Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2240 (16.5.1925)
- Date
- 1925-05-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite S Wien, Samstag Wiener Moraenzeltuns. ZK. SSW x 16. Mai 1925 Ntehr Autorität besitzt als Oesterreich, daß Benesch mit allen fiihvenden Staatsmännern der Welt persönlich befreundet ist, daß er Mitglied des Bölkerbundrates ist und eben erst zum Präsidenten der Internationalen Arbeitskommission des Völkerbundes bestellt wurde. Hat niemand in Oesterreich daran gedacht? Das sicherlich. Es gibt auch in Oesterreich Menschen, die in internationalen Dingen Bescheid wissen und denen es bewußt ist, daß die Welt nicht bei Wörgl oder Spielfeld endet. Aber das ist das Charakteristische an Oesterreich, daß der Terrorismus der nationalistischen Demagogie schrankenlos herrscht und keine Einrede duldet. Wer nicht in das Walhallamotiv einstimmt, ist der Feme verfallen. Er ist a Ind' oder von den Juden bestochen. Denn auch das gehört in die Psychologie dieser hirnlosen Phrasendrescherei, daß sie immer in einer namenlosen Angst vor den Juden lebt, .daß sie hinter allem und jedem, tvas sie in ihrem SpaKenverstand nicht unterbringt, die Juden wittert. Die Entente ist jüdisch, der Völkerbund ist jüdisch, die Demokratie, der Pazifismus und der Sozialismus sind jüdisch. Die Leute denken gar nicht mehr nach. Sie haben ihr nationales und wirtschaftliches Sein auf zwei Elemente eingestellt: auf die Juden und auf den Revolver. Untersucht man ihre Politik, dann findet man, daß sie nur davon getragen ist: Was macht man, bannt sich die Juden, die Böhm' und die Katzelmacher giften? Bösartige Dummheit oder dumme Bosheit, gemildert durch Schnorrerallüren und Wöllersdorfer System, regieren Oesterreich und verüben Bubenstreiche, wie eben erst den gegen Benesch, den Minister, der im nächsten Monat in Genf über Oesterreich zu sprechen haben wird. Ae Jude» in der Slowakei «ad i« Karpathoruhlaad. .»rattMaSa, 14. Mai. (g. T. A.) Di- Verirrter der jüdischen Organisationen in der Slowakei, und zwar 'des Jüdischen V-olksverba-ndes, der Jüdischen Partei, der Vereine Misrachi und Zeire Misrachi, des Hebräischen Sprach- und Schulvereins für die Slowakei, des Jüdischen Skau-tvevbandes und der Zentrale für zionistische Jugendarbeit überreichten dem Minister für die Slowakei Doktor Kallay eine Denkschrift, worin sic .das Ansuchen stellen, daß das Ministerium Kr die Verwaltung der Slowakei ■ und die Regierung überhaupt auch künftighin nach bewährter Tradition ba& Gutachten des Jüdischen Volksverbandes für die Slowakei einho'len möge, wann immer es sich um jüdische, jedoch nicht orthodoxe oder religiöse Angelegenheiten handelt. Minister Dr. Kallay betonte in seiner Antwort, daß die Regierungs-, kreise auch künftighin bei der Entscheidung über die erwähnten Fragen alle an der Sache interessierten jüdischen Organisationen respektieren werden. Die Jüdische Volkspartei für Karpathorußland ' hielt: vor kurzem in Mukacevo eine große Massenversammlung ab, die den folgenden Beschluß faßte und der Regierung übermittelte: ,/Dir stellen mit Bedauern fest, daß die verfassungsgemäß gewährleisteten Rechte der jüdischen Min o r ität nicht respektiert werden. Die jüdischen Bürger -werden mit unverhältnismäßig hohen Steuern belastet, gleichzeitig aber aus Handel und Industrie verdrängt, ohne daß int Interesse der darbenden jüdischen Massen etwas geschieht. Wir erheben Protest gegen den Versuch der Einführung der obligatorischen Sonntagsruhe, -wodurch Tausende jüdischer Familien dem