Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2233 (9.5.1925)
- Date
- 1925-05-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5958 W«n, -DttiiSk,. Sie Wahiresorm in Ungarn. Badtchest, 8. Mai. Die Nationalv-ersa-nt/mlun-g hat Heute die Debatte über den Wahlrechtsgesetzen t'wurf begonnen. Nach einem eingehenden Referat des Berichterstatters ergriff als erster Redner in der Generaldebatte Abg. Dr-ozdy namens des demokratischoir Verbandes, der bekanntlich vier Monate lang an den Sitzungen der Nationalversammlung nicht teilpeno-mnt-cn hatte, das -Wort, unr den Gesetzentwurf zurückz u w eise n, den er alis von reaktionär cm Geiste durchdrungen erklärte. Die öffentliche Abstimmung sei die Quelle der größten Korruption. Redner verwahrte sich gegen das Argu-m-en-ti, daß die Mstimmung'sart Schutz gegen umstürzlevifche Machenschaften gewähre. Wenn dieser Entwurf Gesetzeskraft evlange, 'könne Ungarn sich nicht 'mehr einen konstitutionellen Staat nennen. Die Verhandlung «wurde sodann auf Dienstag vertagt. WUn, II. HollancUtraise 14 _ Wiener Moraenzeltirng._ gemeldet, daß sich das Polizeipräsidium gezwungen sah, öffentlich bekanntzugeben, daß weitere Anmeldungen zur Spalierbildung nicht mehr entgegengenommen werden können. Im ganzen werden etwa eine B i e r t e l m i llion Menschen auf dem Wege, den der neue Reichspräsident nehmen wird, Spalier bilden. Um sie unterzubringen, «werden die Teilnehmer in etwa zehn Reihen hintereinander aufgestellt sein. Der Platz vor dem Bahnhof Heerstraße ist für die Vertreter der Regiernng und der Behörden reserviert. Dann beginnt die Spalierbildung mit dem Verein -ehemaliger Angehöriger des 3. Garderegiments, diesem folgt der Landbund, die Eisenbahnorganisation, der Jungdeutsche Orden und der Stahlhelmbund usw. usw. Für Dienstag, den Tag der Vereidigung im Reichstag, sind Spalierbildungen nicht in Aussicht geltomntcu. Sie Abstimmung int preußischen Landtag. Sechs Stimmen Mehrheit für Braun. Berlin, 8. Mai. (Wolfs.) Im pr eußischen Landtag wurde heute in namentlicher Abstimmung der deutschnationale Mißtrauensantrag mit 222 gegen 216 Stimmen abgelehttt. Sie kleine Kntente. Eine rumänische Erklärung. Bukarest, 8. Mai. (Orion t-Radio.) Die rumänische Presse hat -in den 'letzten Tagen über die Arbeiten der Korrser-enz dev kleinen Entente Informationen veröffentlicht, die teilweise'u n r i ch t i g sind. Die Agentur Orient-Radio ist ermächtigt, auf -Grund von Informationen aus autorisierter Quelle zu erklären, daß i u iß u t a r c ft lei ne -wichtige Entscheidung getroffen -werden düvfte. Die Konferenz wird sich auf ctatcit Gedairken-- austauifch über die internationale Lage im allgemeine-n beschrän-kön, die hier n>icht als -sehr zufriedenstellend 'betrachtet wird. Es ergibt sich daraus notwendigerweise, daß dieser Ideenaustausch von großem Interesse sein 'wird. Die Tätigkeit der Bol-schew iken ans dem Balkan, das Ergebnis der letzten Präsidentschafts-, wählen in Deutschland, das Scheitern des Genfer Protokolls, die Schwierigkeiten, auf die der Garcmüepaikt stößt, die Weigerung Deutschlands, die Ostgrenzen anzuerkennen, der von Rußland auf die Länder der gelben Raffe erworbene Ein-fliuß, all dies hat einen Zustand geschaffen, der weit davon entfernt ist, die Konsolidierung des Friedens, den Hauptzweck der «kleinen Entente, zu sichern^ Hindenburgs Einzug. Berliitt, 8. Mai. (Tel.-Komp.) Zum Einpfang des Reichspräsidenten anr kommenden Montag nachmittags sind bereits die umfassendsten Maßnahmen getroffen worden. Zur Aufrechtevhaltunig der Ruhe und Ordnung soll die gesamte Berliner Schutzpolizei in der Stärke von 3000 Mann ausgeboten werden. Außerdem haben sich zur Spalierbildnng auf dem rund sieben Kilometer langen Weg dom Bahnhof Heerstraße bis zum Palais des Reichspräsidenten so zahlreiche Vereine, Verbände und Innungen an- Keine AnWnng der Landtags. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 8. Mai. Der preußische Landtag wird nunmehr doch nicht a u f g e l ö st werden, da in der heutigen Sitzung des Landtages dem Kabinett Braun indirekt dar. Vertrauen ausgesprochen wurde. Das Resultat der heutilgen Abstimmung wurde von der Linken mit lebhaftem Beifall aufgenourmen, der auf der Rechten laute Gegenkundgebungen auslöste. Wie ste lügen. Ein neues Hakenkreuzmärchen. Aus''Berlin wird uns berichtet: Die rechtsradikalen Gruppen treiben be-kann-tlich Propaganda -mit angebl-ichen Akten t at s ab s ich t e-n gegen Hindenburg. Das „Deutsche T-agMa-tt" in Berl-i-n ittnb Rostock, sowie andere Ha-kenkvou-zteMätter tischen das -folgende Märchen aus: Der I n Ä e D a v i d s o >hit i nt Berlin äußerte gesprächsweise, die Schwanz-Weiß-Roten -mögen -sich über de-n,, Sieg Hi-n'denb.nvgs nicht zuviel freuen, beim bis setzt ist ja der Rathena-u- Movd noch nngesühnt! Und wer weiß, ob nicht Hindenburig... Ein zugegen .gewesener Arbeiter soll sich empört geäußert haben: „Dann bleibt aber kein Jude leiden, -wenn Ihr dem alten Hindenburg auch nur ein Haar -krüm-mt!" Selbstverständlich ist die ganze Geschichte erfu-uden, da doch gewiß gegen den -angeblichan Davidfohn, wenn er die Aeußerung getan hätte, eingeschritteu worden wäre. Poehner ermordet? Berlin, 8. Mai. Die „Bossische Zeitung" verzeichnet iu einer Zuschrift aus München Gerüchte, -die wissen wollen, daß der aus dein Hitler-Putsch bekannte frühere bayrische Po-l-ize-i'präs.ident Poehner nicht einem Antomobilunfall zum Opfer fiel, sondern um gebracht S. MM IMS Franz.k Sohn Klavier- und Harmonium* Etablissement und Lalhanstalt Wien, I. Bäckerstaße Nr. 7 Gegründet 1840 / Telephon 76>2-SS| worden sei. Nach den Osterfciertagen war bekanntlich von der Presse die Meldung verbreitet worden, Poehner sei bei einem Automobilunfall in der Nähe von Rosenheim ums Leben gekommen. Das Automobil, in dem er sich mit seiner Frau, seinem Sohn und der Gattin des Oberleutnants Krieger befand, habe sich überschlagen,. Poehner habe sich das Genick gebrochen und sei sofort tot gewesen. Das Gerücht will nun wissen, daß in Wirklichkeit der ganze Automobilunfall nur inszeniert worden sei, um an Poehner Rache für -sein politisches Verhalten zu -nehmen. Die Gerüchte behaupten, daß die Zeitungsmeldungen über den Hergang des Vorfalles auf falschen Informationen beruhen, die von Augenzeugen angefertigt wurden, die ein besonderes Interesse an der Sache gehabt hätten. Alle Wertgegenstände, die Poehner an: Unglückstage bei sich trug, seien hinterher gesunden worden, sein Schlüsselbund und seine Brieftasche fehlten jedoch noch bis heute. Die Zuschrift schließt mit der Bemerkung, es scheine, daß diese Gerüchte auch Anzeigen an die Staatsanwaltschaft zur Folge gehabt haben, denn vor einigen Wochen seien bereits verschiedene Personen vom Untersuchungsrichter in dieser Angelegenheit vernommen worden. verbot einer Sammlung der Deutschen Schul« Vereins. Der Magistrat der Stadt Wien hat gestern abends bi\, Hauptleitung -des Deutsch e n Schulder ei ns verständigt, daß er die Sanmrtung zugunsten der Grenzlandschulen, die ain 9. und 10. d. hätte stattfinden sollen und zu der bereits alle Vorbereitungen getroffen waren,.v erbot e n hat._ Aus dem Wiener Gemeinberat. Die Wohnbaupolitik der Gemeinde. Der Wiener Gemoinderat hielt gestern eine «kurze 'Sitzung ab, in der Haupt,sächlich Kredite für Wohnhaus- -bauten bewilligt wurden. Ter