Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2245 (21.5.1925)
- Date
- 1925-05-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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\ 8 Men, DonnrrS^q fraget I>W« 704 Schuhel «K eingebautem „Beraon^-Oummi-Absatz Einstein in Argentinien. Mn Bortrag über das jüdische Problem. Professor Albert Einstern, der, wie befourt, m Argentmien eine Anzahl w.-sstnschafl- Ucher Bobbssinngen hielt, wurde überall, wo er evschian, von Gelehrten und von Politikern wie ein Goistessürst «ehrt. Der große Gelehrte benützte ferne freie Zeit dazu, das Leben der Inden in Argentinien sowohl in den Stödten mir auch m den jüdischen Kolonien kennen zu lermn. Die jüdischen Organisationen und kolonitstischen Genossenschaften ließen es sich nicht ivehmen, Einstein ails Gast zu begrüßen. Es wurden ihm zu Ehren verschiedene Empfänge voran» staltet, von denen der imposanteste der A bschiedsabend im Theater „Capital" war, bei welchem Professor Einstein als Gast der Assocracion Hebraica einen Vortrag über das jüdische Pwbbem hielt. Wir geben rm Folgeirden einen Auszug aus diesem interessanten Vortrag. Bei dem hierauf von dem jüdischen Genossenschaftsverbcmd veranstaldeten FestvauEett wurde Professor Einstein eine aus Pergament geschriebene Adresse zur Errnnerung an fernen Aufenthalt in Argentinien überreicht. Professor Einstein führte in seinem Vorirag ans: Um das Wesen des Mischen Problems begreifen zu Annen, muß man sich die Lage des Judentums vor hundert Jahren, ails die Juden noch in geschlossenen Gemeinschaften, von der Umwelt gesellschafEch und geistig abgesondert, gelebt haben, in die Ermnerung zurückrufen. Bon gewisien Mischen Kreisen wird jene Zeit vielleicht als eine sehr traurige, ttJttgKtdMidje Epoche im Loben des jüdischen Volkes angesehen. Das ist jedoch eine irrige Ausfaffung. Ms noch das alte Kehtllahleben existierte, führten die Juden das Leben einer nationalen Einheit. Ihr geistiges Leben bildete etwas vollkommen Ganzes, Einheitliches, weilt sie ihr geistiges Wesen und Leben im Eingang mit ihrer Tradition erhalten, beziehungs!.vsis>e fortsühren konnten. Das Studium des Talmud hatte ans die Juden jener Zeit eine außerordentlich wertvolle erzieherische Wirkung und förderte ihren Intellekt in hervorragender Weise. Wahrend meiner Tätigkeit an der Universität, als ich mit der studierenden Jugend aus Osteuropa oster in Berührung kam, habe ich den großen Wert des Studiums der traditionellen Literatur erst so recht begreifen und schätzen gelernt. Ich halbe einen jungen Freund, der bis zu feinem zwanzigsten Lebensjahr ausschließlich * talmudische Studien betrieb, dann an die Universität kam und nach kaum dreijähriger Universitätsarbeit ein ausgezeichnetes Werk über ein Gebiet der Mathematik schrieb. Es ändert sich in der neuen Zeit wohl die Materie des Studiums, aber die intellektuelle Uebung des Talmudstudiums behält ihre Wirkung. Dank der Gleichberechtigung und der politischen Emanzipation hatte sich das alte jüdische Gomeindeleben und der innere Zufammeuhang unter den Juden gelockertnnd aufgelöst. Die Emanzipation brachte uns zwei Probleme: das soziale und das geistige. Die soziale Frage ist für das Individuum, die Einzelperson, das schwerste Problem. Es muß sich der fremden sozialen Umgebung und der fremden Lebensweise anpaffen. Infolge der nationalen Eigentümlichkeit und des ausgesprochen nationalen Charakters des Judentums ist die vollständige Assimilation des Mischen Individuums nicht möglich. Das Bestreben hingegen, sich um jeden Preis zu assimilieren, hrt den ursprünglichen