Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2246 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Wien, Freitag_ Wiener Morftenzeituna._22. Mai 1925_ Nr. 204f Mussolini gegen den Anschluß. Set italienische Premier Ster die Wahl Hlndenburgr. Rom, 20. Mai. (Stefan:./ Au: Schluffe der Senats Seite 2 politische Mündigkeit, noch ehe sie erworben ist, zu nehmen. Dort, wo wir ein historisches Recht besitzen, ivo unser Recht vom Völkerbund anerkannt worden ist, soll wieder nur ein Ghetto entstehen, wieder nur schmähliche Duldung gestattet sein. Irr unserem alteii Vaterland! Es versteht sich von selbst, daß wir auf ein Konkpromiß angewiesen sind, so sehr wir auch erkennen, wie schwer es ist, int Rahmen eines Kompromisses den Kurs auf das Ziel zu halteii. Diesetr Rahmen her zustellen und ihn elastisch zu gestalten war die Aufgabe Samuels ilnd wenn wir diesem Lichte der letzte»: Tatsachen betrachten, so ntüssen wir ihnt Dank rmd An erkennung für sein rastloses Mühen zollen. Aber mir müssen feststellen, daß das, was mir von dem Völkerbund und seinem Mandatar zu erwarten berechtigt waren, nicht erfüllt wurde. Es zeigen sich Bestrebungen, den Sinn des Mandates immer mehr zu verdunkeln. Herbert Samuel trägt daran wenig Schuld, cs sei denn die, daß zwischen seinen: jüdischen Herzen und seiner englischen Fltnktion stets ein schwerer Konflikt bestand. Daran mag den Umstand die Verantwortung treffen, _ das; seine Aufgabe nicht Präzise umschrieben war, daß seine Instruktionen von England, iiicht aber von: Völkerbund kamen. Wird dieser Mangel bei dem neuen Mann behoben werden? Das ist einstweilen noch eine offene Frage, die die Zionistische Exekutive sehr bald wird klarstellcn müssen. Wie iirnner die Dinge liegen mögen, sicher ist aber schon, daß das Schicksal der jüdischen Heimstätte heute ohne das jüdische Volk nicht lnchr entschieden werden kann. Der Palästinagedankc hat sich die Majorität der jüdischen Masse erobert. ES kommt weit mehr auf uns an als auf andere Faktoren. Jüdische Menschen, jüdische Kraft, jüdischer Geist und jüdischer Aufbauwille sind an der Arbeit. Verstärken wir die Einwanderung, stützen wir die Pioniere, durchdringen wir das Land — und es braucht uns vor keinem Teufel zu bangen. Je energischer wir arbeitet:, um so sicherer wird unsere Position. Re Wahrheit über Bulgarien. Ein Vortrag Dr. Oskar Rosenfelds. Der -mazedonische Mord im Burgtheatcr sowie die kürzlich in Bulgarien erfolgten terroristische,r 'Aktionen, darunter -das große Bombenattentat in der Sofioter Kathedrale, -haben das Interesse für Bulgarien auch in nichtpolitischen Kreisen erweckt und die Aufmerksamkeit auf den Balkan gelenkt, der feit jeher der Herd außenpolitischer -Verwicklungen für Europa gelwesen ist. De-sto größere Aufmerksamkeit mußte unter den .gegeuwärtigen Umständen der Vortrag unseres Mitarbeiters Dr. Oskar Rosenfeld erwecken, der den Balkan lange Zeit hindurch studienhalber -bereist hat und auch Augenzeuge der jüngsten tragischen Vorgänge in Bulgarien gewesen ist.. In überaus anschaulicher rmd informativer '.Weise entwickelte der Vortragende zunächst die politischen Strömungen vom Friodensschluß bis zur Errichtung -der Bauernregierung S t a m b u I i i s k i, dessen Organisatior: des Bauernstandes und agrarreformistische Bestrebungen zunächst eine Wendung in der inneren brclgarischen Politik, in weiterer Auswirkung auch eine Veränderung in der außenpo l itischen Einstellung Bulgariens zur Folge 'haben mußten. Stambnliiskis Plan, die Kleinbauern durch eine festgefügte Organisation zu einem einheitlichen regierungsfähigen