wirtschaftlichen Ruin preisgegeben werden, und wir protestieren nachdrücklich gegen die systematische Unterdrückung des von uns selbst geschaffenen hebräischen Schulwesen 'S und der Mittelschule. Im Sinne der Verfassung unserer Republik fordern wir die Einführung des pro Port io n eilen W a h I- «echtes für die jüdischen Gemeinden." Faszlfteu «ad Rompllger. In der gestrigen Sitzung des Bundesratsausschufles für auswärtige Angelegenheiten wurde vom Bundosrat Dr. Be irer zur Sprache gebracht, daß auf -der Brennerftecke durch italienische Organe von einem Tiroler Pilgerhug die äußere Bezeichnu-nH, die ihm als solchen kennzeichnete, gewaltsam entfernt-worden fei, was in Tirol und anderwärts große Erregung 'hervorgerufen habe, zumal der Pilgeyzug auch in anderer Weise belästigt worden sei. In der anschließenden Deibatte wurde unter anderem darauf hingewiesen, daß Donnerstag po lnische Rompilger von der mit der Reiseleitung betrauten italienischen Stelle auf -mit den italienischen Farben geschmückten Automobilen in aufsehenerregendem Auszug durch Wien geführt wurde, ohne -daß es jemandem eingefallen lväre, hieran irgendwie Anstoß zu nehmen. Minister Dr. Mataja erklärte, von den Vorfällen Kenntnis zu haben, jedoch noch nicht stber ausreichendes a m t l i ch e s M a t e r i a l zu verfügen, das ihm ermöglichen würde, schon heute zu dem Vorfall auf der Brennerstrecke Stellung zu nehmen. Unter der Wischen Flagge. 8la Gespriich mit Phlllptz Watenberg Wir haben berichtet, daß der Präsident des Galizianerverbandes in New-Aork, Herr Philipp Watcnberg, auf der Rückreise von Erez Israel in Wien eingctrofsen ist und hier heute um halb 9 Uhr abends als East des Vereins Machsike Haidach über seine Reist berichten wird. Herr Watenberg ist der Vizepräsident der Amerika- Palästine-Eine und hat die erste Fahrt des „President Artur", des ersten jüdischen Ueberseedampfers, mitgemacht, lieber seine Eindrücke erzählt uns Herr Watenbera, eine der führenden Persönlichkeiten des amerikanischen Geschäftslebens: Unvergeßliche Stunden haben wir auf der Fahrt erleot, und di« Eindrücke, die wir dann in Erez Israel erhielten, beherrschten uns alle in solchem Maße, daß wir katlm an etwas anderes denken können. Auf dem ersten jüdischen Schiff, unter der stolzen blau-lveißen Flagge zur Eröffnung der ersten jüdischen Hochschule! Wir haben es erlebt, was der Zionisnrus bedeutet, wie er das Judentum ibelebi und die jüdische Kraft gehoben hat. Am 12. März hatte der große, prächtige Dampfer „President Artur" (früher „Prinzessin Alice") von New- Dort Abschied genommen. Er hatte für seine erste Fahrt nach Erez Israel 300 Gaste, die Spitzen des geistigen und künstlerischen Judentums Amerikas, an Bord. Die Fahrt ging über den Atlantischen Ozean, durch die Enge von Gibraltar ins Mittelmeer und nach Neapel. Wir hatten uns auf dem Schiff zu einer eng befreundeten Gemeinschaft zusammengefunden, die in froher Stimmung diese einzigartige Reise mitmachte. Die Zionssahue weckte überall Aufsehen und bei den Juden Freude und Enthusiasmus. In Gibraltar kam die ganze jüdische Gemeinde an die Küste und brachte uns mit der Thorarolle -den Brudergruß. Leider konnten wir nicht landen. Irr Neapel strömte alles zum Hafen, um die blau-weiße Fahne zu sehen. Das Personal des Schiffes war bis auf den Kapitän, seine Gattin und die drei Schiffsoffiziere jüdisch. Alle riähmen Anteil an unseren Unterhaltungen, sangen ' unsere Lieder mit und teilten unser Essen, das rituell zubereitet wurde. Der Sabbat wurde streng eingo'halten. Iber