Gemeinderat genehmigte für die Errichtung von a ch t neuen Wohnhäusern 24,685.000 Schilling. Stadtrat R u m m c I h ardt (christlich-sozial) kritisier-te die Wohnbaupolitik der Ge- -meirnde sehr heftig. Er führte aus, daß an den Wohnhäusern Tafeln mit der Aufschrift: „Errichtet aus den Erträgnissen der W-ohn-ba-ufteuer" angebracht sind. Die Eingänge aus dieser Steuer find aber durch die bisher errichteten Wohnhäuser weit überschritten. Entweder sind d-i-e Einnahmen vom Stadtrat Bre i tu e r zu -niedrig präli- -miniert worden oder Stadtrat S-iegl baut ins Blaue hinein, -ohne sich um die Bedeckung zu kümmern. Man plane .«wahrscheinliche eine Erhöhung der Wohnbausteuer, was aber bei den gegenwärtigen Verhältnissen nicht durchführbar sei. Durch -die J-nstandhaltnngszinse -und die Wohnibauste-uer wird es bewirkt, daß die meisten Mieter -ohnehin schon den valo visierten Zins zahlen. QSSSS5SS59aS9SSSSSSEKaS5SS9SSK«9S!55=SK9 Schiller in der Iudengasse. Z-Ufln 120. Todestag des Dichters. Bon S. Me-isels. Sie schauten zu ihm ompvr luic zu ernenn Gottesinann und huldigten ihm wie einem König. Sie bewunderten in ihm den Genius der Menschheit und der Meiischlichkeit. Was dämmernd noch in ihrem Geiste wcibte, was ahnungsvoll ihr Herz bewegte — in seinen Werken fanden sie es -in wundervollen Tönen und mit einem an die Propheten gemahnenden Pathos Vorgetvagen. Nicht sein Wort hatte in ihrem Herzen einen Widerhall gesunden, sondern umgekehrt, Schiller war wie das Echo ihrer eigenen Gedanken und Gosühle. „Geben Sie Gedankensveiheit, Sire!" — dieser Schrei l-ag latent in ihrem Innern verschlossen, zitterte wortlos in ihrer Brust; Schiller hat ihn, aus seiner stummen Ohnmacht ihn erlösend, mit Donnerstimme durch die Welt brausen lassen. „Seid nmschlun'gen, Millionen!", das hätten sie der ganzen Welt zuruscn -mögen, aber sie fanden das Wort nicht; er sand's, der einzige, nnvevgleichlich-e, gottvolle Schiller! „Durch die Straßen der Städte, von: Jam-mer Mfolget, schreitet das Unglück." Wie oft sahen sie das Uugjvück -in Gestalt von MordbUben, von Hooligans, dam Mischen Jam-mer gefolgt, durch die Straßen der Städte schreiten! So fanden sie be-i Schiller für jeden ihrer Gedanken das passende Wort, für jeden Schicksalsschlag ihres Leidens einen tröstenden Ausis-pruch. Der gn-te B-üchmann hätte seinen Zitate ns chatz um das Doppelte vermehren müssen, hätte -er alle güM-gelten Schillerscheu Worte, die im Ghetto kursierten, aujjgenMi-nten. Die grenzenlose Schiller-Berchrung veranlaßte sehr balld die hebräische» Schvis-tsteller, die Werke des Dichters in 'das „Gowand de^hei-ligen Sprache" zu hüllen. Und als die ersten hebräischen Urbersetznnigen der Schillerfchen Gedichte und Dramen erschienen tvaven, da lasen die „Aufgeklärten" im Ghetto zmueijst das Original mit der Uöbeis-etzuug -in einem Atiennzuge, nnd es ist schwer zu sagen, ab sie das Original als -Uammentar zn der Ueibevsetznug oder die Ucher-setznng als Kommentar zu dem Original benützten. Bereits im Jahre 1817 finden wir in der Berliner hebräischen Zeitschrift „Jed'idj-a" eine U-e'bersetzung des Schilleyschen Geldichtes „An die Freude" von A tos es Büschenthal. Schillers Gedicht „Die Bürgschaft" übersetzte Jjfaak Kandia (abgedrnckt als Anhang zu dem vom Ueoersetzer verfaßten zweiakti-gen Moses-Drama „Toldoth Masch-eh", Warschau 1829). „Die Zerstörung von Troja" wurde von de-ni bekannten hebräischen Lyriker Jöseif ha-Koherr Lelbensohn übersetzt (Wilna 1849). Zum hundertsten Geiburtstage des Dichters hat AtattiHjahu Simcha Rabener -eine größere Samm-l-ung Schillerscher Gedichte ans der zweiten und dritten Periode unter den: Titel „Ech hasamir" (Die