Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2241 (17.5.1925)
- Date
- 1925-05-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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N.'wnrr MörWAzetttMg. -.mal rssö mtc r ' Kr. ZM Wien, Sonntckg „«am« Mt sie «ach Paris." Mein« DÄannten wissen es ganz genau. Keiner vmr G«e» hegt auch nm den Schatten eines Zweifels Meunsere Beweggründe, Me und Absichten. Ich brauche gar nichts — sie wissen alles und meistens noch ein bißchen Mchr. JebeS Leugnen wäre zwecklos. Die Wände meiner KttÜe, wenigstens «meiner Reiseseele, sind aus Glas, und der AchavMck der «tiefschürfenden Psychologen durchdvmgt nlühe- WS die Hülle. ,-Sie halben: ja gang recht", pflichtet meine Nachbarin mkr bei. ,^Jch wünsche mir eine Reise nach Paris auch schon lange. Denn «man kann sage,:, was man will — den wirklvchön Schik, dieses Letzte, Undefinierbare, das haben ja doch nur die Pariser Salons weg. Man holt sich dort mindestens für ein Jahr Anregungen. Hier sind ja doch nm ^Nachahmungen zu bekommen." Ich kassiere dankend die Zustimmung ein. Für die Pracht meiner Toiletten reicht zwar die ErsinldnngSgckbe der Wiener Schneider vorläufig noch aus, aber wen» die Leute einmal etwas an mir zu loben finden (es kommt nicht zu häufig vor) habe ich keinen Grund, sie dabei zu stören. „Aha!" triumphiert der Kritiker. „Aha! Voriges Jahr waren Sie in Mailand. Ich Hab' mir's gleich gedacht. Wahrscheinlich eine Studie Mer Lionardo unter der Feder? Seihen Sie, wie «ich das erraten halbe. (Ich hatte deutlich: „mhm" gesagt.) Ja, vor mir gkbt's kein Versteckenspiel!" Frau Doktor belobt mich. „Schr gut. Ausgezeichnet. Sie werben viel mchr lernen als in Grenoble. (Ich hege nicht die leiseste Absicht, etwas zu lernen, bin vielmehr fest entschlossen, den Geltungsbereich von: Stier, Causevies auf keinen Fall zu verlassen.) Versäumen Sie es nur nicht, fleißig Gerichtsverhandlungen beizuwohnen. Man lernt dabei enorm. Auch PrMgten sind schr nützlich, da Höven Sie das klassische Französisch, besonders in der Madeleine. In der Metvo worden Sie auch eine Menge profitieren." Und dann schreibt mir die fürsorgliche Pädagogin eine gange Reihe von Kursen auf, die ich in der Sorbonne zu hören habe. ,/Sommerkurise für Ausländer, also gerade das, was Sie suchen." Wenn «ich sagte, daß ich «nicht nach Paris fahre, um mich im Französischen zu vervollkommnen, so würde bestimmt der Himmel einstüvzen, und zwar ohne Aufschub. Könnte ich das verantworten? Ich stecke, verbindlich lächelnd, den Zettol mit den Vorschriften ein. Er wird mich nicht schr «beschweren. Eindringlich warnt mich der Herr Direktor. „Aber im Juli sind doch die guten Kabaretts alle gesperrt. Da finden sie nur die Lokale offen, die den Fremden Pariser Nachtleben vovschwindeln. Gar nichts Echtes, Ursprüngliches. Sie worden sehr enttäuscht sein. Ich weiß nicht einmal, ob Sie die Katatomlben' von Saint Julien des Pauvres schon können .mit den Bänkelsängern. Wenn das Rennen von Longchamps vorbei ist, dann ist nichts mchr los in Paris. U ob erlegen Sie sich das nur noch. einmal. Was wollen Sie denn dort machen, wenn «nicht einmal der Grand Guignol offen hat und alle Leute in Decmville sind." „Der Mann hat recht. Was will ich in Paris, wenn das Nachtleben