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Wiener Morgenzeitung · 1925-05-04 · Heft 2228 (4.5.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2228 (4.5.1925)
Date
1925-05-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Cfefte S Wien, Montag Mener WwtmtUmfi. Sie Fragen Des 14. Awnistenkongresses. In dieser Rubrik veröffentlichen wir Erörterungen 'der Probleme des kommenden Kon. gresscs. Es versteht sich von selbst, Latz die Redaktion die Verantwortung Kr den sochlichcn Inhalt dieser Artikel den Verfassern WeÄatzt. 3n de» Verhandlungen mit der Asuda-Srihodoxie. Von Robert Stricker. In wenigen Tagen beginnt in London die Aussprache zwischen den Führern der Zionistischen Organisation imb den Vertretern der „Aguda", der Körperschaft, welche als Repräsentant der antizionistisch orientierten^ buchstabengläubigen Orthodoxie anzusehen ist. Es soll bei dieser Aussprache festgestellt werden, unter welchen Bedingungen eine Zusammenarbeit beim Aufbau Palästinas erfolgen könnte. Aus bitterer Erfahrung heraus erachte ich es für notwendig, dafür einzutrelen, daß diese Verhandlungen unter der Kontrolle der Oeffentlichkeit stattfinden sollen und den Teilnehmern an dieser Konferenz zunl Bewußtsein gebracht werde, daß es sich hier unl Grundsätzliches handelt, nicht um taktische Maßnahmen, deren Zulässigkeit durch die Autorität der Unterhändler genügend erwiesen erscheint. Ich will der Begründung meiner Forderung eine Bemerkung vorausschicken. Ich achte die Bestrebungen, absoluten Frieden im Judentume zu schaffen und alle Juden, ausnahmslos, in der Arbeit am Aufbau Palästinas zu vereinigen, ich achte diese Bestrebungen, wenn ich sie auch für vergeblich ansehe. Ich betrachte sie aber als schädlich und bekämpfenswert, wenn Ne von der Tendenz beherrscht werden, Einigkeit sofort und um jeden Preis zu erzielen, wenn um des Augenblicks willen die Zukunft preisgegeben wird, wenn um des Augenblicks willen grundsätzliche Ueberzeugungen vergewaltigt werden. # In der jüngsten Geschichte der zionistischen Bewegung rst ein Fall zu verzeichnen, welcher die Sucht, unter Preisgabe der Zukunft und Mißachtung von Ueberzeugungen dem Augenblickserfolg nachzujagen, kraß in die Erscheinung treten sieß. Er hat sich anläßlich der Gründung der hebräischen Universität ereignet. In der abschließenden Londoner Sitzung des Universitätskomitees ließ Baron Cdmonde Rothschild durch seinen Vertreter, den Oberrabbiner von Paris, den Antrag stellen, di e wissenschaftliche Erforschung undKritik der sachlichen Gr und lagen der Bibel an der Universität nicht zuzulassen. Welche Stimmungen und. wessen Einflüsterungen den fast achtzigjährigen Mann zu dieser Stellungnahme gegen die freie Forschung bewogen haben, ist schwer sestzustellen und übrigens wenig interessant. Was aber hatte die anderen vierzehn Mitglieder des Universitätsausschusses, von denen auch nicht einer buchstabengläubig-orthodox ist, veranlaßt, diesem ungeheuerlichen Ansinnen zu willfahren? Nebenbei sei bemerkt, daß die'materielle Unterstützung, welche Rothschild der Universität zuteil werden läßt, keineswegs ausschlaggebend ist. Das Gegenteil könnte natürlich auch nicht als Rechffertigung angesehen werden. Mas hat. diese Männer veranlaßt, ihrer eigerlen Ueberzeugung zuwider zu handeln und das erste wissenschaftliche Institut des befreiten jüdischen Volkes unter eine entwürdigende, die freie Auswirkung der wissen- ' schaftlichen Erkenntnis hemmende Zensur zu stellen und mit dem Makel der Furcht vor den Ergebnissen der Forschungen des frei waltenden Menschengeistes zu beladen? Lediglich die Sucht, Einigkeit um jeden Preis oder zumindest den Schein einer Einigkeit zu erzeugen. Die zionistischen Wortführer erklärten, daß man jetzt, vor der Eröffnung der Universität und vor der Erweiterung der Jewish Agency einen Konflikt mit einer so prominenten und für Palästina so viel bedeutenden Persönlichkeit, wie dem Pariser