Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2234 (10.5.1925)
- Date
- 1925-05-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Dien, Sonntag Wiener Moraenzeitung. 10. Mar 1925 Gelte L ckit MC -SPI ELBSLLI~ Gummimäntel, Gummischuhe und Gummiwaren aller Art zu Fabrikspreisen! SPIRMANN & HOROWITZ Wien, II. Bez., Taborstrasse Nr. 11b — Telephon Nr. 47-0-86 Der Mord in der Loge. —y. Wien, 10. Mai. Ter Balkanmord trat ins Theater und scheuchte das Spiel der dichterischen Phantasie von der Bühne. Peer Gynt, der Weltemvanderer, der das stille Glück der Menschenseele sucht, schwand wieder ins Reich des Leeren. Der Vorhang ging nieder und in dem überhellten Raum, vor dem bestürzten, erregten, von der Panik bedrohten Volk stand eine Dame mit dem rauchenden Revolver. Ein Mann starb in seinem Blut, seine Frau und sein Freund schrien fassungslos um Hilfe. Das Theater war verdrängt. Das echte, in dem Grauen der Tat ungleich stärkere Leben sprach mit inappellabler Macht zu den Sinnen. Der Ermordete war ein Mörder, seine Mörderin wanderte in den Kerker. Tausendmal ist diese Szene über die Bühne gegangen, noch nie aber mit solcher eindringlicher Wucht. Was sonst Spiel, trat mit einem Male als Tat vor und zwang die Zuschauer in seinen atemlosen Bann. Was ihnen in dieser Stunde, an diesem Ort, bei diesem Zusammensein ferner als je gewesen war, die Politik, das Leben und Kämpfen von Gedanken und Worten, stand plötzlich rat Licht der Luster. Und hielt eine Waffe in zuckenden Fingern. Eine kranke, schwindsüchtige Frau hatte den athletischen mazedonischen Revolutionär ins Grab geschickt und die Kulissen geöffnet, die eine blutstarrende, nach Frieden und Ruhe ringende Menschheit bisher verdeckten. * Verschollene Namen, verschollene Zeiten wachen wieder auf. Aromunen, Zinzaren, Klephten, Palikaren — das unglückselige Bölkergenrisch Frischen dein Schwarzen Meer und der Adria, erscheint wieder vor dem Tribunal der Weltgeschichte, aber wahrlich nicht als Angeklagter. Die Frau in der Loge dachte an nichts anderes als an ihre Vendetta. Vielleicht wollte sie aber mit ihrem Schuß das - Gewissen Europas treffen. Vielleicht glaubte sie daran, daß es ein solches solidarisches politisches Gewissen gebe. Es gibt keines. Die Tat der Mancia Caraciniu ist nur durch ihre Einzelheiten, durch die äußeren Umstände bemerkenswert, möglicher- -cheise auch durch das Hineinspielen des Eifersuchtsmontentes. Aber an sich ist sie der Teil einer ununterbrochenen Kette von Akten der Verzweiflung, die von Völkern begangen werden, die, sich selbst überlassen, hilflose und wehrlose Objekte einer schändlichen Politik der für Kultur und Humanität, für die Selbstbestimmung der Nationen in heißer Liebe entbrannten Mächte sind. Das Wort Gladstones von den Macedonian atrocities, das einmal gegen die - Türkei geschleudert wurde, hat nichts von dem Schrecken verloren, den es besaß, aber es richtet sich heute gegen die Staaten selbst, denen die furchtbare nationale urü) materielle Not, die psychische Verwahrlosung der Volker auf dem Balkan nur ein Spielzeug, -'ein-Mittel im diplomatischen'Wirrwarr darstellt. Von Sarafow, den der vorgestern ermordete Panizza beim Abendessen über den Tisch. hinweg niederschoß, über den Komitatschiführer Sanoansky, dem Panizza rat Gespräch auf der Straße die Kugel ins Herz jagte, über Stambrtloff, über — wer kennt, alle diese Namen — bis zu den Opfern der Sofioter Explosion, klagen hunderte ins Verbrechen gejagte Menschen dieses Europa an und ihnen schließt sich die Frau an, die sich das Wiener Burgtheater für