nicht in voller Blüte steht." «Noch -eine andere Warnung wird mir zuteil. „Haben Sie das auch gut ausgerechnet?" fragt mit der Uebersetzer. „Ich verstche ja sehr gut — Sie'haben da wahrscheinlich eine Entdeckung gemacht. Vermutlich ein Theaterstück? Ja, man — eine unaufhörliche Bewegung, neue'Verschmelzungen und Einungen in sie einzuführen. Die Worte zucken unter ihren Händen, sie erlöschen und entbrennen, gehen unter und leuchten auf gleich der Schrift auf dom hohopriestevlichen Schild, leeren «und füllen sich, tun eine Seele von sich a!b und hüllen sich in eine andere. In den sprachlichen Stoff kommt »dadurch eine Ablösung der Wachposten und eine Veränderung der Standorte. Die Verzierung eines Buchstabens, ein Häkchen am Jod — und das alte Wort flammt in neuem Lichte auf. Das Profane wird heilig und das Heilige profan. Derartige feste Worte lösen sich gleichsam Artgenblick für Augenblick aus «ihren Einfassungen und «wechseln den Ort miteinander. Und unterdessen, zwischen Verhüllen und Verhüllen, regt sich der Abgrund. Das ist das Geheimnis der gewaltigen Wirkung, die die Sprache der Dichtmrg ausübt. In ihr 'lebt etwas, was den Trieb des Bevant- «wortlichkeitsgesühles erregt, die fuße Frucht dessen, der in Versuchung ist. Wem gleichen die Dichter? Einem, der auf schwankenden und schwimmenden Eisschollen den Wutz überquert in der Stunde, da laue Lüste -wehen. Wehe ihm, wenn er feinen.Fuß länger als einen Augenblick «auf der Scholle verweilen läßt, länger als nötig, nur von. einer Scholle zur anderen und von dieser «wieder zur nächsten zu springen. In den Spalten regt sich der Abgrund, der Friß kommt ins Schwanken, die Gefahr ist nahe . . . Gleichwohl gibt es auch unter ihnen solche, die in «Frieden von dem einen Gestade' hinabschreiten und in «Frieden wieder hinausgelangen zum anderen Gestade. Nicht die Einfältigen allein schützt Gott. Soweit über die Sprache der Worte. «Aber außerdem hat Gott noch Sprachen ohne Worte: das Musizieren, das Weinen und das Lachen. Ihrer aller «wurde das sprechende Wesen teilhaftig. Sie beginnen dort,!w>o die Worte aufhören, und sie kommen nicht, um zu verschließen, sondern um zu öffnen. Sie schwellen an und steigen aus dem Abgrund hervor; sie sind das Empovsteigm des Abgrundes selbst. Daher schwemnten sie uns mitunter hinweg und reißen «uns mit sich mit der tosenden Fülle ihrer Wogen, nnd keiner vermag ihnen zu widerstehen; daher treiben sie mitunter den Menschen aus feiner Vernunft oder auch aus der Welt; eine geistige Schöpfung, «in der nicht ein Widerhall wäre von diesen dreien, «hat kein wa'hves Leben, und es wäre besser für sie, wenn sie nicht zur Welt gekommen 'wäre. kann aber da nicht vorsichtig genug'sein. Ich bitte Sie, das Publikum ist unberechenbar Und eine Reise «nach Paris kostet auch ein paar Millionen. Wenn Sie nicht sehr vorsichtig sind, werden Sie drauszahtrn. Das läge ich Ihnen und ich spreche aus Erfahrung." Ich könnte dem braven Manne mit dem besten Gewissen der Welt versichern, -daß ich nicht im entferntesten daran denke, ein Ueberfetzun-gswild zur Strecke zu bringen. Aber da Paris und Nebertragungsatttorisation anscheinend identische Begriffe für ihn sind, unterlasse ich jaden Versuch. „Paris!" fragt der Politikaster scharf. „Der Kongreß ist doch