Mischen Charakter verdorben. Besonders schlecht war di« Wirkung des Erzkhungssysteäns der westeuropäischen Juden auf die I u g e n d, die Bemühung, die eigene Abstammung zu verbergen und das eigene Volk geringzUschätzen. Sind nun als Folge dieses verfehlten Systems in unseren Reihen Fälle von Verrat und Taufen in Erscheinung getreten, so war daS nicht eine Folge von Charakterlosigkeit, sondern eben das natürliche Ergebnis der assimilatorischen Erziehung. Ueber die Fälle von Austritten aus dem Judentum einer Karriere zuliebe, mag ich gar nicht reden. Zu welchem Schlüsse führen uns nun unsere Betrachtungen? Au Stelle der alten Gemeindeernheit, an Stelle des lose gewordenen ausschließlich religiösen Bundes muß eine neue Grundlage siir unsere Gemeinschaft geschaffen werden. Und in dieser Beziehung hat der große Begründer des Zionismus, Theodor Herzt, eine große Wunderleistung vollbracht. Die nationale Erneuerung, die uns der Zionismus gebracht hat, ist für die Erhaltung des JudentunlS von allergrößterBed e u t u n g. Die neue Generation ist bereits emporgesticgen. Die neue jüdische Jugend hat bereits ihr eigenes Milieu. Sie ist nicht mehr darauf angewiesen, gesenkten Hauptes betlelnd vor fremden Türen zu stehen. Mt 6Mn! Wiener Moeckenzettung. Im weiteren Verlaufe seiner Rede wies Pv.neisor Einstein auf die interessante Erfahrung hin, daß gerade die russischen Juden, die im Sinne der jüdischen Tradition gelebt und die traditionelle Lebensweise am spätesten aufgegeben haben, sich auch auf den Gebieten der modernen Kultur ausgezeichnet haben und auch heute noch auszeichnen. „Ein mir befreundeter Direktor eines Berliner Hospitales bestätigte mir aus eigener Erfahrung, daß die russischen Inden größere geistige Fähigkeiten verraten als die übrige»:. Die Tradition unserer alten Kultur wir die nottvendige Vorschule für unseren geistigen Fortschritt." Die zionistische Zentralisierung unseres Volkes in Erez Israel wird die geistige Tradition erneuern. Wir stehe»: vorläufig noch am Anfang der Erneuerung des alten jiddischen Geistes. Die hebräische Universität ist der cvste Schritt auf dem Weg, auf welchem wir fortschreiten müssen, um uns unserer großen Vergangenheit würdig zu zeigen. Amerdr Erklärung über das Rationalbeim. Der Londoner „Jewish Ehronicle" bespricht die vorn englischen Kolonialminister Amery am 21. April m Jevnsalcm abgegebenen Erklärungen. Das Blatt schreibt unter anderem: Der Minister für die Kolonien erklärte den Arabern gegenüber, daß das „jüdische Nationalheim" nichts anderes bedeute, als daß die jüdischen Gemeinden, die gegenwärtig bestehen, ihr eigenes kulturellles Leben führen könne:: und ihnen die Möglichkeit der Entwicklung gegeben wird. Mr. Amery hat dabei vergessen, daß die Balfour-Deklaration und das Mandat nicht ein „Nationalheim für Juden", sondern ein „N a t io n a. l h e im für das jüdische Volk" zugesichert haben, und das ist etwas ganz anderes, als was Mr. Amery den Juden zubilligt. Nehmen wir für einen Augenblick an, daß die BalfourDeklaration nicht erfolgt sei, nehmen wir an, daß es kein Mandat gäbe, glaubt etwa Mr. Amery, daß die britische Regienung in diesen: Falle den Juden in den bestehenden jüdischen Gemeinden in Erez Israel das Recht eines eigenen kulturellen Lebens oder die Möglichkeit, diese Gemeinden zu entwickeln, verweigert hätte? Gibt es doch in dem ganzen britischen Kaiserreich auch nicht einen einigen Winkel, in dem die Juden diese Rechte nicht bereits besäßen. Ist die Deutung Mr. Amerys zutreffend, so ist es klar, daß die Deklaration und das Mandat in diesem Falle e i n Betrug