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Wiener Morgenzeitung · 1925-05-06 · Heft 2230 (6.5.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2230 (6.5.1925)
Date
1925-05-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Kv. SM - ' Wien, MLWoH ~ Wiener Mornenzeituns. 6. Mai 1925 Seite S Ae Märchen von der Kommuniftenzentrale in Sesterreich. ' Fn Sen üetzken Tagen sind verschiedene Mchrichten dchmiden worden, die den Herd der Verschwörung für das Attentat in Sofia nach Baden verlegen. Demgegenüber srhNt die Christlichsoziale Nachrichtenzentrale vom Bürgermeister Von Bälden, Nationalrat Kollmann, folgende lZnschÄft: ,/Fch teile mit, Latz Botschafter Christian Rako w sk i kn der Zeit vom 2. September bis 23. September 1924 in Beiden im Hotel Esplanade wohnte, Latz während dieser Zeit Beratungen nicht statt fanden, wohl aber in dieser Zeit der Tischlevgehrlsse Josef Roth aus Klausenburg unter dem falschen Namen Müller den Gesandten verfolgte. Müller hat sich im selben Hotel einlogiert und hatte zweifellos leine guten Absichten. Im übrigen ist Roth von einem Einzelrichter eines Wiener Bezirksgerichtes wegen g ejährlicher Drohung zu drei Monaten schweren Kerkers verurteilt worden. In der Zeit vom 14. Dezember 1924 bis 26. Jänner 1925 wohnte der Angestellte der russischen Botschaft in Wien, Gregor Krebs (Kreps) im selben Sanatorium in Baden. Krebs hat leine Besuche empfangen und es war daher in dieser Zeit in Baden nichts geschehen. Vom 26. Februar bis 22. März d. I. war der Leiter der kommerziellen Abteilung der' russischen Gesandtschaft, Simon Wulfson (Wolfsohn) im Hotel Esplanade einquartiert. Wulfson, der nicht gehen konnte, empfing zwei oder dreimal den Besuch de's damaligen Wiener Sowjetgesandten Joffe und auch den Besuch anderer, hier unbekannter Herren, mit denen er stundenlang in seinem Zimmer konferierte." _ gittc Niederlage des Horthtz-Kurses. Die Wahlen in die Budapester Handelskammer. Budapest, 5. Mai. Sonntag und Montag fanden hier die Wahlen in die Handels- und Gewerbekammer statt. Das heute verlautbarte Ergebnis der Wahlen zeigt eine völlige Niederlage der christlichnationalen Wolff-Partet, welche im Jahve 1920, zur Zeit der Hochkonjunktur des rassenschützlerischen weißen Terrors, sich auch der Leitung der Budapester Hcindels- und Gewerbekammer bemächtigt hatte. Damals wagten die berufenen Führer des Handels- und Gewerbewesens überhaupt nicht, sich der Wolff-Partei, die auch die Herrschaft im B n d apester Gemeinderat an sich gerissen hatte, ernstlich entgegenzustellen. Anläßlich der eben abgelaufenen Wahl schlossen sich die verschiedenen Interessenvertretungen zu einem g emeinsamen Wahl block zusammen, um die Kammer wieder unter die Leitung von Berussinteressenten zurückzuführen. Sowohl in der Gewerbesektion als auch in der Handelssektion siegte der gemeinsame Block gegen die christlichnationale Kandidatenliste der Wolfs-Gruppe. Der Wahlkampf war sehr heftig und die Christlichnationalen verschmähten es auch nicht, einige jüdisch klingende Namen auf ihre Liste zu stellen, um die jüdischen Wähler irrezusühren, indem sie sie glauben machen wollten, daß die Liste der Wolff-Partei eine Kompromißliste der konservativen und gemäßigten liberalen Gruppen sei. Die Juden und die liberal gesinnte nichtjüdische Kaufmannschaft deckte jedoch den Schwindel rechtzeitig auf. Dem Ergebnis dieser Wahlen kommt aus mehrfachen Gründen größere politische Bedeutung zu. Zunächst deshalb, weil die Leitung der Handels- und Gewerbekammer Die Auskunft. Bon A. P Tschechow. (Aus dem Russischen übersetzt von Simeon Silbermann.) Es war um die Mittagszeit. Der