Block umzugastalten, durch Zerstückelung der Betriebe den Bauer zu proletarisieren llnd in ihm dadurch eine linksradikale Gesinnung zu wecken, brachte zunächst eine Entfremdung zwischen Stadt und Land, zwischen Bürger und Bauer, zwischen städtischer Intelligenz und -bäuerlicher Primitivität, deren soziale '.Nachwirkung heute noch zu spüren ist. Damit 'begann zugleich auch ein aktiver Kampf gegen die Bourgeoisie, die immer noch trotz des verlorenen Krieges an ihren imperialistisch-nationalistiichen Tendenzen festhielt und dadurch den Gegensatz innerhalb dieser zwei Gruppen so sehr verschärfte, -daß ein Kompromiß nicht mehr möglich war, zumal die Politik Stambuliiskis in ihren letzten politischen Konsequenzen zu einer bauernsozialistischen Republik und damit zugleich zu einem Aufgehen des bulgarischen' Staates in einen großen föderalistischen Balkanbnud führen nmßte. Wir sehen im geheimen eine Vereinigung aller Stambnliiski-Gegner, und zwar der sogenannten bürgerlichen Parteien, der Militärliga und der m azedo nischen A u tonomi st e n, die sich zu einer Gruppe „Naroden Zgovor" (Nationale Eintracht) zusamtnenschließen und sich zu einer Opposition verdichten, die schließlich am 9. Juni 1923 den g-stvaltsamen Umsturz der Baueruregierung und die Ermordung des Bauernführers Stambuliiski herbeiführte. Vorerst verbleiben die Bauernabgeordneten in der Kamnwr. Die Versöhnungs- Versuche der neuen Regierung, an deren Spitze der Universitätsprofessor Alexander Zankow steht, scheitern, und erst nach dem blutig unterdrückten Septeinberaufstand, a-n welchem alle malkontenter: Elemente, die Agrarier und deren linksradikäler komntunistischer Flügel, die Kommunisten, terlgenommen hatten, kommt es zu einen: offenen Kamps, zu einer Verschärfung der Wiaßnahrnen gegen die dcbatte über das Budget der Anßenamtes gab Ministerpräsident M u s s o l i n i Erklärungen über die Außenpolitik der Regierung ab. Er wies darauf hin, daß die europäische Politik sich seit einigen Monaten in einer Periode des Stillstandes befindc', vor allem lvegen der französischen und der belgischen sowie wegen der deutschen Krise, die in der Wahl Hiudenburgs diii» Ausdruck gekommen sei. . Die italienische Regierung habe' sich durch die Tatsache nicht beunruhigen lassen, daß 15 Millionen. Deutsche für den Felbmarschall gestimmt haben, der die deutsche Armee während des Krieges geführt hat. Redner sei der Ansicht, daß man von dem F a i t a c c o m p l i der Wahl Kenntnis nehmen müsse, zumal Hindenbnrg »dicht als Sieger nach einem Putsch in Berlin eiugczogen fei, sondern auf Grund der gesetzmäßigen Willensäußerung von 15 Mllionen Deutschen. Die Wahl Hiudenburgs sei als das Ergebnis der zweifelhaften, sich widersprechenden und uneinheitlichen Politik der Entente seit dem Friedet: vor: Versailles a»:zusehen. Nach Besprechung der Kolonialfragen sowie der Beziehungen zlt Jugoslawien und Rußland, ferner der Ereignisse in Bulgarien kam Mussolini auf den Garantie- Pakt zu sprechen und legte den Standpunkt der italienischen Regierung folgendermaßen dar: Die italienische Regierung ist ' für den Eintritt Deutschlands in der: Völkerbund und auch dafür, daß Deutschland einer: ständigen Platz im Völkerb u.it brat erhält. Es kann nicht ai: einen Garantie- Pakt zu dvitt gedacht tverder:, sondern ein solcher rnüßte niindesteus van fünf Partncrn abgeschlossen lverden. Ich tväre dafür, fuhr Mussolini fort, daß eil: solcher iFünferpakt und eventuelle andere Garantiepakte unter den Schutz des Völkerbundes gestellt werde:: sollten, an dem auch Deutschland teilhaber: tvürde. Nicht nur die Rhein