Rothschild, nicht riskieren könne. DaS Bild absoluter Harmonie aller jüdischen Faktoren in der Frage des Palästinaaufbaues würde durch einen solchen Konflikt entstellt. * Was wäre eingetreten, wenn dem Ansinnen Rothschilds nicht entsprochen worden wäre? Er hätte vielleicht seine Stelle im Universitätsausschuß niedergelegt und sein Vertreter wäre der Eröffnungsfeier ferngeblieben. Mit Rücksicht auf die innige Verbundenheit Rothschilds mit Palästina gewiß ein ehrlich und herzlich zu bedauernder Zwischenfall. Aber keine Katasttophe. Die Universität wäre doch eröffnet worden, im Aufbau Palästinas wäre darum kein Stillstand eingetreten. Was ist andererseits an günstigen Ersätzen des beschämenden Beschlusses zu verzeichnen? Praktisch wurde nichts erreicht, für die Buchstaben-Orthodoxie ist und bleibt die Universität in Jerusalem, ob mit oder ohne Bibelforschung, ein Werk der Verruchten, eine Ketzerbude. Am Tage der Universitätseröffnung jammerte und fluchte es in allen ihren Bethäusern, und in Wien, am Sitze der Agudaleitung, wurde ein Fasttag angeordnet, wie am Tage der Zerstörung Jerusalems. An dieser Mauer ist der unselige Diplomatenstreich wirkungslos abgeglitten. Dafür hat er in unser Gesicht ein Zeichen eingehauen, das uns das Haupt beugt. Es lreibt das Blut in die Wangen, wenn man am Eröffnungstage in der „Times" liest: „Nach dem Plane ihrer Gründer soll die Universität ein kultureller Mittelpunkt für die Juden sein, einen Geist bilden und verbrenn, derspezifischjüdischund hebräisch ist ünd damit der Welt etwas Neues unv Eigenes geben. Aber Aergernis erregt die Bestimmung der Stifter, wonach die sachlichen Grundlagen der Bibel von der wissenschaftlichen Prüfung ausgeschlossen werden! Darin erblicken viele die Gefahr, daß die Universität den engherzigen Ueberlieferungen einer jüdischen Orthodoxie anheim fällt, die zu der freien wissenschaftlichen Forschung in ebenso schroffem Widerspruch steht, wie nur irgend ein KlerikaliSmuS einer christlichen Kirche." Blutiger Hohn! Das uns, an unserem Ehrentage! Dafür ist die bizarre Laune eines alten Mannes befriedigt. dafür hat unsere Diplomatie die frisch gestrichene Neklametafel für die „absolute Einigkeit aller Juden" fleckenlos erhalten. Die „Times" gehört wahrlich nicht zu den Fanatikern der Geislesfreiheit. Wie wird es erst aus denr Lager der modernen Menschheit, der Lehrer und Schüler, tönen? Die Schranken, welche der Lern- und Lehrfreiheit gesetzt wurden, müssen fallen. Ihre Beseitigung wird sicherlich einen Kampf entfesseln, der dem jüdischen Volke und dein jungen palästinensischen Gemeinwesen hätte erspart werden sollen. Aber fallen müssen die Schranken, denn sie beengen nicht nur das geistige Leben in Palästina und bedrohen nicht nur den Bestand der hebräischen Universit 't als vollwertiges wissenschaftliches Institut. Sie erweisen sich als eine eminente Gefahr für die um. die geistige Gleichberechtigung ringenden Juden in der Draspora. Schutz der völkischen und religiösen Tradition an unseren Hochschulen! So lautet die Losung der europäischen und amerikanischen Reaktion, welche die Zulassung der Juden als Lehrer und Schüler zu den höheren Bildungsanstalten bekämpft. Lehr- und Lernfreiheit für alles und alle fordern die gegen die Reaktion ankämpfenden Juden. Das Lehr- und Lernverbot an der hebräischen Universität macht ihren Kampf sinnlos und gibt sie der Macht der antisemitischen Reaktion Preis. Was sollen sie erwidern, wenn man ihnen höhnend entgegen ruft: „An unseren Hochschulen, wollet .ihr die Lern- und, Lehrfreiheit durchsetzen? Wie ist es damit an E u r e r Hochschule bestellt? * Diese Erfahrung in der Universitätsfrage läßt es begreiflich erscheinen, daß die Verhandlungen mit der antizionistischen Aguda große Besorgnis auslösen. tionismutz ist mit Glauhenstreue vereinbar. Die ruppe der glaubenstreuen, Zwnisten, die Misrachi- Organisation, liefert den Beweis «dafür. Was aber