Gntspächter Woldiwer, ein großer starker Manu, mit kurz geschnittenem Haar und herausstchenden Augen, zog seinen Mantel aus, trocknete mit einem seidenen Taschentuche die Stirn und trat schüchtern ins Amtszimmer. (Dort wurde fleißig gearbeitet.) ,/Wo kann ich hier Auskunft erhalten?" wandte er sich an den Portier, welcher ein Tablett mit Gläsern hereinbrachte. „Ich mntz niich hier erkundigen und eine Abschrift der Journalbestimmnngen nehmen." bemühen Sie sich, bitte, hierher! Menden Sie sich an den Herrn da am Fenster!" sagte der Portier, mit dem Tablett gegen das letzte Fenster deutend. Woldiwer hustete und begab sich zum Fenster. An eine in grünen, wie vom Typhus fleckigen Tische, saß ein junger Mensch mit zerzaustem Haar, langer pockennarbiger Nase, in abgetragener Uniform. Er schrieb, mit seiner umfangreichen Nase fast «das Papier berührend. Um seinen rechten Nasenflügel spazierte eine Flige, und er bemühtesich, diese wegzujagen, indem er, die untere Lippe ausdehnend, sich unter die Mse blies, was seinem Gesichte ein äußerst kuurühigendes Aussehen verlieh. „Pann ich vielleicht ... bei Ihnen", wandte sich an ihn Woldiwer, „eine Auskunft in meiner Angelegenheit haben? Mein Name ist Woldiwer. . . Ich benötige dringend eine Abschrift kr Journalbestimmnngen vom 2. März." Der Beamte tauchte die Feder ins Tintenfaß und sah nach, ob er nicht zuviel Tinte ausgenommen hatte. Als er sich überzeugt hatte, daß die Feder nicht tropfen wird, begann er zu kritzeln . . . Seine Lippe dehnte sich, aber es war nicht mehr nötig zu blasen: die Fliege faß bereits am Ohr. .Mnn ich hier vielleicht AuskunK erhalten?" wieder- WIMIIMIMMlttllw .. IIP mIIIIII aaaaaaaa Bequeme VWWvW itkim mm MMNIlMIll,»IMIItz, Teil- | Zahlungen! i | Erhältlich nur in Lfiden mit diesem Schild | ^llllll Willi Willi Zentrale: Wien, I. Liebiggasie SlIllllllllllllllllH'F in verschiedenen wichtigen politischen Körperschaften Virilst i m m e n besitzt. So wird die Budapester Handels- und Gewerbekaimner zwei Mitglickr des künftigen Oberhauf e s wählen, fünf Sitze im Budapester Gemeinderat und dessen wichtigsten Ausschüssen besetzen, ferner die dem Handel und Gewerbe angehörenden Mitglieder der St c u e rb e m e ss u u g s- und R e k l a m a t i o n s k o m m i s s i o n nominieren. Schließlich hat die Budapester Handels- und Gewerbekammer auch das Vorschlagsrecht für die W e ch s e l ze n s o r e nsteilen der ungarischen Nationalbank. Internationale Eisenbahntonferenz in Prag. Prag, 6. Mai. Honte wird im Sitzungssaale dev Gewerbe kämm er eine Konferenz der Vertreter der Ei-stnbähnvevwaltungen von Frankreich, Belgien, Luxemburg, Italien, Deutschland, Oesterreich und der Tfchecho-Slowakei eröffnet werden. Nach dem „Prager Tagjslatt" soll über die Erleichterung des internationalen Ware n trän s- Portes in rechtlicher Beziehung, insbesondere aber über die Neuregelung der Transportbedingungen zwischen Frankreich, Belgien und Luxemburg einerseits und der Tschecho-Slowakei andererseits verhandelt Imkit, wobei Dentfchla n d, O e st e r r e i ch und Italien als T r a n s i t st a a t e n in Betracht kommen. Eine Güterzugskonferenz in Wien. Am 28. und 29. April d. I. fand in der Generaldirektion der Ocstereichischen Bundesbahnen die diesjährige internationale Güterzugskonferenz statt. An der Besprechung nahmen Vertreter kr Eisenbähnverwaltungen aus Italien, Jugoslawien, Polen, Rumänien, der tschecho-stowäkischen Republik und Ungarn teil. Unter dem Vorsitze der tschecho-slowaki sch'en Staatsbahnen, die für das lausende Betriebsjahr als gefchäftsfühvende Verwaltung fungieren, wurden die schwebenden Fragen inr