Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2243 (19.5.1925)
- Date
- 1925-05-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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-eite 2 Wien. Dienstag Sine Warnung des deutschen Finanzministers. Berlin, 18. Mai. Der Reich 2fi nanz-minister richtete in der heutigen. Sitzung des Haushalt»ngsansschufses des Reichstages eine scharfe Warnung an den Reichstag, nicht fortgesetzt Anträge zu stellen und anzunehmen, deren finanzielle Auswirkung in die Hunderte von Millionen, ja in die Milliarden ginge und für die keinerlei Deckung jetzt, geschweige dem: in den bevorstehenden schweren Jahren vorhanden sei. Die Mehrkosten tot allgemeinen Pen sionsfonds allein würden fei Durchführung der dem Reichstag zugegangenen Anträge lausend eine Milliarde, einmalig eine halbe Milliarde ergeben. In den hiezu gefaßten Beschlüssen seien Maßnahmen vorgesehen, die einen Kostenaustvand von 400 bis öOO Mllionen erfordern würden. Wenn es in dieser Weise sortginge, würde das Reich schweren -Gesa h r e n ausgesetzt. _ Jer BSrgerblock. Berlin, 18. Mai. Wie die „B. Z. am Mittag" erfährt, handelte es sich bei -der bereits gemeldeten. Zusammenkunft von Mitgliedern der Liberalen Bereinigung und der deutschen Ballspart ei nicht um die Gründung einer neuen deutschen Partei, sondern im Gegenteil um die Schaffung einer Stätte, in -der sich volksparteiliche, demokratische und andere mittel* parteiliche Bestrebungen zusammenfassen, politisch auswerten und mit der Stoßkraft einer größeren Gruppe ausstatten ließen; also nicht um eine Spaltung im deutschen Parteileben, sondern um eine Ueberbrückung. Aadikalifierang der „Germania". Berlin, 18. Mai. In der heutiger Generalversammlung rer G e r m a n i a - A.-G., der Verleger!» des Zentrumorgans „Germania", wurde, wie die „Vosstsche Zeitung" meldet, eine Umstellung des Verwaltungsrates vorgenommen, die, wie das genannte Blatt schreibt, unter Umständen politische Bedeutung gewinnen kann. Aus dem Aufsichtsrat scheiden der bisherige Vorsitzende Reichstagsabgeordneter Bell sowie unter anderen die Abgeordneten B e ck e r (Arnsberg) und Justizrat P o r s ch aus. Neu gewählt wurden Rittergutsbesitzer Freiherr v. H e e r e m a n n, der dem Besitzer der Akttenmehrheit Landtagsabgeordneten v. P a p e n nahesteht, v. Papen, Freiherr v. Heeremmm und der im AufsichtSrat verbliebene Graf Clemens Galen haben vor der Reichspräsidentenwahl den Aufruf f ü r H i n d e n b u r g unterzeichnet und sich damit \t Gegensatz zur offiziellen Politik des Zentrums gestellt. Hakenkrenzler und Kommunisten. Berlin, 18. Mai. In H a l l e an der Saale kam es gestern wiederum zu einem Zusammenstoß zwischen K o m m u n i st e n u n d S t a h l h e l m l e u t e n, der in eine wilde Schießerei ausartete. Ein MUglied des Stahlhelms erlitt einen so heftigen Schlag über das Kinn, daß er rückwärts niederstürzte, eine Gehirn« blutung erlitt und s o f o r t t o t war. Ser Anschluß Lefterrelchs. Keine Bindung an die Oftgrenzengarantic. Berlin, 18. Mai. (Wolff.) Von zuständiger Stelle werden die Meldungen ausländischer Zeitungen, wonach die deutsche R e g i e r u n <j feu. alliierten Regierungen zu verstehen gegeben «Hafen soll, daß sie im Rahmen der Sichecheitsvechrndlungen auch zu einer Garantierung d e r d e u t s ch e n O st g r e n z e n 'bereit sei, falls dafür der Anschluß Oesterreichs an Deutschland zugelassen werde, als völlig aus der Luft gegriffen bezeichnet. Amerika mahnt