die Aguda bisher vertrat, ist starrer, fanatischer Buchstabenglaube. Für diesen bedeutet der. Zionismus, der Wiederaufbau des jüdischen Palästina, einen unversöhnlichen Gegensatz zum Dogma, frevelhaften Eingriff in das Walten der göttlichen Vorsehung. Darum haben die Agudisten nichts unversucht gelassen, uin die Verwirklichung des Zionismus zu verhindern. Sie haben sich zu diesem Zwecke, von ihrem Standpunkt durchaus begreiflich, mit Papst und Arabern, mit Tod und Teufel zu verbinden gesucht. Wenn sich heute die Agudisten mit.den Zionisten an den Verhandlungstisch setzen, scheint reiflichste Ueberlegung gut angebracht. Es ist ihnen nicht gelungen, das Werden des nationales Lebens im Judenlande 51t ersticken. Es darf ihnen nicht Gelegenheit geboten werden, diesem Leben, das stärker ist als sie, mit zionistischer Hilfe Fesseln anzulegen und den Keim für Kulturkämpfe hinüber zu tragen. Die Sucht nach Einigkeit um jeden Preis ist Bet diesen Verhandlungen weniger am Platze, gefährlicher als irgendwo. Die Sünde wider den Geist — Nicht anders kann ich das Kompromiß in der Universitätssrage bezeichnen — darf bei diesem Anlässe keine Wiederholung erfahren. Die einzige und beste Gewähr dafür scheint gegeben, tvenn die Verhandlungen mit der Aguda öffentlich geführt werden. Die zionistische Oeffentlichkeit, vor allem aber der Zionistenkongreß, darf nicht vor vollendete Tatsachen, vor besiegelten Pakt gestellt werden. Auf diesem Gebiete weniger als aus irgend einem anderen, denn nur der freie jüdische Geist konnte das neue Palästina schaffen und nur in seinem Zeichen kann es gedeihen. _ Sie politischen Ausgaben der Sioniften Reviiioniken. Don Vladimir Jabotinßky. k. Die erste der politischen Aufgaben der Revisionisten muß es sein, Klarheit und Ehrlichkeit in den politischen Inhalt deS Zionismus zu bringen, d. h. mit dem nebelhaften Ausdruck „Nationales Heim" ein Ende zu machen. Ziel de- Zionismus ist der Aufbau eineSjüdischen Staatswesens. Vorerst mutz eine jüdische Majorität in Palästina geschaffen werden. Dann kommt die Einrichtung einer staatlichen Selbstverwaltung. Dies ist der einzige Inhalt der subjektiven Bestrebungen jedes Zionisten unv der objektiven Tendenzen des Zionismus. Noch mehr: Das ist der einzig logische Sinn, den man dem Ausdruck „Nationales Heim^ geben kann. Dieser Begriff war bis zm»n Jahre 1917 in keinem Wöri. Mai IMS Nr. 8388 terbuch des Völkerrechtes zu finden. „Home" in der Dalfour-Deklaration ist einfach als Uebersetzung deS deutschen Wortes Heimstätte im Baseler Programm übernommen worden. In daS Baseler Programm ist es' aber als einfacher Euphemismus ausgenommen worden, als eine abgeschwächte, für den Sultan weniger verletzende Wiedergabe des Wortes „Judenstaat". Die Protokolle des ersten Kongresses sprechen davon mit einer Klarheit, die keine Mißdeutungen zuläßt. Deshalb ist auch Home, die Uebersetzung von Heimstätte, ein euphemistisches Synonym für Judenstaat. Als solches muß es auch historisch gewertet werden. So hat es im Jahre 1917 die ganze Welt aufgefaßt, sowohl die jüdische als auch die nichtjüdische. So und nicht anders hat es im Jahre 1917 selbst die britische Regierung aufgefaßt. So faßt eS auch daS Mandat auf. Im Vorwort zu diesem Dokument wird von der „Wiederherstellung" deS jüdischen NationalheimS in Palästina gesprochen. „Miederherstellen" kaim man nur das, was jemals existierte. Die Form, in welcher eine freie jüdische Gemein-' , schaft in Palästina jemals existierte, ist der Judenstaat. Und es ist höchste Zeit, dies alles klar und laut auszusvrechen. H. Wozu davon reden? Warum nicht bis zu einer gewissen Zeit schweigen? Wir verstehen die diplomatischen Vorteile des Schweigens über die endgültigen Ziele sehr gut, und diejenigen, welche es uns „erklären" wollen, vergeuden ganz umsonst ihre Rednerkunst. Wir selbst hätten uns aufrichtig gefreut, wenn die Zustände derart wären, daß man, ohne dabei etwas zu