wäre, wie ‘ etwa ein gefälschtes Dokumen t, mittels welchem man auf eine Lüge aufgebaute Forderung stellt und wegen dessen der Betrüger zu allen Zeiten verurteilt worden ist. Aber diese Deutung ist unzutreffend! Unser Gefühl des Stolzes auf das Recht, die Rechtschaffenheit, die Wahrheit und Ehrenhaftigkeit, diese Säulen des Kaiserreiches, verbieten uns, daran zu glauben, daß England so Vorgehen werde, wie es von Mr. Amery dar ge stellt wurde. Selbst in Kriegszeiten ist so was ausgeschlossen. In einem zweiter: Artikel weist „Jewish Ehroniele" darauf hin, daß es sich jetzt als Fehler erweise, daß die zionistische Leitung seinerzeit das Weißbuch mit der Erklärung Churchills, auf die sich Mr. Amery jetzt berufe, zustimmend anerkannt hat. Mit Beziehung auf eine Aeußerung von Ormsby Gore, der von den Juden >den bewährten Idealismus forderte, schreibt „Jewish Chronicle": Es ergibt sich demnach, daß man in Erez Israel daran geht, einen arabischen Staat zu err: chten, der als Erwerb der britischen Krone bleiben soll, und die Juden sollen ihr Hirn, ihre Muskeln, ihre Energie, chre Menschen, ihre Initiative und das Geld, in Wahrheit also alles aufbringen, und was erhalten die Juden für dies alles? Mr. Amery sagt: Gar nichts. Die Juden mögen sich mit dem begnügen, was sie ohne Deklaration, ohne Mandat und ohne die A u f b a u a r b e i t, die man von ihnen jetzt als von einem Volk verlangt, erreicht haben. Mr. Ormsby Gore nennt das „Idealismus". Das ist ein schönes Wort, aber es will uns scheinen, daß hier ein anderes, nicht so süß klingendes Wort zur Bezeichnung des Standes der Dinge besser passen würde... Idealismus — wir Juden haben schr viel von dieser Sorte. Aber wir haben den Idealismus nicht in Monopol genommen, und auch das Ausmaß, das sich unter uns findet, hat schließlich eine Grenze! Budapest vor den Wahlen. Budapest, 20. Mai. (Tel.-Komp.) Morgen finden in Budapest die Munizipalwahlen statt, von denen das liberale Bürgertum die endgültige Niederlage des Regimes der Wolfs-Partei erwartet. Dem Ausgang des morgigen Wahltages sieht man in der gesamten Oeffentlichkeit Budapests mit fieberhafter Spannung entgegen. Eine ähnliche erbitterte Wahlkampagne wie diejenige, die seit drei Monaten fiir die morgigen Munizipalwahlen cntfcrttet wurde, ist seit Menscheugedeuken in Ungarn nicht erlebt worden. Im Verlauf der letzten drei Monate hat allein der demokratische oppositionelle Block mehr als achthundert Volksversammlungen und Wahlbankette veranstaltet. An manchem Sonntag wurden 80 Volksversammlungen, darunter 50 demokratische, abgehalten. Der Löwenanteil in dem Kampf um die Wahlen für die Budapester Stadtrepräsentanz fällt dem Abgeordneten Dr. Wilhelm Vazsonyi zu, der während der Wahlkampagne allein über 150 Wahlreden gehalten hat. 751. MSr X9BO vtv. vom» GUMMIMÄNTEL.. Spielbälle, Gummischuhe und Gummiwaren aller Art zu Fabrikspreisen! SPIRMANN & HOROWITZ Wien, II. Bet., Taborstrasse Nr. 11 b — Telephon Nr. 47-0-86 Ser Schutz der Weimarer Bersastung. Berlin, 20. Mai. (Wolfs.) Im Haushaltsa ns schuß des Reichstages führte Reichöinnemninister Schiele unter anderem auS: Die Regierung wird jeder: Versuch, die ReichSverfassung agewaltsame oder f o h ft ungesetzliche Weise ahzuändern, als H o chverrat mit allem Nachdruck abwehren und verfolgen. Ich trete den in: Haufe gestellten Anträgen bei, einen stä n d i g c n B c r f a s s n n g s a u s s ch u ß einzusetzen, der ji: gerne in sanier Arbeit der Regierung nnd des Reichstagen öffentlich und, durch die Fachwissenschaft und du Presse unterstützt, die Berfassungsfragen beraten