grenze rt:uß garantiert Werder:, sondern auch die B r e n n c r g r e n z e. Bei diesem Artlaß muß ich der: Standpunkt der italüemschen Regierung i-r: der Frage der Propaganda festleger:, die inan in O csterr e r ch und D e u t s ch l a n d zugunsten des A ns chlusses betreibt. in der zla,mir«er nicht vertretene Opposition, welche die Regierung eine illegale nennt. Das Gesetz zum Schutze des Staates, gegen treffen Tücken sich die vereinigten bürgerlichen Parteien unter dem Schlagwort „Dendokra titschest: Zgovor" erfolglos gelven-det haben, gibt von nun ab der Negierung, hinter der die scharfmacherischen Militaristen stehen, die Möglichkeit, auf dem Wege der „gesetzlichen Ordnung" jode Opposition zu unterdrücken. Inzwischen hat der links radikale Flügel der Agrarier, das Zentralkomitee der bulgarischen Komn:nnisten, sowohl von Moskau als auch von den nach Serbien geflüchteten Agrariern, die Emigranten genannt werden, reiche Unterstützung an Geldmitteln und Waffen erhalten. Immer mehr steigert sich die Spannung zwischen den 'beiden Lagern zu einer chronischen, die von Zeit zu .Zeit zu Explosionen führen muß. Die Unmöglichkeit eines Kompromisses zwischen der reaktionären Regierung und den sozialen Bestrebungen der illegalen Opposition ist die Ursache der letzten blutigen Attentate, die mit der Ermordung des mazedonischen Autonomisten Prof. Nikola Milew begonnen und vorläufig mit der Bombenexplosion in der Sofioter Kathedrale geendet haben. Jetzt bietet «sich der Regierung die Gelegenheit, ein für allemal mit den Gegnern altzurechnen. Sie. dekretiert, das St andre ch t, macht den Zaren, der das Kabinett durch Heranziehnng der linksradikalen Elemente rekoldstruieren will, nmndtvt und inszeniert einen Mi litärgerichtsoroze ß, nicht um die Schuld der Attentäter festzustellen, ändern um öffentlich alte Fäden der geheimen konspirativen Union der Agrarier und Kommunisten aufzndecken und zu zeigen, daß ein -bolscheilvisiertes Bulgarien eine. Gefahr für den Balkan und in weiterer Folge für den- Frieden Europas sei. Tatsächlich -hat die Verhandlung vor dem Militärgericht, der der Vortragende boigewohnt hat, die intensive unterirdische Propaganda zun: Sturz des gegenivärtigen Regierungssystems klar erwiesen, sie 'hat auch einwandfrei die Mitwirkung Moskaus und der Emigranten klargestellt. Diese Situation wurde zunächst dazu benützt, um eine E r h ö h u u g des Militä rko ntingents bei der Botschafterkonferenz zu erlangen und dadurch zugleich auch die Militärmacht soweit zn -'türken, daß sie sich zur Militärdiktatur auWwiugeu konnte. Mit Ausnahme der kleinen Gruppe der Sozialisten halben alle Parteien in der Kammer die Maßnahmen der Regierung gebilligt, aber es ist zu erwarten, daß sie nach Aufhebung des Ausnahmszustandes versuchen werden, die administrative Gewalt den Hän- Der Anschluß kann nicht zugelassen Iverden. Die deutsche Regierung selbst hat erklärt, daß sie nicht beabsichtigt, eine derartig Frage aufzulverfen, aber andererseits ist eine sehr rege Propaganda im Zrvge, um Bew e g u » g e u der öffentlichen Meinung hervvr- Mrufeu, von denen man glaubt, daß sie im geeigneten Moment uunüderstehlich sein würden. Italiien konnte die Verletzung der Friedensverträge, die in eiucr A u i: c x.i on Oesterreichs durch Deutsch« land läge, niemals d:ckden. Eine solche Annexion würde die parodoxc Lage Hervorrufen, daß gerade Deutschland die einzige Ration wäre, die ihr Gebiet und ihre Bevölkerung vermehren und so den stärksten Block in Mitteleuropa schaffen würde. Die österreichische Regicrung ist in ihren Beziehungen zur italienischen