Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2246 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien: Zum Abholen ladet Expedition, IL Taborstr. 1-3, oder in einer VcrschlelsateJle fTraftk) monatl. 5 Schilling Süassenvcrkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Ool dschmied,!., Wotlzelle 11 Mit Pcstversand för Wien und Oesterreich monatlich S Schilling Tech echo-Slowakei: Mon. K22. Jugoslawlen; Mon. Din. 60. Pol en: Mon. 4Zloty Deutschland: Mon. Om. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Pres. 18 Nachsahltmgen bei Preln evbftbttngen rorbehaUea Wiener lllorgfitjeitun« IPress LS al England: Mon. 4 Schilling, Ital i en: Monatl. 18 Lire, Rumänien: Mon. 170 Lei, Bulgarien: Mon.IOOLewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion. Administration; Wien, II.Taborstr.t Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätssirasse 6-8 (Druckerei lg. Steinmanm Oesterreichlsches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 2246 asten, Freitag. 22. Mal 1925 7. Jahrgang Ser neue SberkommiffSr von krez Skael. »«»» tzeidrrl «Mul» CmIoB $[nratt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London 21. Mai. Gestern wurde im Zuge des ge. genwartSg stattfindenden Revirements in der hohen englischen Auslandsbureaukratie auch der Name des zukünftigen High Commissioner für Palästina bekannt. Cs ist der Over, kommandant von Malta, Baron Herbert Charles Onslow Plnmer. Er ist im Jahre 1857 geboren und trat 1876 in den Militärdienst. Er war längere Zeit Oberbefehls, hckber in Sttdofttka und im Sudan. Im Jahre ISIS wurde er zum Feldmarschall ernannt und in den Adelsstand erhoben. Er erhielt den Beinamen „Baron of Messknes and of Bilton". Im Krieg kommandierte er bis zum Jahve 1817 die britische zweite Armee tytb sodann bis März 1918 hie englisch-italienische Expedition^- armee. v)s April ISIS war er bei einem höheren Kommando am AM und wurde iw Juni ISIS zum Oberkommandanten vonMalta ernännt, ln welcher Stellung er sich derzeit noch befindet. Sein« Frau ist eine geborene Goß. RachMchesFeuergesecht in Mödling. Mn vLuMev Znfammenstoß zwischen HnkenkVeu-lern und- Sozialdemokraten. Zwei Schwerverletzte. Die Niederösterreichische Landeskorrespondonz berichtet: Mittwoch abends, nach Einbruch der Dunkelheit, fand, auf dem Eichkogel bei Gumpoldskirchen eine Toten-. gchenkseier völkischer Bereinigungen unter Beteiligung von Frontkämpfern statt. Die Frontkämpfer, welche dieser Feier beigewohnt hatten, marschierten geschlossen zum Mödlinger Bahnhof, um mit dem um 23 Uhr 7 Min. abgehenden Zug nach Wien zu fahren. Abgesehen von einigen Reibereien zwischen der Vorhut und neugierigen Passanten und Jugendlichen verlief die Abfahrt nach Men ohne Zwischenfall. Nachdem bisse Gruppe mit dem letzten Zug Mödling verlassen hatte, kam aus einem Gasthof in der Altstadt ein Lastauto, vor dem als Vorhut eine Gruppe von Angehörigen des Wehrverbandes „Rheinland", welche mit S t a h l h e l m e n versehen waren, marschierte. Auf dem Lastauto befanden sich teils Uniformierte, teils Zivil und einige weibliche Personen. Angeblich um einige Mödlinger, insbesondere Damen, gesichert nach Hanse zu bringen, schlug die Formation die Richtung gegen den Bahnhof ein. Beim Bahnhofplatz angelangt, bewegte sich die Formation über die Eisenbahnbrücke und machte bei -ex Nordpolgasse auf ein Kommando halt. Daraus fielen drei Schüsse und nach kurzer Panse folgten einige Salven. An den Alleebänmen, Hauswänden und Bretterzäunen wurden zirka fünfzig Einschüsse festgestellt. Bis jetzt steht fest, daß diese aus zirka dreißig Personen bestehende Gruppe, einige in der Nordpolgasse befindliche Passanten, unter denen sich der sozialdemokratische Gemeinderat und Obmann der Lokalorganisation Müller befand, tätlich angegriffen hat, wobei Müller schwer verletzt wurde. Fest steht weiter, daß auch -er Führer der Wehrverbandsformalion eine schwere Schußverletzung erlitten hat. Müller, der mehrere Hiev- und Stichwunden er. hatten hat, wurde