erst im August, was machen Sie im Juli dort." Na, ivahrschoiulich Fühlung nehmen, Pacemaker, Schrittmacher, verstche, verstche vollkommen." Er versteht. Ich weiß zwar nicht, welcher Kongreß stattfindct. Aber das schadet nichts. Alle verstehen. „Gewiß haben Sie Verwandte dort?" sagt das alte Fräulein Berta milde. Nach längerem Nachdeuken fällt mir ein, gehört zu haben, daß ein Vetter meiner Mutter, der jetzt an die achtzig sein dürste, der FamArenlegende nach mit fünfzehn Jahren nach Paris durchbrannte. Also bestätige ich die Vermutung. „Und die haben Sie natürlich seit Kriegsbeginn nicht gesehen und schnen sich schr nach ihnen. Das kann ich schr gut begreifen. Hoffentlich finden sie alle gesund «und wohlauf." Gerührt drückt mir das brave Mädchen beide Hände, wobei sie noch die Erwartung ausspricht, daß die Kinderchen recht gewachsen sind in der Zwischenzeit und mich gar «nicht wiedersrkonnen werden. Diese Annahme dürfte «um so zulr-effonder sein, als ich nicht einmal genau «weiß, wie der Vetter meiner Mutter geheißen hat, auch nicht ob er noch «lebt, wenn e«r noch lobt, o>b er in Paris ist, ob sr verheiratet ist, Kinder, Enkel oder. Urenkel hat. Mso, die Kinderchen «werden mich bestimmt nicht wiedererkennen. Da alle Leute genau wissen, zu welchem Zweck ich nach Paris fahre, bekomme ich natürlich auch Aufträge. Jedem halbe ich etwas mitzulbringen. Modelbänder, gestickte Handschuhe, Gilette-Klingm, das neueste Parsmn, die ältesten Antiquitäten, eine vergriffene Ausgabe oder Auflage von Raaine, «den «letzten Schlager von KabavettNedern, einen Sketch, wie — man — ihn — nur — in — Paris — spielen — kann, und eine «Schachtel verzuckerte Rofenblätter. Aber wenn alle anderen auch den Zweck meiner Reise «bis «in seine l«etzton Schattierungen kennen, so muß ich ehrlich bekennen, daß «ich mir «nicht so klar d«arülber bin. Ich fahre nämlich ganz einfach nach Paris, weil ich es mir anfchen will. K. M. Watenbergr Bericht über krez Israel. Das Wunder des Aufbaues. Als Gast des Vereines Machsike Hadath sprach gestern abends der Präsident des Galizianerverbandes in New-Dork, Herr Philipp Watenderg, über seine Reise auf dem ersten jüdischen Dampfer „President Arthur" nach Erez Israel und über seine Eindrücke bei der Universitätseröffnung in Jerusalem. Im ersten Teil des Vortrages hielt sich der Redner im Rahmen der Mitteilungen, die er vorgestern einem unserer Mitarbeiter gegenüber gemacht hatte. Unbeschreiblich war der Jubel, mit dem der erste Dampfer unter der blauweißen Flagge in Erez Israel empfangen wurde. Zu der Universitätsfeierlichkeit hatten sich etwa 40.000 Juden aus allen Ländern der Welt eingefunden. Die Zierden der Wissenschaft der ganzen Welt nahmen an der Feier teil. Der Eindruck war ein so erhabener, daß kein Dichter imstande wäre, ihn mit Worten erklärlich zu machen. Zweitausend Jahre haben die Juden auf diesen Augenblick gewartet. Als der Oberrabbiner Kuk seine Segensrede beendet hatte, siel die Menge in ein „Amen" ein, wie es Israel wohl kaum gehört hat. Der Redner kam sodann auf die wirtschaftlichen Verhältnisse in Erez Israel zu sprechen und war voll des Lobes für die dort geleistete Arbeit. Tie Bautätig, fett schreitet mit unheimlicher Schnelligkeit vor, doch wird, wie es scheint, bei diesem