Regrcrlmg.schr korrekt und verfolgt eine Freundschaftspolitik, aber es «ist *inKbesondere angesichts des Entgegenkommens Italiens gegenüber Oesterreich Peinlich, geiviffe Aktionen der Presse und der öffentlichen Meinung zu beobachten, die auf das Alto Adige abzielen, das bleiben muß, wie -s ist, weil wir die Festsetzung der Brennergrenzc als unwiderruflich betrachten und sie um jeden Preis verteidigen werden. In Besprechung der Schuldenfrage erklärte Mussolini, die Schuld Italiens belaufe sich auf 100 Al i lliarden Papierlir e, wovon 50 Milliarden ans die Bereinigten Staaten entsallcn. Nach den Erklärungen des Minifterpräsidenten tvurd: das Budget des Aeußern vom Senat angenommen. England und die Anschlußfrage. Paris, 21. Mai. Der Londoner Korrespondent des „Echo de Paris" meldet, England habe von Frankreich nähere Mitteilungen verlangt, wie es sich zu dem fakultativen Schiedsvertrag verhalte, aus dem zahlreiche Schwierigkeiten entstehen könnten, da Deutschland an eine Grenzrevision gegenüber Polen, der Tschecho-Slowakei und Oesterreich denke. Ferner sei es »vahrscheinlich, daß das englische Kabinett die Haltung der französischen Regierung zu der deutsch-österreichischen Anschluß frage gemäß Artikel 80 des Versailler Vertrages kennnen zu lernen wünsche. den der Militärpartei zu eutreißen, so daß .es, soll die,Pazifizierung des Landes gelingen, zu. einet) vollständigen Umgestaltung des Kabiinests konünen irstuß. Die Erschütterungen, denen Bulgarien durch die blutigen Parteikoüslikte noch intimer ausgefetzt ist . und deren Keine in dem ungerechten Friedsnsvertrag liegen, waren bisher nicht imstande, die Vitalität des brrlgaiüschen Volkes zu brechen und die gesunde Volkswirtschaft z:v ruinieren. Dieser glückliche Umstand ist zunächst aus -den Bodenreichtum dos Landes zurückzufühven, das inr Vorjahr Bodenprodukte im Werte von omigen Milliarden Lewa ausfnhrte, ferner auf die Tüchtigkeit und Solidität der Kan sma nuschast, die >bei allen politischen Eruptionen da's Vertrauen ihrer ausländischen Gläubiger, .nicht vertorelv 'hat, und schließlich "auf die strebsame Intelligenz der Jugend, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, die Errungenschaften der europäischen Zivilisation ihrer Heimai zugänglich zu mache>l. Au: Schluß seines Vortrages betonte Dr. Roseus e l d, daß das bttlgarische Volk das vollständige Vertrauen Europas verdiene und daß u:an es für die Wütigen Akti-onen einzelner einander befehdender Grrlppen nicht vera u -t iv o r t l i ch inachei: könne. Die Zuhörer, unter denen sich auch bedeuten'de politische und kommerzielle Pevfönlichkeiten befanden, nähme:: den instruktiven und zum Teil auch kritische:: Vortrag über Bulgarien mit großem Beifall auf. _ Wiederwahl der Sowjetregierimg. Moskau. 21. 2)tai. (Nuss. Tel.-Ag.) Das Zentralexekutivkoulitee der Sotvletunion hat den Rat der Volkskom« m i s s ä r e ln seiner geüxrnvärtlgen Zusammensetzung w i e berge tv ä h l t. _ i $fe Sejmdebatte über die Konzesfionen verschoben. Warschau, 2V. Mai. (I. T.-A.) In der Sihnng vom l0. a. wlrrde das Budget in dritter Lesung angenonlm>ett, nachdem -der Mißtranettsantrag des jüdischen Parlamentsklnbt abgelehnt worden war. Die jüdische Iuterpellativil betreffend die Annulliernng der lneist in jüdische» Händen befindlichen Konzessionen fin den Berkanf von Tabak und Spirituosen kante»: nicht mehr zur Berhändluug, weil sich der Sejm-Marschall dagegen wehrte Der Referent der Regiernng crjchien nicht. — Die Fragen der jüdischen Weltpolitik I die Montagsausgabe der „Wiener Morgenzeitung“ Diskussion über den XIV, Zionistenkongreß