Anschluß- und Dnvchzngslgüterverkchr zwischen den beteiligten Staaten beraten. Nach km Ergelbnisse der Verhandlungen sind die Bestrebungen kr. interessierten EisenbÄhnvevwalj;ungen, die durch Grenzschwierig-- l Leiten nach dom ,Fahre 1918 aufgetauchten Verkehrsj Hemmnisse zu 'beseitigen, wieder ein gutes Stück km gesteckten Ziele näher gerückt. Me französischen Gemeindewahlen. Der Sieg der Linken. , Paris, 5. Acai (Wolfs.) Nach dem gestern abends vom M i n t st e r i n m des Innern über das Ergebnis der M n n i z i p a l w a h l e n veröffentlichten Bericht hat in 181 von 365 Arrondisseinentshauptorten der erste Mahlgang zu einem Ergebnis geführt. In den übrigen 204 iholte Woldiwer nach einem AugeMicke. „Ich bin der Gutspächter Woldiwer . . ,/Jwan Wassiljewitsch!" schvie der Beamte in die Luft hinaus, als ob er Woldiwer gar nicht bemerkt hätte. „Wenn der Kaufmann Falikow kommt, dann richte ihn: aus, er soll die Abschrift der Eingabe bei der Polizei beglaubigen lassen. Ich hab's ihm schon tausendmal gesagt." „Ich komme in meiner Angelegenheit mit den Erben der Fürstin Gngülina," brummte Woldiwer. „Es ist eine bekannte Angelegenheit und ich bitte Sie dringend, mich anzuhören." Der Beamte, welcher Woldiwer noch immer nicht bemerken wollte, fing die anr Ohr sitzende Fliege, betrachtete diese aufmerksam und warf sie daun weg. Der Pächter hustete, umt sich bemerkbar zu machen, und schneuzte laut in sein Taschentuch. Mer auch das hat Nichts genützt. Es verstrichen zwei Minuten. Woldiwer entnahm seiner Tasche einen Mubelschein und legte ihn auf» das offene Buch vor dein Beamten hin. Der Beamte runzelte die Stirn, zog mit einer besorgten Miene das Buch an sich und klappte es zu. ■„. . . Eine kleine Auskunft. . . Ich möchte nur wissen, auf Grund welcher Bestimmungen die Erchen der Fürstin Gugultna . . . Dar sich Sie beunruhigen?" Der Beamte, welcher auscheinend mit seinen eigenen Gedanken stark beschäftigt war, erhob sich, säuberte seinen Ellbogen und begab sich um irgendetwas zum Schrank. Nach einer Weile kam er zurück, und befaßte sich wieder mit dem Buche; auf diesem lag ein Nübelscheiu . . . „Ich werde Sie bloß einen Augenblick stören . . , Ich möchte eine kleine Auskunft, nur . . ." Aber kr Beamte wollte wieder nichts hören und begann mit großem Eifer irgendetwas um,>n sch reiben. Woldiwer runzelte das Gesicht und betrachtete hoffnungslos die ganze kritzelnde Gesellschaft. „Sie schreiben!" dachte er seufzend, „Sie schreiben, der Teufel möge sie alle beisammen holen!" Er entfernte sich vom Tische und blieb hoffnungslos i» der Mitte des Zimmers Mit htzvaMriMkln Künden Städten sind Stichwahlen, die am Sonntag statt finden werden, erforderlich. Die Sozialisten haben in neun, die SoziLire publikan er in einem, dieSozialistis ch - Rad ikalen in 18 Gemeinden die Mehrheit erlangt. Die radikalen Republikaner haben in zwei, die L i n k s r e p ublikaner in 14, die demokratisch-republikanische Union in acht und die Konservativen in vier Gemeinden Verluste erlitten. Unter den Gewählten befinden sich 121 Senatoren und 194 Abgeordnete. 16 Senatoren und zehn Abgeordnete kommen in die Stichwahl. Das Karte llderLi n k e n hat in den Gemeindcräten von 28 Bezirkshauptorten die Mehrheit gewonnen und sie in fünf Städten verloren. Der Goldstandard beschlossen. London, 4. Mai. Schatzkanzler C h u r ch i l l trat in einer ausführlichen Rede für die Regierungsvorlage be-/ treffend die Wiedereinführung des Goldstandards ein und schloß mit einem dringenden Appell an das Haus, das Gesetz mit möglichster B e s ch l e un ig ung zu verabschieden, da es für die Allgemeinheit ein« äußerst