ihre Rache aussuchte. Hier an der berühmten, prächtigen Stätte einer seelenlos und verrucht gewordenen Kultur ist dieser Mord geschehen, hier spricht er doch eine andere Sprache als in einer Uesküver Vorstadt, hier wird er zum Akt der Blutrache an dem niederträchtigen System, das sein Christentum immer im Mund führt und sich nicht einmal um das Wohl und Wehe von Völkern kümmert, die anch immer ihr Christentum hervorheben. * Diese Mazedonier haben kein Eigenheim. Sie sind unter anderen Völkern zerstreut, ihr Kulturleben bewegt sich in ihrem Wesen fremden Geleisen. Sie haben kein ihrem Bedürfnis entsprechendes Gerichtswesen, kein Schulwesen, sie können ihre Jugend nicht so erstehen, wie sie das wünschen, sie haben keine eigene Sprache, sondern muffen in fremden Idiomen, in den Sprachen ihrer Herren, sich miteinander verständigen. Ihre Besten wandern nach Amerika und verlieren sich dort in den: großen Brei. Sie sind ein Cxilsvolk, mit dem jede Regierung nach Belieben umspringt, das sie hetzt und depvaviert und in der Seele geknechtet hat. (Es gibt innerhalb der weißen Welt noch mehrere andere Exilsvölker.) Die Führer dieser sozial unentwickelten, wirtschaftlich Primitiv organisierten Masse sind von ziveierlei Art. Einige haben an europäischen Hochschule!^ studiert und bessere Verhältnisse vor Augen gehabt. Sie kommen in die Heimat mit einem fiebernden, heißen Herzen, voll Drang zur Arbeit für das gemeine Wohl. Und verfangen sich in kürzester Frist in das Ränkenetz der giftigsten Politik. Die anderen schnallen den Patronengurt um und sehen die Welt durch den Lauf des Brownings an. Sie verkommen in den Schluchten des Balkan, m dem verkarsteten, verödeten, Das Attentat im Burgtheater. Das Geheimnis, das über der Tat der Mancia Car n i c i« liegt, klärt sich mir sehr langsam. ES ist bisher noch immer zweifelhaft, -woher die Frau die Ab sicht ihres Opfers kannte, das BurgtHeater zu 'besuchen Die Gründe der Tat ftitb aber bereits in den groben Umrissen bekannt. Das Mädchen hat als Revolutionärin «in Vendetta-Urteil an einem mazedonischen E xal tad ofn h r e r vollstreckt. Der Tote heißt nicht DiiNitri A r u a u t o o i c, sondern Todor Panizza. Er hat im Fahre 1906 im Auftrag der sogenannten inneren Organifatwir in Sofia den Führer des revolutionären Obersten Rates, Boris Sarasond erschossen. Seine an der Tat, die beim Nachtmahl erfolgte, bctcil'igten Komplicen B u in ow und Kau ta r d i e w wurden im Vorjahre ermordet. Panizza trieb sich seither bald in Bulgarien, bald int inneren Balkan her um, organisierte Freischärlerbanden und führte Krieg auf oigenc Faust. In den letzten Jahren Milte er wiederholt in Wien, wo er im Kreise von Parteifreunden verkehrte. Er war 42 Jahren alt und lobte seit drei Wochen mit seiner Frau Katharina und seinem Schwager Jan ne Bogat'lnow im Hotel Mariahilf. Ein Sohn soll in c-inenr Institut in Grinzing untergebracht sein. Die nähere Vorgeschichte des -Attentats irft noch völlig in Dunkel gehüllt. Die Attentäterm Mancia (Melpomene) Carniciu stammt aus Krassowo öm Bezirk Mo na st ir. Sie ist 26 Jahre alt und die Tochter eines wohlihabe-nden Geldwechslers in Z a r i b r o d, lebt aber ständig!in Sofia. Sie ist schwer lungenkrank und leidet auch.all einem Nierenleiden. Sie ist eine große, hübsche Erscheinung mit Pechschwarzem Bubi ko Pf und stechenden, schwarzen Augen. Infolge ihres Leidens war sie körperlich stark herabgekommen und ihr Gesicht eingefallen und blaß. Sie lebte in Wien sehr zu rückte zogen und befand sich lhauptsäch-bich in der Gesellschaft der Schwester des