soll. Zur Behebung wirtschaftlicher Schwierigkeiten und Notstände, bei denen die Bestimmungen der Verfassung nicht ausrerchen, ist ein Notverord n ung s r c ch t der Reichsregierung unbedingt erforderlich. In dem neuen Versassungsausschuß werden auch Anträge über >das Wahlalter, die Erweiterung der Jnmmnrtäw- Vorschriften und der Antrag auf Aenderung der Reichsfarben zu beraten fein. Gerade in der Flaggenfragc halte ich eine baldige Klärung für dringend erwünscht. Zweckmäßigerweise wird der BerfassungSausschnß auch die Anträge zu erörtern haben, die auf die Aufhebung des Gesetzes zum Schutze der Republik abziclen. Ich bin der Auffassung, daß jetzt der Prüfung dieser Anträge nähergetreten werden kann. Keine Kreditsperre gegen Rußland. Berlin, 20. Mai. (Wolff.) „Upited Preß" hat eine B e vliner Meldung verbreitet, daß die Bank von England,die Bank von Frankreich und die Deutsche Reichsbank kürzlich eine g e n: e i n s a nr e Politik vereinbart hätten, wonach der Sowjetregierung und den ihr zugehörigen Organisationen Kredite nicht gewährt werden sollen. Wie das Wölfische Bureau von der RelchSbank erfährt, ist diese Meldung, soweit die Reichsbank dabei in Betracht kommt, vollständig ans der Luft gegriffen. Sie bulgarischen Prozesse. Sofia, 20. Mai. (Bulg. Tel.-Ag.) Der Gerichtshof hat heute vormittags in dem Prozeß gegen die Urheber des Attentates im Odeoncheater das Urteil gefällt. Der frühere Präfekt ■ PrMin sowie PatamarE und Lukow, die die Höllenmaschine gelegt hatten, wurden zum Tode verurteilt. Der gewesene Minister Murawiew nnd Ferdinand Markow wurden freigesprochen. Patamanski wurde in Abwesenheit verurteilt Friedmanns Berufung verworfen. Sofia, 19. Mai. (Bulg. Tel.-Ag.) Der Kaffationshof hat heute die Berufung der verurteilten Attentäter Fricdma n n, Zadgorski und Genossen verworfen. Der Prozeß gegen den Mörder stodreanu. Bukarest, 20. Mai. (Tel.-Komp.) Heute begann in Thurn-Severin der Prozeß gegen den Mörder des Pvlizeipräfekten von Jassy, den Advokaten Codreanu. Codreanu, einer der Führer des rumänischen Faszismus, hatte seinerzeit den Polizeifräsekten erschossen, weil dieser angcblid) allzu streng gegen die nationalistischen Studenten an der Universität in Jassy vorgegangen sei. Der Prozeß hätte schon vor zwei Monaten m Focsani beginnen sollen, doch unterblieb die Gerichtsverhandlung, weil die Nationalisten in Focani eine Riesendemonstration veranstalteten und eine drohende Haltung gegen die dortigen Juden einnähmen. Der Prozeß wurde nach Thnrn-Severin verlegt, wo überhaupt keine Juden wohnen. Als Professor Cuza, der Führer der rumänischen Jastzisten, in Thurn-Severin ciutraf, wurden ihm st ü r m i s ch e Ovationen bereitet. Zn den Verhandlungen wurden bis jetzt 130 Zeugen geladen. Dem Verlauf des Prozesses sicht man in ganz Rumä nie,! größter Spannung entgegen. Sie magyarische Gefahr. Graz, 20. Mai. Die „Tagespost" meldet aus Belgrad: Die heutige „Vreme" meldet aus Paris auf Grund verläßlicher Informationen: Die Gesandten Jugoslawiens, Rumän »ens und der T s ch e ch o - S l o w a k e i in Paris haben von ihren Regierungen Weisungen erhalten, bei Marschall F o ch einen K o l l c k t i v s ch r: 1 t in: Namen der kleinen Entente zu nnternchmen, um wegen Verletzung der militärischen Klauseln des Trianoner Friedensvertrages durch Ungarn energisch zu protestieren. Diese Nachricht wird vom Ministerimn des Aenßerü' nicht dementiert. Nach einer Mitteilung des jugoslawischen stellvertretenden Außenministers Mar ko die ist die Demarche in Paris lwch nicht erfolgt, befindet sich aber in Vorbereitung. Jeder MW Wo Mkl!