wichtige Angelegenheit fei. Darauf zog die Arbeiterpartei ihren Abänderungsantrag zurück und der Gesetzentwurf wurde in zweiter und dritter Lesung a n g e n o m m e n. Kaiserin Sita vor ein Gericht geladen. Rom, 6. Mai. Das Gericht von V i a r e g g i o hat infolge der Klage von 14 Pensionisten, die seinerzeit im Dienste des seither verstorbenen Herzogs Robert v. Parma gestanden waren, auf Auszahlung ihrer seit km Jahre 1918 eingestellten Pensionen folgende Vorladungen ergehen lassen: An die ehemalige Kaiserin Zita, den König Boris von Bulgarien sowie an dessen Brüder und an sämtliche Nachkommen des Herzogs aus erster und zweiter Ehe. Die Vorladungen lauten auf den 21. Juli d. I. Berlin, 6. Mai. (Tel.-Komp.) Das Kammergericht hat die Haftentlassungsanträge für die beiden Söhne Kutiskers neuerlich abgelehut. Darauf suchten diese an, in ihrer Zelle einen Radioapparat aufstellen zu dürfen, wobei sie das Gitter des Zellenfensters als Antenne benützen wollten. Das Ersuchen wurde abgelehnt, da die Untersuchungsbehörden befürchteten, cs könnten den Gefangenen funkentelegraphisch Nachrichten übermittelt werden.' 4 Ueber die Vorgänge während der U n t e suchungshaft Iwan Kutiskers berichtet der „Vorwärts" unter der Ueberschrift „Aus preußischen Untersuchungsgefängnissen", die von der Charite Iwan Kutisker beigegebenen Pfleger seien im Untersuchungsgefängnis widerrechtlich fortgeschickt und durch Kriminalbeamte ersetzt worden, obwohl der Chefarzt der Charite dagegen Einspruch erhoben hätte. Schließlich habe sich nach einer Intervention Dr. Neubells, des Verteidigers Kutiskers, herausgestellt, daß der Direktor des Untersuchungsgefängnisses auf mündliche Anweisung des Untersuchungsrichters gehandelt habe, der zu einer solchen Anordnung gar nicht berechtigt war. stchen. Der Portier, welcher abermals mit Gläsern vorbeikam, hatte wahrscheinlich seinen hilflosen Gestchtsansdruck bemerkt, ging ganz nahe an ihn heran und fragte leise: Nun? Haben Sie die Auskunft erhalten?" ,Man will mich ja gar nicht anhören!" „Geben Sie ihm drei Rubel, . ." flüsterte der Portier. ,^Zwei habe ich >'chm schon gegeben." „Dann geben Sie noch." Woldiwer ivandte sich znin Tische und ilegte auf das offene Buch einen grünen Schein hin. Jetzt zog der Beamte neuerdings das.Büch <m sich heran, begann es durchzublättern, dann richtete er plötzlich und nnwillkürlich seinen Blick auf Woldiwer. Er errötet und verzog das Gesicht zu einem Lächeln. tßü) . . . Sie wünschen?" fragte er. „Ich möchte Auskunft haben in meiner Angelegenheit . . . Ich bin Woldiwer." Sehr angenehm! In der Gugulinaschen Sache? Bitte sehr . . . Was eigentlich möchten Sie wissen?" Woldiwer trug ihm sein Anliegen vor. Der Beamte lebte mit einem Male auf, als ob. er vom Wirbelwind erfaßt workn wäre. Er erteilte die Auskunft, ordnete an, daß die Abschrift sofort gemacht werde, bot dem Bittsteller .sogar einen Stuhl an, und das alles geschah i>m Handumdrehen. Er unterlhielt sich sogar über das Wetter und erkundigte sich nach dem Stand der Ernte . . . Alsj Woldiiver sich entfernte, begleitete er ihn die Stiege hinalb, zuvorkommend und ehrerbietig lächelnd, als ob er jeden Augenblick bereit ltwe, in die Knie zu fallen. Woldiwer wurde verlegen, und einer inneren Erregung folgend, zog er aus der Tasche einen Rnbelschein nnd gab ihn dem Beamten. Dieser verneigte sich, schmunzelte andauernd, nahm den Rnbelschein geschickt an sich, so daß nran es kaum bemerken konnte ... „Das sind Leute!" dachte der Gntspächter, auf die Straße tretend, und trocknete sich die Stirn mit seinem Taschsntuche ab.

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