Wettbewerb Jerusalem etwas vernachlässigt. In Tel-Awiw werden jede Stunde drei Häuser fertig. Das einzige Nebel in Palästina ist der Wassermangel, doch geht man jetzt daran, ihn durch den Bau einer Wasserleitung zu beheben. Es hat sich zu diesem Zweck ein Komitee gebildet, das bereits 2 Millionen Pfimt aufgebracht hat. Ueberall wird den Juden mit größter Sympathie begegnet und auch die Presse steht dem Zionismus freundlich gegenüber. Der Redner schloß feine interessanten Ausführungen mit den Worten: „Es ist besser in P alästina der Aermste zu sein, als in der Diaspora der Reichste. Wer einmal dort war und das Wunder mit eigenen Augen sah, der kann sagen, er habe nicht umsonst gelebt!" Lebhafter Beifall der zahlreichen Zuhörer dankte dem Vortragenden. Sodann wurde stehend die „Tijkwah" gesungen. Die Anwesenden, die Verwandte in Amerika haben, bestürmten Herrn Watenberg, ihren Lieben Grüße zu bestellen und holten Auskünfte bei! ihm über ihre Angehörigen ein, die er auch, so gut er konnte, erteilte. Der Mörder Lederer. Morgen wird das Urteil gefällt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 16. Mai. Das Beweisverfahren in dem Prozeß gegen «den Mörder Oberleutnant «Gustav Lederer «ist gestern geschlossen worden. Heute wurde «das Gutachten der Juweliere über die in Lederers Wohnung gefundenen Schmuckgege nstände (siebzehn «Brillantringe, ein Ehering, zwei Broschen und andere kleinere Schmuckgegenstände) zur Verlesung gebracht. Hiera»« schlossen sich die Plaidoyers. Staatsanwaltauditor Brand brachte in «seiner Rede noch einmal alle Details deS Mordes vor und sagte: In diesem Saale sind all «die gräßlichen Szenen des Mordes «leibendig geworden. Er klagte Lederer an, a n's schließlich aus materiellen Ursachen gehandelt zu haben. Er habe seine Tat Mt genauer Ueberlegung und Planmäßigkeit ansgeführt. Er habe «den gleichen Artteil an «dem Mord «wie seine «Frau und es diene nicht zur Milderung, daß seine Frau den Mord erdacht habe. «Er habe immer gemeinsam «tnlit seine* Frau gemordet und sei der würdige Spießgeselle seiner Frau gewesen. Sie haben das geraubte Geld zu sich genommen, «um nach der Beendigung der Börsenkonjuuktur «weiter ein sorgenfreies Leben führen zu können. Er klagt Lederer «des Meuchelmordes an, den er an Kudelka, während dieser schlief, «begangen hat. Der Staatsanwalt schließt «mit dem Antrag auf Tod-esst r a f e durch den Strang. Hierauf ergreift der Verteidiger «das Wort, führt die Umstände an, die Lederers Tat mildern könnten nnd sagt5 Der Angeklagte ist schon in «seinem 18. Lebensjahre in die Netze einer niederträchtige«» und u n a n st ä ndigen Fr an geraten. Er hat 42 Monate s,ü r sein Vaterland gekämpft und hiebei mehrere Auszeichnungen, aber auch Verletzungen an Hand und Fuß' erhalten. Es kamt keine Rede davon sein, «daß Lederer «mit Vorbedacht «und mit Ueberlegung mordete. Hierauf hielt Lederer selbst eine kurze «Rede «mit tränenevst'ickter Stimme, so «daß er «nur schlecht zu hören war. Er sagte unter anderem: Ich bekenne «mich schuldig - aber nicht des Raubmordes. Ich «habe das Offiziersportepee geschändet, unb «darum weiß ich, daß der Tod a u f m i ch wartet. Ich behaupte aber, daß ich ausschließlich aus brtnokme Airfmcrkvomc ltafoci* nm zum fükrcttdci* 'Jc£ünd^«biilf*