen in das Arbeiterheim, wo eine Trauerversammlung stattfand. Auch die Arbeiterschaft der Umgebung kam zu dieser Feier. Steingrnber operiert. Ueber das Befinden Steingrnber § * wird nnS mitgeteilt: Ter Verwundete, der einen f ch w e r e n Bauchschuß ausweist, wurde Mittwoch nachts der Klinik Ho che ne gg übergeben. Er wurde noch in der Nacht vom Polizeiöberkomnüssär Dr. L e m i s ch «invernommen. Gestern wurde Swing ruber von dom Assistenten Hocheneggs, Dr. Mandl, operiert. Hiebei Wurde ein Stück -es DgMes entfernt. Das Projektil je löst befindet sich noch im Körper. Der Zustand bell Kvanben ist entsprechend Len Umstanden nounak. Gin Schütze eruiert. Die Korrespondenz Wicholm meldet: Die Erhebungen über den Dorfall, der sich <wn 21. d. in Mödling im Anschluß an eine völkische Gedenkfeier ereignete und bei tvclchem der Mödlinger Gemeinderat Leopold Müller und der Wiener Autogaragenbesitzer Roland Steingrnber schwer verletzt tvovdenfind, werden von der Beziirkshanptmannschafi und Gcndarm c r i c in Mödling, bezichnngstveife vom U-ntersnchnngsrichtcr dortselbst geführt. Die Wiener Polizeidiroktion ist auf Ersuchen der nicderösterreichischen Landesregierung damit beschäftigt, die Angehörigender in Betracht kommenden Gruppe des Wehrvcrbandes Rheinland zu perlnstrieren und diejenigen zu erforschen, welche an der Gedenkfeier in Mödling teilgcnommen haben, und um Wetter festznstellen, ob und inwieweit diese an deni Voifall selbst beteiligt tvaren. Bisher ist bereits das La st au to, welches die Mitglieder -des Wehrverbandes Rheinland zur Fahrt benützt halben, festgestellt -und eine größere Anzahl Teilnehmer ansgeforscht worden, von denen sich noch einige in P r ävent-ivhaft -befinden. — Wie die Wiener Pol-izeidircktion mitteill, tvurden von den seitens der Polizeidirektion an'sgeforschten und perlnsttierten Mitgliedern des Wehrverbandes Rheinland bisher vier, und zwar der Privatbeamte Ferdinand Rappel, der Bautechniker Friedrich Bartels, der Student Eduard Waidhas und der Schriftsetzerlehrling Rudolf Meißel, welche sich zur Zeit des Zusammenstoßes in der unmittelbaren Umgebung des Stemgruber befanden, zur Verfügung de« Untersuchungsrichters in Haft genvmmen. Bei einem der Angehaltenen erscheint die unmittelbare Beteiligung bervitZ nachgetoiefen. Die Rechercheir zur Eruierung der Schuldtragenden werden i n stetem E i n v e r n e h m e n mit den Mödlinger Untersuchungsbehörden ans ldas erfvig.ste fortgesetzt. ' Die Verhaftungen in Mödling. Die Brüder Steingripber. Wie der Korrespondenz .Hsrwei. ans Mo dl im g derichtei wird, haben die Gondarme-u bisher fünf Verhaftungen vovgenommen. Es wurden verhaftet: Eduard W a g n e r, Karl K raat s, Leopold T 0 m ä n n. B r c nt e l und der B nt der des verwundeten Roland Steingruber, der 23jä>hrige Woilisgang Steingruber. Dieser gestand, .daß er auf den bei der Schießerei so schwer verwundeten und inzwischen bereits gestorbenen Gemeinderat Leopold M ii l il e r mit dem Stock geschlagen habe und daß sein Bvnder Roland auf Müller mit einem Spaten eingehaucn habe. Aus dieser Aussagc güht hervor, -daß' .R-oland Stnugruber die Verwundung zu einer Zeit -bekommen l-aben nmß, in der Müller bereits auf der Straße medergeschlaigeri «tvar. In Mödling tvivd anch erzählt, daß der Führer der Frontkämpfer Oberst Hiltl im Gasthaus Diegler die .Hakenkrenzler aufgefordert haben soll, gegen das Arbeit e r v i e r t e l z u z i e h e tt. Ferner wurde festgestellt, daß an dem Uebevfall ein Johanin K o h l f e l l n e r und ein gewisser Stockinger teilgenommen -haben. Letzterer soll auch an der Schießerei beteiligt gewesen sein. . Als die Nachricht von dem Tode des Gem-einderates Ätüller in Wien einlangte. wnrde ans dem sosiaVdomokraiischen Parteihaus, Rechte Wienzeile, die Trauerfahne gehißt. In Mödling haben das A r b e i t e rh e i m und daS Rathaus die Trauerfahnen anfg-ezogen. Die Ankündigung der Schiefterei. Die Vorfälle in Mödling »raren angesagt und die Be» Hörden hätten bei einiger Umsicht die nötigen Maßnahmen treffen können. Am 15. Mai hatte das „Nachrichtenblatt des völ-krfchsozia-len Studentenblock3", das in der Technischen Hochschule in Wien herausgegebeu wird, eine Rauferei bei -der Straßen'bahnhaltchelle Nußdorfevstraße, bei der ein deutscher Student angeblich von sozialdemokratischen Ordnern verletzt worden war, zum Anlaß genom'tnon, in einem Aufsatz das Folgend-e zu schreiben: Am 5. Mai 1925 konnte es sich in unserem „Freistaate" ereignen, daß toehrlose deutsche Stu-denten von einer durch jüdische Niedertracht aufgehetzten Meute planmäßig überfallen und schwer mißl-andelt -tvurden. Es lebe die Freiiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Und willst du nicht mein Brüder sein — so Han' ich -dir den Schädel ein! Deutsche Studenten sind ja vogelsrei — i n dieser internationalen Iudenstadt! Aber .nur Geduld!... Es toird der Tag kommen, wo es keine „Rote Garde" mchr »vagen »vird, deutsches BW zu vergießen und einen niedergeschlagenen hlon-- d e n Studenten mit Füßen zu treten! Bis dahin aber gilt es. die Zähne zusammenzubeihen und die Bitterkeit hinunter zu schlucken, daß eS deutsche Arbeiter waren, die sich zu solchem Henkevshienst für jüdischen R a ch e d n r st hergaben. Deutsche Arbeiter? Nein! In dieser gibt es Hnnderttansende von Kötern, - Nichtwissen, welchen Bl lüte H

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