hiesigen Vertreters -der maizedonischen Föderalisten Slavo Jvanow, die vor kurzem heiratete. Uebevdies hatte sie ei ne. Freundin in Wien, -ntüt der sie noch ans Sofia bekannt war. Sie wohnte hier in der, Sciidengasse Nr. 32. ' Sie gibt di« -Mordabsicht zu. Sie erklärt, als- Bollsiveckerin eines Urteils gehandelt zu haben, klärt aber nicht auf. - in Westen Auftrag sie gehandelt hat und ob sie nicht aus eigenem Antrieb den Mord begangen hat. Sie hat Panizza mW seine Frau gekannt -und es ist nicht ausgeschlossen, daß bei ihrem Entschluß auch die Eifersucht eine Rolle gespielt hat. Das Verhör mit ihr ist außerordentlich schwierig. Die Untersuchung wird im Sichecheitsbureau geführt. Die Carniciu ckann, da sie kaum deutsch ver-. steht, nur mit -Hrlfe des Dolmetsches Piro sinvevnommcn werden. Der Vorstand selbst, Hofrat Wahl. OSerkommiffär Dr. Le wisch und Kommissär Dr. Kn oll bemühen sich, den Fall zu klären und haben im Laufe deS gestrigen Tages nicht nur die Carniciu und die Zeugen der Dat, sondern auch eine Reihe anderer AuSkunftspersonen einvernommen, um ein Bild darüber zu gew-mnen, ob die Carniciu allein gehandelt hat und ob ihre Tat Wirklich bloß der Ausdruck der Erbitterung gegen einen Abtrünnigen gewesen ist. Die Carniciu, die auch halbwegs ru hig und gefaßt ist und' ihr Verbrechen vom Standpunkte der Vollstreckung eines Urieiles betrachtet, bleibt nach Wie vor dabei, daß sie nur dem Todor Panizza nach dom Loben getrachtet habe, daß die Schüsse, die seine Frau und den Studenten Bog d a n o w i t sl ch getroffen haben, «in Alt der potttts-en Rache. unwillkürlich die Richtung gegen sie genomnten hoben, alS der Kampf um dm Besitz der Waffe zwischen ihr und Frau Panizza entbrannte. Wichtige Zeugenaussagen widersprechen doch dieser Darstellung. Panizza war ein schwer zugänglicher, äußerst vor« sichtiger und mißtrauischer Mann. Cr muß offmbar gewußt haben, daß es notwendig ist, sich zu hüten, weil er der letzte hervorragende Führer der Föderalisten ist. Er hat sich .lange Zeit in Griechenland u n » Serbien unter falschen Namen aufgehalten und ist am 16. April nach Wien gekommen. Zweck seiner Reise war. daß er der Hochzeit seiner Schwägerin beiwohnen wollte, die den hier «wellenden, Michaflovic, der sich vorgestern in derselben Loge befand, heiratete. Wie immer, befand sich auch diesmal einer feiner Getreuen zu seinen: persönlichen Schutz in seiner Begleitung, namens Bogdanow. fraget ögc 70« Schuhel mit eingebautem „B*rson“-Gumnii'Absatz Nach der Heirat hätte Panizza in feine H'e'.mät zurückkehren können, hatte aber hier noch Famil'im umlege nheiten zu erledigen. Seine Frau, die ihre Schwester schon lange nicht gesehou hatte, überredete den Mann, noch einige Zeiit zu 'bleiben, und dieser widmete den Aufenthalt der Besichtigung von Sel.-criswürdigkeile». Politisch ist er hier nicht hervorgetreken Der Besuch im Burgtheater, der so unglücklich ausging, dürfte von der Täterin selbst angeregt worden sein. Es cntspvirht den Tatsachen, 'daß, wie die Attenläterin sagt, «ihr Plan wohl kaum au einem anderen Orte unter so günstigen Bedingungen hätte zur Ausführung gebracht werden können, dom T o d e r Panizza war auf allen Wegen ' ' jon einer förmlichen Leibgarde umgeben, auf der Straße folgten ihm in einiger Entfernung stets drei oder vier bewaffnete Parteigänger, die für seine Sicherheit sorgten und sich/ -wenn er öffenNche Lokale aufsuchte, in seiner Nähe placierten. Im Theater mußte diese Garde begveifilichevweise entfallen und so konnte die Ausführung des Altentatsplanes gelingen. Bon großer Bedeutung