riskieren, alle Gespräche über die endgültigen Ziele ausgeben und sich gänzlich der lautlosen Arbeit hingeben könnte. Leider aber haben sich die Dinge anders gestaltet. An einem „Gespräch" nehmen naturgemäß mindestens zwei Partner teil. Deshalb kann man dieses Gespräch nur mit der Zustimmung beider Partner abbrechen. ES genügt nicht, daß wir schweigen, es ist vielmehr notwendig, daß auch der andere Partner mit dem Schweigen einverstanden ist, aber der andere Partner ist nicht einverstanden. Die Araber wollen nicht schweigen. Es ist schon drei Jahre her, daß durch das „Weißbuch" ihnen verkündet wurde, daß der Zionismus keine staatsbildenden Absichten hegt, und daß man die Zionisten zwang, dieses Dokument zu unterschreiben. Dies hat aber nichts geholfen. Die Araber behaupten wie früher, und mag unsere ihre Ausführungen begleitende Phraseologie noch so „taktisch" lauten, der Zionismus führe unbedingt dazu, daß Palästina in ein Land mit einer' jüdischen Majorität umgewandelt werde. An dieser Behauptung kann man nicht mit Schweigen Vorbeigehen.' Man muß sie entweder zurückweisen, d. h. von vorn- . herein lügen, oder man muß die Zustimmung zur Begrenzung der Immigration geben (nicht nur jetzt, son-' dern auch für die Zukunft, um die Schaffung dev judi- - schen Mehrheit für immer zu verhindern), sine Maß-' regel, zu der sogar unsere Offiziellen ihre Zustimmung nicht geben werden. Oder man muß die Wahrheit sagen und für sie eintreten. Noch wichtiger ist aber der dritte Partner: die öffentliche Meinung Englands. Cr sucht natürlich den Weg des geringsten Widerstandes und greift dafiir nrit einer besonderen Lust nach den verschiedenen Theorien des minimalistischen Mimaturzionismus. Jetzt ist bei ihm, wegen der „Universität", die „Kultur" in Mode gekommen. Baut Schulen, überhaupt entwickelt und verschönert das Land, fördert dort eure Gemeinschaft und Sprache. Aber seid dessen bewußt, daß die Majorität und die Herrschaft in Palästina für immer in den Händen der Araber verkörpert bleiben muß. Am auffallendsten hat es dieser Tage Herr Garwin im „Observer" ausgesprochen. Herr Garwin ist ein einflußreicher Publizist, der „Observer" eine sehr einflußreiche Zeitung. Dort kann man folgendes lesen: Nie darf die Schaffung einer jüdischen Mehrheit in Palästina zugelaflen werden. Die Herrschaft muß den Arabern bleiben. Nur wenn diese Bedingungen angenommen und garantiert werden, wird in Palästina Friede herrschen. Wenn nicht, dann werden die Araber einen neuen Mahdi finden, werden revoltieren und die Juden hinschlachten. Herr Garwin hat in diesem Aussatze die Stimmung jener Engländer ausgedrückt, welche weder vom Schwur BalfourS abweichen noch in Palästina irgendwelche Spannungen Hervorrufen wollen, b. h. die Stimmung der überwiegenden Mehrheit der anständigen Engländer. Darauf müssen wir antworten, entweder mit einer Zustimmung (Schweigen ist Zustimmung) oder mit einer Zurückweisung. Ich unterstreichen Wir müssen antworten. Die Stirnmung Garwins ist nicht bloß Ausfluß einer Theorie. Dieser Stimmung müssen unbedingt Handlungen entspringen. Es ist nicht nur die Rede von der Begrenzung der Einwanderung: die praktischen Folgen des „GarwiniSmuS" gehen viel weiter. Wenn Palästina für immer ein Land mit arabischer Majorität bleiben muß» warum soll man ihm dann nicht schon jetzt ein Parlarnent geben. Haupteinwand gegen diese Reform war bis« her die Befürchtung, daß die Araber die gesetzgebende Macht als Sabotage gegen die jüdische Einwanderung ausnützen werden. Wird man aber prinzipiell anerkennen, daß die Schaffung einer jüdischen Mehrheit unzulässig sei, und sott der werdende Judenstaat dieses Prinzip unterschreit den, laut oder im Men, so sinkt wirklich das quanntative Anwachsen der Immigration zu einem untergeordneten Problem herab, dessentwegen es ungerecht wäre« , die Demokratisierung deS Landes auszuhalten.

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