durch das tatkräftige Einschreiten der Gendarmerie den Angreifern entrissen« Er wurde Im Mödlinger KrankenhauL. einer Operation unterzogen Sein Zustand ist nicht lebensgefährlich. Der Kommandant der Wehrverbandssormation Roland Steinqrüber erlitt einen Bauchschuß mit mehrfacher Durchtrenuung des Darmes. Er wurde aus die Klinik Hochenegg geschasst und dort operiert. Er ist bisher nicht veruehmungssähig. Geaeimmtzuahmeu Men die eingangs erwähnt« Feier Baron Plnmer wird in den nächsten Tagen in London eintreffen und anfangs Juli sich auf seinen neuen Dienstposten in Jerusalem begeben. Der neue Overkommissär von Aegypten, Sir George Lloyd, war von 1918 bis 1923 Gouverneur von Bombay. Es verlautet, daß die Demission des Marschalls Allenbh ' nicht ganz freiwillig erfolgt wi. Zwischen ihm und dem Premier bestanden schwere Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Politik in Aegypten. Sir George Lloyd steht im 4«. Lebensjahre. 6to ägyptischer Minister verhaftet. Degen Beteiligung am Sirdarmord. Kairo, 21. Mai. (Reuter.) Im Zuge der Erhebungen wegen der Ermordung des Sirdar wurde der gewesene Unterrichtsminister im Kabinett Zaglul, Achmed Pascha Mäher, verhaftet. Weiter wurde angeordnei, daß der gewesene Unterskmtssekretär des. Innern im Kabinett ZaMl, -der vor kurzem in Freiheit gesetzt worden war, wieder verhaftet werde, waren seitens der Arbeiterschaft ni.cht getroffen winden. Bereits Donnerstag früh begab sich auf Auftrag des Landeshauptmannes eine Kowmission,-besichend ans Funktionären ' der niederösterreichischen Landesregierung, dem Bezirkshauptmann und Beamten des Landesgendarmeriekommandos der Wiener Polizeidirektion an den Tatort. Die behördlichen Erhebungen und die gerichtliche Untersuchung sind im Gange. Im Zuge dieser Untersuchungen wird noch festzustellen sein, welches der unmittelbare Anlaß zu dem blutigen Znsammenftvß war. Der Ueberfall der Hakenkveuzlev. Ergänzend berichtet die Korrespondenz Herwöi aus Mödling: Die völkische Feier bei Mödling war von Hakenkveuzlern und Frontkämpfern veranstaltet; unter den Teilnchnrern waren viele aus Wien, die mit Lastautos angekommen waren. Nach der Feier marschierten die Frontkämpfer zum Bahnhof und fuhren ab. Die Hakervkveuzler dagegen marschierten mit wüstem Lärm gegen die Arbeitersiedlung. Durch den Lärm aufgeschvectt, eilten die Insassen der Siedlung auf die Straße. Als die Hakenkreuzler, die mit Revolvern, Stöcken, Knütteln uflv. bewaffnet waren, der Leute ansichtig wurden, kommandierten sie zum Angriff und begannen zu schießen« Es wurden etwa hundert Schüsse abgegeben. Die Passanten stoben auseinander. Nur der sozialdemokratische Gemeinderat Müller gelangte in die Hände der Angreifer; er wurde niedergeschlagen und, nach den Zeugenaussagen, 200 Meter weit geschleift, Seine Verletzungen sind schwer. Es wurde ihm ein Daumen abgeschnitten, ein Arm ist gebrochen, ferner hat Atüller eine Wunde am Gesäß und schwere Verletzungen am Hinterhaupt. Der Kommandant des Hakenkreuzlertmpps, ivelcher den Ueberfall ausführte, der durch einen Bauchschuß schwer verletzte Roland S t e i n g r u b e r, hat diese Schußverletznng, wie feftgestellt wurde, von seinen eigenen Leuten erhalten, als er,voreilte. Unter der Mödlinger Arbeiterschaft herrscht über diesen Ueberfall, der gegen ahnungslose Insassen der Arbeitssiedlung verübt wurde (der Gemeinderat Müller üvar aus dem Bette auf die Straße geeilt, um die Ursache des Lärnves ftstzustellen), große Erregung. Heute wird die Arbeiterschaft eine öffentliche Versammlung abhalten, mt zu den Ereignissen Stellung zu nehmen. Svortresulmte von gestern. Belgien schlägt Ungar» 3:1 (1:0). Sparta (Prag)—Bnlto» Wanderers 2:0 (1:0). Sl-va»-«. «. SS. S:S-, Rch>i»-Stmm«»i«g 4:4; «perl- «ad-wache 1:0. Der neue Mann. -y. Wien. 22. Mai. Die Amtszeit Herbert Samuels als Obev kommissär Palästinas geht ihrem Ende zu. Ein Reuter-Telegramm bezeichnet als den Nachfolger den Marschatt Baron Plnmer. Nähere Angaben über diesen Mann, der an eine für das Judentum so wichtige Stelle tritt, liegen noch nicht vor. Es ist bisher nur bekannt, daß Marschatt Baron Herbert Charles Onslow Plumer im Jahre 1857 geboren ist, also inr 68. Lebensjahre steht und zuletzt Gouverneur von Malta war. Die Ernennung dieses, mit den heißen palästinensischen Fragen sicherlich wenig vertrauten Beamten soll dokumentieren, daß die Londoner Regierung die Kontrolle der Verhältnisse noch viel schärfer als bisher bei sich behalten will und daß von nun ab alle wichtiger: Entscheidllngen in London falten werden. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, daß der Kontakt zwischen der Zionistischen Exekutive und dem Kolonialamt ein noch innigerer werden muß. Die politische Situation des Manoatsgebietes ist nach den letzten Erklärungen des Kolonialministers Amery an die arabischen Extremisten wieder unklar geworden, was im gegenwärtigen Zeitpunkt, knapp vor dem Zionistenkongreff sehr schmerzlich empfunden werden muß. Herbert Samuel wurde vor fünf Jahren damit betraut, die Grundlagen für die Durchführung des an England erteilten Auftrages zu formen. Seine Aufgabe war die . Vorbereitung des jüdischen Nationalheims. Aus der englischen Verwaltungspraxis.hervorgegangen, nrit der reichen, aus der großen Tradition des britischen Weltreiches stammenden Erfahrung, mit Geduld und Hingabe hat er seine Pflicht erfüllt» Freilich schien der ihm erteilte Auftrag Menschenkrast zu übersteigen. Wie der.Zionismus das jüdische Volk vor ejne alle Energien herausfordernde Probe auf seine staatsbildende Kraft gestellt hat, so war auch dem Qberkommissär ein Problem anvertraut, wie es 'die Geschichte, auch die englische, kaum je gesehen hat. Für dieses Exempel fehlt jedwede Tradition. Wo immer in dem weitet: britischen Reich Verwaltungsbeamte wirken, stehen sie auf festen: Boden, finden gegebene, sicher abgegrenzte Grüßen vor, mit denen sie zu rechnen habe::. Herbert Samuel stand in einem fließenden, von allen politischen Wirrungen der Welt nervös irritierten Element. Er sollte das jüdische Volk auf seinen ersten Schritten führen. Aber dieses Volk ist nur zu einem sehr geringen Teil im Lande. Es muß selbst, erst zur vollen Erfassung des politischen Gedankens des Zionismus erzogen werden. Das jüdische Volk u:uß ohne staatliche Organisation, ohne das Sprungbrett eines festgegrüydeten nationalterrrtorialen Geineinwesens sich das Mutterland erst schaffen. Es muß ohne Erfahrung kolonisieren, sprachlich und sozial verschiedene Elemente mit einem einzigen Willen erfüllen und sie mit der Notwendigkeit vertraut inachen, ir: völlig neue Verhältnisse sich einzilfügen ur:d national selbständig zu denken. Die jüdische Politik, die noch gar keine Grundlagen hat und sich auf keine eigene Macht stützen kann, muß ungewohnte Wege gehen und sich psychisch auf Fragen einstellen, die sie, noch rnehr als bei irgend einen: anderen Volk, unvorbereitet treffen. Wie wird hie werdende jüdische Gemeinschaft sich in das wirbelnde Leben einfüger:, wie wird sie au der Grenze zwischen dem Okzident mit seinen fast starr gewordenen, den: Judentum aber vertrauten Wirtschaftsformen, und dem Orient mit feiner primitiven Konstruktion, zwischen den: Kollektivismus und den: Individualismus festen Fuß fassen? Wie wird sie die Frage der Verteilung des Landes auf städtische ynd agrarische Kolonisation lösen? Sie n:uß sich die Gesetze ihrer zukünftigen Entwicklung mühsam, in ununterbrochenem Studieren und Prüfe:: schaffen und das in einen: steten Kampf gegen die Widrigkeiten ihres Daseins, geaen den entfesselten Haß einer ganzen Welt, in einem Kampfe, der an sich schon ausreichen würde, die geistigen und materiellell Mittel einer Nation zu absorbieren. In dieser Lage befindet sich der Zionismus, und sie wird noch dadurch kompliziert, daß der Haß und die Wut der Welt gegen das kleine Volk nunmehr auch in dem kleinen Land seine Wetten wirft und daß e, seine Intensität gerade zu dem Zweck verdoppelt hat. dem Volk das Land wieder zu entreißen, ihm die