seine Schuldner. Paris, 18. Mai. (Wolfs.) Nach einer Meldung der Agence Havas aus Washington hat die a m e r i k a n i s ch c Negierung gegenüber allen Ländern, mit denen Abmachungen bezüglich der Schulden noch nicht getroffen worden sind, einen Schritt unternommen und dabei die Hoffnung ausgesprochen, daß nunmehr bald d i e B efprechungen mit der amerikanischen Schuldcnkommission eingeleitet werden, um zu einer Regelung zu gelangen. Die Amerikaner seien an alle Schuldner st aaten zu gleicher Zeit herangctreten. Nach einer Meldung aus dem Staatsdepartement jst keine offizielle Note abgesandt worden, wohl aber hätten kürzlich durch Vermittlung diplomatischer Vertreter Besprechungen stattgefunden. Die Meinung der informierten Kreise sei nach Ansicht hochstehender Persönlichkeiten folgende: 1. Es sei der Wunsch der amerikanischen Regierung, die Schuldenfrage vor Zusammentreten des Kongresses soweit zn fördern, daß leidenschaftliche Diskussionen im Kongreß vermieden werden. 2. Es sei die Ansicht des Präsidenten und seiner Ratgeber, daß jeder Fortschritt in der Lösung der Schuldensrage nur zur Besserung der allgemeinen finanziellen und wirtschaftlichen Beziehungen beitragen könne. 3. Es bestehe der Wunsch, die öffentliche Meinung Frankreichs dadurch zu beruhigen, daß man mit allen Schuldnerstaaten gleichzeitig Verhandlungen anknüpft. _Wiener Moraenreiturift. Der Alloholkrieg in Amerika. Verfassung und Prohibition. ■ New-Aork, 18. Mai. Im Vordergrund des öffentlichen Interesses steht der Alkoholkrieg. Präsident Esolid ge 'hat gestern zur allgemeinen Überraschung eine Erklärung abgegeben, wonach die Motte 5er Bereinigten Staaten ausschließlich den Zwecken der national«» Verteidigung dient und zur Bekämpfung des Spirituvstnschmuggels nicht he ränge zogen-werden darf. Am selben Tage hielt der gewesene Staatssekretär Whu Root in- Netv-Jört eine Rede, in der er sich in bemerkenswerter Schärfe g e g e 'n das A l k o h o l v e r b o t wendete. Root, der in Amerika als eine juristische Airtorität gilt, bezoichnete das Prchibitionsgesttz als verfasfungswidvig und als eine Wnschräukung der persönlichen Freiheit. In derselben Bevsammlung, die zur Frage der „Troctenlegunll" Amerikas Stellung nckhm, sprach auch Handelssekretär Hoove r, ferfen Wert des im Jahre 1024 nach den Vereinigten Staaten eingeschmuggelten Alkohols mit 40 Millwnen Dollar angab. Auch Hoover bekannte sich zur .Auffassung,, daß das Prohibitionsgesetz verfassungswidrig sei. Wie die Zeitungen weiter, mitteilen, wurden .«in Philadelphia 40 Polizisten aus dem Dienst entlassen, weil der „Tvockenkommissär" der Stadt, Brigadegeneral Butler, entdeckt hatte) daß die Polizisten von verschiedenen Brauereien BchechuvMrlder angenommen hatten. Weitere 300 Polfzisten in Philadelphia stehen unter dem gleichen Verdacht in Untersuchung. Seitdem die ,,trocte ne Flo t te" der Zollbehörden die atlantische Küste von fett Rumfahrzeugen einigermaßen gesäubert fet, entfalten die Mkoholschmuggler eine mm so -regere Tätigkeit an der pazifischen Küste der Bereinigten Staaten. In den letzten Tagen wurden im Staate Kalifornien allein Spirituosen im Werte von mehreren hunderttausend Dollar an Land gebracht., Die Whiskyschmuggler, die in den Gewässern an der kalifornischen Küste operieren, 'bedienen sich der drahtlosen Telegraphie bei den Landungsversuchen fer einzelnen Boote. Ter erbitterte WkohoArieg in den Vereinigten Staaten 'hat ferner das Ergebnis gezeitigt, daß ein ungeheurer