die Fahrt der „President Artur". Am 30. März kamen wir vor .Haifa an. Unbeschreiblich ivar die Stimmung, in der wir das heilige Land begrüßten- Die ganze Schiffsgesellschaft stand an der Reling, all« faßten sich an den Händen und tanzten vor Freude. Viele weinten vor Erregung, als wir ans Land gingen. Die ganze Reisegesellschaft fuhr nach .Jerusalem zue Universitätsfeier, während das Schiff nach Alexandrien Kurs nahm. Wir haben alles in Erez Israel miigemacht, sind auf dem Har Hazofim gestanden und haben unsere Brüder im Norden und im Süden besucht. Wir haben es als heilige Pflicht mitgenommen, mit ihnen am Aufbau der jüdischen Heimat zu arbeiten. Wir werden überall von ihnen sprechen und das amerikanische Judentum immer daran erinnern, was rtoch zu tun ist. Es ist sehr viel und sehr schwer. Aber doch wenig und leicht, gemessen an dem Werk, das in Erez Israel geleistet wurde und noch zu leisten ist. Nachdem wir das Land gesehen hatten, reisten lvir wieder nach Neapel b. Unsere Gesellschaft hat mehr als zweieinhalb Millionen Dollar in Erez Israel gelassen, v i e l e h a b e n Landgekaufl und wollen Häuser bauen. Der ,President Artur", der inzwischen nach Amerika zurückfuhr, hat vorgestern von New- Aork wieder die z w e i t e F a h r t angetreten. Er ist wie-. der vollbesetzt. Das Schiff wird von Haifa nach Alexandrien und dann nach Beirut fahren. Bon Beirut kehrt es dann via Neapel nach New-Hork zurück. In naher Zukunft wird ';;; ein zweiter Dampfer von uns in den Dienst gestellt und ständige Verbindung zwischen Amerika und Erez Israel -aufrechterhalten. Me Wische Gemeinde Mich für den Kerea Hajeffod. Zürich, 14. Mai. (I. T. A.) Die Generalvorsam-mlung der Isro elitischen Kuiltusgemeiude in Zürich ^beschloß die Aufnahme eines Budgetpostens von 3000 Frauken für den Keren Hajessod. Der Beschluß -wurde., nahezu einstimmig gefaßt. Aus der Wiener Kultursemeinde. Zu Beginn der vorgestern fta-ttgefundenen öffentlichen Sitzung des Vorstandes der Wiener Kultusge-meinde legtder Präsident der Kultusgemeinde Prof. Pickeln Dankschreiben betz Ker e n - Haje s s o d- Direktoriums in London für die von der Kultusgomeinde anläßlich der Universitätseröffuung in J-erusalem gemachte Spende von 200 Millionen Kronen vor. Weiter berichtete er über die Wohltätigkertsaktionen aniläßlich der Pessachfe iertage. Es wurden in diesem Jahre 20.000 Kilogramm Mazzoth und 50 Millionen Kronen an Arme verteilt. Das Verhalten' der Landesregierung in Steiermark/ wonach ein jüdischer Vertreter bei der Schulaufsichtsbehörde nicht mehr wirksam -sein dürfe, hat auf Ersuchen der Kultusgemeinde. Graz eine Intervention der Wiener Kultusgemeinde de-im Bundeskanzleramt und im Unterrichtsministerium notwendig gemacht, da eine solche Maßnahme mit dem Staatsver-trag von Saint* Ge r ma in im Widerspruch steht. Auf Ersuchen des Wiener Magistrats wird eine Neuauflage der Statuten der Kult u 5 ge meiude, -die durch die vielen Abänderungen notwendig wurde, vorgenommen. Sodann nahm der Vorstand eine Vorlage des Sekretariats qn, wonach sich zur rascheren Erledigung von S t e u e r r e ku r s e n das Vertreterkollegium im Senat zu teilen -habe, denen je ein Vorstandsmitglied beigezogen wird. ' Hierauf erstattete der Budgetreferent Regierungsrat Oppen h e t m entgegen den bisherigen Gepflogenheiten einen Bericht über das finanzielle Ergebnis des ersten Quartals des laufenden Budgetjahres. Er begründete diese Maßnahme mit den traurigen fi-na-nzielten Verhältnissen, in die die Gemeinde zu 'fo-ntimen drohe. Das erste