Zeit des Gcsang-eS) erscheinen lassen. Alber schon ein dolles Jahrzchnt vor Ralbener hat Max Let-teris eine Sammlung Schill-erscher Gedichte in einer g-elnugenen hchräischen Ueibertragun-g herails-ge-geben (1852). „Das Lied von der Glocke" ist n-icht weniger als sechsmal ins Heibräische übersetzt worden; größere Teile dicher Dichtung find bereits 1820 im Helbräiischon erschienen, der Uebersetzer ist kein Geringerer als der berühmte Prager Oberrabbiner Salo-mo Jnlda Rapo-port, der sich als Niit-b-e-grün'der der modernen j-üdis-chen Wissenschaft e'inen nnver-gänA'ichen 'Namen i-m Judentuni erworben hat. Es verdient aiiige-merkt zu werden, daß in der erwähnten Ralbenerlschen Siammlun-g das Gedicht wörtlich „Schir hapaam-on" (Das Lied von der Glocke) heißt, dagegen in einer von demsellben Übersetzer 1808 veröffentlichten Nachdichtung den gut -gewählten Titel ,/Schir hachajjim" (Das Lied von: Leben) führt. Eine heibräische Uebersetzung der „KiNdesinörderin" von Doktor Daniel Ehrmann erschien in Pra-g 1863 als Sonderdruck. Bon der „Rvsignation" gibt es Met hebräische Ueibersetzuugen; die eine „Schir hajvusch" von Isidor Brüstiger (1884), die andere „A-m-arti jesch li tikw-ah" von Konstantin Scha'piro (Jahrbuch „Haassis", Band 3). - Bon Schillers Dramen wurde bezeichnenderweise als erstes „Die Braut von Messina" ins Hebräische übersetzt; der Ueibersetzer, Jakob Lovin, gab dem Drama den i/m Hebräischen luic ein Schlager wirkenden Titel ,,Medanim ben achim" (Hader unter Brüdern). Dielst-- Uelbertragnng erschien 1868. Drei Jalhre später folgt als zweites Schillersches Erstlingswerk „Die Räulber", übersetzt von Moses Schulbaum. Das Jahr 1879 War. das eigentliche Schillerijahr in' der ueuheibräischen Literatur; in dielsenr Jahre erschienen nacheinander „Wilheilm Tell" (übersetzt von David Radner), „Don Carlos" (von demsMe-n), „Maria Stuart" (von Salomo Kowner) und „T-urlandot" (-unter den: Titel „Tirzah" von Osias Atlas). Ferner sind in hebräischen Ueber-setzungen vorhanden: „Fi-esco", die Schillevsche Bearbeitung des „Macibeth", „Phädra" nnd eine zweite Uebers-etzimg des „Dell" von dem berühmten neuhebräischen Dichter Ehajjim Nachman Bialik. Bon Schillers Prosaschrilften find zu erwähnen: Die „Philosophischeii Briefe", übersetzt von dem philosophischen Schriftsteller Dr. Salomo R-ubin (erschienen unter dem Titel „Ben Oni" 1851), der „Spaziergang unter den Linden", übersetzt von Kalman Schnl-man-n (abgedruckt in der Schulmannschen Essaysammlnug ,,'SaphF berura"). Bon der Abhan-dtung „Die Sendnn-g Moses", in der den Juden nichts Schmeichelha/ftes gasagt wird, liegen, allerdings mit Kommentaren versehen, zwei heibräische Uolbers-etzung-en vor. (Indes: Schillers Hauptwerk, die Wallenstein-Tril-ogic, habe ich verigeibens in der n-euheibräischen Literatur gesucht!) Fast ein Jahrhundert lang beherrschte Schiller die „anfge-tlärten" Geister im Ghetto. Sie lais-en den Schiller nicht, wie man gemeinhin Dichter liest, sie suchten in seinen Werken keinen Kunstgenuß. Schiller — das bedeutete ein-e Kepsarbeit, ein hartes, ernstes Studium. Die versenkten sich mit andachtsvollem Ernst in die geistigen Tiefen seiner Werke und holten zuweilen ans die-sen mchr heraus, als mancher Schills-Forscher von Berns darin zu finden in der Lage wäre. Schiller galt in der Judengasse als ein Weiser, den Gott mit einem Teil feiner Weisheit ausge-stattet hat. Das jüdische Relügionsgeis-etz schreibt vor, daß man beim Anblick eines Weisen den Segensfprnch spreche: „Gelobt seist du Gott, der einen Teil seiner Weisheit einem Menschen von Fleisch und Blut geschenkt hat." Wäre Schiller im Ghetto erschienen,ji£ * » t 096374