Strom von Touristen sich zu den Sommcrfevien nach Kanada wendet, wo kein Moholpvrbot/ dem Whiskygenuß der durstigen Amerikaner im Wege steht. Die kanadischen Reisebureaus berechnen, daß durch den riesigen Zustrom von Besuchern aus den Vereinigten Staaten in diesem Jahre 40 Millionen Dollar nach Kanada fließen wevfen. Ter kanadisch: Dollar steigt -ununtechrochen und dürfte binnen kurzem die Parität mit dem amerikanischen Dollar erreichen. . Sie Rückwanderung ans den Bereinigten Staaten. Nach einer Mitwirkung des Wauderungsamtes war dieAustvanferung aus fett Vereinigten Staaten, nach Uefersee im Jahre 1924, die einen ansehnlichen Teil der Rückwanderung nach Europa bedeutet, eine ganz beträchtliche und erreichte die Zahl von rund 8 7.0 0 0 P e r f o n e n gegenüber einer Einwanderung in femselben Zeitraum von 130.000. Re Beziehungen zwischen Srez Arael und dem Galuthjudentum. Am Sonntag den 17. d. fand im Olympiasaal ein zionistisches Meeting statt. Der Vizepräsident des Zionistischen Landeskomttees, Herr Dr. Leo Goldhammer, eröffne te die Bersanmtlung und führte in den einleitenden Worten unter anderem aus, .daß die Wiener Zionisten mit größter Intensität an der mit Rücksicht auf ' das Stattfinden des 14. Zionistentongre s s e s in Wien für unsere Landesorganisation eminent wichtige Schekelaktion mitzuarbciten und so die Vorättssetzungen für eine entsprechende Vertretung bei demselben zu schaffen. Nach ihm sprach Dr. E. M. Zweig, Letter des Keren.Hajessod in Jerusalem. Er wies zunächst darauf hin, daß schon jetzt die Verheißungen des Zionismus zur Wirklichkeit werden, da Palästina mit seinen — bloß 120.000 — Juden sich als das Herz unseres 'Siebzehnmillionenvolkes bewährt. Gleich dem unscheinbaren Herzen im menschlichen Körper leistet Palästina eine unverhältnismäßig große Arbeit zur Auffrischung und Kräftigung des Volkskörpers. Dies 'habe erst kürzlich das Fest fer U n i- - v er s i t ä t s e r o f f n u n g klar offenbart. Doch selbst"das , gesündeste Herz benötigt in etviger Wechselwirkung Nahrung von außen her. Und so braucht auch Erez Israel die Förderung der Gesamtstidenschaft, und zwar durch Geld- Menschen und Ideen. Das Geld müsst zunächst in Spendenform den ' nationalen Instituten, Keren Kajemeth und -Keren 10. Mai 1925 R«. ML Hajesscd, zugeführt werden, welche die Vorbedingungen für die Schaffenskraft der Privatinitiative zu sichern, halfen. Dich Wirkung sei schon heute erkennbar, da sich nicht nur Leihkapital, [ortbem auch das Eigenkapttal von jndischert Landwirten, Kauftenlen und Industriellen i-mmer reger im Lande betätigt. ‘ v , Menschein feizustelleu, sei die Ehrensache jeder jüdischen Landsmannschaft, die es mit der Parole der nationalen Renaissance ernst Mint. Der ZusamMnschluf der Einwanderer nach LaMmannschaften erleichtere auch die Einordnung in das ungewohnte Milieu Palästinas. Und gerade die Landsleute, die dorthin vorausgchen, zu fördern, bedeute für das Hinterland einen mächtigen Ansporn, zu opfern. Nicht zuletzt hat Evez Israel fei seinem einzigartigen Aufbau die Befruchtung mit Ideen nötig. Eines der schwersten Probleme bildet dort die Gestaltung eines fer. monifchen.Zusammenlebens zwischen zwei Völkern aus einem Territorium. Nun sei es Pflicht, speziell der österreichischen Zionisten, die sich ja vor dem Kriege durch dat ‘ Krakauer Program m zum Völkerstaat bekannt hatten, gegen das öfe Schlagwort von der nationaler Mehrheit aufzutreten. Auch das Erringen der wirklichen Mehrheit