Quartal schließt wohl noch aktiv ab (1,200.000 Schilling Einnahmen gegen 1,128.000 Schilling Ausgaben), doch werde aller Voraussicht nach dieser Stand nicht beHbehalten werden können, weil die Eingänge an Kültussteuer infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse immer geringer werden. Die Gefahr ist so groß, daß der Referent Zweifel hegen müsse, ob das prälimivierte Budget e i n g e h a l t e n werden k ö n n e. Man wird sich -wahrscheinlich veranlaßt Echen, selbst zur Deckung der laufenden Ausgaben de n A nieiheweg zu beschreiten. In. dieser tristen Lage sei ä u ß e r st e S p a r s a m k e i t geboten. Die Finanzkommission habe daher beschlossen, nur die all e r d r i ritt en d st c n I n v e st i t i o n e u vorzunehmen. Mit dem Bau der neuen Zeremonienhalte auf dem Zentralfriedhof werde man erst beginnen, bis das ganze erforderliche Kapital gesichert fei. Der .Bericht wurde zur Kenntnis genommen. i Sodann referierte Ing. L indner, der Leiter des technischen Amtes der Kultusgemwinde, -über die Renovierung der der Kultusgemeinde -gehörenden Häuser.^ Zn diesem Zweck wurden 1,001.600 Schilling veräus-eabt:'' Nach Erschöpfung der Tagesordnung wurde vom' Präsidium die Antwort auf die vo,n der Partei für soziale Tätigkeit gerichtete ,Interpellation, -worin um-beschränktc Einsichtnahme aller Bovstandsmitglieder i>n alle Protokolle und Akten gefordert wurde, erteilt. Die Antwort geht -dahin, daß die Protokolle dev laufenden Mandatsporiode hur Einsichtnahme a-ufliegen, daß aber zur Einsichtnahme in alle anderen Akten die fall>wetst Erlaubnis des Präjsidinlus ei-ngeholt werden muffe, die nur bei «achgewiese-nam >berechtigten Interesse erteilt Wird. Gegründet wurde' diese Maßnahme damit, daß eine unbeschränkte Mktenein-stchtuahme eine Empfindliche Störung des Betriebes in der Kultusgemeinde >hervorrufen würde. Dr. Glanz (soz. Tätigkeit) gab sich mit dieser Antwort nicht zusriederv und hielt eine lange ObstvuktionSvede, in deren Verlauf er ungerechffertigte Angriffe gegen das Präsidium! erhob. Er erklärte, daß die Akten nicht in Ordnung feien und daß daS Präsidium wahrscheinlich etwas zu verbergen halbie. Während seiner' Ausführungen kam es -wiederhM zu Zlvischew-. Men. Regierungsrat Oppenheim wies dom Redner auf Grund der Stauten nach, idaß ein Anspruch auf unbeschränkte Akteneinsichtnahme nicht bestehe und Vizepräsident Dr. O rüste in wies mit scharfen Worten die unseveWerffgten Angriffe gegen das Präsidrpm zupück. -l:r ein Sfterrelchische» Gesetz gegen aasliindlsche Arbeiter. ,v DaS in Vorbereitung befindliche Gesetz zum Schutze der einheimischen Arbeitskräfte wird ungefähr aus. folgende Grundsätze aufgebaut sein: Der Arbeitgeber darf ausländische Arbeitskräfte (Arbeiitnehmer) nur mit besonderer, behördlicher Bewilligung einstellen. Die Bewilligung darf nur erteilt werden, wenn es die Lage des Arbeitsmarktes zuläht oder wenn wichtige volkswirtschaftliche Erwägungen es erfordern. Zuständig für die Erteilung - der Bewilligung ist das Wandernngsamt des Bundeskanzleranites, doch zieht Man auch insoferne eine Dezentralisatimt in Erwägltttg, als das Bundeswanderungsamt paritätische Kommissionen zur Entscheidung über die bei diesetl Kontmissionen einlattsenden Ansuchen ermächtigen kann. Das Gesetz ist nur für dije Dauer der jetzigen wirtschaftlichen Verhältnisse gedacht und ist un^ abhängig vom Patz- und SichtvermerkSzwang. Leset Die Fr agen der jüdischen We Itp olitik die Montagsausgabe der »Wiener Worgenzeituag“ Diskussion über den XIV, Zionistenkongreß