ist in dieser Hinsicht die Vernehmung dev Schwägerin des geMeten PaniM, her. Mjvhvigen Fvcm lMagdallena Jwanowna Bumb a x oM' gebovnan ISmaiilina, die anÄ Kar Etsch stammt,"das u-nweit Salon «Ei Mögt. Sie ist die. Schwester der der-?, wundsten Frau PaniM, und durch sie i!st etgen-tlich die BeEamvtschceft des PaniM mit der Cavnwm vor längerer Zeit vsvmittelit worden. Auch sie kannte den jetzt Getöteten' nur unter dem Nanmn Arnautovie, wußte aber, daß., der Name ein Pseudonym iish weil sich her Mam' vqr poMschen GegnLM gefürchtet hat. Nach dem Ende der Regierung Stamvuliiski ist PaniM aus dem Orient geflüchtet. Pa-ui-zza ist Vater eines 14jährigen Sohnes, dev gegenwärtig"i'nr Grinzinger Gymnafiarm «süldiovt.: . Die Carniciu kennt Frau Bumbarow noch aars der Zeit, als «beide «vor etwa «sieben iIalhven tu München studier toll. Bon dev Carniciu wußte die Bumbarow, «daß ihr Vater in Sofia eiu Wechflergeschäft lbeifaß, au dem die Tochter auch ftnanOell beteiligt «war. Im Herbst vorigen Jahves soll dieses Geschäft Wverc Vcsrtrüste e^ litten haben, «jo daß as in KonklW gehen mußte. Als die Ca-vurüiu und die jetzige $iuu B-u>mbarow ihre Studien «in München beendet Hatten', waren sie nach Bulgarien zurückgeikehrt. Sie hielten aber auch nachher ihren Verkehr aulfoecht. Md rmn Panizza cin- >mal seine Schwägerin Frau Bnm'baww «besuchte, lernte er dort auch die Cavmom kennen. Frau,- Bninbarow lkanu sich a'bev nicht erinnern, daß je zwischen .den beiden von Politik die Rede war. Ihren spateren Gatten 'Btvm- .bavow lernte sie in Zavibrod kennen. Bor etwa -Jahresfrist kam PaniM mit Frau und Kind in Gegleitmlg seines Freundes, des Studenten Bogda no Wils ch, nach Wien. Die Carniciu war in ihrer Heimat. Sie Ivar krank und berief ihre Freundin nach Wien, da sie w e $ c it ih.res Lungen- und Nierenleidens gern nach Wien kommen wollte, um einen Arzt der Wiener Schule zu konsultieren. Sie leistete dem Rufe Folge ulid kau« über B u «k a r e st u « d B u da p e st hieher, wo sie gcnroinsant mit >ihrer Fvonndin in der Seidcugasse 92 wohnte. Als darm die Freundin am 2Ü. April heiratete umd ins H o t e l M a r i a h i l f zog, Meib die Carniciu alle i n Land, durch das seit Jahrhunderten der Krieg und der Mord geht. Ihnen ist der Tod ein vertrauter Gesell. Ihre Rufe nach Freiheit ertrinken im Aktensumpf der Mächte. Was gibt ihnen Europa? Waffen, Pulver und Blei, die Technik des Attentates. Der Balkan ist eine kleine aber klare Projektion Europas. Dieser Kontinent ist nur mehr ein Anhängsel der rätselvollen asiatischen Welt und er hat nichts voraus vor dem Balkan, nichts, was ihm ein Recht auf den Hochmut gibt. Europa ist selbst Balkan geworden und das, was sich seit zehn Jahren hier ereignet, ist über Europa gefällt. Sie wird vor Gericht gestellt und wird büßen müssen für etwas, was doch nichts anderes ist, als was Europa sie gelehrt hat. Leben nicht auch nördlich von der Donau Kom!tatsck)is? Wird hier nicht der Mord gepredigt, getan, gesegnet? Konnte nicht Mancia Caraciniu an den Wiener Straßenecken die Movdplakate mit dem Hakenkreuz sehen? Was ist ihr Atentat denn anderes? Nichts, als der Beweis, daß es kein europäisches Gewissen gibt, daß der Zlveck das Mittel heiligt und daß Exilsnationen zum Heloten-tum verurteilt sind. Wehe ihnen, wenn sie sich auflehnen! Peer Ghnt, der das Glück sucht, geht mit seinem Schiff nichts als die ins Große gezerrte Kopie der Schwarzen l unter. Die Mörderin kommt ins Spinnhaus, beladen Berge. Die Frau, die geschossen hat, hat ein Urteil f mit dem Fluch Kuropas, auf das sie gehofft ha-