in Palästina werde den Ittden nicht -dev ■ Frieden sichern. Vielmehr gelte es ein System zu mwttcfa. wie man mit den arabischen Landesgen o sser zu einem aufrichtigen Einverständnis kommt. Aus den Schatze der österreichischen Erfahrungen müssen wir die Gemeindeautonomie, die nationallkulturelle Autonomie und das Recht des nationalen Vetos gegenüber der Mehr, heit hervorholen. Jede Provokation gegenüber den Anfersmtionalen sei zu vermeiden, vielmehr planmäßic darauf hinzuwirken, daß die zwischen Juden und Arabern latenten Kräfte der Verwandtschaft nach Blut, Rasse/ Sitten und religiösen Bräuchen in Wirksamkeit ges-etzt werfen. Der Referent schloß mit dem Wunsche, daß die österreichischen Kongreßfelegierten dieses Programm vertreten. Die zahlreich besuchte Versammlung nahm das Restrat mit lebhaftem Dank auf. Aus km Israel. 4500 Girrreffezerttfikate. Die Zionistische Exekutive in Palästina' versandte neuer« Mgs 4M Cmreistzertifikaie Die größte Anzahl fiel aus Polen, Rumänien und Litauen; eine beträchtliche Zahl echielten auch die stphardischen Juden in Yemen.(Südarabien), Bulgarien und Saloniki. 3M dieser Zertifikate gingen für ung-elern-re Arbeiter, IM für gelernte Arbeiter und 1000 für weiblich« Arbeite r. Insgesamt bewilligte die Regierung in der Zeit - von April bis September d. I. 8000 Zertifikate. Die am 13. Mai veröffentlichten offiziellen Ziffern über die Ein- und Auswanderung im Monat April besagen, daß in diesem Monat 1780 Personen ins Land kamenvon diesen waren 18 Christen und 6 Mohammedaner. Eingerechnet sind auch 137 Juden und 19 Christen, die als Touristen in8 Land kamen und denen nachträglich der dauernde Aufenthalt bewilligt wurde. In dem gleichen Monat wanderten 177 Per-. fönen aus, unter ihnen 80 Juden, 54 Mohammedaner und 43 Christen. 35 Einwanderern, die nicht über die nötigen Legitimationen verfügten, wurde die Einreise untersagt. Im Monat April sind 2500 Einwanderer ins Land gekommen. Neuwahl Difengosfs zum Bürgermeister von Lel-Awiw. Der vor kurzem neugewählte Stadtverwaltungsrat von Tel-Aw-iw hat sich schon konstituiert und Herrn M. Diseng off zum Bürgermeister wiedergewählt. Disengoff nahm, die Wahl an. Sokolows Besuch der Chassidimsiedlung. Nahum Soko'low stattete der chasfidischen Siedlung > auf dem Wege zwischen Nazareth und Haifa einen Besuch ab. Die chasfidischen Kolonisten mit dem Rabbi von Jablonna an der Spitze bereiteten Sokolow einen äußerst warmen Empfang. knglischer Unterhaus. London, 18. Mai. Der konservative Abgeordnete E r s k i n e fragte, ob die englische Regierung nicht daran .denke, den Schuldnern England eine bestimmte Fvist für die Regelung ihrer Schulden zu setzen. Baldwin antwortete, daß eine solche Maßnahme augenblicklich keine Vorteile biete, die Regierung werde aber nichts vernachlässigen, um die Regelung der Kriegsschuldensrage zu beschleunigen. Auf eine Anfrage des Abgeordneten Guest atlwortete Baldtvin, daß er keine Mitteilungen über Waffenlieferungen aus England an die Rifk a b y l e n besitze, noch auch darüber, daß englische Flieger in den Diensten Abd el Krims stunden. tie Saftratottfcrcnj der amerikanischen Men. Das Mminislrativtoutilee der amerikanischen Zionistischeu Organisation ihat lfeschlossen, die nächste Jahreskonferenz mch Washington für den 28. Juni einzüberufen. Leset Die Fragen der jüdischen Weltpolitik die Montagsausgabe der „Wiener Morgen Zeitung“ Mm .i —i > >7 M— >»>>>» — ii" m!■■■"■' »»» ii«, Diskussion über den XlV. ZionistenkonMreß